1. Was ADHS bei Erwachsenen ist
ADHS steht für Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung. Der Name klingt nach Kinderzimmer. Dabei ist ADHS für viele Menschen ein Teil ihres ganzen Lebens. Laut S3-Leitlinie haben etwa 50 bis 80 % der Kinder mit ADHS als Erwachsene noch Symptome. Ungefähr ein Drittel erfüllt dann weiter alle Kriterien.
Wichtig für dich als Erwachsene:r: Nach den Kriterien fängt eine ADHS nicht erst mit 30 oder 45 an. Die ICD-10-GM, nach der in Deutschland verschlüsselt wird, beschreibt einen frühen Beginn, meist in den ersten fünf Lebensjahren. Neu ist im Erwachsenenalter meist nur die Diagnose. Die Forschenden des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung schreiben, dass es sich bei Erstdiagnosen im Erwachsenenalter oft um verspätete Diagnosen handelt. Echte Neuerkrankungen nennen sie sehr selten.
Die zwei Codes im Befund
In deinem Befund steht später meist einer von zwei Codes. F90.0 heißt „Einfache Aktivitäts- und Aufmerksamkeitsstörung“, das ist ADHS mit Hyperaktivität. F98.80 heißt „Aufmerksamkeitsstörung ohne Hyperaktivität“. Das ist das, was viele ADS nennen. Den Code F98.80 gibt es erst seit 2019. Welche Kriterien hinter den Codes stehen, erklärt unser Ratgeber zu den ADHS-Symptomen bei Kindern und Erwachsenen. Wie sich die stille Form anfühlt, steht beim unaufmerksamen Typ.
Kein Charakterfehler
Manche Erwachsene mit ADHS haben jahrelang gehört, sie seien faul, chaotisch oder zu empfindlich. ADHS erklärt solche Erfahrungen anders. Die Ursachen sind laut Leitlinie noch nicht ganz geklärt. Fest steht, dass mehrere Faktoren zusammenwirken, vor allem die Gene und Einflüsse vor, während und kurz nach der Geburt. Was genau im Gehirn anders läuft, beschreibt Was ist ADHS?. Wir sehen ADHS als eine Form von Neurodivergenz: ein anderes Gehirn, das in manchen Umgebungen viel Unterstützung braucht und in anderen gut zurechtkommt.
2. Wie sich ADHS im Erwachsenenleben zeigt
Als Erwachsene:r fehlt oft die Struktur, die früher Schule und Eltern vorgegeben haben. ADHS zeigt sich dann dort, wo du dich selbst organisieren musst: im Job, im Haushalt, bei Rechnungen und Fristen. Die Kernbereiche bleiben dieselben: Aufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität. Nur ihr Gesicht ändert sich.
| Bereich | Wie es aussehen kann |
|---|---|
| Arbeit | Gute Ideen, aber Berichte und Abrechnungen bleiben liegen. Bei langen Besprechungen schweifen die Gedanken ab. Aufgaben, die viel Ausdauer verlangen, schiebst du vor dir her. |
| Papierkram und Geld | Briefe vom Amt bleiben ungeöffnet. Mahngebühren entstehen nicht aus Geldmangel, sondern weil die Überweisung vergessen wurde. Entscheidungen fallen schnell, manchmal zu schnell, etwa beim Einkaufen. |
| Zeit | Du unterschätzt, wie lange Dinge dauern, und kommst regelmäßig knapp oder zu spät. Termine verschwinden aus dem Kopf, wenn sie nicht sofort im Kalender stehen. |
| Unruhe | Statt herumzulaufen wippst du mit dem Fuß, brauchst Nebengeräusche oder hältst Wartezimmer kaum aus. Die Leitlinie beschreibt, dass aus der sichtbaren Unruhe ab dem Jugendalter oft eine innere Unruhe wird. |
| Gefühle | Ärger, Kränkung oder Begeisterung kommen schnell und stark. Laut Leitlinie sind solche Symptome der emotionalen Dysregulation bei Erwachsenen häufig. Ein Diagnosekriterium sind sie nicht. |
| Beziehungen | Du unterbrichst andere, ohne es zu wollen, oder vergisst Zusagen. Das führt zu Streit, obwohl dir die Menschen wichtig sind. |
Solche Beispiele kennen viele Menschen ohne ADHS auch. Für eine Diagnose zählt nicht ein einzelner schlechter Monat. Es zählt, ob sich das Muster seit der Kindheit durchzieht, in mehreren Bereichen auftaucht und dein Leben spürbar erschwert. Viele weitere Beispiele, sortiert nach Lebensbereich, sammelt unser Ratgeber ADHS-Anzeichen bei Erwachsenen. Wie ADHS bei Frauen und bei Männern oft unterschiedlich auffällt, liest du unter ADHS bei Frauen und ADHS bei Männern.
Manche Erwachsene mit ADHS erleben auch Seiten an sich, die sie schätzen, etwa Neugier oder die Fähigkeit, tief in ein spannendes Thema einzutauchen. Gut erforscht ist das bisher kaum. Wir erwähnen es trotzdem, weil ADHS mehr ist als eine Liste von Defiziten.
3. Wie viele Erwachsene ADHS haben
Wie häufig ADHS im Erwachsenenalter ist, hängt stark davon ab, wie man zählt. Drei Quellen sind für Deutschland wichtig:
- Schätzung aus Studien: Die S3-Leitlinie nennt für Erwachsene eine Häufigkeit von 2,5 %. Die Zahl stammt aus einer Metaanalyse von sechs Studien nach den älteren DSM-IV-Kriterien.
- Diagnosen in Abrechnungsdaten: In einer Auswertung von Kassendaten hatten 2023 nur 0,6 % der Erwachsenen eine ADHS-Diagnose (Betzler u. a. 2026). Gezählt wurde nur der Code F90.0, die Form ohne Hyperaktivität fehlt also. Finanziert hat die Studie Takeda, ein Hersteller von ADHS-Medikamenten.
- Neue Diagnosen: Das Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung zählte 2015 bei 8,6 von 10.000 gesetzlich versicherten Erwachsenen eine neue ADHS-Diagnose, 2024 bei 25,7. Das ist ein Plus von 199 %. Am stärksten war der Anstieg bei jungen Frauen. 2015 bekamen Männer noch etwa 1,7-mal so oft eine neue Diagnose wie Frauen, 2024 kaum noch öfter.
Der Abstand zwischen 2,5 % und 0,6 % lässt vermuten, dass viele Erwachsene mit ADHS keine Diagnose haben. Direkt vergleichen lassen sich die Zahlen aber nicht. Die eine beruht auf Befragungen nach alten Kriterien, die andere auf dem, was Praxen abrechnen. Auch über den starken Anstieg wird diskutiert. Die Forschenden nennen als mögliche Gründe: ADHS ist in der Öffentlichkeit bekannter geworden, seit 2019 gibt es den Code F98.80, und die Corona-Pandemie hat die psychische Gesundheit belastet. Mit ihren Daten beweisen lässt sich keiner davon. Mehr Hintergrund zu den Zahlen steht in Was ist ADHS?.
4. Was ähnlich aussieht und was oft dazukommt
Konzentrationsprobleme, Vergesslichkeit und Unruhe haben viele mögliche Gründe. Deshalb gehört zur Abklärung immer die Frage: Ist es ADHS, etwas anderes oder beides? Die S3-Leitlinie listet Störungen auf, die Fachleute abgrenzen sollen. Für Erwachsene sind vor allem diese wichtig:
- Depressionen, bei denen die Konzentration leidet
- Angststörungen und bipolare Störungen
- Schlafstörungen, auch Schlafapnoe, die Müdigkeit und Unaufmerksamkeit machen
- Posttraumatische Belastungsstörung mit ständiger Anspannung
- Probleme mit Alkohol, Cannabis oder anderen Substanzen
- Persönlichkeitsstörungen und psychotische Störungen
- körperliche Gründe wie Schilddrüsenstörungen, Anfallsleiden, Hör- oder Sehprobleme
- Autismus
Oft ist es kein Entweder-oder. Laut Leitlinie treten bei ADHS besonders häufig weitere Störungen auf, etwa Angststörungen, Depressionen, Autismus und ab dem Jugendalter Sucht- und Persönlichkeitsstörungen. Die Leitlinie sagt klar: Diese sollen eigens abgeklärt und nach ihren eigenen Leitlinien behandelt werden. Wird die ADHS gut behandelt, soll man danach gemeinsam prüfen, was noch bleibt.
Für Depressionen heißt das: Sie brauchen ihre eigene Behandlung, parallel zur ADHS. Mehr dazu in ADHS und Depression und ADHS und Angst. Wenn du gerade an Suizid denkst, sprich bitte sofort mit jemandem: Die TelefonSeelsorge erreichst du kostenlos und rund um die Uhr unter 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222. Im Notfall wähle 112.
Autismus und ADHS kommen häufig zusammen vor. Je nach Metaanalyse haben etwa 28 % (Lai u. a. 2019) bis 40 % (Rong u. a. 2021) der autistischen Menschen auch ADHS. Wenn dir beides vertraut vorkommt, lies AuDHD und Autismus vs. ADHS.
5. Die Diagnose: wer sie stellt und wie sie abläuft
Wer die Diagnose stellen soll
Laut S3-Leitlinie sollte die Abklärung bei Erwachsenen in einer dieser Fachrichtungen liegen: Psychiatrie und Psychotherapie, Neurologie, psychosomatische Medizin oder Psychotherapie, egal ob ärztlich oder psychologisch. Kommt die Diagnose aus einer psychologischen Psychotherapiepraxis, übernimmt eine Ärztin oder ein Arzt den körperlichen Teil der Untersuchung. Die Hausarztpraxis steht nicht auf dieser Liste.
Was in der Abklärung passiert
Das Herzstück ist ein ausführliches, strukturiertes Gespräch. Laut Leitlinie geht es darin um:
- deine heutigen Schwierigkeiten, wie oft und wie stark sie auftreten, und zwar in verschiedenen Lebensbereichen
- was sie für Arbeit, Beziehungen und Alltag bedeuten
- wann es angefangen hat und wie es sich entwickelt hat
- andere psychische oder körperliche Beschwerden
- deine Lebensumstände, auch am Arbeitsplatz
- ADHS bei Eltern, Geschwistern oder eigenen Kindern
Dazu kommen eine körperliche und eine neurologische Untersuchung. Bei Erwachsenen stützt sich das Urteil vor allem auf das Gespräch. Wenn es geht, sollen die Angaben mit denen naher Menschen abgeglichen werden, etwa Partner:in oder Eltern. Fragebögen sind hilfreich. Die Diagnose soll aber nicht allein auf Fragebögen oder psychologischen Tests beruhen. Laborwerte braucht es nicht routinemäßig, wohl aber vor einer geplanten Behandlung mit Medikamenten oder wenn eine körperliche Ursache geprüft werden soll.
Welche Fragebögen eingesetzt werden
Die S3-Leitlinie enthält eine Liste deutschsprachiger, geprüfter Verfahren für Erwachsene (Stand 2015). Dazu gehören zum Beispiel die Homburger ADHS-Skalen für Erwachsene (HASE) mit der WURS-k, dem ADHS-SB und der ADHS-DC, außerdem die CAARS, das Interview IDA und der KATE. Welche Bögen eine Praxis nutzt, entscheidet sie selbst.
Warum es so sehr um deine Kindheit geht
Ohne Hinweise aus der Kindheit ist eine ADHS-Diagnose schwer. Das hat medizinische und praktische Gründe. Medizinisch, weil ADHS nach den Kriterien früh beginnt. Praktisch, weil die Regeln für Medikamente das verlangen. Die Arzneimittel-Richtlinie des Gemeinsamen Bundesausschusses erlaubt Stimulanzien auf Kassenrezept bei Erwachsenen nur, wenn die ADHS schon im Kindesalter vorlag. Für den Rückblick schreibt sie ein bestimmtes validiertes Instrument vor: die Kurzform der Wender-Utah-Rating-Scale (WURS-k). Auch die Fachinformation von Elvanse verlangt, dass ADHS-Symptome in der Kindheit nachträglich bestätigt werden, etwa über alte Behandlungsunterlagen oder strukturierte Befragungen.
So kannst du dich vorbereiten:
- Such alte Zeugnisse heraus. Bemerkungen zum Verhalten können mehr sagen als die Noten.
- Frag Eltern, Geschwister oder andere, die dich als Kind kannten, was ihnen auffiel.
- Schreib Beispiele aus deinem heutigen Alltag auf: Arbeit, Haushalt, Termine, Beziehungen.
- Notiere andere Beschwerden, Medikamente und frühere Behandlungen.
- Wenn jemand aus deiner Familie ADHS hat, sag es.
Und Online-Tests?
Ein Selbsttest kann dir helfen, deine Erfahrungen zu ordnen und das Gespräch vorzubereiten. Mehr nicht. Selbst gut untersuchte Fragebögen übersehen Fälle: Die Kurzform des ASRS der WHO erkannte in ihrer Prüfstudie knapp 69 % der Menschen, bei denen Fachleute ADHS festgestellt hatten. Unser ADHS-Selbsttest wurde nicht wissenschaftlich validiert und stellt keine Diagnose. Ein niedriger Wert schließt ADHS nicht aus, ein hoher Wert beweist sie nicht.
6. So kommst du in Deutschland an einen Termin
Für gesetzlich Versicherte gibt es mehrere Wege. Sie schließen sich nicht aus. Viele probieren mehrere parallel.
| Weg | Überweisung? | Was du wissen solltest |
|---|---|---|
| Selbst eine Kassenpraxis anrufen | nein | Du darfst unter den Kassenpraxen frei wählen (§ 76 SGB V). Frag am Telefon direkt, ob die Praxis ADHS-Diagnostik bei Erwachsenen anbietet. |
| Terminservicestelle 116117 (Facharzt) | ja | Sie muss dir innerhalb einer Woche einen Termin anbieten. Die Wartezeit darf dann höchstens vier Wochen betragen. Die Praxis kann weiter weg liegen, die Entfernung muss aber zumutbar sein. |
| Psychotherapeutische Sprechstunde | nein | Ein erstes Gespräch zur Einschätzung. Hält die Praxis eine Behandlung für zeitnah nötig, bekommst du das Formular PTV 11 mit einem Vermittlungscode für die 116117. |
| Privat bezahlen | nein | Verlässliche Preisangaben haben wir nicht gefunden, deshalb nennen wir keine. Lass dir die Kosten vorher schriftlich geben. |
Die Hausarztpraxis ist trotzdem ein guter erster Kontakt. Sie kann körperliche Gründe wie eine Schilddrüsenstörung prüfen, dich überweisen. Laut Arzneimittel-Richtlinie darf sie in Ausnahmefällen auch Folgerezepte für Stimulanzien ausstellen, wenn eine Fachpraxis die Behandlung beaufsichtigt. Die Diagnose selbst stellt sie nach der Leitlinie nicht.
Wenn du privat versichert bist, gelten die Regeln deines Vertrags. Frag deine Versicherung vorher, welche Kosten sie übernimmt. Für Österreich und die Schweiz gelten andere Wege. Einen Überblick über Diagnosewege für Autismus, ADHS und AuDHD findest du im Diagnose-Ratgeber.
Vor dem Termin
Ordne deine Erfahrungen
Unser kostenloser Selbsttest hilft dir, Beispiele für das Gespräch zu sammeln. Er wurde nicht wissenschaftlich validiert und ersetzt keine Diagnose.
Selbsttest starten7. Behandlung bei Erwachsenen
Eine Diagnose verpflichtet dich zu nichts. Du entscheidest, ob und wie du behandelt werden möchtest. Die S3-Leitlinie beschreibt für Erwachsene mehrere Bausteine.
Psychoedukation: verstehen, was los ist
Psychoedukation soll laut Leitlinie allen Erwachsenen mit ADHS-Diagnose angeboten werden. Gemeint ist eine gründliche Aufklärung: Was ist ADHS, woher kommt sie, was erklärt sie in deinem Leben, und was hilft. Psychosoziale Hilfen sollen laut Leitlinie besonders Menschen angeboten werden, die ihre Diagnose erst als Erwachsene bekommen haben und sie noch verarbeiten. Wie es sich anfühlt, mit 30, 40 oder 50 die Diagnose zu bekommen, beschreibt unser Ratgeber zur späten ADHS-Diagnose.
Psychotherapie und Coaching
Wenn eine Psychotherapie sinnvoll ist, empfiehlt die Leitlinie die kognitive Verhaltenstherapie (KVT). Dort übst du praktische Strategien: Probleme Schritt für Schritt lösen, Ablenkung verringern, mit Stress umgehen. Außerdem geht es um belastende Überzeugungen über dich selbst, die sich über die Jahre angesammelt haben. Die Leitlinie nennt weitere Ansätze, etwa Fertigkeitentrainings, die auch die Gefühlsregulation stärken sollen, und achtsamkeitsbasierte Verfahren. Psychosoziale Hilfen sollten in der Gruppe oder einzeln angeboten werden.
Coaching nennt die Leitlinie als unterstützende Hilfe. Es soll dir helfen, deine Stärken zu nutzen und den Alltag zu bewältigen. Frag vorher nach Ausbildung, Erfahrung mit ADHS und Kosten.
Medikamente
Bei Erwachsenen sieht die Leitlinie Medikamente neben der Psychoedukation als eine Hauptoption, auch bei leichter und mittlerer Ausprägung, wenn du das möchtest. Die Regeln für das Kassenrezept und die Beipackzettel einiger Präparate sind etwas strenger: Dort heißt es, Medikamente kommen infrage, wenn andere Maßnahmen allein nicht ausgereicht haben. Wie das bei dir aussieht, klärst du mit der Fachpraxis.
Wichtig ist: Nicht jedes ADHS-Medikament ist für Erwachsene zugelassen. Es kommt auf das einzelne Präparat an, nicht nur auf den Wirkstoff.
| Präparat | Wirkstoff | Für Erwachsene zugelassen? |
|---|---|---|
| Ritalin Adult | Methylphenidat | ja, nur für Erwachsene |
| Medikinet adult | Methylphenidat | ja, ab 18 Jahren |
| Medikinet retard | Methylphenidat | ja, ab 6 Jahren und für Erwachsene |
| Concerta | Methylphenidat | ja, ab 6 Jahren und für Erwachsene |
| Medikinet (ohne „retard“) | Methylphenidat | nein, nur 6 bis 18 Jahre |
| Elvanse | Lisdexamfetamin | ja, wenn die ADHS-Symptome schon in der Kindheit bestanden |
| z. B. Atomoxetin PUREN | Atomoxetin | ja, ab 6 Jahren und für Erwachsene |
Methylphenidat und Lisdexamfetamin sind Betäubungsmittel nach Anlage III des Betäubungsmittelgesetzes. Für sie gelten besondere Rezeptregeln. Atomoxetin gehört nicht dazu. Stimulanzien auf Kassenrezept dürfen bei Erwachsenen laut Arzneimittel-Richtlinie nur Fachärzt:innen für Psychiatrie, Neurologie, Nervenheilkunde oder psychosomatische Medizin sowie ärztliche Psychotherapeut:innen verordnen. Wie die Mittel wirken, welche Nebenwirkungen vorkommen und was sie kosten, steht in unserem Überblick zu ADHS-Medikamenten. Dosierungen nennen wir bewusst nicht. Die legt deine Praxis fest.
Die Lücke in der Versorgung
Wie viele Erwachsene mit Diagnose tatsächlich behandelt werden, zeigen die Kassendaten von Betzler u. a.: 2023 waren 44,4 % ohne jede Behandlung. Bei 38 % gab es ausschließlich Medikamente, bei 7,6 % ausschließlich Psychotherapie, und 10 % erhielten beides kombiniert. Die Autor:innen bewerten die Behandlungsraten als noch niedrig, vor allem bei Psychotherapie. Warum so viele ohne Behandlung bleiben, zeigen die Daten nicht. Auch hier gilt: Gezählt wurden nur Diagnosen mit dem Code F90.0.
8. Arbeit, Alltag und Austausch
Im Job
Ob es dir nützt, die Diagnose im Job anzusprechen, hängt stark vom Umfeld ab. Praktische Ideen für den Arbeitsalltag findest du unter ADHS im Beruf. Welche Rechte du in Ausbildung, Studium und Prüfungen hast, erklärt ADHS und Nachteilsausgleich. Ob ADHS als Behinderung zählt und wann ein Grad der Behinderung infrage kommt, steht in Ist ADHS eine Behinderung?.
Autofahren und Alkohol
Fahren unter einem verschriebenen Medikament ist nach § 24a Straßenverkehrsgesetz kein Verstoß, wenn du es bestimmungsgemäß nimmst. Die Packungsbeilage von Ritalin Adult warnt aber: Wenn dir schwindelig ist, du dich schläfrig fühlst oder verschwommen siehst, kann Autofahren gefährlich sein. Sie rät außerdem, während der Behandlung keinen Alkohol zu trinken. Mehr dazu in ADHS-Medikamente und Alkohol.
Austausch mit anderen
Manchen hilft es, mit anderen zu sprechen, die Ähnliches erleben. Der Verein ADHS Deutschland e. V. vermittelt Selbsthilfegruppen vor Ort und online und hat ein eigenes Angebot für junge Menschen. Auch die Leitlinie sieht Gruppenangebote als eine Form der Behandlung vor.
9. Häufige Fragen
Was ist typisch für ADHS bei Erwachsenen?
Typisch ist, dass dieselben Schwierigkeiten seit der Kindheit auftauchen und in mehreren Lebensbereichen stören: Konzentration bei Dingen, die dich nicht packen, Ordnung und Termine, Warten und Abwarten. Die Unruhe der Kindheit wird bei vielen Erwachsenen zu innerer Unruhe. Starke Gefühle sind häufig, gehören aber nicht zu den Kriterien. Eine einzelne Eigenschaft sagt wenig. Entscheidend ist das Muster über Jahre.
Kann ADHS erst im Erwachsenenalter entstehen?
Die Diagnosekriterien verlangen einen Beginn in der Kindheit. Was im Erwachsenenalter neu ist, ist meist die Diagnose, nicht die ADHS. Eine Auswertung deutscher Kassendaten geht davon aus, dass die meisten Erstdiagnosen bei Erwachsenen nachgeholte Diagnosen sind. Echte Neuerkrankungen gelten dort als sehr selten. Tauchen Konzentrationsprobleme erst spät auf, sollten andere Ursachen wie Depression, Schlafstörungen oder Schilddrüsenprobleme gründlich geprüft werden.
Was ist der Unterschied zwischen ADS und ADHS bei Erwachsenen?
ADS ist der Alltagsname für ADHS ohne deutliche Hyperaktivität. In Deutschland hat diese Form einen eigenen Code: F98.80 „Aufmerksamkeitsstörung ohne Hyperaktivität“. ADHS mit Hyperaktivität läuft unter F90.0. Bei Erwachsenen ist der Unterschied oft kleiner als bei Kindern, weil sichtbare Unruhe häufig zu innerer Unruhe wird. Mehr dazu im Ratgeber zum unaufmerksamen Typ.
Wie testet man ADHS bei Erwachsenen?
Einen Bluttest oder Scan für ADHS gibt es nicht. Die Diagnose beruht vor allem auf einem ausführlichen Gespräch über heute und über deine Kindheit, dazu Fragebögen und eine körperliche Untersuchung. Fragebögen allein reichen laut S3-Leitlinie nicht. Online-Tests helfen beim Sortieren, ersetzen die Abklärung aber nicht. Das gilt auch für unseren Selbsttest: Er wurde nicht wissenschaftlich geprüft.
Welcher Arzt diagnostiziert ADHS bei Erwachsenen?
Laut S3-Leitlinie eine Praxis für Psychiatrie und Psychotherapie, Neurologie oder psychosomatische Medizin oder eine ärztliche oder psychologische Psychotherapeutin. Bei einer psychologischen Psychotherapeutin kommt die körperliche Untersuchung von einem Arzt oder einer Ärztin dazu. Die Hausarztpraxis gehört laut Leitlinie nicht zu den Stellen, die diagnostizieren. Sie kann dich aber überweisen.
Brauche ich für die ADHS-Abklärung eine Überweisung?
Nicht unbedingt. Mit gesetzlicher Krankenversicherung darfst du dir eine Kassenpraxis selbst aussuchen. Eine Überweisung brauchst du, wenn die Terminservicestelle 116117 dir einen Facharzttermin vermitteln soll. Für die psychotherapeutische Sprechstunde brauchst du keine Überweisung.
Wie wird ADHS bei Erwachsenen behandelt?
Die S3-Leitlinie sieht für alle Erwachsenen mit Diagnose Psychoedukation vor, also gründliche Aufklärung über die eigene ADHS. Dazu kommen je nach Bedarf Medikamente und Psychotherapie, vor allem kognitive Verhaltenstherapie, in der Gruppe oder einzeln. Coaching nennt die Leitlinie als unterstützende Hilfe. Medikamente sind bei Erwachsenen eine Hauptoption, wenn du das möchtest.
Ist ADHS bei Erwachsenen heilbar?
ADHS ist keine Krankheit, die man wie eine Infektion ausheilt. Sie ist eine Besonderheit der Entwicklung, die bei vielen ein Leben lang bleibt. Bei einem Teil der Menschen werden die Symptome mit dem Alter schwächer. Behandlung kann trotzdem viel ändern: Sie soll die Folgen im Alltag verringern, nicht deine Persönlichkeit.
Was darf man mit ADHS nicht?
Die Diagnose allein verbietet dir fast nichts. Regeln betreffen vor allem die Medikamente. In der Packungsbeilage von Ritalin Adult steht zum Beispiel: kein Alkohol während der Behandlung, und nicht Auto fahren, wenn du dich schwindelig oder schläfrig fühlst oder verschwommen siehst. Nach § 24a Straßenverkehrsgesetz ist Fahren unter einem verschriebenen Medikament erlaubt, wenn du es bestimmungsgemäß nimmst. Für den Dienst bei der Bundeswehr gelten eigene Regeln.
Was passiert, wenn ADHS bei Erwachsenen unbehandelt bleibt?
Das ist sehr unterschiedlich. Viele kommen ohne Behandlung zurecht. Im Durchschnitt zeigen Langzeitstudien laut S3-Leitlinie aber mehr Probleme in Ausbildung und Beruf, ein geringeres Einkommen und mehr Verkehrsunfälle. Das sind Gruppenwerte, keine Vorhersage für dich. Wenn ADHS dich im Alltag deutlich belastet, lohnt sich ein Gespräch über Behandlung.
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Quellen und Stand
- Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie u. a. (2017). S3-Leitlinie „ADHS im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter“, AWMF-Register 028-045, Langfassung (Kap. 2.3–2.6; Empfehlungen 1.1.2–1.1.10, 1.2.4, 1.3.1.4.2–1.3.1.4.4, 1.4.1; Anhang III.4). Die Fassung von 2017 ist im Register als abgelaufen gekennzeichnet und wird überarbeitet; diese Seite stützt sich auf sie. register.awmf.org (PDF)
- Betzler, F., Knop, J., Grönig, M., Timpel, P., Višković, V. & Schöttle, D. (2026). ADHD in Children, Adolescents, and Adults: Incidence, Prevalence, and Treatment. An Analysis of Routine Health Insurance Data. Deutsches Ärzteblatt International, 123(10), 275–280. doi.org/10.3238/arztebl.m2026.0032
- Ivanova, M., Holstiege, J., Akmatov, M. K., Müller, D. & Kohring, C. (2025). The Incidence of AD(H)D-Spectrum Disorders in Adults: An Analysis of Nationwide Claims Data of the Statutory Health Insurance System in Germany, 2015–2024. Deutsches Ärzteblatt International, 122(25), 697–698. doi.org/10.3238/arztebl.m2025.0167
- Kessler, R. C. u. a. (2005). The World Health Organization Adult ADHD Self-Report Scale (ASRS): a short screening scale for use in the general population. Psychological Medicine, 35(2), 245–256. doi.org/10.1017/s0033291704002892
- Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte: ICD-10-GM Version 2026, Block F90–F98. klassifikationen.bfarm.de
- Gemeinsamer Bundesausschuss: Arzneimittel-Richtlinie, Anlage III (Stand 5. 9. 2026), Nr. 44 Stimulantien. g-ba.de (PDF)
- Gebrauchsinformationen (PatientenInfo-Service): Ritalin Adult (Stand September 2025), Medikinet adult (September 2025), Medikinet retard und Medikinet (Dezember 2025), Concerta (August 2025), Atomoxetin PUREN (September 2024). Ritalin Adult · Medikinet adult · Medikinet retard · Medikinet · Concerta · Atomoxetin PUREN
- Takeda: Fachinformation Elvanse Hartkapseln, Abschnitt Anwendungsgebiete. takeda-produkte.de (PDF)
- Betäubungsmittelgesetz, Anlage III. gesetze-im-internet.de
- Sozialgesetzbuch V, § 75 Abs. 1a (Terminservicestellen) und § 76 Abs. 1 (freie Arztwahl). § 75 · § 76
- 116117.de: Psychotherapie (Sprechstunde ohne Überweisung, PTV 11, Vermittlungscode). 116117.de
- Straßenverkehrsgesetz, § 24a Abs. 4. gesetze-im-internet.de
- ADHS Deutschland e. V.: Selbsthilfegruppen, Online-Selbsthilfegruppen, Junge Selbsthilfe. adhs-deutschland.de
- Lai, M.-C. u. a. (2019). Prevalence of co-occurring mental health diagnoses in the autism population: a systematic review and meta-analysis. Lancet Psychiatry, 6, 819–829. doi.org/10.1016/S2215-0366(19)30289-5
- Rong, Y., Yang, C.-J., Jin, Y. & Wang, Y. (2021). Prevalence of attention-deficit/hyperactivity disorder in individuals with autism spectrum disorder: A meta-analysis. Research in Autism Spectrum Disorders, 83, 101759. doi.org/10.1016/j.rasd.2021.101759
- TelefonSeelsorge Deutschland. telefonseelsorge.de
Stand: 17. Oktober 2026