1. Was „ADHS bei Frauen“ bedeutet
Eine eigene Diagnose für Frauen gibt es nicht. Ärzt:innen stellen bei Frauen und Männern dieselbe Diagnose. In Deutschland wird sie nach der ICD-10-GM verschlüsselt, etwa als F90.0 oder, für die Form ohne Hyperaktivität, als F98.80. Diesen zweiten Code gibt es erst seit 2019.
Was sich unterscheidet, ist das Bild. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schreibt in ihren Diagnose-Leitlinien zur ICD-11: ADHS kommt bei Männern häufiger vor. Mädchen und Frauen zeigen eher Symptome der Unaufmerksamkeit. Jungen und Männer zeigen eher Hyperaktivität und Impulsivität, vor allem in jungen Jahren.
Dazu kommen Themen, die vor allem Frauen betreffen: der Monatszyklus, Schwangerschaft und Stillzeit, die Wechseljahre. Und ein Weg zur Diagnose, der oft später beginnt. Um genau diese Punkte geht es auf dieser Seite. Die ausführliche Symptom-Checkliste steht in einem eigenen Ratgeber, siehe Abschnitt 4.
Wir schreiben „Frauen“, weil die meisten Studien so zählen. Was hier zu Zyklus, Schwangerschaft und Wechseljahren steht, betrifft alle Menschen, die diese Hormonphasen erleben.
2. Die Diagnose-Lücke in deutschen Zahlen
Zwei große deutsche Datenquellen zeigen, wie groß der Unterschied ist. Und sie zeigen, dass er kleiner wird.
| Datenquelle | Was gezählt wurde | Mädchen / Frauen | Jungen / Männer |
|---|---|---|---|
| KiGGS 2003–2006 | 3 bis 17 Jahre, jemals eine Diagnose (laut Eltern) | 1,9 % | 8,5 % |
| KiGGS 2014–2017 | 3 bis 17 Jahre, jemals eine Diagnose (laut Eltern) | 2,3 % | 6,5 % |
| Kassendaten 2015 | Erwachsene, neue Diagnosen je 10.000 Versicherte | 6,7 | 11,1 |
| Kassendaten 2024 (vorläufig) | Erwachsene, neue Diagnosen je 10.000 Versicherte | 24,8 | 26,9 |
Kinder und Jugendliche
Das Robert Koch-Institut (RKI) hat in der KiGGS-Studie Eltern gefragt, ob ihr Kind jemals eine ADHS-Diagnose bekommen hat. In der Befragung von 2014 bis 2017 sagten das 2,3 % der Eltern von Mädchen und 6,5 % der Eltern von Jungen. Bei Jungen ist der Wert seit der ersten Befragung gesunken, bei Mädchen hat er sich nicht verändert. Das RKI schreibt, dass sich die Lücke zwischen den Geschlechtern tendenziell schließt. Jungen bekamen die Diagnose aber immer noch mehr als doppelt so oft.
Erwachsene
Für Erwachsene hat das Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung die ambulanten Abrechnungsdaten aller gesetzlich Versicherten ausgewertet. Gezählt wurden neue Diagnosen nach zwei Jahren ohne ADHS-Diagnose. 2015 waren es bei Männern 11,1 und bei Frauen 6,7 je 10.000 Versicherte. 2024 lagen beide fast gleichauf.
Am stärksten stieg die Zahl bei jungen Frauen. Bei Frauen unter 40 lag sie 2024 je nach Altersgruppe um 277 bis 533 % höher als 2015. Bei Männern unter 40 waren es 65 bis 234 %. Als mögliche Gründe nennen die Autor:innen mehr Wissen über ADHS, den neuen Code F98.80 und die Folgen der Corona-Pandemie. Sie nehmen an, dass die meisten dieser Diagnosen verspätet sind, die Symptome also schon früher da waren. Beweisen lässt sich das mit diesen Daten nicht.
Eine zweite Auswertung von Kassendaten kommt für 2023 auf 0,6 % der Erwachsenen mit ADHS-Diagnose. Sie wurde von einem Pharmahersteller finanziert. Metaanalysen schätzen dagegen, dass rund 3 % der Erwachsenen ADHS haben. Die Autor:innen erklären den Abstand zum Teil mit ihrer strengen Zählweise. Nach Geschlecht aufgeteilt ist diese Auswertung nicht.
3. Warum ADHS bei Mädchen und Frauen übersehen wird
Einen einzelnen Grund gibt es nicht. Diese Punkte nennen Studien und Leitlinien:
- Sichtbare Unruhe fällt eher auf. Laut RKI zeigen Jungen die leicht erkennbare Hyperaktivität stärker. Deshalb werden sie häufiger und früher diagnostiziert. Das RKI verweist auch auf Hinweise aus einer US-Studie: Rechnet man die bei Mädchen häufigere unaufmerksame Form stärker ein, sind die Symptome bei beiden Geschlechtern ungefähr gleich verteilt.
- Ausgleichen, bis es nicht mehr geht. Die WHO schreibt, dass manche Menschen erst als Jugendliche oder Erwachsene auffallen. Oft passiert das, wenn die Anforderungen größer werden, als sie ausgleichen können. Eine britische Expertengruppe beschreibt solche Ausgleichs-Strategien bei Mädchen und Frauen als einen Grund, warum ADHS verdeckt bleibt. Das ist eine Einschätzung von Fachleuten, keine gemessene Zahl.
- Andere Erwartungen an Mädchen. Die WHO nennt ein Beispiel: In manchen Ländern gilt sehr aktives, unruhiges Verhalten bei einem Jungen als Zeichen von Stärke, bei einem Mädchen wird es sehr negativ gesehen. Die britischen Fachleute zählen Vorurteile über Geschlechter zu den Hürden bei der Erkennung.
- Angst und Depression zuerst. Laut der deutschen S3-Leitlinie entstehen Angst und vor allem Depression bei Kindern mit ADHS oft erst als Folge der ADHS. Die britische Expertengruppe schreibt, dass solche Begleiterkrankungen die ADHS überdecken können.
- Forschung vor allem an Jungen. Die S3-Leitlinie hält fest: Ergebnisse aus Studien mit überwiegend männlichen Teilnehmern gelten nicht automatisch für Mädchen und Frauen. Unterschiede im Verlauf, bei Begleiterkrankungen und bei der Wirkung der Behandlung nennt sie als offene Forschungsfragen.
Für ein ehrliches Bild gehört dazu: Nicht der ganze Unterschied ist übersehene ADHS. Die WHO geht davon aus, dass ADHS bei Männern tatsächlich häufiger vorkommt. Die britischen Fachleute schreiben, der Unterschied liege zumindest teilweise an fehlender Erkennung. Wie groß dieser Teil ist, weiß niemand genau.
Viele Frauen erfahren erst als Erwachsene von ihrer ADHS. Was das mit einem macht, beschreiben wir im Ratgeber zur späten ADHS-Diagnose.
4. Woran du ADHS bei dir erkennen kannst
Die vollständige Liste mit Beispielen aus dem Alltag steht im Ratgeber ADHS-Symptome bei Frauen. Hier nur der Kern, wie ihn die WHO beschreibt:
- Unaufmerksamkeit: Du bleibst schwer bei Aufgaben, die dich wenig reizen. Du bist leicht abgelenkt, vergisst Dinge im Alltag und tust dich schwer mit Planen und Ordnen.
- Unruhe, oft innen: Bei Erwachsenen ist sie selten sichtbar. Viele spüren eher körperliche Unruhe und Unbehagen, wenn sie still sitzen sollen.
- Impulsivität: vorschnell entscheiden, andere unterbrechen, schwer warten können.
- Gefühle: Starke Stimmungsschwankungen und wenig Geduld bei Frust sind laut WHO häufig. Sie gehören aber nicht zu den Kriterien.
- Seit der Kindheit, in mehreren Bereichen: Deutliche Symptome müssen schon vor dem 12. Geburtstag da gewesen sein. Heute zeigen sie sich an mehreren Orten, etwa zu Hause und bei der Arbeit.
Keines dieser Merkmale allein bedeutet ADHS. Viele davon kennen auch Menschen mit Angst, Depression, Schlafmangel oder großem Stress. Genau das klärt eine Diagnostik. Wenn du erst einmal für dich sortieren willst, hilft unser Ratgeber Habe ich ADHS?
5. Hormone: Zyklus, Schwangerschaft, Wechseljahre
Viele Frauen berichten, dass ihre ADHS im Monat oder im Laufe des Lebens nicht immer gleich stark ist. Die Forschung dazu steht aber noch am Anfang. Eine systematische Übersicht von 2025 fand nur elf passende Studien, oft mit wenigen Teilnehmerinnen. Ihr Fazit: Es gibt Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen Geschlechtshormonen und ADHS-Anzeichen, vor allem in der Pubertät und im Monatszyklus.
Eine gängige Erklärung lautet: Östrogen beeinflusst den Botenstoff Dopamin, der bei ADHS eine wichtige Rolle spielt. In Labor- und Tierversuchen fördert Östrogen die Bildung von Dopamin. Ob das beim Menschen die Schwankungen der ADHS erklärt, ist nicht belegt.
Der Monatszyklus
Die Studien sind klein, und sie kommen nicht zum selben Ergebnis:
- In einer US-Studie gaben 32 junge Frauen ohne ADHS-Diagnose 35 Tage lang Speichelproben ab und bewerteten jeden Abend ihre ADHS-Anzeichen. Mehr Anzeichen gab es, wenn der Östrogenspiegel niedrig war, während Progesteron oder Testosteron hoch waren. Das zeigte sich vor allem bei Frauen mit hoher Impulsivität, und zwar kurz nach dem Eisprung und zu Beginn des Zyklus.
- In einer kleinen Studie mit 30 Frauen, die ein Amphetamin-Präparat nahmen, waren die Anzeichen während der Periode am stärksten und in der Mitte der ersten Zyklushälfte am schwächsten.
- In Interviews mit zehn Frauen, die Stimulanzien nahmen, beschrieben die Teilnehmerinnen stärkere Anzeichen in der Mitte der zweiten Zyklushälfte und während der Periode. So fasst es die Übersicht von 2025 zusammen.
Ein festes Muster, das für alle gilt, lässt sich daraus nicht ableiten. Hilfreicher ist dein eigenes Muster. Notiere über mehrere Zyklen, wie es dir mit Konzentration, Stimmung und Energie geht, und bring die Notizen in die Sprechstunde mit.
Eine niederländische Klinik hat bei neun Frauen, deren ADHS vor der Periode deutlich stärker wurde, die Stimulanzien-Dosis in dieser Woche erhöht. Alle neun berichteten, dass es ihnen damit besser ging. Das ist ein Fallbericht, keine kontrollierte Studie. Ändere deine Dosis nie ohne Absprache mit deiner Ärztin oder deinem Arzt.
PMDS
PMDS steht für prämenstruelle dysphorische Störung: starke Stimmungsbeschwerden in den Tagen vor der Periode. In einer britischen Online-Befragung von Frauen zwischen 18 und 34 Jahren zeigten 31,4 % der Frauen mit selbst angegebener ADHS-Diagnose Hinweise auf eine PMDS. Bei Frauen ohne ADHS waren es 9,8 %. Das war ein Fragebogen-Screening, keine ärztliche Diagnose. Mehr dazu in unserem Ratgeber PMDS und ADHS. Was PMDS allgemein ausmacht und wie ein Zyklustagebuch aussieht, erklärt der Ratgeber PMDS: Symptome, Diagnose und Behandlung.
Schwangerschaft und die Zeit nach der Geburt
Wie sich ADHS in der Schwangerschaft verändert, ist kaum erforscht. Die Übersicht von 2025 fand dazu genau eine Studie mit 25 Frauen. Die ADHS-Werte unterschieden sich nicht, egal ob die Frauen ihre Medikamente weiter nahmen, seltener nahmen oder absetzten. Bei den Frauen, die abgesetzt hatten, stiegen aber die Depressionswerte.
Für die Zeit nach der Geburt fanden zwei Studien bei Frauen mit ADHS häufiger Anzeichen einer Wochenbettdepression: eine niederländische Klinikstudie mit 209 Frauen mit ADHS und eine Online-Befragung aus Irland. Wenn du ein Kind erwartest, lohnt es sich, das in der Vorsorge anzusprechen.
Zu Medikamenten in der Schwangerschaft berät das Embryotox-Zentrum der Charité in Berlin kostenlos. Für Methylphenidat bewertet es die Erfahrungen als sehr umfangreich. Es sieht keine Hinweise auf ein insgesamt erhöhtes Fehlbildungsrisiko. Zu Herzfehlbildungen sind die Daten widersprüchlich, ein leicht erhöhtes Risiko lässt sich nicht ausschließen. Embryotox rät, die Einnahme vor allem im ersten Drittel der Schwangerschaft kritisch zu prüfen. Wird die ADHS ohne Medikament im Alltag deutlich schlechter, hält es die Einnahme in allen Phasen der Schwangerschaft für vertretbar. Alles Weitere steht in unserem Ratgeber ADHS-Medikamente in der Schwangerschaft.
Perimenopause und Wechseljahre
Hier ist der Abstand zwischen dem, was viele Frauen erzählen, und dem, was belegt ist, besonders groß. Die Übersicht von 2025 fand bis Januar 2025 keine Studie, die untersucht hat, wie sich ADHS in den Wechseljahren verändert. Zu Wechseljahresbeschwerden bei Frauen mit ADHS gibt es Befragungen, die sich widersprechen:
- Die niederländische Klinikstudie mit 209 Frauen mit ADHS beschrieb stärkere Wechseljahresbeschwerden. Eine eigene Vergleichsgruppe ohne ADHS hatte sie nicht.
- Eine Londoner Forschungsgruppe befragte 656 Frauen zwischen 45 und 60, davon 245 mit ADHS-Diagnose. Frauen mit ADHS hatten keine stärkeren Wechseljahresbeschwerden.
- Eine Befragung aus Irland mit 602 Frauen, davon 377 mit selbst angegebener ADHS, fand bei Frauen mit ADHS stärkere Wechseljahresbeschwerden.
Die beiden neueren Studien haben ihre Teilnehmerinnen online gewonnen, die aus Irland unter anderem über ADHS-Selbsthilfegruppen. Alle drei messen also nicht ganz dasselbe. Hinzu kommt: Die Wechseljahre selbst können Konzentration und Denken beeinflussen. Das von einer stärker werdenden ADHS zu trennen, ist schwer. Eine kontrollierte Studie dazu, ob eine Hormontherapie ADHS-Anzeichen lindert, haben wir nicht gefunden.
In Interviews mit 19 Frauen mit ADHS in Irland wünschten sich viele eine Versorgung, die ADHS und Wechseljahre zusammen betrachtet. Das heißt praktisch: Sag deiner gynäkologischen Praxis, dass du ADHS hast. Und sag der Praxis, die deine ADHS behandelt, dass du in den Wechseljahren bist. Mehr in unseren Ratgebern ADHS und Perimenopause und ADHS und Menopause.
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Mach den ADHS-Selbsttest
Der Test hilft dir, deine Erfahrungen zu ordnen, bevor du einen Termin machst. Er ist kostenlos, stellt aber keine Diagnose und ist kein geprüftes Messinstrument.
Selbsttest starten6. Die Diagnose in Deutschland
Wer die Diagnose stellen kann
Die deutsche S3-Leitlinie nennt für Erwachsene diese Fachleute: Fachärzt:innen für Psychiatrie und Psychotherapie, für Neurologie oder für psychosomatische Medizin sowie ärztliche oder psychologische Psychotherapeut:innen. Stellt eine psychologische Psychotherapeutin die Diagnose, soll eine Ärztin oder ein Arzt zusätzlich die körperliche Untersuchung übernehmen. Deine Hausarztpraxis kann dich überweisen. Die Diagnose selbst sieht die Leitlinie bei den oben genannten Fachleuten.
So kommst du an einen Termin
- Frei wählen. Als gesetzlich Versicherte kannst du unter den Kassenpraxen frei wählen (§ 76 SGB V). Du kannst dich also selbst an eine psychiatrische Praxis wenden.
- Über die Hausarztpraxis. Wenn die 116117 einen Facharzttermin für dich suchen soll, brauchst du eine Überweisung mit Vermittlungscode. Die 116117 vermittelt dann in dringenden Fällen einen Termin innerhalb von vier Wochen. Eine bestimmte Wunschpraxis gibt es dabei nicht, und der Weg kann weiter sein.
- Psychotherapeutische Sprechstunde. Dafür brauchst du keine Überweisung. Die 116117 vermittelt sie auch ohne Code. Innerhalb einer Woche muss sie dir einen Termin anbieten, der höchstens vier Wochen in der Zukunft liegt.
- Offene Sprechstunde. Psychiatrische Kassenpraxen gehören zu den Fachrichtungen, die jede Woche Zeiten ohne Termin anbieten müssen. Das ersetzt keine ADHS-Diagnostik, kann aber ein erster Kontakt sein.
Du kannst die Diagnostik auch privat bezahlen. Verlässliche Zahlen zu den Kosten haben wir nicht, deshalb nennen wir keine. Lass dir vorher schriftlich sagen, was auf dich zukommt.
Was in der Diagnostik passiert
Laut S3-Leitlinie gehört ein ausführliches Gespräch dazu: über deine heutigen Schwierigkeiten in verschiedenen Lebensbereichen, ihre Folgen, deine Entwicklung seit der Kindheit, andere Beschwerden und die Familie. Die Leitlinie fragt ausdrücklich auch nach ADHS bei Eltern, Geschwistern und Kindern. Dazu kommt eine körperliche und neurologische Untersuchung. Fragebögen helfen, aber allein reichen sie für die Diagnose nicht. ADHS-Symptome müssen in der Untersuchung selbst nicht sichtbar werden.
Die WHO betont, dass bei Erwachsenen Hinweise aus der Kindheit wichtig sind, etwa aus Schulunterlagen oder von Menschen, die dich als Kind kannten. Auch der Bericht einer Partnerin, eines Partners oder von Angehörigen kann helfen. Die S3-Leitlinie empfiehlt ebenfalls, deine Angaben mit denen naher Bezugspersonen abzugleichen, wenn das möglich ist. Für Frauen lohnt es sich, zusätzlich mitzubringen:
- alte Zeugnisse, vor allem die Bemerkungen der Lehrkräfte
- Notizen zu Zyklus, Stimmung und Konzentration über einige Wochen
- frühere Diagnosen, etwa Depression, Angststörung oder PMDS, und was dagegen geholfen hat
- Beispiele, wo du viel Kraft aufwendest, um nach außen zu funktionieren
Wenn später Medikamente auf Kassenrezept infrage kommen, verlangt die Arzneimittel-Richtlinie bei Erwachsenen, dass die ADHS schon in der Kindheit bestand. Das muss rückblickend mit einem geprüften Fragebogen erfasst werden, der Wender-Utah-Rating-Scale in Kurzform (WURS-k). Auch dafür helfen Unterlagen und Erinnerungen von Angehörigen.
Die Leitlinie wird gerade erneuert
Die deutsche S3-Leitlinie „ADHS im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter“ stammt von 2017 und ist abgelaufen. Am 22. Mai 2026 hat die AWMF eine Konsultationsfassung der neuen Leitlinie veröffentlicht, die bis zum 23. Juni 2026 kommentiert werden konnte. Eine endgültige Fassung lag bei Redaktionsschluss noch nicht vor. Den Inhalt des Entwurfs konnten wir nicht auswerten. Diese Seite stützt sich deshalb auf die Fassung von 2017.
7. Behandlung: was gleich ist und was anders
Die Behandlung ist für Frauen und Männer dieselbe. Bei Erwachsenen beginnt sie meist mit Aufklärung über die ADHS. Danach kommen je nach Bedarf Medikamente, Psychotherapie, besonders kognitive Verhaltenstherapie, und Hilfen für den Alltag. Wie gut die einzelnen Wege wirken, erklären wir im Ratgeber ADHS-Medikamente.
In deutschen Kassendaten von 2023 bekamen 44,4 % der Erwachsenen mit ADHS-Diagnose in diesem Jahr weder Medikamente noch Psychotherapie. 38 % bekamen nur Medikamente, 7,6 % nur Psychotherapie und 10 % beides. Nach Geschlecht aufgeteilt sind diese Zahlen nicht.
Was für Frauen dazukommt:
- Zyklus. Wenn deine Medikamente vor der Periode schwächer zu wirken scheinen, sprich es an. Eine Anpassung der Dosis ist bisher vor allem in Fallberichten beschrieben, nicht in kontrollierten Studien.
- Kinderwunsch. Sprich früh über deine Medikamente, am besten schon vor einer geplanten Schwangerschaft. Embryotox berät auch dich direkt.
- Begleiterkrankungen. Depression, Angst oder PMDS brauchen oft eine eigene Behandlung. Umgekehrt lohnt es sich, bei einer Depression, die nicht besser wird, auch an ADHS zu denken.
- Unterstützung von außen. Die S3-Leitlinie schreibt Selbsthilfe eine klinische Bedeutung zu, auch wenn Studien dazu fehlen. Manche Frauen arbeiten zusätzlich mit einem Coaching. Worauf du dabei achten kannst, steht im Ratgeber ADHS-Coach für Frauen.
8. Arbeit, Familie, Beziehungen
Laut WHO kann ADHS die Schule, den Beruf und Beziehungen belasten, auch die Partnerschaft. Wie stark, ist sehr verschieden. Drei Punkte, die für Frauen wichtig sein können:
Arbeit
Die WHO schreibt, dass Erwachsene mit ADHS es oft schwer haben, einen anspruchsvollen Job zu halten. Welche Hilfen es in Ausbildung und Beruf gibt, erklärt unser Ratgeber zum ADHS-Nachteilsausgleich.
Familie
ADHS tritt laut WHO gehäuft in Familien auf. Die S3-Leitlinie sieht in der Diagnostik auch Fragen nach ADHS bei Eltern, Geschwistern und Kindern vor. Wird bei deinem Kind ADHS abgeklärt, darfst du also auch an dich selbst denken.
Beziehungen, Sexualität, Verhütung
Eine Übersichtsarbeit fand bei Menschen mit ADHS mehr sexuelles Verlangen, aber weniger Zufriedenheit und mehr sexuelle Funktionsstörungen als in der Allgemeinbevölkerung. Die Studien dazu sind wenige und klein. In der Befragung aus Irland berichteten Frauen mit ADHS häufiger von ungeplanten Schwangerschaften. Wenn dir das tägliche Erinnern schwerfällt, frag in der gynäkologischen Praxis nach Verhütung, bei der du nicht jeden Tag an etwas denken musst. Mehr im Ratgeber ADHS und Sexualität.
9. ADHS und Autismus bei Frauen
ADHS und Autismus treten oft gemeinsam auf. Man spricht dann von AuDHD. Je nach Metaanalyse haben etwa 28 % (Lai u. a. 2019) bis 40 % (Rong u. a. 2021) der autistischen Menschen auch ADHS. Eine belastbare eigene Zahl nur für Frauen haben wir in diesen Metaanalysen nicht gefunden.
Wenn du dich in beiden Beschreibungen wiederfindest, lies weiter bei AuDHD bei Frauen und Autismus bei Frauen.
10. Häufige Fragen
Was ist ADHS bei Frauen?
ADHS bei Frauen ist dieselbe ADHS wie bei Männern, mit denselben Kriterien. Sie zeigt sich aber oft anders: Laut WHO haben Mädchen und Frauen häufiger Symptome der Unaufmerksamkeit, Jungen vor allem in jungen Jahren häufiger Hyperaktivität und Impulsivität. Weil Unaufmerksamkeit weniger auffällt, bekommen viele Frauen die Diagnose erst als Erwachsene.
Wie äußert sich ADHS bei erwachsenen Frauen?
Oft als Schwierigkeiten mit Aufmerksamkeit und Organisation: Aufgaben bleiben liegen, Termine gehen unter, Dinge verschwinden. Sichtbare Unruhe ist bei Erwachsenen seltener. Die WHO beschreibt eher ein Gefühl körperlicher Unruhe und Unbehagen beim Stillsitzen. Starke Gefühle und wenig Geduld bei Frust sind häufig, gehören aber nicht zu den offiziellen Kriterien. Eine ausführliche Liste mit Alltagsbeispielen steht im Ratgeber zu ADHS-Symptomen bei Frauen.
Warum wird ADHS bei Frauen so oft nicht erkannt?
Unaufmerksamkeit ist weniger sichtbar als Unruhe und fällt deshalb oft später auf. Laut WHO kommen manche Menschen erst als Erwachsene in die Diagnostik, oft wenn die Anforderungen größer werden, als sie ausgleichen können. Dazu kommen Angst oder Depression, die eine ADHS überdecken können, und Forschung, die lange vor allem mit Jungen gemacht wurde.
Kann ADHS im Alter oder in den Wechseljahren schlimmer werden?
Viele Frauen berichten das, gut untersucht ist es aber nicht. Eine systematische Übersicht fand bis Anfang 2025 keine Studie, die untersucht hat, wie sich ADHS in den Wechseljahren verändert. Zu Wechseljahresbeschwerden bei Frauen mit ADHS widersprechen sich die Befragungen: Eine aus London fand keine stärkeren Beschwerden, zwei andere aus den Niederlanden und Irland schon. Wenn sich deine Anzeichen verändern, sprich es in der Praxis an. Auch die Wechseljahre selbst können Konzentration und Denken beeinflussen.
Wie wirkt sich ADHS auf die Sexualität von Frauen aus?
Dazu gibt es wenig Forschung. Eine systematische Übersicht über Menschen mit ADHS insgesamt fand mehr sexuelles Verlangen, aber auch weniger Zufriedenheit und mehr sexuelle Funktionsstörungen als in der Allgemeinbevölkerung. Die Studien dazu sind wenige und klein. In einer Online-Befragung aus Irland berichteten Frauen mit ADHS häufiger von ungeplanten Schwangerschaften. Mehr dazu im Ratgeber ADHS und Sexualität.
Wer stellt die Diagnose ADHS bei Frauen?
Für Erwachsene nennt die deutsche S3-Leitlinie Fachärzt:innen für Psychiatrie und Psychotherapie, für Neurologie oder für psychosomatische Medizin sowie ärztliche oder psychologische Psychotherapeut:innen. Stellt eine psychologische Psychotherapeutin die Diagnose, soll die körperliche Untersuchung zusätzlich eine Ärztin oder ein Arzt machen. Die Hausarztpraxis kann dich überweisen. Die Leitlinie nennt sie aber nicht als Stelle, die die Diagnose stellt.
Welche Medikamente bekommen Frauen mit ADHS?
Dieselben wie Männer. Eigene ADHS-Medikamente für Frauen gibt es nicht. Ob die Dosis rund um die Periode angepasst werden sollte, ist bisher vor allem in Fallberichten beschrieben, etwa bei neun Frauen einer niederländischen Klinik. Kontrollierte Studien dazu haben wir nicht gefunden. Welche Wirkstoffe für Erwachsene zugelassen sind, steht in unserem Überblick zu ADHS-Medikamenten. Zu Schwangerschaft und Stillzeit gibt es einen eigenen Ratgeber.
Was hilft Frauen mit ADHS?
Das, was bei ADHS generell hilft: Wissen über die eigene ADHS, bei Bedarf Medikamente, Psychotherapie und feste Strukturen im Alltag. Für Frauen kommt dazu: den eigenen Zyklus beobachten, bei Kinderwunsch früh über Medikamente sprechen und Begleiterkrankungen wie Depression oder PMDS mitbehandeln lassen. In deutschen Kassendaten bekam 2023 fast die Hälfte der Erwachsenen mit ADHS-Diagnose weder Medikamente noch Psychotherapie.
Wie erkennt man ADHS bei Frauen, und reicht ein Online-Test?
Sicher erkennen lässt sich ADHS nur in einer fachlichen Diagnostik. Ein Online-Selbsttest kann dir helfen, deine Erfahrungen zu sortieren. Er stellt keine Diagnose, und unser eigener Test ist kein geprüftes Messinstrument. Für die Diagnostik hilft es, Beispiele aus Alltag und Kindheit aufzuschreiben, alte Zeugnisse mitzunehmen und, wenn möglich, eine vertraute Person einzubeziehen.
Haben Frauen mit ADHS häufiger auch Autismus?
ADHS und Autismus treten oft gemeinsam auf. Je nach Metaanalyse haben etwa 28 % (Lai u. a. 2019) bis 40 % (Rong u. a. 2021) der autistischen Menschen auch ADHS. Eine belastbare eigene Zahl nur für Frauen haben wir in diesen Metaanalysen nicht gefunden. Wenn dir beides bekannt vorkommt, lies unseren Ratgeber zu AuDHD bei Frauen.
Verwandte Ratgeber
Quellen und Stand
Wir haben jede Zahl auf dieser Seite an der jeweiligen Quelle geprüft. Wo Studien klein sind oder sich widersprechen, sagen wir das im Text.
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- Ivanova, M., Holstiege, J., Akmatov, M. K., Müller, D. & Kohring, C. (2025). The Incidence of AD(H)D-Spectrum Disorders in Adults: An Analysis of Nationwide Claims Data of the Statutory Health Insurance System in Germany, 2015–2024. Deutsches Ärzteblatt International, 122, 697–698. doi.org/10.3238/arztebl.m2025.0167
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- Rong, Y., Yang, C.-J., Jin, Y. & Wang, Y. (2021). Prevalence of attention-deficit/hyperactivity disorder in individuals with autism spectrum disorder: A meta-analysis. Research in Autism Spectrum Disorders, 83, 101759. doi.org/10.1016/j.rasd.2021.101759
- Sozialgesetzbuch V, § 76 Freie Arztwahl. gesetze-im-internet.de
- Kassenärztliche Bundesvereinigung: Terminvermittlung (Überweisung mit Vermittlungscode, Ausnahmen, offene Sprechstunde). kbv.de
- 116117.de: Psychotherapie (Sprechstunde ohne Überweisung, Vermittlungsfristen). 116117.de
- Verbraucherzentrale: Termin beim Facharzt nach 4 Wochen – so vermittelt Sie die Nummer 116 117. verbraucherzentrale.de
- Gemeinsamer Bundesausschuss: Arzneimittel-Richtlinie, Anlage III (Stand 5. 9. 2026), Nr. 44 Stimulantien. g-ba.de (PDF)
- TelefonSeelsorge Deutschland. telefonseelsorge.de
Stand: 17. Oktober 2026
Nur zur Information – keine medizinische Beratung und keine Diagnose. Unser Selbsttest ist kein geprüftes Messinstrument. Wenn es dir seelisch schlecht geht: TelefonSeelsorge 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222, kostenlos und rund um die Uhr. In akuten Notfällen: 112.