1. Die drei DSM-5-Erscheinungsbilder
Das DSM-5 (das diagnostische Handbuch, an dem sich die internationale Forschung orientiert) beschreibt ADHS mit drei möglichen Erscheinungsbildern:
- Vorwiegend unaufmerksam. Die Symptome der Unaufmerksamkeit überwiegen. Hyperaktivität-Impulsivität liegt unter der Schwelle. Als „ADD ohne Hyperaktivität“ kannte es schon das DSM-III von 1980.
- Vorwiegend hyperaktiv-impulsiv. Hyperaktivität-Impulsivität überwiegt. Unaufmerksamkeit liegt unter der Schwelle. Bei Erwachsenen seltener.
- Kombiniert. Unaufmerksamkeit und Hyperaktivität-Impulsivität liegen beide auf klinischem Niveau. Häufigstes Bild bei Erwachsenen.
Das DSM-5 verwendet bewusst „Erscheinungsbild” und nicht „Typ”. Die zugrunde liegende Neurobiologie von ADHS ist in allen drei Varianten dieselbe; nur die sichtbare Ausprägung unterscheidet sich. Das Bild einer Person kann sich über Jahre verschieben – insbesondere nimmt die sichtbare Hyperaktivität mit dem Alter meist ab, während die Unaufmerksamkeit bleibt. Die ICD-11 der WHO folgt einer ähnlichen Logik wie das DSM-5; in Deutschland ist sie aber noch nicht eingeführt, und laut BfArM wird die Umstellung noch mehrere Jahre dauern. Hier gilt weiter die ICD-10-GM: F90.0 steht für die „Einfache Aktivitäts- und Aufmerksamkeitsstörung“, F90.1 für ADHS mit Störung des Sozialverhaltens (kein eigenes Erscheinungsbild), und das Bild ohne Hyperaktivität hat seit 2019 den eigenen Code F98.80. Vorsicht bei englischen Quellen: In der US-Fassung ICD-10-CM bedeuten F90.0, F90.1 und F90.2 „vorwiegend unaufmerksam“, „vorwiegend hyperaktiv“ und „kombiniert“ – in Deutschland bedeuten die Codes etwas anderes. Für die Diagnose erlaubt die S3-Leitlinie die Kriterien von ICD-10 oder DSM-5; für die Kassenversorgung wird nach ICD-10 verschlüsselt.
2. Vorwiegend unaufmerksames Erscheinungsbild
Das DSM-5 listet 9 Symptome der Unaufmerksamkeit auf. Erwachsene brauchen 5+, um die Kriterien zu erfüllen. Kinder 6+. Die Symptome:
- Achtet oft nicht auf Details, macht Flüchtigkeitsfehler
- Hat oft Schwierigkeiten, die Aufmerksamkeit bei Aufgaben zu halten
- Scheint oft nicht zuzuhören, wenn man direkt mit ihr / ihm spricht
- Führt Anweisungen oft nicht zu Ende, bringt Aufgaben nicht zum Abschluss
- Hat oft Schwierigkeiten, Aufgaben und Aktivitäten zu organisieren
- Vermeidet oder mag oft Aufgaben, die anhaltende geistige Anstrengung verlangen
- Verliert oft Dinge, die für Aufgaben nötig sind (Schlüssel, Handy, Unterlagen)
- Lässt sich oft leicht durch äußere Reize oder unzusammenhängende Gedanken ablenken
- Ist oft vergesslich im Alltag
Erwachsene mit vorwiegend unaufmerksamem Bild haben oft kaum sichtbare Hyperaktivität, erleben aber typischerweise innere Unruhe, rasende Gedanken, mentale Aufgewühltheit. Dieses Bild wird oft als „stilles ADHS” oder „Tagträumer-ADHS” beschrieben. Es ist das in der Diagnostik im Kindesalter am häufigsten übersehene Bild, weil es den Unterricht nicht auf eine Weise stört, die die Aufmerksamkeit der Lehrkraft auf sich zieht. Mädchen mit diesem Profil bekommen jahrelang die Etiketten „faul”, „verträumt” oder „schöpft ihr Potenzial nicht aus” statt einer Diagnose.
3. Vorwiegend hyperaktiv-impulsives Erscheinungsbild
Das DSM-5 listet 9 Symptome der Hyperaktivität-Impulsivität auf. Erwachsene 5+, Kinder 6+. Die Symptome:
- Zappelt oft, trommelt mit Händen oder Füßen, rutscht auf dem Stuhl herum
- Steht oft in Situationen auf, in denen Sitzenbleiben erwartet wird
- Rennt oder klettert oft in unpassenden Situationen (bei Erwachsenen: ein Gefühl innerer Unruhe)
- Kann oft nicht ruhig spielen oder sich ruhig beschäftigen
- Ist oft „auf Achse” oder handelt, „als wäre ein Motor eingebaut”
- Redet oft übermäßig viel
- Platzt oft mit einer Antwort heraus, bevor die Frage zu Ende ist
- Hat oft Schwierigkeiten, abzuwarten, bis sie / er an der Reihe ist
- Unterbricht oft andere oder mischt sich ein
Ein reines vorwiegend hyperaktiv-impulsives Bild ist bei Erwachsenen selten. Die meisten Erwachsenen mit ausgeprägter Hyperaktivität haben auch Merkmale der Unaufmerksamkeit (was sie dem kombinierten Bild zuordnet). Dieses Bild zeigt sich häufiger bei jüngeren Kindern, bevor die unaufmerksamen Merkmale deutlich werden – sie treten meist dann hervor, wenn die Schule Anforderungen stellt, die das Vorschulalter noch nicht abprüft.
4. Kombiniertes Erscheinungsbild
Das kombinierte Bild verlangt, dass die Kriterien für den unaufmerksamen Bereich (5+ bei Erwachsenen, 6+ bei Kindern) und den hyperaktiv-impulsiven Bereich (5+ bei Erwachsenen, 6+ bei Kindern) gleichzeitig erfüllt sind. Es ist das häufigste ADHS-Bild bei Erwachsenen – rund 60 % der Erwachsenen mit ADHS passen in das kombinierte Bild.
Das kombinierte Bild erfasst das, was sich die meisten Menschen unter ADHS vorstellen – gleichzeitige Schwierigkeiten mit der Regulation der Aufmerksamkeit sowie mit der Regulation von Impulsen und Aktivität. Die Kombination ist oft belastender als jedes Bild für sich, weil sich die exekutive Anstrengung mit der Schwierigkeit der Impulskontrolle überlagert. Im Alltag heißt das oft: häufigere Konflikte bei der Arbeit, größere Mühe mit der Logistik zu Hause und ein höheres Risiko für begleitende Schwierigkeiten (Ängstlichkeit, Substanzgebrauch, Burnout).
5. Was „ADD” heute bedeutet
ADD (Attention Deficit Disorder) ist der Begriff des DSM-III (1980). Das DSM-III-R machte 1987 daraus ADHD; seit dem DSM-IV (1994) gibt es wieder eine eigene vorwiegend unaufmerksame Form. Gemeint ist die unaufmerksame Form von ADHS ohne nennenswerte Hyperaktivität. Im DSM-5 heißt sie ADHS vom vorwiegend unaufmerksamen Erscheinungsbild; in der deutschen ICD-10-GM hat sie den eigenen Code F98.80 „Aufmerksamkeitsstörung ohne Hyperaktivität mit Beginn in der Kindheit und Jugend“, umgangssprachlich oft „ADS“.
„ADD” hält sich aus mehreren Gründen in der Umgangssprache:
- Der Begriff stammt aus der Zeit des DSM-III und ist vielen noch vertraut
- Das Wort „Hyperaktivität” im Namen ADHS wirkt für das unaufmerksame Bild ungenau
- Ältere Behandelnde verwenden den Begriff teils noch
- Online-Communitys nutzen „ADD” als Kurzform für unaufmerksames ADHS
Im DSM-5 gibt es „ADD” nicht mehr; dort heißt es ADHS vom vorwiegend unaufmerksamen Erscheinungsbild. In Deutschland wird die Form ohne Hyperaktivität nach der ICD-10-GM aber eigens verschlüsselt (F98.80), und die S3-Leitlinie schließt sie ausdrücklich ein. Bei der Wahl des Medikaments nennt die Leitlinie das Erscheinungsbild nicht als Kriterium.
6. Wie das Erscheinungsbild diagnostiziert wird
Die Diagnose beruht auf einer strukturierten klinischen Abklärung:
- Klinisches Gespräch, das jedes Symptom des DSM-5 abdeckt
- Strukturierte Skalen (ASRS bei Erwachsenen, Conners oder Vanderbilt bei Kindern, DIVA-5 für das vertiefte Interview)
- Entwicklungsanamnese – die Symptome müssen vor dem 12. Lebensjahr vorhanden gewesen sein
- Dokumentation über mehrere Kontexte – die Symptome müssen mehr als einen Lebensbereich betreffen
- Beurteilung der Auswirkung – die Symptome müssen zu einer deutlichen Beeinträchtigung führen
- Differenzialdiagnose – Abgrenzung von anderen Erklärungen (Ängstlichkeit, Depression, Trauma, Schlafstörungen, körperliche Ursachen wie die Schilddrüse); Autismus schließt ADHS seit dem DSM-5 nicht mehr aus – beides kann gemeinsam diagnostiziert werden (die ICD-10-GM führt tief greifende Entwicklungsstörungen bei F90 allerdings noch als Ausschluss)
- Fremdanamnese, wenn möglich (Elternteil für die Kindheitsgeschichte, Partner:in für das aktuelle Funktionieren)
Sind die Kriterien erfüllt, wird das Erscheinungsbild danach bestimmt, welche Symptomgruppen die Schwelle überschreiten: nur unaufmerksam, nur hyperaktiv-impulsiv oder beides (kombiniert). In Deutschland soll die Abklärung bei Erwachsenen laut S3-Leitlinie durch Fachärzt:innen für Psychiatrie und Psychotherapie, Neurologie oder psychosomatische Medizin oder durch ärztliche oder Psychologische Psychotherapeut:innen erfolgen; bei Psychologischen Psychotherapeut:innen kommt eine ärztliche körperliche Untersuchung hinzu. Mehr zum Ablauf, zu Kosten und zur Wahl der Praxis im DACH-Raum findest du in unseren Ratgebern zu AuDHD und ADHS bei Erwachsenen.
7. Wie sich Erscheinungsbilder über das Leben verschieben
Dieselbe Person hat oft in verschiedenen Lebensaltern verschiedene Erscheinungsbilder. Typischer Verlauf:
- Frühe Kindheit (4–7). Hyperaktiv-impulsive Merkmale sind oft am sichtbarsten. Unaufmerksamkeit wird unter Umständen erst deutlich, wenn schulische Anforderungen auftauchen.
- Mittlere Kindheit (8–12). Das kombinierte Bild ist häufig. Schulische Anforderungen bringen die Unaufmerksamkeit zum Vorschein; Hyperaktivität ist oft noch sichtbar.
- Jugend. Die äußere Hyperaktivität beginnt meist abzunehmen. Innere Unruhe bleibt. Das unaufmerksame und das kombinierte Bild überwiegen.
- Erwachsenenalter. Die äußere Hyperaktivität nimmt weiter ab. Innere Unruhe und Unaufmerksamkeit überwiegen. Das kombinierte Bild ist am häufigsten.
- Höheres Erwachsenenalter. Weniger Forschung, aber anekdotisch: angesammelte Bewältigungsstrategien plus abnehmende äußere Hyperaktivität lassen das unaufmerksame Bild am stärksten hervortreten.
Die Neurobiologie bleibt durchgehend dieselbe; was sich verschiebt, ist die sichtbare Ausprägung. Wer als Kind als hyperaktiv-impulsiv diagnostiziert wurde, hat als Erwachsener oft ein unaufmerksames oder kombiniertes Bild. Das heißt nicht, dass sich die ADHS „verändert” hat – es ist derselbe Zustand, nur in unterschiedlichen Entwicklungskontexten anders ausgedrückt.
8. Das weibliche Muster
Frauen mit ADHS haben ganz überwiegend ein unaufmerksames oder kombiniertes Bild. Das vorwiegend hyperaktiv-impulsive ist bei ihnen selten. Das weibliche Muster:
- Innere Unruhe statt sichtbarer Hyperaktivität
- Ausgeprägte Merkmale der Unaufmerksamkeit
- Emotionale Dysregulation oft dominant
- Chronische Ängstlichkeit oft begleitend
- Perfektionismus neben chronischem Unterschreiten der eigenen Maßstäbe
- Intensives Masking, das auslaugt
- Schwankungen der Symptomstärke im Verlauf des Hormonzyklus
Dieses Muster hat über Jahrzehnte zur dramatischen Unterdiagnostik von Frauen beigetragen, weil das diagnostische System auf das Bild des Jungen mit sichtbarer Hyperaktivität geeicht war. Im DACH-Raum ist der Abstand noch größer: Die Erwachsenenpsychiatrie beginnt erst seit wenigen Jahren, ADHS bei Frauen systematisch zu erkennen, und viele Frauen kommen erst nach Jahren der Behandlung wegen „Depression” oder „Angststörungen” zur Diagnose. Solche Beschwerden können eigenständige Begleiterkrankungen sein oder mit der nicht erkannten ADHS zusammenhängen; laut S3-Leitlinie sollen begleitende Störungen abgeklärt und nach ihren eigenen Leitlinien behandelt werden. Siehe unsere Ratgeber ADHS bei Frauen und ADHS-Symptome bei Frauen.
9. AuDHD und Erscheinungsbild
Erwachsene mit AuDHD (Autismus + ADHS) haben meist ein unaufmerksames oder kombiniertes ADHS-Bild. Die autistische Komponente prägt oft, wie sich ADHS zeigt:
- Hyperaktivität ist eher innerlich (Autismus verstärkt das soziale Masking äußerer Hyperaktivität)
- Unaufmerksamkeit kann sich auf komplexe Weise mit monotroper Aufmerksamkeit verschränken (tiefe Konzentration auf Interessen, völlige Unaufmerksamkeit außerhalb davon)
- Impulsivität wird unter Umständen durch autistisches Festhalten an Regeln gedämpft
- Schwierigkeiten mit Exekutivfunktionen oft erheblich
- Emotionale Dysregulation oft erheblich
Siehe was AuDHD ist und AuDHD-Symptome. Wenn dein ADHS-Profil deutlich mit autistischen Merkmalen vermischt ist, lohnt es sich, eine Abklärung auf AuDHD zu erwägen – nicht nur auf ADHS allein.
10. Beeinflusst das Erscheinungsbild die Behandlung?
Überwiegend nein. Die Behandlung der ersten Wahl ist über alle Erscheinungsbilder hinweg ähnlich: Stimulanzien (wenn passend), Unterstützung der Exekutivfunktionen, Gestaltung der Umgebung, neurodiversitätsbejahende Therapie. Einige Nuancen:
- Erwachsene mit unaufmerksamem Bild profitieren besonders von Unterstützung für Arbeitsgedächtnis und Exekutivfunktionen
- Hyperaktiv-impulsive Erwachsene – von Arbeit an der Impulskontrolle und von bewegungsfreundlichen Umgebungen
- Erwachsene mit kombiniertem Bild brauchen oft umfassende Unterstützung über alle Bereiche hinweg
- Emotionale Dysregulation braucht oft gesonderte Unterstützung – unabhängig vom Erscheinungsbild
Die Behandlung wird individuell an den konkreten Schwierigkeiten ausgerichtet, mit denen die Person ringt, nicht an der Etikette des Erscheinungsbildes. Im deutschen Kontext: Stimulanzien (Methylphenidat, Lisdexamfetamin) werden laut S3-Leitlinie von entsprechend qualifizierten Fachärzt:innen (etwa für Psychiatrie und Psychotherapie oder Neurologie) oder ärztlichen Psychotherapeut:innen begonnen. Nicht jedes Präparat ist für Erwachsene zugelassen – das nicht retardierte Medikinet etwa ist es nicht. Mehr dazu im Ratgeber ADHS-Medikamente.
11. Inoffizielle Subtyp-Modelle
Verschiedene Behandelnde haben alternative ADHS-Subtyp-Modelle vorgeschlagen – die „7 ADHS-Typen”, das „Ring of Fire”-ADHS, das „limbische” ADHS – oft auf Grundlage von SPECT-Hirnscans oder einzelner klinischer Beobachtung. Diese Modelle sind weder Teil des DSM-5 noch der ICD-11 und sind nicht durch die wissenschaftliche Hauptströmung der begutachteten Literatur bestätigt.
Manche Erwachsene finden die beschreibende Sprache dieser Modelle nützlich („das klingt nach mir”), doch die Modelle haben Probleme:
- Nicht durch unabhängige Forschung bestätigt
- Werden in Verbindung mit bestimmten kommerziellen Kliniken beworben
- Eine Diagnose per SPECT ist für ADHS nicht durch Evidenz gestützt
- Die Kategorien verschwimmen oft mit begleitenden Störungen (Ängstlichkeit, Depression, Autismus), für die es bereits etablierte Modelle gibt
Das Drei-Erscheinungsbilder-Modell des DSM-5 ist der evidenzbasierte Standard, den wir verwenden. Individuelle Unterschiede bei ADHS sind real und erheblich – aber zu ihrer Beschreibung braucht es keine inoffiziellen Subtyp-Modelle.
12. Wo die emotionale Dysregulation hineinpasst
Eines der klinisch wichtigsten Merkmale von ADHS – die emotionale Dysregulation, einschließlich RSD (Rejection-Sensitive Dysphoria) – steht formal nicht in den Kriterien des DSM-5. Die meisten Behandelnden mit Erfahrung in ADHS bei Erwachsenen erkennen sie als Kernmerkmal an, auch wenn sie nicht auf der offiziellen diagnostischen Liste steht.
Emotionale Dysregulation tritt über alle drei Erscheinungsbilder hinweg auf. Bei Frauen und bei Erwachsenen mit AuDHD ist sie oft ausgeprägter. Siehe unsere Ratgeber emotionale Dysregulation bei ADHS und RSD (Rejection-Sensitive Dysphoria). Im DACH-Kontext gut zu wissen: RSD ist weder in der ICD-10-GM noch in der ICD-11 eine eigene Diagnose – Behandelnde ordnen sie als Teil des ADHS-Bildes oder als begleitende emotionale Dysregulation ein, nicht als eigenständige Kategorie.
13. DACH-Kontext – ICD-10-GM, ICD-11, GKV, Medikamente
Die ganze Welt der ADHS bei Erwachsenen ist im deutschsprachigen Raum jünger als in den englischsprachigen Ländern. Lange galt eine ADHS-Diagnose im deutschen System als Sache der Kindheit; F90.0 der ICD-10-GM – „Einfache Aktivitäts- und Aufmerksamkeitsstörung“ – war eine Diagnose, die man vor allem Kindern zuschrieb. Erwachsene, die sich abklären lassen wollten, hörten vor zehn Jahren noch oft, ADHS „verwachse” sich mit der Kindheit – was wir heute als falsch wissen.
Im letzten Jahrzehnt hat sich das geändert. Die ADHS bei Erwachsenen ist als vollwertige Diagnose anerkannt: Laut S3-Leitlinie zeigen 50 bis 80 % der als Kind Diagnostizierten auch als Erwachsene noch Symptome, ein Drittel sogar das Vollbild, und laut WHO fallen manche erst im Erwachsenenalter auf (die ICD-11 ist in Deutschland noch nicht eingeführt). Immer mehr Fachärzt:innen für Psychiatrie nehmen Erwachsene mit ADHS-Verdacht an. Dennoch ist die Versorgung weiterhin zweigeteilt:
- Gesetzliche Krankenversicherung (GKV). Mit Überweisung muss die Terminservicestelle (116117) innerhalb einer Woche einen Facharzttermin vermitteln, der höchstens vier Wochen in der Zukunft liegt. Nach der S3-Leitlinie beruht die Diagnose bei Erwachsenen vor allem auf dem diagnostischen Gespräch, wenn möglich ergänzt um Angaben enger Bezugspersonen.
- Selbstzahler / privat. Bei einer vollständigen ADHS-Abklärung bei Erwachsenen unterscheiden sich die Preise je nach Anbieter, Zahl der Sitzungen und Umfang (DIVA-5, Fragebögen, Entwicklungsanamnese, Fremdanamnese); das gilt auch für eine einzelne Privatsprechstunde. Die gründlichsten ADHS-/AuDHD-Abklärungen bei Erwachsenen machen Praxen mit Erfahrung in Neurodiversität und einem eigenen Zeitblock für den vollen Prozess.
In Österreich und der Schweiz unterscheiden sich Zugang und Erstattung: In Österreich läuft die Diagnose über Kassenärzt:innen oder Wahlärzt:innen (mit Teilrückerstattung), in der Schweiz über die Grundversicherung mit Franchise und Selbstbehalt. Die Kernlogik – lange Wartezeiten in der Kassenversorgung, schnellerer Zugang als Selbstzahler – ist überall ähnlich.
In Deutschland verfügbare Medikamente:
- Methylphenidat – für Erwachsene zugelassen sind unter anderem Concerta, Medikinet retard, Medikinet adult und Ritalin Adult; das nicht retardierte Medikinet ist laut Beipackzettel nicht für Erwachsene vorgesehen. Ohne relevante Begleiterkrankung sind Stimulanzien laut S3-Leitlinie die erste Wahl.
- Lisdexamfetamin – Elvanse. Für Erwachsene zugelassen, die seit ihrer Kindheit ADHS haben; die Bedingung einer vorherigen Methylphenidat-Behandlung gilt nur für Kinder und Jugendliche. Laut Fachinformation haben auch Stimulanzien wie Lisdexamfetamin ein Potenzial für Missbrauch und Abhängigkeit; das Risiko für Fehlgebrauch kann bei Erwachsenen, insbesondere jungen Erwachsenen, größer sein als bei Kindern und Jugendlichen.
- Atomoxetin – Strattera. Nicht-Stimulans, oft eingesetzt bei Erwachsenen mit ADHS und begleitender Ängstlichkeit, bei Missbrauchsrisiko von Stimulanzien oder bei schlechter Verträglichkeit.
- Adderall (Amphetaminsalze) – ein Präparat, das vor allem in englischsprachigen Quellen genannt wird. Methylphenidat ist keine Entsprechung, denn es ist kein Amphetamin; laut S3-Leitlinie sind Attentin (Dexamfetamin) und Elvanse (Lisdexamfetamin) Präparierungen des Wirkstoffs Dexamfetamin.
Die Wahl des Medikaments ist eine klinische Entscheidung, die ein Facharzt für Psychiatrie gemeinsam mit der behandelten Person trifft; die verschiedenen ADHS-Erscheinungsbilder brauchen keine unterschiedlichen Medikamente – sie brauchen die passende Dosis, Freisetzungsform und Wirkdauer für die konkreten Anforderungen des Tages (Büroarbeit, Kinderbetreuung, Schichtarbeit, Studium, Sport).
14. Häufige Fragen
Wie viele ADHS-Typen gibt es?
Formal drei Erscheinungsbilder im DSM-5: vorwiegend unaufmerksam (früher ADD genannt), vorwiegend hyperaktiv-impulsiv und kombiniert (mit Merkmalen aus beiden Bereichen). Das DSM-5 spricht von „Erscheinungsbildern“ und nicht von „Typen“, weil sich das Bild bei derselben Person über das Leben hinweg verschieben kann — am häufigsten geht ein in der Kindheit hyperaktiv-impulsives Bild im Erwachsenenalter in ein unaufmerksames oder kombiniertes über. Die ICD-11 der WHO nutzt eine ähnliche Einteilung; in Deutschland ist sie aber noch nicht eingeführt, und laut BfArM wird die Umstellung noch mehrere Jahre dauern. Hier gilt weiter die ICD-10-GM: Sie führt ADHS unter F90 als „hyperkinetische Störungen“ (F90.0 „Einfache Aktivitäts- und Aufmerksamkeitsstörung“, F90.1 ADHS mit Störung des Sozialverhaltens) und das Bild ohne Hyperaktivität unter dem eigenen Code F98.80.
Was ist vorwiegend unaufmerksames ADHS?
Das vorwiegend unaufmerksame Erscheinungsbild (früher ADD): Schwierigkeiten, die Aufmerksamkeit zu halten, leichte Ablenkbarkeit, Probleme mit dem Arbeitsgedächtnis, Zeitblindheit, exekutive Schwierigkeiten, Vergesslichkeit, Tagträumen, abschweifende Gedanken — ohne deutlich sichtbare Hyperaktivität. Viele Erwachsene, besonders Frauen, passen in dieses Bild. Eine innere Unruhe ist oft vorhanden, auch wenn die äußere Hyperaktivität fehlt. In der Diagnostik im Kindesalter wird dieses Bild häufig übersehen, weil es den Unterricht nicht so stört wie das hyperaktive Bild.
Was ist vorwiegend hyperaktiv-impulsives ADHS?
Das vorwiegend hyperaktiv-impulsive Erscheinungsbild: Unruhe, Zappeln, Schwierigkeiten, sitzen zu bleiben, viel reden, Herausplatzen mit Antworten, Schwierigkeiten beim Warten, impulsive Entscheidungen — ohne deutliche Merkmale der Unaufmerksamkeit. Als alleiniges Bild ist es selten; die meisten Menschen mit ausgeprägter Hyperaktivität haben auch Merkmale der Unaufmerksamkeit. Häufiger zeigt es sich bei jüngeren Kindern, bevor die unaufmerksamen Merkmale deutlich werden. Mit dem Älterwerden geht es oft in ein kombiniertes oder unaufmerksames Bild über.
Was ist der kombinierte ADHS-Typ?
Das kombinierte Erscheinungsbild: Die Kriterien für das unaufmerksame und das hyperaktiv-impulsive Bild sind gleichzeitig erfüllt. Das ist das häufigste ADHS-Bild bei Erwachsenen — die meisten Erwachsenen mit ADHS haben Merkmale aus beiden Clustern, auch wenn eines überwiegt. Das kombinierte Bild ist oft das, woran Menschen denken, wenn sie „ADHS“ sagen — Unterschiede sowohl in der Regulation der Aufmerksamkeit als auch in der Regulation von Impulsen und Aktivität.
Was ist der Unterschied zwischen ADD und ADHS?
ADD (Attention Deficit Disorder) war der Begriff des DSM-III (1980); 1987 (DSM-III-R) wurde daraus ADHD, und seit dem DSM-IV (1994) gibt es wieder eine eigene vorwiegend unaufmerksame Form. Der Begriff beschrieb das, was wir heute vorwiegend unaufmerksames ADHS nennen. Das DSM hat die Begriffe auf ADHS mit drei Erscheinungsbildern umgestellt, weil dieselbe Neurobiologie sich als reine Unaufmerksamkeit, reine Hyperaktivität oder beides zeigen kann — es sind keine getrennten Störungen. „ADD“ bleibt umgangssprachlich in Gebrauch; im DSM-5 ist es keine eigene Kategorie mehr, dort heißt es ADHS vom vorwiegend unaufmerksamen Erscheinungsbild. In der in Deutschland gültigen ICD-10-GM hat die Form ohne Hyperaktivität dagegen einen eigenen Code: F98.80 „Aufmerksamkeitsstörung ohne Hyperaktivität mit Beginn in der Kindheit und Jugend“ — im Deutschen oft „ADS“ genannt.
Kann sich dein ADHS-Typ mit der Zeit ändern?
Ja — genau deshalb spricht das DSM-5 von „Erscheinungsbildern“ und nicht von festen „Typen“. Typischer Verlauf: hyperaktiv-impulsive Merkmale stehen bei kleinen Kindern im Vordergrund, beide Merkmalsgruppen (Unaufmerksamkeit plus Hyperaktivität) im Schulalter und in der Jugend, vorwiegend unaufmerksame Merkmale im Erwachsenenalter (die äußere Hyperaktivität nimmt meist ab; innere Unruhe und Unaufmerksamkeit bleiben). Die Neurobiologie ist dieselbe; was sich verändert, ist die sichtbare Ausprägung.
Welcher ADHS-Typ ist bei Erwachsenen am häufigsten?
Das kombinierte Bild ist bei Erwachsenen am häufigsten (rund 60 % der Erwachsenen mit ADHS), gefolgt vom vorwiegend unaufmerksamen (rund 30 %); das vorwiegend hyperaktiv-impulsive ist als Erwachsenenbild am seltensten (rund 10 %). Die Verschiebung hin zum unaufmerksamen Bild im Erwachsenenalter spiegelt teils den typischen Entwicklungsverlauf, teils die Tatsache wider, dass sichtbare Hyperaktivität bei Erwachsenen sozial leichter zu bewältigen ist als bei Kindern — Erwachsene mit innerer Unruhe funktionieren „unsichtbarer“. (Globale Daten; deutsche Zahlen zur ND-Diagnostik bei Erwachsenen sind rar — RKI und Kassen veröffentlichen dazu kaum regelmäßige Statistiken.)
Wie sieht ADHS bei Frauen aus?
Frauen mit ADHS haben ganz überwiegend ein vorwiegend unaufmerksames oder kombiniertes Bild und kaum ein vorwiegend hyperaktiv-impulsives. Sichtbare Hyperaktivität ist bei Frauen seltener; typischer sind innere Unruhe, Ängstlichkeit und chronische exekutive Anstrengung. Dieses Muster hat über Jahrzehnte zu einer dramatischen Unterdiagnostik von Frauen mit ADHS beigetragen — das diagnostische System war auf das störende, hyperaktive Jungenbild geeicht und übersah das weibliche Muster. Im DACH-Raum ist diese Lücke teils noch größer, weil die Erwachsenenpsychiatrie ADHS bei Frauen erst seit wenigen Jahren systematisch erkennt.
Wie wird das Erscheinungsbild diagnostiziert?
Über eine strukturierte klinische Abklärung. Die diagnostizierende Person prüft jedes ADHS-Kriterium des DSM-5 (9 Punkte zur Unaufmerksamkeit, 9 zur Hyperaktivität-Impulsivität), zählt, wie viele zutreffen, und bestimmt das Erscheinungsbild danach, welche Kriteriengruppen die Schwelle erreichen. Erwachsene brauchen 5+ Symptome der Unaufmerksamkeit für das unaufmerksame Bild, 5+ Symptome der Hyperaktivität-Impulsivität für das hyperaktiv-impulsive, oder beides für das kombinierte. Kinder brauchen 6+. Zusätzlich müssen die Symptome mehrere Lebensbereiche betreffen, seit der Kindheit bestehen und nicht besser durch etwas anderes erklärbar sein. In Deutschland soll die Abklärung bei Erwachsenen laut S3-Leitlinie durch Fachärzt:innen für Psychiatrie und Psychotherapie, Neurologie oder psychosomatische Medizin oder durch ärztliche oder Psychologische Psychotherapeut:innen erfolgen; stellt eine Psychologische Psychotherapeutin die Diagnose, kommt eine ärztliche körperliche Untersuchung hinzu. Kern ist das diagnostische Gespräch, wenn möglich ergänzt um Angaben enger Bezugspersonen.
Beeinflusst der ADHS-Typ die Behandlung?
Im Grunde nein — die Behandlung der ersten Wahl (Stimulanzien, Unterstützung der Exekutivfunktionen, Gestaltung der Umgebung, neurodiversitätsbejahende Therapie) gilt über alle Erscheinungsbilder hinweg. Einige Nuancen: Erwachsene mit vorwiegend unaufmerksamem Bild profitieren besonders von Unterstützung für Arbeitsgedächtnis und Exekutivfunktionen; Erwachsene mit hoher Impulsivität von Arbeit an der Impulskontrolle; Erwachsene mit starker emotionaler Dysregulation brauchen gezielte Unterstützung in diesem Bereich. Die Behandlung wird an den konkreten Schwierigkeiten der Person ausgerichtet, nicht an der Etikette des Erscheinungsbildes.
Gibt es einen „sensorischen ADHS“-Typ?
Offiziell nicht im DSM-5. Manche Behandelnde und Forschende beschreiben sensorische Merkmale bei ADHS, doch sie bilden keinen formalen Subtyp. Viele Erwachsene mit ADHS haben sensorische Empfindlichkeiten, besonders Menschen mit AuDHD, wo sich die autistische sensorische Komponente überlagert. Einige Fachautor:innen verwenden „sensorisches ADHS“ informell, um dieses Profil zu fassen. Vorerst kennt das DSM-5 drei Erscheinungsbilder; sensorische Merkmale werden gesondert vermerkt oder dem begleitenden Autismus zugeordnet (siehe unseren Ratgeber zur Reizüberflutung).
Und „Ring of Fire“-ADHS oder andere inoffizielle Subtypen?
Verschiedene Behandelnde haben inoffizielle ADHS-Subtypen vorgeschlagen — „Ring of Fire“, „limbisches ADHS“, die „7 ADHS-Typen“ — meist auf Grundlage von SPECT-Scans oder klinischer Beobachtung. Diese Modelle sind weder Teil des DSM-5 noch der ICD-11 und nicht durch die wissenschaftliche Hauptströmung der begutachteten Forschung bestätigt. Manche Erwachsene finden die Modelle beschreibend nützlich; andere finden sie irreführend. Wir verwenden das Drei-Erscheinungsbilder-Modell des DSM-5 als evidenzbasierten Standard. Das AuDHD-Bild und individuelle Unterschiede sind real, brauchen aber keine inoffiziellen Subtypen zur Erklärung.