Skip to content
Neurodiverge App

Begleiterkrankungen · 17 Minuten Lesezeit · Aktualisiert 13. Oktober 2026

ADHS und Depression bei Erwachsenen

ADHS und Depression treten bei Erwachsenen deutlich häufiger gemeinsam auf, als der Zufall erklären würde. Wie oft, hängt stark von der Studie ab. Klar ist: Wenn beides da ist, braucht beides eine eigene Abklärung und eine eigene Behandlung. Die eine ersetzt die andere nicht.

Kurz beantwortet

  • Wie häufig: In einer US-Befragung hatten 18,6 % der Erwachsenen mit ADHS im letzten Jahr eine Major Depression (ohne ADHS: 7,8 %). In schwedischen Registern war bei 42 % eine Depression diagnostiziert (ohne ADHS: knapp 5 %).
  • Ursache: ADHS erhöht das Risiko für eine spätere Depression etwas. Wie viel davon Folge der ADHS ist und wie viel auf gemeinsame Anlagen zurückgeht, ist offen.
  • Unterschied: ADHS beginnt in der Kindheit. Eine depressive Episode hält mindestens zwei Wochen an. Konzentration und innere Unruhe überschneiden sich – deshalb gehört die Abklärung zu einer Fachperson.
  • Behandlung: Die Depression wird nach Schwere behandelt, die ADHS nach ihrer eigenen Leitlinie. ADHS-Medikamente sind keine Depressionsbehandlung. Bei Gedanken an Suizid: TelefonSeelsorge 0800 111 0 111, 0800 111 0 222 oder 116 123, im Notfall 112.

Hier liest du, was die Zahlen wirklich sagen, wo sich die Symptome überschneiden, warum Antidepressiva manchmal nicht reichen und was die deutschen Leitlinien empfehlen. Außerdem: wie du in Deutschland schnell an einen Termin kommst und was beim Grad der Behinderung und beim Pflegegrad gilt.

1. Wie häufig sind ADHS und Depression zusammen?

Wer ADHS hat, hat häufiger auch eine Depression. Die deutsche S3-Leitlinie zu ADHS zählt depressive Störungen zu den häufigsten Begleiterkrankungen. Sie sollen bei Hinweisen abgeklärt und nach ihrer eigenen Leitlinie behandelt werden.

Wie häufig genau, dazu gibt es sehr unterschiedliche Zahlen. Zwei große Studien zeigen die Spanne gut:

Warum liegen die Zahlen so weit auseinander? Die US-Studie fragte nach den letzten zwölf Monaten. Die Registerdaten zählen jede Diagnose, die irgendwann gestellt wurde. Außerdem werden bei Menschen, die ohnehin in Behandlung sind, vermutlich eher weitere Diagnosen gestellt. Beide Zahlen stimmen also, sie messen nur etwas anderes. Eine einzelne „richtige“ Prozentzahl gibt es nicht.

Zur Einordnung: Depressionen sind in Deutschland insgesamt häufig. Laut dem Gesundheitsportal des Bundes erkranken 16 bis 20 von 100 Menschen im Lauf ihres Lebens mindestens einmal an einer Depression oder einer chronisch depressiven Verstimmung. In Befragungen des Robert Koch-Instituts stieg der Anteil Erwachsener mit deutlichen depressiven Symptomen von 7,5 % im Jahr 2020 auf 14,8 % im Jahr 2023. Das sind Werte aus einem Fragebogen, keine Diagnosen.

2. Macht ADHS depressiv? Was die Forschung weiß

Die ehrliche Antwort: zum Teil, aber wie stark, ist offen. Drei Befunde helfen beim Einordnen.

Ein etwas höheres Risiko. Eine britische Langzeitstudie hat über 8.000 Kinder bis ins junge Erwachsenenalter begleitet (Riglin u. a. 2021). Kinder mit ADHS hatten mit 18 bis 25 Jahren häufiger wiederkehrende Depressionen. Der Effekt war messbar, aber nicht groß (Odds Ratio 1,35).

Gemeinsame Anlagen. ADHS und Depression teilen viele genetische Faktoren. Dieselbe Studie hat mit genetischen Daten geprüft, ob die Anlage zu ADHS die Depression mit verursacht. Für die schwere Depression (Major Depression) sprachen die Ergebnisse dafür. Für breiter gefasste Depression war der Einfluss nur schwach.

Kein einfaches Bild bei Kindern. Eine Metaanalyse von 29 Studien mit Kindern und Jugendlichen fand insgesamt einen positiven Zusammenhang, mit großen Unterschieden zwischen den Studien (Meinzer u. a. 2014). In Studien, die Kinder über längere Zeit begleitet haben, war der Zusammenhang aber unsicher. Die Fachleute nennen mehrere mögliche Gründe, etwa die Auswahl der Kinder oder sich überschneidende Diagnosekriterien.

Und warum könnte ADHS das Risiko erhöhen? Darüber gibt es Hypothesen, aber keine gesicherte Antwort. Eine oft genannte Vermutung ist die Erfahrung, über Jahre zu hören, man sei faul oder strenge sich nicht an. Die S3-Leitlinie nennt Depressivität, Angst und Probleme mit dem Selbstwert als häufige Begleitsymptome bei Erwachsenen mit ADHS. Sie sollen in der Behandlung ausdrücklich mit angegangen werden. Ob genau diese Erfahrungen die Depression auslösen, ist nicht belegt. Auch dass Unterschiede beim Botenstoff Dopamin beides erklären, ist eine Hypothese, kein Befund.

Dazu kommt: Laut S3-Leitlinie sind starke Gefühlsschwankungen (emotionale Dysregulation) bei Erwachsenen mit ADHS häufig. Das ist etwas anderes als eine Depression, kann sich aber ähnlich schwer anfühlen. Mehr dazu im Ratgeber emotionale Dysregulation bei ADHS. Wenn dich vor allem Kritik und Ablehnung aus der Bahn werfen, hilft dir vielleicht der Selbst-Check zu RSD.

3. Symptome: Wo sich ADHS und Depression überschneiden

Die Nationale VersorgungsLeitlinie (NVL) Unipolare Depression teilt die Zeichen einer Depression in Haupt- und Zusatzsymptome. Für eine depressive Episode müssen sie mindestens zwei Wochen bestehen.

Hauptsymptome einer Depression:

Zusatzsymptome, unter anderem:

Wenn du gerade an Suizid denkst: Die TelefonSeelsorge erreichst du kostenlos und rund um die Uhr unter 0800 111 0 111, 0800 111 0 222 oder 116 123. In akuter Gefahr wähl die 112.

Schon an dieser Liste siehst du das Problem: Unkonzentriertheit und innere Unruhe kennen viele Erwachsene mit ADHS seit der Kindheit. Wer nur auf diese Zeichen schaut, kann ADHS für eine Depression halten – oder umgekehrt.

Die folgende Übersicht stellt nebeneinander, was die offiziellen Beschreibungen sagen. Sie ersetzt keine Untersuchung.

ADHSDepressive Episode
Beginnfrüh, meist in den ersten fünf Lebensjahren (ICD-10-GM)nicht an die Kindheit gebunden
Dauerlangfristig; laut S3-Leitlinie haben 50 bis 80 % der Kinder mit ADHS auch als Erwachsene noch Symptomemindestens zwei Wochen am Stück
Stimmungkein Diagnosekriterium; starke Gefühlsschwankungen sind laut S3-Leitlinie bei Erwachsenen häufiggedrückt; ändert sich laut ICD-10-GM typischerweise von Tag zu Tag wenig
Konzentrationwenig Ausdauer bei geistig fordernden Aufgabenvermindert (Zusatzsymptom)
UnruheTeil des Störungsbilds; ab dem Jugendalter laut S3-Leitlinie oft als innere Unruhemöglich als innere Unruhe (Zusatzsymptom)

Ein Hinweis, kein Beweis: Wenn du dich an Unruhe und Unkonzentriertheit seit der Grundschule erinnerst, die gedrückte Stimmung aber erst seit einigen Monaten da ist, spricht das dafür, beides abklären zu lassen. Auch eine lange anhaltende gedrückte Stimmung kann eine eigene Erkrankung sein, etwa eine Dysthymie. Sie ist kein Beweis für ADHS.

4. ADHS, Depression oder beides? So wird es abgeklärt

Du musst das nicht allein auseinandersortieren. Die Leitlinien sehen vor, dass die Fachleute es tun:

Bei Erwachsenen sollen laut S3-Leitlinie Fachärzt:innen für Psychiatrie und Psychotherapie, Neurologie oder psychosomatische Medizin die ADHS-Diagnostik übernehmen, ebenso ärztliche oder psychologische Psychotherapeut:innen. Weil ADHS laut ICD-10-GM früh beginnt, spielt deine Kindheit bei der Abklärung eine Rolle. Wie eine Diagnose im Erwachsenenalter abläuft, erklärt der Ratgeber späte ADHS-Diagnose.

Was du dir vor dem Termin notieren kannst:

Wenn du erst einmal für dich einordnen willst, ob ADHS ein Thema sein könnte, kann der ADHS-Selbsttest ein Anfang sein. Er ist kein geprüftes Diagnoseinstrument und ersetzt keine Abklärung.

Und Burnout? Phasen völliger Erschöpfung nennen manche Erwachsene mit ADHS „ADHS-Burnout“. Das ist kein medizinischer Fachbegriff. Burnout steht in der ICD-10-GM nicht bei den psychischen Erkrankungen, sondern unter Z73 bei Problemen der Lebensbewältigung. Eine Depression kann sich dahinter verbergen. Mehr zu dieser Erschöpfung im Ratgeber ADHS-Burnout.

5. Warum Antidepressiva bei ADHS manchmal nicht wirken

Auf diese Frage gibt die NVL Unipolare Depression zwei klare Hinweise. Eine einfache Antwort für alle gibt es nicht.

Erst die Gründe prüfen. Wirkt ein Antidepressivum nach vier Wochen nicht, sollen zuerst die Ursachen geprüft werden. Die Leitlinie nennt unter anderem eine falsche Diagnose, eine zu niedrige Dosis oder einen zu niedrigen Spiegel im Blut, weitere körperliche oder psychische Erkrankungen und Medikamente, die selbst die Stimmung drücken können.

ADHS als möglicher Teil der Erklärung. In einer Begründung nennt die NVL ADHS ausdrücklich als Begleiterkrankung, die teilweise erklären kann, warum Antidepressiva nicht wirken. Dann kann eine Behandlung der ADHS angezeigt sein. Die Leitlinie sagt aber genauso klar: Stimulanzien sollen nicht eingesetzt werden, um die Wirkung von Antidepressiva zu verstärken. Wenn sie bei ADHS gegeben werden, dann als Behandlung der ADHS, nicht als Mittel gegen die Depression.

Für dich heißt das: Wenn die Depressionsbehandlung nicht so hilft wie erhofft und du einen ADHS-Verdacht hast, sprich ihn offen an. Es ist eine berechtigte Frage, keine Ausrede. Eine Garantie, dass eine ADHS-Behandlung die Stimmung hebt, gibt es aber nicht.

6. Behandlung: Was hilft, wenn beides da ist

Eine eigene Leitlinie nur für die Kombination gibt es nicht. Die S3-Leitlinie ADHS sagt aber, wie die beiden Leitlinien zusammenspielen: Die Depression wird nach der Depressions-Leitlinie behandelt, die ADHS nach der ADHS-Leitlinie. Ist die ADHS erfolgreich behandelt, soll gemeinsam mit dir geprüft werden, welche Schwierigkeiten bleiben, und dafür ein eigener Plan entstehen.

Die Depression: nach Schweregrad

Die NVL Unipolare Depression unterscheidet drei Stufen:

Welches Antidepressivum passt, richtet sich laut NVL nach Verträglichkeit, Wechselwirkungen, deinen Wünschen und der Erfahrung der Behandelnden. Eine pauschale erste Wahl nennt die Leitlinie nicht. Bei einer ADHS-Medikation sind mögliche Wechselwirkungen ein Grund mehr, alle Mittel offen anzusprechen.

Dazu kommt Bewegung: Die NVL empfiehlt, Menschen mit Depression zu Sport zu ermutigen, wenn nichts körperlich dagegen spricht – am besten in einer Gruppe oder als angeleitetes Training. Das ist kein Ersatz für Therapie, aber ein Baustein mit klarer Empfehlung.

Die ADHS: eigene Behandlung, eigenes Ziel

Für Erwachsene mit ADHS sieht die S3-Leitlinie Aufklärung, Psychotherapie und andere psychosoziale Hilfen vor, bei Bedarf auch Medikamente. Ein ausdrückliches Ziel der psychosozialen Behandlung ist, auch Depressivität, Angst und Selbstwertprobleme zu verringern. Welche ADHS-Medikamente für Erwachsene in Deutschland zugelassen sind, steht im Ratgeber ADHS-Medikamente.

Wichtig ist die Grenze: ADHS-Medikamente sind keine Depressionsbehandlung. Sie behandeln die ADHS. Ob sich dadurch auch die Stimmung bessert, ist von Mensch zu Mensch verschieden, und die Depression braucht trotzdem ihre eigene Behandlung.

Bupropion taucht in diesem Zusammenhang oft auf. In Deutschland ist es als Antidepressivum zugelassen (zum Beispiel Elontril), für ADHS nicht. Eine Verordnung wegen ADHS wäre also Off-Label. Was dazu bekannt ist, steht im Ratgeber Bupropion bei ADHS.

Was zuerst?

Eine feste Reihenfolge gibt keine der beiden Leitlinien vor. Das entscheiden du und deine Behandelnden gemeinsam. Eine Ausnahme gibt es: Bei akuten Suizidgedanken geht deine Sicherheit vor. Die NVL sieht dann eine Krisenintervention oder Psychotherapie vor, wenn nötig auch eine Aufnahme in der Klinik. Die TelefonSeelsorge erreichst du jederzeit unter 0800 111 0 111, 0800 111 0 222 oder 116 123, im Notfall wählst du die 112.

7. Schnell Hilfe finden in Deutschland

Mit der Hilfe für die Depression musst du nicht warten, bis eine ADHS-Abklärung abgeschlossen ist. In der gesetzlichen Krankenversicherung gibt es diese Wege:

  1. Hausarztpraxis. Sie kann eine Depression erkennen, erste Schritte einleiten und überweisen.
  2. Psychotherapeutische Sprechstunde. Dafür brauchst du keine Überweisung. Die Praxen sind zur Terminvereinbarung telefonisch erreichbar.
  3. Terminservice 116117. Die 116117 muss innerhalb einer Woche einen Termin vermitteln. Der darf höchstens vier Wochen in der Zukunft liegen, bei einer psychotherapeutischen Akutbehandlung höchstens zwei Wochen. Für die Akutbehandlung sind bis zu zwölf Stunden möglich, ohne Antrag bei der Krankenkasse.
  4. Ärztlicher Bereitschaftsdienst 116117. Für dringende Fälle außerhalb der regulären Sprechzeiten, die nicht lebensbedrohlich sind. Bei Lebensgefahr gilt die 112.

Sag in jedem Gespräch dazu, dass du einen ADHS-Verdacht hast oder eine ADHS-Diagnose. Das hilft den Behandelnden, beides im Blick zu behalten. Wie es um ADHS bei Erwachsenen allgemein steht, fasst der Ratgeber ADHS bei Erwachsenen zusammen.

8. GdB und Pflegegrad bei ADHS und Depression

Viele suchen nach einem festen Grad der Behinderung (GdB) oder einem Pflegegrad für die Kombination. Den gibt es nicht. Beide Verfahren fragen nicht nach Diagnosen, sondern danach, wie stark du im Alltag eingeschränkt bist.

Grad der Behinderung (GdB)

Den GdB stellt das Versorgungsamt fest. Grundlage sind die Versorgungsmedizinischen Grundsätze. Für die beiden Diagnosen stehen dort diese Rahmen:

Die Werte werden nicht addiert. Die Grundsätze verbieten ausdrücklich, Werte zusammenzuzählen oder zu mitteln. Maßgeblich ist der höchste Einzelwert. Eine weitere Störung erhöht den Gesamtwert nur, wenn sie die Einschränkung wesentlich verstärkt, also um mindestens 10. Überschneiden sich die Folgen vollständig, steigt der Wert in der Regel nicht.

Wie der Antrag abläuft und was ein GdB im Job bringt, erklärt der Ratgeber Ist ADHS eine Behinderung?

Pflegegrad

Ein Pflegegrad kommt aus der Pflegeversicherung. Pflegebedürftig ist laut Gesetz, wer aus gesundheitlichen Gründen in seiner Selbstständigkeit eingeschränkt ist und deshalb Hilfe von anderen braucht – voraussichtlich für mindestens sechs Monate. Nach deinem Antrag beauftragt die Pflegekasse den Medizinischen Dienst oder andere unabhängige Gutachter:innen mit der Prüfung.

Geprüft werden sechs Bereiche, zum Beispiel Mobilität und Selbstversorgung. Für ADHS und Depression sind zwei Bereiche besonders wichtig:

Von diesen beiden Bereichen zählt nur der mit dem höheren Wert. Er macht 15 % der Gesamtwertung aus. Pflegegrad 1 beginnt bei 12,5 von 100 Punkten, Pflegegrad 2 bei 27 Punkten. Wie oft Erwachsene mit ADHS und Depression einen Pflegegrad bekommen, dazu haben wir keine verlässlichen Zahlen gefunden. Entscheidend ist dein tatsächlicher Hilfebedarf im Alltag.

9. Wenn Suizidgedanken dazukommen

Darüber zu sprechen ist wichtig, auch hier. Eine Auswertung von 57 Studien fand bei Menschen mit ADHS deutlich häufiger Suizidgedanken, Suizidversuche und Suizide (Septier u. a. 2019). Für Suizidgedanken lag das Chancenverhältnis (Odds Ratio) bei 3,53, für Suizidversuche bei 2,37. Die Studien unterschieden sich stark, und es waren Menschen aller Altersgruppen dabei. Die Zahlen sagen nichts über dich persönlich. Sie sagen nur: Das Thema verdient Aufmerksamkeit.

Die NVL Unipolare Depression verlangt, dass Behandelnde bei jeder Depression in jedem Gespräch einschätzen, ob Suizidgedanken da sind. Wenn du gefragt wirst, ist das kein Misstrauen, sondern Standard. Du darfst das Thema auch selbst ansprechen.

Wenn du autistisch bist oder dich im Autismus-Spektrum vermutest, gibt es eigene Fragen rund um Depression. Sie behandelt der Ratgeber Autismus und Depression. Wenn Ängste im Vordergrund stehen, lies weiter bei ADHS und Angst.

10. Häufige Fragen

Hängen ADHS und Depression zusammen?

Ja. Erwachsene mit ADHS haben häufiger eine Depression als Erwachsene ohne ADHS. In einer US-Befragung hatten 18,6 % der Erwachsenen mit ADHS in den letzten zwölf Monaten eine Major Depression, ohne ADHS waren es 7,8 %. In schwedischen Registerdaten war bei 42 % der Erwachsenen mit ADHS eine Depression diagnostiziert, ohne ADHS bei knapp 5 %. Die deutsche S3-Leitlinie zählt depressive Störungen zu den häufigsten Begleiterkrankungen von ADHS.

Kann man ADHS und Depression gleichzeitig haben?

Ja. Beides kann gleichzeitig bestehen und beides kann diagnostiziert werden. Die S3-Leitlinie ADHS sagt: Begleitende Störungen wie eine Depression sollen bei Hinweisen abgeklärt und nach ihrer eigenen Leitlinie behandelt werden. Die eine Diagnose schließt die andere also nicht aus.

Was ist der Unterschied zwischen ADHS und Depression?

ADHS beginnt laut ICD-10-GM früh, meist in den ersten fünf Lebensjahren, und begleitet viele Menschen bis ins Erwachsenenalter. Eine depressive Episode ist ein Zustand, der mindestens zwei Wochen anhält: gedrückte Stimmung, Verlust von Interesse und Freude, wenig Antrieb. Unkonzentriertheit und innere Unruhe kommen bei beidem vor. Darum lässt sich das allein kaum sicher trennen – eine Fachperson fragt nach Beginn, Verlauf und Kindheit.

Warum wirken Antidepressiva bei ADHS manchmal nicht?

Eine pauschale Antwort gibt es nicht. Die Nationale VersorgungsLeitlinie Unipolare Depression sagt: Wirkt ein Antidepressivum nach vier Wochen nicht, sollen zuerst die Gründe geprüft werden – etwa eine falsche Diagnose oder eine weitere psychische Erkrankung. Eine begleitende ADHS nennt die Leitlinie ausdrücklich als möglichen Teil der Erklärung. Dann kann eine eigene ADHS-Behandlung angezeigt sein. Ein Verstärker für das Antidepressivum ist sie aber nicht.

Welche Medikamente helfen bei ADHS und Depression?

Das entscheidest du mit deiner Ärztin oder deinem Arzt. Die Depression wird nach Schwere behandelt: bei leichter zuerst niedrigschwellige Hilfen, bei mittelgradiger Psychotherapie oder Medikamente gleichwertig, bei schwerer beides zusammen. ADHS-Medikamente behandeln die ADHS, nicht die Depression. Stimulanzien sollen laut Leitlinie nicht zur Verstärkung von Antidepressiva eingesetzt werden. Bupropion ist in Deutschland als Antidepressivum zugelassen, für ADHS nicht.

Wie hoch ist der Behinderungsgrad bei ADHS und Depression?

Einen festen Wert gibt es nicht. Das Versorgungsamt bewertet nach den Versorgungsmedizinischen Grundsätzen, wie stark dich beides im Alltag einschränkt. Für ADHS reicht der Rahmen von keinem GdB (ohne soziale Anpassungsschwierigkeiten) bis 80–100, ab 25 Jahren regelhaft höchstens 50. Für ausgeprägtere depressive Störungen sind nach Abschnitt 3.7 30–40 vorgesehen, für schwere Störungen 50–100. Die Werte werden nicht addiert: Maßgeblich ist der höchste Einzelwert, die weitere Störung erhöht ihn nur, wenn sie die Einschränkung wesentlich verstärkt.

Bekommt man bei ADHS und Depression einen Pflegegrad?

Nicht wegen der Diagnosen. Ein Pflegegrad hängt davon ab, wie selbstständig du im Alltag bist. Das prüfen im Auftrag der Pflegekasse der Medizinische Dienst oder andere unabhängige Gutachter:innen in sechs Bereichen. Dazu gehören auch das Steuern mehrschrittiger Alltagshandlungen und Antriebslosigkeit bei depressiver Stimmungslage. Die Einschränkung muss voraussichtlich mindestens sechs Monate bestehen. Pflegegrad 1 beginnt bei 12,5 von 100 Punkten.

Ist ADHS-Burnout dasselbe wie eine Depression?

Nein. „ADHS-Burnout“ ist ein Begriff aus der Community, keine Diagnose. Burnout steht in der ICD-10-GM nicht bei den psychischen Erkrankungen, sondern unter Z73 bei Problemen der Lebensbewältigung. Eine Depression ist dagegen eine eigene Erkrankung. Wenn du dich ausgebrannt fühlst und seit zwei Wochen oder länger kaum Freude oder Antrieb hast, lass prüfen, ob eine Depression dahintersteckt.

Was tun bei Suizidgedanken?

Sprich jetzt mit jemandem. Die TelefonSeelsorge erreichst du kostenlos, anonym und rund um die Uhr unter 0800 111 0 111, 0800 111 0 222 oder 116 123. Bist du in akuter Gefahr, wähl die 112. Menschen mit ADHS haben in Studien häufiger Suizidgedanken. Das ist kein Grund für Scham, sondern ein Grund, früh Hilfe zu holen.

Quellen und Stand

Wir haben jede Zahl auf dieser Seite an der jeweiligen Quelle geprüft. Wo wir nur die Zusammenfassung einer Studie lesen konnten, steht das dabei.

Leitlinien und Klassifikation

  1. AWMF: S3-Leitlinie ADHS im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter, Registernummer 028-045, Langfassung Version 1.0 (Stand 02.05.2017, gültig bis 01.05.2022, in Überarbeitung). Genutzt: Kapitel 2.4 (Verlauf, S. 12–13), Empfehlungen 1.1.2, 1.1.9, 1.1.10, 1.2.4, 1.3.1.4.1 und Kapitel II (emotionale Dysregulation, S. 91). register.awmf.org (PDF)
  2. Bundesärztekammer, KBV, AWMF: Nationale VersorgungsLeitlinie Unipolare Depression, Langfassung Version 3.2 (2022). Genutzt: Tabelle 8 und Abbildung 3 (Symptome, Dauer), Empfehlungen 2-6, 2-8, 2-11, 4-4, 5-1, 5-4, 5-8, 5-13, 5-14, 7-2, 7-10 mit Begründung, 9-7, 9-8, 12-5 und 12-7. register.awmf.org (PDF)
  3. BfArM: ICD-10-GM Version 2026, Block F30–F39 (F32 Depressive Episode), Block F90–F98 (F90 Hyperkinetische Störungen) und Block Z70–Z76 (Z73). F30–F39 · F90–F98 · Z70–Z76

Studien und Zahlen

  1. Kessler, R. C. u. a. (2006): The prevalence and correlates of adult ADHD in the United States: results from the National Comorbidity Survey Replication. American Journal of Psychiatry163(4), 716–723 (gelesen: Volltext, Tabelle 3). doi.org/10.1176/ajp.2006.163.4.716
  2. Chen, Q. u. a. (2018): Common psychiatric and metabolic comorbidity of adult attention-deficit/hyperactivity disorder: A population-based cross-sectional study. PLoS ONE 13(9), e0204516 (gelesen: Volltext, Tabelle 2). doi.org/10.1371/journal.pone.0204516
  3. Riglin, L. u. a. (2021): ADHD and depression: investigating a causal explanation. Psychological Medicine51(11), 1890–1897 (gelesen: Zusammenfassung). doi.org/10.1017/S0033291720000665
  4. Meinzer, M. C., Pettit, J. W. & Viswesvaran, C. (2014): The co-occurrence of attention-deficit/hyperactivity disorder and unipolar depression in children and adolescents: a meta-analytic review. Clinical Psychology Review34(8), 595–607 (gelesen: Zusammenfassung). doi.org/10.1016/j.cpr.2014.10.002
  5. Septier, M. u. a. (2019): Association between suicidal spectrum behaviors and Attention-Deficit/Hyperactivity Disorder: A systematic review and meta-analysis. Neuroscience & Biobehavioral Reviews103, 109–118 (gelesen: Zusammenfassung). doi.org/10.1016/j.neubiorev.2019.05.022
  6. Walther, L. u. a. (Robert Koch-Institut, 2026, online 2025): Trends in depressive symptoms in Germany’s adult population 2008–2023. Social Psychiatry and Psychiatric Epidemiology61(3), 435–447 (gelesen: Zusammenfassung). doi.org/10.1007/s00127-025-02965-6
  7. gesund.bund.de (Bundesministerium für Gesundheit, mit IQWiG): Depression, Stand 04.04.2025. gesund.bund.de

Recht, Versorgung, Arzneimittel

  1. Versorgungsmedizin-Verordnung, Anlage zu § 2 (Versorgungsmedizinische Grundsätze): Teil A Nummer 3 (Gesamt-GdB), Teil B Nummer 3.5.2 und 3.7 (abgerufen am 13.10.2026). gesetze-im-internet.de
  2. Sozialgesetzbuch XI, §§ 14, 15 und 18 (Pflegebedürftigkeit, Begutachtungsinstrument, Begutachtung; abgerufen am 13.10.2026). § 14 · § 15 · § 18
  3. Kassenärztliche Bundesvereinigung, 116117: Psychotherapie (keine Überweisung, Terminvermittlung, Akutbehandlung) und Häufige Fragen zum Bereitschaftsdienst (abgerufen am 13.10.2026). 116117.de/psychotherapie · 116117.de/haeufige-fragen
  4. Gebrauchsinformation Elontril 150 mg Tabletten mit veränderter Wirkstofffreisetzung (Anwendungsgebiet Depression), Rote Liste PatientenInfo-Service. patienteninfo-service.de

Krisenhilfe

  1. TelefonSeelsorge Deutschland: 0800/1110111, 0800/1110222 und 116123, Anruf kostenfrei, Tag und Nacht (abgerufen am 13.10.2026). telefonseelsorge.de
  2. Telefonseelsorge Österreich, Notruf 142. telefonseelsorge.at
  3. Die Dargebotene Hand (Schweiz), 143. 143.ch

Stand: 13. Oktober 2026

Wir sind ein kleines unabhängiges Team, keine medizinische Einrichtung, und diese Seite wurde nicht fachärztlich geprüft. Die S3-Leitlinie ADHS wird derzeit überarbeitet. Sobald die neue Fassung gilt oder die NVL Unipolare Depression aktualisiert wird, passen wir die Seite an und ändern dieses Datum mit.

Nur zur Information – keine medizinische Beratung und keine Diagnose. Wenn du dich seit zwei Wochen oder länger niedergeschlagen fühlst, sprich mit deiner Hausarztpraxis oder nutze die psychotherapeutische Sprechstunde. Bei Gedanken an Suizid: TelefonSeelsorge 0800 111 0 111, 0800 111 0 222 oder 116 123, im Notfall 112.