Skip to content
Neurodiverge App

Ratgeber · 16 Minuten Lesezeit · Aktualisiert 17. Oktober 2026

Was ist AuDHD? Autismus und ADHS gleichzeitig

AuDHD – auf Deutsch oft AuDHS – heißt: Ein Mensch ist autistisch und hat zugleich ADHS. Das Wort ist keine eigene Diagnose, sondern eine Selbstbezeichnung für zwei Diagnosen, die oft zusammen vorkommen. Große Auswertungen vieler Studien kommen darauf, dass etwa 28 % (Lai u. a. 2019) bis 40 % (Rong u. a. 2021) der autistischen Menschen auch ADHS haben.

Kurz beantwortet

  • Was es heißt: „Au“ steht für Autismus, „DHD“ für ADHD, das englische Kürzel von ADHS. Im Befund steht nicht „AuDHD“, sondern zwei getrennte Diagnosen.
  • Wie häufig: Je nach Meta-Analyse haben 28 bis 40 % der autistischen Menschen auch ADHS. Die oft zitierten 50 bis 70 % sind umstritten.
  • Diagnose: DSM-5 (seit 2013) und ICD-11 erlauben beide Diagnosen. Die in Deutschland gültige ICD-10-GM schließt die Kombination formal noch aus. Die deutschen Leitlinien empfehlen trotzdem, das jeweils andere abzuklären.
  • Was hilft: eine Abklärung, die beide Seiten prüft, Hilfen für Reize, Struktur und Energie und bei Bedarf ADHS-Medikamente, die eng begleitet werden sollten.

1. Was bedeutet AuDHD – und was heißt AuDHS?

AuDHD ist ein Kunstwort aus zwei Abkürzungen. „Au“ steht für Autismus. „DHD“ stammt aus ADHD, dem englischen Kürzel für ADHS. Weil ADHD auf Deutsch ADHS heißt, schreiben viele im deutschsprachigen Raum AuDHS. Beide Wörter meinen dasselbe.

AuDHD ist keine Diagnose. Weder die ICD-10-GM, nach der in Deutschland Diagnosen verschlüsselt werden, noch die ICD-11 der WHO oder das amerikanische Handbuch DSM-5 kennen einen Eintrag „AuDHD“. Wer beides hat, bekommt zwei getrennte Diagnosen: eine aus dem Autismus-Spektrum und eine ADHS-Diagnose.

Das Wort ist also eine Selbstbezeichnung. Es drückt aus, dass sich die Kombination anders anfühlen kann als jede Seite für sich. Wie stark Autismus und ADHS in Online-Gesprächen zusammengerückt sind, zeigt eine Auswertung von Reddit-Beiträgen der Jahre 2012 bis 2022: Ab 2020 überschnitten sich die Nutzer:innen der Foren r/autism und r/ADHD deutlich stärker. 2021 wurde Autismus im ADHS-Forum zur am häufigsten genannten anderen Diagnose. Inzwischen verwenden auch Fachartikel den Begriff, etwa eine Interviewstudie mit spät diagnostizierten Frauen aus dem Jahr 2024.

2. Kann man Autismus und ADHS gleichzeitig haben?

Ja. Die aktuellen Diagnose-Handbücher erlauben ausdrücklich beide Diagnosen bei derselben Person.

Hinter der alten Regel steht eine Frage, die Fachleute bis heute beschäftigt: Kommen Unaufmerksamkeit und Unruhe bei einer autistischen Person von einer zusätzlichen ADHS – oder vom Autismus selbst? Die deutsche ADHS-Leitlinie nennt Autismus auch als Differenzialdiagnose: Autistische Merkmale können selbst Unaufmerksamkeit oder Impulsivität auslösen.

Wie eng Autismus und ADHS zusammenhängen, zeigt eine schwedische Registerstudie mit knapp 1,9 Millionen Menschen der Jahrgänge 1987 bis 2006. Autistische Menschen hatten dort ein vielfach höheres Risiko für eine ADHS-Diagnose. Auch ihre Verwandten hatten häufiger ADHS, eineiige Zwillinge deutlich häufiger als zweieiige. Die Forschenden sehen darin einen Hinweis auf gemeinsame genetische Anteile. Warum beides so oft zusammen vorkommt, ist aber nicht vollständig geklärt.

3. Was in Deutschland gilt: ICD-10-GM und Leitlinien

In Deutschland werden Diagnosen nach der ICD-10-GM verschlüsselt. Die WHO hat die ICD-11 zwar am 1. Januar 2022 in Kraft gesetzt. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) schreibt aber, dass die Einführung in Deutschland noch mehrere Jahre dauern wird. Bis dahin bleibt die ICD-10-GM die gültige Klassifikation.

In der ICD-10-GM steht ADHS unter „Hyperkinetische Störungen“ (F90). Dort steht ein Ausschluss: „Tief greifende Entwicklungsstörungen (F84.-)“. Unter F84 stehen unter anderem frühkindlicher Autismus, atypischer Autismus und das Asperger-Syndrom. Formal schließt die Klassifikation die Kombination also aus.

Die deutschen Fachleitlinien gehen trotzdem davon aus, dass beides zusammen vorkommt:

Beide Leitlinien sind älter und werden gerade überarbeitet. Die ADHS-Leitlinie ist abgelaufen; laut Deutscher PsychotherapeutenVereinigung soll die Neufassung bis zum 30. September 2026 fertig sein. Die Autismus-Leitlinie zur Diagnostik trägt den Hinweis, dass sie seit mehr als fünf Jahren nicht aktualisiert wurde und überarbeitet wird.

Was heißt das für dich? Die formale Regel und die Leitlinien passen hier nicht ganz zusammen. Frag bei der Abklärung nach, ob beide Seiten geprüft werden. Und lass dir erklären, welche Diagnosen am Ende im Befund stehen.

4. Wie häufig ist AuDHD?

Am verlässlichsten sind Meta-Analysen. Sie fassen viele Einzelstudien zusammen und gleichen so Zufälle einzelner Stichproben aus.

QuelleWas untersucht wurdeErgebnis
Lai u. a. 2019, Lancet PsychiatryMeta-Analyse zu begleitenden Diagnosen bei autistischen Menschen, 96 Studien28 % hatten auch ADHS
Rong u. a. 2021, Research in Autism Spectrum DisordersMeta-Analyse zu ADHS bei autistischen Menschen, 63 Studien aus 2000 bis 202038,5 % aktuell, 40,2 % im Lauf des Lebens
Hollingdale u. a. 2020, Psychological MedicineMeta-Analyse, 22 Studien mit 61.985 Kindern und Jugendlichen mit ADHS21 % erfüllten auch die Kriterien für Autismus
S3-Leitlinie Autismus, Diagnostik (2016)Zusammenfassung der damaligen StudienlageADHS in ca. 30 % der Fälle

Grob gesagt: Zwischen gut einem Viertel und etwa zwei Fünfteln der autistischen Menschen haben auch ADHS. Aus der ADHS-Richtung liegt der Wert bei etwa einem Fünftel, zumindest bei Kindern und Jugendlichen. Wie viele Menschen in der Bevölkerung insgesamt AuDHD haben, lässt sich aus diesen Zahlen nicht sicher ableiten.

Warum die Zahlen so auseinandergehen

Die Studien zählen nicht alle dasselbe. Lai und Kolleg:innen fanden: Studien aus Kliniken kamen auf höhere Werte als Studien aus der Bevölkerung oder aus Registern. Eine naheliegende Erklärung: Wer in einer Klinik landet, hat oft mehr Schwierigkeiten. Rong und Kolleg:innen zeigten außerdem, dass Alter, eine begleitende Intelligenzminderung, der Ort der Rekrutierung und die verwendeten Diagnosekriterien die Ergebnisse beeinflussen. Hollingdale und Kolleg:innen fanden dagegen keinen statistisch bedeutsamen Unterschied zwischen Bevölkerungs- (19 %) und Klinikstichproben (24 %).

Woher die „50 bis 70 %“ kommen

Im Netz liest man oft, dass 50 bis 70 % der autistischen Menschen ADHS haben. Diese Spanne steht zum Beispiel am Anfang eines Fachartikels von Hours und Kolleg:innen aus dem Jahr 2022, mit Verweis auf die Fachliteratur. Der Artikel stellt die Zahl aber gleich infrage. Die Autor:innen fragen, ob hinter den Aufmerksamkeitsproblemen autistischer Menschen wirklich immer ADHS steckt. Oder ob es sich teils um autistische Merkmale handelt, etwa um Unterschiede bei der geteilten Aufmerksamkeit mit anderen. Sie schreiben, dass umstritten ist, ob hinter der Doppeldiagnose neurobiologisch wirklich zwei getrennte Störungen stehen.

Für dich heißt das: Die großen Meta-Analysen liegen deutlich unter 50 bis 70 %. Selten ist die Kombination trotzdem nicht.


Du möchtest deine eigenen Erfahrungen sortieren? Unser kostenloser AuDHD-Selbsttest hat 20 Aussagen und dauert etwa fünf Minuten. Er ist kein geprüftes Messinstrument und stellt keine Diagnose. Er kann dir aber helfen, ein Gespräch mit einer Fachperson vorzubereiten.

5. Wie sich AuDHD anfühlen kann

Die folgenden Punkte sind keine Diagnosekriterien. Es sind Muster, die manche autistische Erwachsene mit ADHS so beschreiben. Nicht jede:r erkennt sich in allem wieder, und manches kennen auch Menschen mit nur einer der beiden Diagnosen.

Ein Erklärungsansatz dafür ist der Monotropismus. Die Theorie von Murray, Lesser und Lawson (2005) stützt sich auch auf die eigene Autismus-Erfahrung einer der drei Personen, die sie aufgeschrieben haben. Sie beschreibt Aufmerksamkeit, die sich auf wenige Dinge zugleich bündelt. Das könnte erklären, warum Umschalten so viel Kraft kostet. Es ist eine Theorie, keine gesicherte Erklärung.

Eine ausführliche Liste nach Lebensbereichen findest du im Ratgeber AuDHD-Symptome.

6. AuDHD oder „nur“ ADHS oder Autismus?

Die Frage stellen sich viele. Die WHO beschreibt den Unterschied so: Auch autistische Menschen zeigen oft Besonderheiten der Aufmerksamkeit – sie sind zum Beispiel stark fokussiert oder leicht ablenkbar –, dazu Impulsivität und körperliche Unruhe. Menschen mit ADHS allein haben aber nicht die Kernmerkmale von Autismus. Das sind dauerhafte Unterschiede darin, soziale Kommunikation zu beginnen und aufrechtzuerhalten, sowie feste, wiederkehrende und wenig flexible Muster bei Verhalten und Interessen.

In der Praxis ist die Grenze schwerer zu ziehen. Eine Berliner Arbeitsgruppe aus der Autismus-Diagnostik für Erwachsene (Küpper, Bartels und Dziobek 2025) betont zwei Punkte:

Dieselbe Arbeitsgruppe schreibt, dass Menschen mit der Doppeldiagnose oft deutlich stärker eingeschränkt sind und ein höheres Risiko für weitere Diagnosen haben. Einen ausführlichen Vergleich beider Seiten findest du unter Autismus vs. ADHS.

7. Warum AuDHD oft spät erkannt wird

Der Eisberg des Maskings bei AuDHD bei FrauenDer kleine sichtbare Teil über der Wasserlinie zeigt, was andere bei einer stark maskierenden AuDHD-Frau sehen: gefasst, kompetent, ruhig. Der große verborgene Teil unter Wasser zeigt, was innen wirklich passiert: Reizüberflutung, einstudierte Skripte, Erschöpfung, der Absturz nach dem Hyperfokus, Anforderungsangst, der Shutdown nach Ereignissen, Identitätsverwirrung.Gefasst, „alles okay“Leistungsstark, redegewandtStill, beschwert sich nieWas andere sehenEtwa 10 % der Person.Wie es sich anfühltDie anderen 90 %.ReizüberflutungEinstudierte SozialskripteErschöpfungAbsturz nach HyperfokusAnforderungsangstShutdown nach EreignissenIdentitätsverwirrung„Bilde ich mir das ein?“
Der Eisberg des Maskings. Das meiste, was eine AuDHD-Frau erlebt, bleibt für die Menschen unsichtbar, die sie zur Diagnostik überweisen könnten — oft auch für sie selbst.

Dafür gibt es mehrere Gründe, die sich gegenseitig verstärken können:

Wenn du erst als Erwachsene:r darauf stößt, bist du nicht allein. Unser Ratgeber zur späten Autismus-Diagnose geht darauf genauer ein.

8. Diagnose in Deutschland: wer, wo, wie lange

Einen einzelnen AuDHD-Test gibt es nicht. Nötig sind zwei Abklärungen, eine für Autismus und eine für ADHS. Manchmal übernimmt das dieselbe Stelle, oft nicht.

Der Weg zum Termin

  1. Hausarztpraxis oder Fachpraxis. Laut Autismus Deutschland führt der Weg im Erwachsenenalter meist über Fachärzt:innen. Sie überweisen an spezialisierte Stellen, zum Beispiel psychiatrische Kliniken, Institutsambulanzen oder spezialisierte Praxen.
  2. Patientenservice 116117. Mit einer Überweisung, die einen Vermittlungscode trägt, kann die Terminservicestelle einen Facharzttermin vermitteln, in dringenden Fällen innerhalb von vier Wochen. Eine bestimmte Praxis kannst du dir dabei nicht aussuchen. Rechne damit, dass ein solcher Termin eher der Einstieg ist als die ganze Abklärung.
  3. Spezialambulanz. Laut Autismus Deutschland zahlt die gesetzliche Krankenkasse die Diagnostik in anerkannten Kliniken und Zentren. Meist brauchst du dafür eine fachärztliche Überweisung.

Wer darf diagnostizieren?

Wie lange es dauert

Hier gibt es keine schönen Zahlen. Autismus Deutschland schreibt, dass man bei Erwachsenen mit erheblichen Wartezeiten rechnen muss – zwei Jahre und mehr. Die Wartelisten seien nahezu überall geschlossen oder auf bestimmte Regionen begrenzt. Die Spezialambulanz der Humboldt-Universität zu Berlin erhält nach eigenen Angaben regelmäßig über 1.300 Anfragen pro Quartal. Annehmen und vollständig abklären kann sie etwa 35 bis 40. Bestätigt wird die Autismus-Diagnose dort in etwa 40 % der Fälle. Für die ADHS-Abklärung bei Erwachsenen haben wir keine belastbaren bundesweiten Zahlen zu Wartezeiten gefunden.

So bereitest du dich vor

Eine Schritt-für-Schritt-Anleitung findest du im Ratgeber AuDHD-Diagnose, mehr zur Autismus-Seite unter Autismus-Diagnose bei Erwachsenen.

9. ADHS-Medikamente bei autistischen Menschen

Autismus braucht keine Heilung. Für die ADHS-Seite können Medikamente aber helfen. Die Frage ist, ob sie bei autistischen Menschen genauso wirken. Das sagen Leitlinie und Studien:

Hours und Kolleg:innen weisen zudem darauf hin, dass Behandlungen auf Amfetamin-Basis bei autistischen Menschen paradoxe oder unerwünschte Wirkungen haben können. Das spricht nicht gegen einen Versuch. Es spricht dafür, ihn gut zu begleiten. Eine medikamentöse Behandlung soll laut S3-Leitlinie nur von entsprechend qualifizierten Fachärzt:innen begonnen und überwacht werden. Mehr zu Wirkstoffen und Wirkung: ADHS-Medikamente.

10. Was im Alltag helfen kann

Wir kennen kein speziell für AuDHD entwickeltes Programm, dessen Nutzen in Studien belegt ist. Die folgenden Punkte sind Erfahrungswerte und Anpassungen, die sich aus beiden Seiten ableiten. Probier aus, was zu dir passt.

Therapie: Such nach einer Therapeutin oder einem Therapeuten, die oder der Erfahrung mit Autismus und ADHS bei Erwachsenen hat. Gute Therapie arbeitet mit deiner Art zu denken und wahrzunehmen, nicht gegen sie. Ansätze, die autistisches Verhalten abtrainieren sollen, etwa ABA (Applied Behavior Analysis), empfehlen wir nicht.

11. GdB, Nachteilsausgleich und Arbeit

Autismus und ADHS können rechtlich als Behinderung gelten. Das hängt nicht an der Diagnose allein, sondern daran, wie stark sie deine Teilhabe im Alltag einschränken.

Mehr dazu: Ist ADHS eine Behinderung? und Nachteilsausgleich bei ADHS.

12. Wenn dein Kind AuDHD sein könnte

Bei Kindern und Jugendlichen läuft die Abklärung über andere Fachleute. Für ADHS nennt die S3-Leitlinie Fachärzt:innen für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut:innen, psychologische Psychotherapeut:innen mit Zusatzqualifikation für Kinder und Jugendliche sowie Kinder- und Jugendärzt:innen mit Erfahrung in ADHS. Für Autismus empfiehlt die S3-Leitlinie, eine Fachärztin oder einen Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie einzubeziehen oder eine speziell qualifizierte Kinder- und Jugendärztin bzw. einen entsprechenden Arzt.

Ein guter erster Schritt ist die Kinderarztpraxis. Beschreib dort möglichst konkret, was dir auffällt, und frag nach beiden Seiten. Was im Familienalltag hilft, liest du im Ratgeber Eltern sein mit Autismus.

13. Häufige Fragen

Was ist AuDHD einfach erklärt?
AuDHD heißt: Ein Mensch ist autistisch und hat zugleich ADHS. „Au“ steht für Autismus, „DHD“ kommt aus ADHD, dem englischen Kürzel für ADHS. Deshalb schreiben viele auf Deutsch auch AuDHS. AuDHD ist keine eigene Diagnose. Wer beides hat, bekommt zwei getrennte Diagnosen: eine aus dem Autismus-Spektrum und eine ADHS-Diagnose.
Wie nennt man es, wenn man Autismus und ADHS hat?
Im Alltag sagen viele AuDHD oder, mit der deutschen Abkürzung, AuDHS. In ärztlichen Befunden steht dieses Wort nicht. Dort stehen zwei Diagnosen nebeneinander. Fachleute sprechen von Komorbidität, also von zwei Diagnosen, die gleichzeitig vorliegen.
Kann man Autismus und ADHS gleichzeitig haben?
Ja. Das amerikanische Handbuch DSM-5 erlaubt beide Diagnosen seit 2013. Auch die ICD-11 der WHO sagt: Beide Diagnosen dürfen vergeben werden, wenn die Kriterien für jede erfüllt sind. In Deutschland gilt für die Verschlüsselung aber noch die ICD-10-GM. Dort ist ADHS (F90) formal ausgeschlossen, wenn eine tief greifende Entwicklungsstörung (F84, dazu gehört Autismus) vorliegt. Die deutschen Fachleitlinien empfehlen trotzdem, bei Hinweisen das jeweils andere abzuklären.
Wie häufig ist AuDHD?
Große Meta-Analysen, also Auswertungen vieler Studien, kommen auf 28 % (Lai u. a. 2019) bis rund 40 % (Rong u. a. 2021) der autistischen Menschen, die auch ADHS haben. Umgekehrt erfüllten 21 % der Kinder und Jugendlichen mit ADHS auch die Kriterien für Autismus (Hollingdale u. a. 2020). Die oft genannten 50 bis 70 % sind umstritten. Studien aus Kliniken kommen meist auf höhere Werte als Studien aus der Allgemeinbevölkerung.
Habe ich AuDHD oder nur ADHS?
Das kann nur eine Abklärung klären. Der Kern der Frage: Gibt es seit der Kindheit dauerhafte Unterschiede in der sozialen Kommunikation und feste, wiederkehrende Muster bei Interessen und Verhalten? Das sind laut ICD-11 die Kernmerkmale von Autismus, die bei ADHS allein fehlen. Ein Online-Selbsttest kann dir helfen, deine Erfahrungen zu sortieren. Er kann die Frage aber nicht entscheiden.
Wie zeigt sich ADHS bei autistischen Menschen?
Ähnlich wie sonst auch: mit Unaufmerksamkeit, Unruhe und Impulsivität. Die Schwierigkeit liegt woanders. Auch Autismus selbst kann Unaufmerksamkeit oder Impulsivität auslösen. Fachleute müssen deshalb darauf achten, ein Merkmal nicht doppelt zu zählen. Umgekehrt können ADHS-Merkmale so im Vordergrund stehen, dass autistische Merkmale kaum auffallen. Das beschreibt auch die WHO in ihren Leitlinien zur ICD-11.
Wie zeigt sich AuDHD bei Frauen – und bei Männern?
Die Diagnosekriterien sind für alle gleich. Die WHO-Leitlinien zur ICD-11 nennen aber Unterschiede: Autismus wird bei Jungen und Männern etwa viermal so oft diagnostiziert, und bei Mädchen und Frauen bleiben weniger auffällige Formen womöglich unentdeckt. Bei ADHS zeigen Mädchen und Frauen häufiger die unaufmerksame Seite, Jungen häufiger Unruhe und Impulsivität. Mehr dazu in unserem Ratgeber AuDHD bei Frauen.
Wer stellt die Diagnose, und zahlt die Krankenkasse?
Für ADHS bei Erwachsenen nennt die deutsche S3-Leitlinie Fachärztinnen und Fachärzte für Psychiatrie und Psychotherapie, für Neurologie oder für psychosomatische Medizin sowie ärztliche und psychologische Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten. Bei Autismus empfiehlt die S3-Leitlinie, eine Fachärztin oder einen Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie einzubeziehen. Laut Autismus Deutschland übernimmt die gesetzliche Krankenkasse die Diagnostik in anerkannten Kliniken und Zentren, meist mit Überweisung. Die Wartezeiten sind oft lang.
Helfen ADHS-Medikamente bei AuDHD?
Bei einem Teil ja, aber die Studienlage ist dünner als bei ADHS allein. In einer Studie mit 72 autistischen Kindern mit deutlicher Unruhe sprach knapp die Hälfte gut auf Methylphenidat an. Die Wirkung war schwächer und Nebenwirkungen waren häufiger als bei Kindern mit ADHS allein, 18 % brachen deshalb ab. Für Erwachsene haben wir nur kleine Studien ohne Vergleichsgruppe gefunden. Plane Beginn und Dosis deshalb eng mit deiner behandelnden Ärztin oder deinem Arzt.
Wie gehe ich mit jemandem um, der Autismus und ADHS hat?
Frag die Person selbst, was ihr hilft. Menschen mit AuDHD sind sehr verschieden. Oft hilft klare, direkte Sprache ohne versteckte Andeutungen. Plane Pausen und Rückzug ein, ohne das persönlich zu nehmen. Und schließ nicht daraus, dass jemand nach außen gut funktioniert, dass es ihm oder ihr gut geht: Anpassung nach außen kann viel Kraft kosten.

Quellen und Stand

Wir haben jede Zahl auf dieser Seite an der jeweiligen Quelle geprüft. Viele Studien stammen aus Kliniken oder sind klein; wir weisen im Text darauf hin, wo das die Aussagekraft begrenzt.

  1. Lai, M.-C. u. a. (2019). Prevalence of co-occurring mental health diagnoses in the autism population: a systematic review and meta-analysis. The Lancet Psychiatry, 6(10), 819–829. doi.org/10.1016/S2215-0366(19)30289-5
  2. Rong, Y., Yang, C.-J., Jin, Y. & Wang, Y. (2021). Prevalence of attention-deficit/hyperactivity disorder in individuals with autism spectrum disorder: A meta-analysis. Research in Autism Spectrum Disorders, 83, 101759. doi.org/10.1016/j.rasd.2021.101759
  3. Hollingdale, J. u. a. (2020). Autistic spectrum disorder symptoms in children and adolescents with attention-deficit/ hyperactivity disorder: a meta-analytical review. Psychological Medicine, 50(13), 2240–2253. doi.org/10.1017/S0033291719002368
  4. Hours, C., Recasens, C. & Baleyte, J.-M. (2022). ASD and ADHD Comorbidity: What Are We Talking About? Frontiers in Psychiatry, 13, 837424. doi.org/10.3389/fpsyt.2022.837424
  5. Ghirardi, L. u. a. (2018). The familial co-aggregation of ASD and ADHD: a register-based cohort study. Molecular Psychiatry, 23(2), 257–262. doi.org/10.1038/mp.2017.17
  6. WHO (2024). Clinical descriptions and diagnostic requirements for ICD-11 mental, behavioural and neurodevelopmental disorders (Abgrenzung Autismus-Spektrum-Störung und ADHS; geschlechtsbezogene Merkmale). who.int
  7. American Psychiatric Association (2013). Highlights of Changes from DSM-IV-TR to DSM-5 (ADHS: „a comorbid diagnosis with autism spectrum disorder is now allowed“). psychiatry.org (PDF)
  8. BfArM: ICD-10-GM Version 2026, F90 Hyperkinetische Störungen (Exkl.: Tief greifende Entwicklungsstörungen F84.-) und F84.- Tief greifende Entwicklungsstörungen. F90–F98 · F80–F89
  9. BfArM: ICD-11 – häufige Fragen (ICD-11 seit 1. 1. 2022 in Kraft; Einführung in Deutschland dauert noch mehrere Jahre; bis dahin gilt die ICD-10-GM). bfarm.de
  10. DGKJP, DGPPN, DGSPJ u. a. (2018). Interdisziplinäre S3-Leitlinie ADHS im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter, AWMF-Register 028-045, Langfassung (abgelaufen; Empfehlungen 1.1.2, 1.1.10, 1.4.1; Abschnitte 2.14 und 2.4.3.2.1). register.awmf.org (PDF)
  11. DGKJP, DGPPN u. a. (2016). S3-Leitlinie Autismus-Spektrum-Störungen im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter, Teil 1: Diagnostik, AWMF-Register 028-018 (wird überarbeitet; Abschnitte B.4 und B.5.2). register.awmf.org (PDF)
  12. Deutsche PsychotherapeutenVereinigung: Behandlungsleitlinien (S3-Leitlinie ADHS in Überarbeitung, geplante Fertigstellung 30. 9. 2026). dptv.de
  13. Küpper, C., Bartels, H. & Dziobek, I. (2025). Autismus-Diagnostik bei Erwachsenen. Herausforderungen und Empfehlungen. Psychotherapeutenjournal, 4/2025. doi.org/10.61062/ptj202504.002
  14. autismus Deutschland e. V. (Bundesverband): Diagnostik (Weg im Erwachsenenalter, Wartezeiten, Kostenübernahme; Stand 18. 8. 2026). autismus.de
  15. Verbraucherzentrale (Stand 1. 10. 2024): Termin beim Facharzt nach 4 Wochen – so vermittelt die Nummer 116117. verbraucherzentrale.de
  16. Research Units on Pediatric Psychopharmacology (RUPP) Autism Network (2005). Randomized, controlled, crossover trial of methylphenidate in pervasive developmental disorders with hyperactivity. Archives of General Psychiatry, 62(11), 1266–1274. doi.org/10.1001/archpsyc.62.11.1266
  17. Sturman, N., Deckx, L. & van Driel, M. L. (2017). Methylphenidate for children and adolescents with autism spectrum disorder. Cochrane Database of Systematic Reviews, CD011144. doi.org/10.1002/14651858.CD011144.pub2
  18. Joshi, G. u. a. (2020). A prospective open-label trial of long-acting liquid methylphenidate for the treatment of ADHD in intellectually capable adults with autism spectrum disorder. World Journal of Biological Psychiatry, 21(4), 274–290. doi.org/10.1080/15622975.2019.1679392
  19. Raymaker, D. M. u. a. (2020). „Having All of Your Internal Resources Exhausted Beyond Measure and Being Left with No Clean-Up Crew“: Defining Autistic Burnout. Autism in Adulthood, 2(2), 132–143. doi.org/10.1089/aut.2019.0079
  20. Craddock, E. (2024). Being a Woman Is 100% Significant to My Experiences of ADHD and Autism. Qualitative Health Research, 34(14), 1442–1455. doi.org/10.1177/10497323241253412
  21. Kang, J., Haslam, N. & Conway, M. (2025). Converging Representations of ADHD and Autism on Social Media: Linguistic and Topic Analysis of Trends in Reddit Data. Journal of Medical Internet Research, 27, e70914. doi.org/10.2196/70914
  22. Murray, D., Lesser, M. & Lawson, W. (2005). Attention, monotropism and the diagnostic criteria for autism. Autism, 9(2), 139–156. doi.org/10.1177/1362361305051398
  23. Versorgungsmedizin-Verordnung, Anlage, Teil B, Nr. 3.5, 3.5.1 und 3.5.2. gesetze-im-internet.de
  24. SGB IX, § 2 (Schwerbehinderung ab GdB 50, Gleichstellung ab GdB 30), § 151 (Gleichstellung auf Antrag durch die Bundesagentur für Arbeit), § 152 (Feststellung des GdB) und § 164 Abs. 4 (behinderungsgerechte Gestaltung des Arbeitsplatzes). § 2 · § 151 · § 152 · § 164
  25. Hochschulrahmengesetz, § 16 (Prüfungsordnungen). gesetze-im-internet.de
  26. TelefonSeelsorge Deutschland. telefonseelsorge.de

Stand: 17. Oktober 2026

Nur zur Information – keine medizinische Beratung und keine Diagnose. Unser Selbsttest ist kein geprüftes Messinstrument. Wenn es dir seelisch schlecht geht: TelefonSeelsorge 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222, kostenlos und rund um die Uhr. In akuten Notfällen: 112.

Deine Erfahrungen sortieren, bevor du zur Abklärung gehst

Der AuDHD-Selbsttest hat 20 Aussagen und ist kostenlos. Er stellt keine Diagnose, kann dir aber helfen, konkrete Beispiele für das Gespräch mit einer Fachperson zu sammeln.