1. Was bedeutet AuDHD – und was heißt AuDHS?
AuDHD ist ein Kunstwort aus zwei Abkürzungen. „Au“ steht für Autismus. „DHD“ stammt aus ADHD, dem englischen Kürzel für ADHS. Weil ADHD auf Deutsch ADHS heißt, schreiben viele im deutschsprachigen Raum AuDHS. Beide Wörter meinen dasselbe.
AuDHD ist keine Diagnose. Weder die ICD-10-GM, nach der in Deutschland Diagnosen verschlüsselt werden, noch die ICD-11 der WHO oder das amerikanische Handbuch DSM-5 kennen einen Eintrag „AuDHD“. Wer beides hat, bekommt zwei getrennte Diagnosen: eine aus dem Autismus-Spektrum und eine ADHS-Diagnose.
Das Wort ist also eine Selbstbezeichnung. Es drückt aus, dass sich die Kombination anders anfühlen kann als jede Seite für sich. Wie stark Autismus und ADHS in Online-Gesprächen zusammengerückt sind, zeigt eine Auswertung von Reddit-Beiträgen der Jahre 2012 bis 2022: Ab 2020 überschnitten sich die Nutzer:innen der Foren r/autism und r/ADHD deutlich stärker. 2021 wurde Autismus im ADHS-Forum zur am häufigsten genannten anderen Diagnose. Inzwischen verwenden auch Fachartikel den Begriff, etwa eine Interviewstudie mit spät diagnostizierten Frauen aus dem Jahr 2024.
2. Kann man Autismus und ADHS gleichzeitig haben?
Ja. Die aktuellen Diagnose-Handbücher erlauben ausdrücklich beide Diagnosen bei derselben Person.
- ICD-11 (WHO): Die Leitlinien der WHO zur ICD-11 schreiben, dass Autismus und ADHS gemeinsam auftreten können. Beide Diagnosen dürfen vergeben werden, wenn die Kriterien für jede erfüllt sind. Die WHO ergänzt: ADHS-Merkmale können das Bild manchmal so stark prägen, dass autistische Merkmale weniger auffallen.
- DSM-5 (American Psychiatric Association): Seit der Ausgabe von 2013 ist eine zusätzliche Autismus-Diagnose bei ADHS erlaubt. Vorher war das nicht vorgesehen.
Hinter der alten Regel steht eine Frage, die Fachleute bis heute beschäftigt: Kommen Unaufmerksamkeit und Unruhe bei einer autistischen Person von einer zusätzlichen ADHS – oder vom Autismus selbst? Die deutsche ADHS-Leitlinie nennt Autismus auch als Differenzialdiagnose: Autistische Merkmale können selbst Unaufmerksamkeit oder Impulsivität auslösen.
Wie eng Autismus und ADHS zusammenhängen, zeigt eine schwedische Registerstudie mit knapp 1,9 Millionen Menschen der Jahrgänge 1987 bis 2006. Autistische Menschen hatten dort ein vielfach höheres Risiko für eine ADHS-Diagnose. Auch ihre Verwandten hatten häufiger ADHS, eineiige Zwillinge deutlich häufiger als zweieiige. Die Forschenden sehen darin einen Hinweis auf gemeinsame genetische Anteile. Warum beides so oft zusammen vorkommt, ist aber nicht vollständig geklärt.
3. Was in Deutschland gilt: ICD-10-GM und Leitlinien
In Deutschland werden Diagnosen nach der ICD-10-GM verschlüsselt. Die WHO hat die ICD-11 zwar am 1. Januar 2022 in Kraft gesetzt. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) schreibt aber, dass die Einführung in Deutschland noch mehrere Jahre dauern wird. Bis dahin bleibt die ICD-10-GM die gültige Klassifikation.
In der ICD-10-GM steht ADHS unter „Hyperkinetische Störungen“ (F90). Dort steht ein Ausschluss: „Tief greifende Entwicklungsstörungen (F84.-)“. Unter F84 stehen unter anderem frühkindlicher Autismus, atypischer Autismus und das Asperger-Syndrom. Formal schließt die Klassifikation die Kombination also aus.
Die deutschen Fachleitlinien gehen trotzdem davon aus, dass beides zusammen vorkommt:
- Die S3-Leitlinie ADHS (Stand 2018) zählt Autismus-Spektrum-Störungen zu den häufig begleitenden Störungen. Sie sollen „beachtet, bei entsprechenden Hinweisen abgeklärt und entsprechend der jeweiligen Leitlinien behandelt werden“.
- Die S3-Leitlinie Autismus-Spektrum-Störungen, Teil 1: Diagnostik (Stand 2016) schreibt, dass ADHS in etwa 30 % der Fälle als begleitende Störung vorliegt.
Beide Leitlinien sind älter und werden gerade überarbeitet. Die ADHS-Leitlinie ist abgelaufen; laut Deutscher PsychotherapeutenVereinigung soll die Neufassung bis zum 30. September 2026 fertig sein. Die Autismus-Leitlinie zur Diagnostik trägt den Hinweis, dass sie seit mehr als fünf Jahren nicht aktualisiert wurde und überarbeitet wird.
Was heißt das für dich? Die formale Regel und die Leitlinien passen hier nicht ganz zusammen. Frag bei der Abklärung nach, ob beide Seiten geprüft werden. Und lass dir erklären, welche Diagnosen am Ende im Befund stehen.
4. Wie häufig ist AuDHD?
Am verlässlichsten sind Meta-Analysen. Sie fassen viele Einzelstudien zusammen und gleichen so Zufälle einzelner Stichproben aus.
| Quelle | Was untersucht wurde | Ergebnis |
|---|---|---|
| Lai u. a. 2019, Lancet Psychiatry | Meta-Analyse zu begleitenden Diagnosen bei autistischen Menschen, 96 Studien | 28 % hatten auch ADHS |
| Rong u. a. 2021, Research in Autism Spectrum Disorders | Meta-Analyse zu ADHS bei autistischen Menschen, 63 Studien aus 2000 bis 2020 | 38,5 % aktuell, 40,2 % im Lauf des Lebens |
| Hollingdale u. a. 2020, Psychological Medicine | Meta-Analyse, 22 Studien mit 61.985 Kindern und Jugendlichen mit ADHS | 21 % erfüllten auch die Kriterien für Autismus |
| S3-Leitlinie Autismus, Diagnostik (2016) | Zusammenfassung der damaligen Studienlage | ADHS in ca. 30 % der Fälle |
Grob gesagt: Zwischen gut einem Viertel und etwa zwei Fünfteln der autistischen Menschen haben auch ADHS. Aus der ADHS-Richtung liegt der Wert bei etwa einem Fünftel, zumindest bei Kindern und Jugendlichen. Wie viele Menschen in der Bevölkerung insgesamt AuDHD haben, lässt sich aus diesen Zahlen nicht sicher ableiten.
Warum die Zahlen so auseinandergehen
Die Studien zählen nicht alle dasselbe. Lai und Kolleg:innen fanden: Studien aus Kliniken kamen auf höhere Werte als Studien aus der Bevölkerung oder aus Registern. Eine naheliegende Erklärung: Wer in einer Klinik landet, hat oft mehr Schwierigkeiten. Rong und Kolleg:innen zeigten außerdem, dass Alter, eine begleitende Intelligenzminderung, der Ort der Rekrutierung und die verwendeten Diagnosekriterien die Ergebnisse beeinflussen. Hollingdale und Kolleg:innen fanden dagegen keinen statistisch bedeutsamen Unterschied zwischen Bevölkerungs- (19 %) und Klinikstichproben (24 %).
Woher die „50 bis 70 %“ kommen
Im Netz liest man oft, dass 50 bis 70 % der autistischen Menschen ADHS haben. Diese Spanne steht zum Beispiel am Anfang eines Fachartikels von Hours und Kolleg:innen aus dem Jahr 2022, mit Verweis auf die Fachliteratur. Der Artikel stellt die Zahl aber gleich infrage. Die Autor:innen fragen, ob hinter den Aufmerksamkeitsproblemen autistischer Menschen wirklich immer ADHS steckt. Oder ob es sich teils um autistische Merkmale handelt, etwa um Unterschiede bei der geteilten Aufmerksamkeit mit anderen. Sie schreiben, dass umstritten ist, ob hinter der Doppeldiagnose neurobiologisch wirklich zwei getrennte Störungen stehen.
Für dich heißt das: Die großen Meta-Analysen liegen deutlich unter 50 bis 70 %. Selten ist die Kombination trotzdem nicht.
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5. Wie sich AuDHD anfühlen kann
Die folgenden Punkte sind keine Diagnosekriterien. Es sind Muster, die manche autistische Erwachsene mit ADHS so beschreiben. Nicht jede:r erkennt sich in allem wieder, und manches kennen auch Menschen mit nur einer der beiden Diagnosen.
- Ganz drin oder gar nicht drin. Ein Thema, das dich packt, hält dich stundenlang fest. Du vergisst Essen, Trinken und die Uhr. Eine kleine, langweilige Aufgabe wirkt dagegen unmöglich, obwohl du sie erledigen willst. Mehr dazu: Hyperfokus und exekutive Dysfunktion.
- Routine brauchen – und Abwechslung auch. Feste Abläufe geben Halt. Wird es zu gleichförmig, wird es aber schnell unerträglich langweilig. Manche beschreiben ihren Alltag als Balanceakt zwischen beidem.
- Zu viele Reize – und trotzdem Reizhunger. Geräusche, Licht oder Stoffe können schnell zu viel werden. Gleichzeitig suchst du vielleicht Bewegung, Musik oder etwas Neues, um wach zu bleiben. Mehr dazu: Reizüberflutung.
- Soziale Energie, die schnell leer ist. Du passt dich in Gesprächen an, achtest auf Blickkontakt, hältst Gedanken zurück. Das kann gut funktionieren und trotzdem viel Kraft kosten.
- Zeit, die ungleichmäßig läuft. Termine sind lange weit weg und plötzlich dringend. Mehr dazu: Zeitblindheit.
Ein Erklärungsansatz dafür ist der Monotropismus. Die Theorie von Murray, Lesser und Lawson (2005) stützt sich auch auf die eigene Autismus-Erfahrung einer der drei Personen, die sie aufgeschrieben haben. Sie beschreibt Aufmerksamkeit, die sich auf wenige Dinge zugleich bündelt. Das könnte erklären, warum Umschalten so viel Kraft kostet. Es ist eine Theorie, keine gesicherte Erklärung.
Eine ausführliche Liste nach Lebensbereichen findest du im Ratgeber AuDHD-Symptome.
6. AuDHD oder „nur“ ADHS oder Autismus?
Die Frage stellen sich viele. Die WHO beschreibt den Unterschied so: Auch autistische Menschen zeigen oft Besonderheiten der Aufmerksamkeit – sie sind zum Beispiel stark fokussiert oder leicht ablenkbar –, dazu Impulsivität und körperliche Unruhe. Menschen mit ADHS allein haben aber nicht die Kernmerkmale von Autismus. Das sind dauerhafte Unterschiede darin, soziale Kommunikation zu beginnen und aufrechtzuerhalten, sowie feste, wiederkehrende und wenig flexible Muster bei Verhalten und Interessen.
In der Praxis ist die Grenze schwerer zu ziehen. Eine Berliner Arbeitsgruppe aus der Autismus-Diagnostik für Erwachsene (Küpper, Bartels und Dziobek 2025) betont zwei Punkte:
- Nichts doppelt zählen. Ein Merkmal darf nicht gleichzeitig für ADHS und für Autismus gewertet werden. Viel reden zählt zum Beispiel nur dann zusätzlich für Autismus, wenn es sich deutlich vom ADHS-Merkmal unterscheidet – etwa, wenn jemand starr an bestimmten Themen festhält.
- Mischbilder sind häufig. Manche autistische Menschen haben deutliche ADHS-Merkmale, ohne alle Kriterien zu erfüllen. Andere haben autistische Züge bei klarer ADHS. Die Autor:innen halten es für wichtig, auch solche Merkmale unterhalb der Diagnoseschwelle festzuhalten, damit sie in der Behandlung berücksichtigt werden.
Dieselbe Arbeitsgruppe schreibt, dass Menschen mit der Doppeldiagnose oft deutlich stärker eingeschränkt sind und ein höheres Risiko für weitere Diagnosen haben. Einen ausführlichen Vergleich beider Seiten findest du unter Autismus vs. ADHS.
7. Warum AuDHD oft spät erkannt wird
Dafür gibt es mehrere Gründe, die sich gegenseitig verstärken können:
- Die alte Regel. Wer vor 2013 als Kind abgeklärt wurde, für den sahen die damaligen Handbücher nur eine der beiden Diagnosen vor. In Deutschland gilt der formale Ausschluss in der ICD-10-GM bis heute.
- Eine Seite überdeckt die andere. Die WHO und die Berliner Arbeitsgruppe beschreiben beide: ADHS-Merkmale können so im Vordergrund stehen, dass autistische Merkmale kaum auffallen. Dann helfen Angaben zur Kindheit und Berichte von Angehörigen.
- Masking. Manche autistische Menschen lernen, sich nach außen anzupassen: Blickkontakt halten, Smalltalk üben, eigene Reaktionen zurückhalten. Das kann Merkmale verdecken. Mehr dazu: Masking bei Autismus.
- Mädchen und Frauen. Laut WHO-Leitlinien wird Autismus bei Jungen und Männern etwa viermal so oft diagnostiziert. Weniger auffällige Formen bei Mädchen und Frauen bleiben womöglich unentdeckt. In einer Interviewstudie mit sechs spät diagnostizierten Frauen mit AuDHD war die (Peri-)Menopause oft der Anlass, eine Diagnose zu suchen. Das ist eine sehr kleine Studie. Mehr dazu im Ratgeber AuDHD bei Frauen.
- Erschöpfung. Eine Studie mit autistischen Erwachsenen beschreibt autistischen Burnout als lange Erschöpfung (meist drei Monate oder länger), Verlust von Fähigkeiten und geringere Reiztoleranz. Auslöser waren Alltagsbelastungen, die sich aufsummieren, ohne passende Unterstützung. Mehr dazu: AuDHD-Burnout.
Wenn du erst als Erwachsene:r darauf stößt, bist du nicht allein. Unser Ratgeber zur späten Autismus-Diagnose geht darauf genauer ein.
8. Diagnose in Deutschland: wer, wo, wie lange
Einen einzelnen AuDHD-Test gibt es nicht. Nötig sind zwei Abklärungen, eine für Autismus und eine für ADHS. Manchmal übernimmt das dieselbe Stelle, oft nicht.
Der Weg zum Termin
- Hausarztpraxis oder Fachpraxis. Laut Autismus Deutschland führt der Weg im Erwachsenenalter meist über Fachärzt:innen. Sie überweisen an spezialisierte Stellen, zum Beispiel psychiatrische Kliniken, Institutsambulanzen oder spezialisierte Praxen.
- Patientenservice 116117. Mit einer Überweisung, die einen Vermittlungscode trägt, kann die Terminservicestelle einen Facharzttermin vermitteln, in dringenden Fällen innerhalb von vier Wochen. Eine bestimmte Praxis kannst du dir dabei nicht aussuchen. Rechne damit, dass ein solcher Termin eher der Einstieg ist als die ganze Abklärung.
- Spezialambulanz. Laut Autismus Deutschland zahlt die gesetzliche Krankenkasse die Diagnostik in anerkannten Kliniken und Zentren. Meist brauchst du dafür eine fachärztliche Überweisung.
Wer darf diagnostizieren?
- ADHS bei Erwachsenen: Die S3-Leitlinie nennt Fachärzt:innen für Psychiatrie und Psychotherapie, für Neurologie oder für psychosomatische Medizin sowie ärztliche und psychologische Psychotherapeut:innen.
- Autismus bei Erwachsenen: Die S3-Leitlinie empfiehlt, eine Fachärztin oder einen Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie (oder für Neurologie und Psychiatrie) einzubeziehen. Küpper, Bartels und Dziobek weisen darauf hin, dass approbierte Psychotherapeut:innen berufsrechtlich ebenfalls Autismus diagnostizieren dürfen. Sie ermutigen Kolleg:innen, eindeutigere Fälle selbst abzuklären.
Wie lange es dauert
Hier gibt es keine schönen Zahlen. Autismus Deutschland schreibt, dass man bei Erwachsenen mit erheblichen Wartezeiten rechnen muss – zwei Jahre und mehr. Die Wartelisten seien nahezu überall geschlossen oder auf bestimmte Regionen begrenzt. Die Spezialambulanz der Humboldt-Universität zu Berlin erhält nach eigenen Angaben regelmäßig über 1.300 Anfragen pro Quartal. Annehmen und vollständig abklären kann sie etwa 35 bis 40. Bestätigt wird die Autismus-Diagnose dort in etwa 40 % der Fälle. Für die ADHS-Abklärung bei Erwachsenen haben wir keine belastbaren bundesweiten Zahlen zu Wartezeiten gefunden.
So bereitest du dich vor
- Menschen aus deinem Umfeld einbeziehen. Die S3-Leitlinie Autismus empfiehlt, mindestens eine nahestehende Person einzubeziehen. Ideal sind Eltern oder ältere Geschwister, die deine frühe Kindheit kennen. Zum aktuellen Alltag können auch Freund:innen oder Partner:innen Auskunft geben. Fehlen Angaben zur Kindheit, nennt die britische NICE-Leitlinie, die die deutsche Leitlinie zitiert, zum Beispiel Berichte aus der Schule als Ersatz.
- Beide Seiten ansprechen. Sag gleich zu Beginn, dass du Autismus und ADHS abklären lassen möchtest. Frag, ob die Stelle beides prüft oder ob du für eine Seite woanders hinmusst.
- Notizen mitbringen. Schreib konkrete Beispiele aus Kindheit, Schule, Arbeit und Beziehungen auf. Im Gespräch fällt einem vieles nicht ein.
Eine Schritt-für-Schritt-Anleitung findest du im Ratgeber AuDHD-Diagnose, mehr zur Autismus-Seite unter Autismus-Diagnose bei Erwachsenen.
9. ADHS-Medikamente bei autistischen Menschen
Autismus braucht keine Heilung. Für die ADHS-Seite können Medikamente aber helfen. Die Frage ist, ob sie bei autistischen Menschen genauso wirken. Das sagen Leitlinie und Studien:
- S3-Leitlinie ADHS (2018): Methylphenidat kann auch bei Autismus gegen begleitende ADHS-Merkmale wirksam sein. Für Amfetamin-Präparate sei die Evidenz hier derzeit gering. Kinder mit schwerer Intelligenzminderung reagierten häufiger mit unerwünschten Wirkungen, zum Beispiel mit mehr Stereotypien.
- Studie des RUPP-Netzwerks (2005): 72 autistische Kinder mit mittlerer bis starker Hyperaktivität. 49 % sprachen gut auf Methylphenidat an. Die Wirkung war schwächer und Nebenwirkungen häufiger als bei Kindern mit ADHS allein. 18 % brachen wegen Nebenwirkungen ab.
- Cochrane-Review (2017): Vier kleine Studien mit insgesamt 113 Kindern. Methylphenidat verringerte kurzfristig die Unruhe. Die Qualität der Belege war niedrig. Es gab keinen Hinweis, dass es autistische Kernmerkmale verschlechtert.
- Erwachsene: Wir haben nur kleine Studien ohne Vergleichsgruppe gefunden. In einer offenen Studie mit 15 autistischen Erwachsenen mit ADHS sprachen 12 auf Methylphenidat an. 13 hatten leichte bis mittlere Nebenwirkungen, etwa Kopfschmerzen, Schlafprobleme, Ängstlichkeit oder weniger Appetit.
Hours und Kolleg:innen weisen zudem darauf hin, dass Behandlungen auf Amfetamin-Basis bei autistischen Menschen paradoxe oder unerwünschte Wirkungen haben können. Das spricht nicht gegen einen Versuch. Es spricht dafür, ihn gut zu begleiten. Eine medikamentöse Behandlung soll laut S3-Leitlinie nur von entsprechend qualifizierten Fachärzt:innen begonnen und überwacht werden. Mehr zu Wirkstoffen und Wirkung: ADHS-Medikamente.
10. Was im Alltag helfen kann
Wir kennen kein speziell für AuDHD entwickeltes Programm, dessen Nutzen in Studien belegt ist. Die folgenden Punkte sind Erfahrungswerte und Anpassungen, die sich aus beiden Seiten ableiten. Probier aus, was zu dir passt.
- Reize steuern. Kopfhörer mit Geräuschunterdrückung, gedimmtes Licht, feste Rückzugsorte. Und gleichzeitig bewusst Anregung einplanen, die dir guttut.
- Struktur nach außen verlagern. Sichtbare Uhren, Wecker, Listen, Kalender mit Pufferzeiten. Große Aufgaben in sehr kleine erste Schritte zerlegen.
- Energie einteilen. Soziale Termine, Reizbelastung und Hyperfokus-Phasen kosten Kraft. Plane danach Erholung ein, bevor der Akku leer ist.
- Spezialinteressen ernst nehmen. Sie sind keine Zeitverschwendung. Für manche sind sie Erholung und Quelle von Können.
- Weniger Anpassung, wo es geht. In der Studie zu autistischem Burnout nannten die Teilnehmenden Akzeptanz und Unterstützung durch andere, Auszeiten und geringere Erwartungen sowie das Tun von Dingen „auf autistische Art“ als hilfreich für die Erholung.
Therapie: Such nach einer Therapeutin oder einem Therapeuten, die oder der Erfahrung mit Autismus und ADHS bei Erwachsenen hat. Gute Therapie arbeitet mit deiner Art zu denken und wahrzunehmen, nicht gegen sie. Ansätze, die autistisches Verhalten abtrainieren sollen, etwa ABA (Applied Behavior Analysis), empfehlen wir nicht.
11. GdB, Nachteilsausgleich und Arbeit
Autismus und ADHS können rechtlich als Behinderung gelten. Das hängt nicht an der Diagnose allein, sondern daran, wie stark sie deine Teilhabe im Alltag einschränken.
- Grad der Behinderung (GdB): Den GdB stellt auf deinen Antrag die zuständige Behörde fest (§ 152 SGB IX). Bewertet wird nach der Versorgungsmedizin-Verordnung. Für Autismus reicht die Spanne je nach sozialen Anpassungsschwierigkeiten von 10–20 bis 80–100. Für ADHS gibt es ohne soziale Anpassungsschwierigkeiten keinen GdB. Ab 25 Jahren liegt der Wert für ADHS in der Regel nicht über 50. Wichtig für AuDHD: Die Verordnung schreibt, dass begleitende psychische Störungen gesondert zu berücksichtigen sind.
- Schwerbehinderung: Ab einem GdB von 50 gilt man als schwerbehindert. Ab 30 kannst du bei der Agentur für Arbeit eine Gleichstellung beantragen, wenn du sonst einen passenden Arbeitsplatz nicht bekommst oder nicht behalten kannst (§§ 2 und 151 SGB IX).
- Arbeit: Schwerbehinderte Menschen haben nach § 164 SGB IX unter anderem Anspruch auf eine behinderungsgerechte Gestaltung von Arbeitsplatz, Arbeitsumfeld, Arbeitsorganisation und Arbeitszeit.
- Studium: Prüfungsordnungen müssen nach § 16 Hochschulrahmengesetz die Belange von Studierenden mit Behinderung berücksichtigen. Die Einzelheiten zum Nachteilsausgleich stehen deshalb in der Prüfungsordnung deiner Hochschule.
Mehr dazu: Ist ADHS eine Behinderung? und Nachteilsausgleich bei ADHS.
12. Wenn dein Kind AuDHD sein könnte
Bei Kindern und Jugendlichen läuft die Abklärung über andere Fachleute. Für ADHS nennt die S3-Leitlinie Fachärzt:innen für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut:innen, psychologische Psychotherapeut:innen mit Zusatzqualifikation für Kinder und Jugendliche sowie Kinder- und Jugendärzt:innen mit Erfahrung in ADHS. Für Autismus empfiehlt die S3-Leitlinie, eine Fachärztin oder einen Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie einzubeziehen oder eine speziell qualifizierte Kinder- und Jugendärztin bzw. einen entsprechenden Arzt.
Ein guter erster Schritt ist die Kinderarztpraxis. Beschreib dort möglichst konkret, was dir auffällt, und frag nach beiden Seiten. Was im Familienalltag hilft, liest du im Ratgeber Eltern sein mit Autismus.
13. Häufige Fragen
Was ist AuDHD einfach erklärt?
Wie nennt man es, wenn man Autismus und ADHS hat?
Kann man Autismus und ADHS gleichzeitig haben?
Wie häufig ist AuDHD?
Habe ich AuDHD oder nur ADHS?
Wie zeigt sich ADHS bei autistischen Menschen?
Wie zeigt sich AuDHD bei Frauen – und bei Männern?
Wer stellt die Diagnose, und zahlt die Krankenkasse?
Helfen ADHS-Medikamente bei AuDHD?
Wie gehe ich mit jemandem um, der Autismus und ADHS hat?
Verwandte Ratgeber
Quellen und Stand
Wir haben jede Zahl auf dieser Seite an der jeweiligen Quelle geprüft. Viele Studien stammen aus Kliniken oder sind klein; wir weisen im Text darauf hin, wo das die Aussagekraft begrenzt.
- Lai, M.-C. u. a. (2019). Prevalence of co-occurring mental health diagnoses in the autism population: a systematic review and meta-analysis. The Lancet Psychiatry, 6(10), 819–829. doi.org/10.1016/S2215-0366(19)30289-5
- Rong, Y., Yang, C.-J., Jin, Y. & Wang, Y. (2021). Prevalence of attention-deficit/hyperactivity disorder in individuals with autism spectrum disorder: A meta-analysis. Research in Autism Spectrum Disorders, 83, 101759. doi.org/10.1016/j.rasd.2021.101759
- Hollingdale, J. u. a. (2020). Autistic spectrum disorder symptoms in children and adolescents with attention-deficit/ hyperactivity disorder: a meta-analytical review. Psychological Medicine, 50(13), 2240–2253. doi.org/10.1017/S0033291719002368
- Hours, C., Recasens, C. & Baleyte, J.-M. (2022). ASD and ADHD Comorbidity: What Are We Talking About? Frontiers in Psychiatry, 13, 837424. doi.org/10.3389/fpsyt.2022.837424
- Ghirardi, L. u. a. (2018). The familial co-aggregation of ASD and ADHD: a register-based cohort study. Molecular Psychiatry, 23(2), 257–262. doi.org/10.1038/mp.2017.17
- WHO (2024). Clinical descriptions and diagnostic requirements for ICD-11 mental, behavioural and neurodevelopmental disorders (Abgrenzung Autismus-Spektrum-Störung und ADHS; geschlechtsbezogene Merkmale). who.int
- American Psychiatric Association (2013). Highlights of Changes from DSM-IV-TR to DSM-5 (ADHS: „a comorbid diagnosis with autism spectrum disorder is now allowed“). psychiatry.org (PDF)
- BfArM: ICD-10-GM Version 2026, F90 Hyperkinetische Störungen (Exkl.: Tief greifende Entwicklungsstörungen F84.-) und F84.- Tief greifende Entwicklungsstörungen. F90–F98 · F80–F89
- BfArM: ICD-11 – häufige Fragen (ICD-11 seit 1. 1. 2022 in Kraft; Einführung in Deutschland dauert noch mehrere Jahre; bis dahin gilt die ICD-10-GM). bfarm.de
- DGKJP, DGPPN, DGSPJ u. a. (2018). Interdisziplinäre S3-Leitlinie ADHS im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter, AWMF-Register 028-045, Langfassung (abgelaufen; Empfehlungen 1.1.2, 1.1.10, 1.4.1; Abschnitte 2.14 und 2.4.3.2.1). register.awmf.org (PDF)
- DGKJP, DGPPN u. a. (2016). S3-Leitlinie Autismus-Spektrum-Störungen im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter, Teil 1: Diagnostik, AWMF-Register 028-018 (wird überarbeitet; Abschnitte B.4 und B.5.2). register.awmf.org (PDF)
- Deutsche PsychotherapeutenVereinigung: Behandlungsleitlinien (S3-Leitlinie ADHS in Überarbeitung, geplante Fertigstellung 30. 9. 2026). dptv.de
- Küpper, C., Bartels, H. & Dziobek, I. (2025). Autismus-Diagnostik bei Erwachsenen. Herausforderungen und Empfehlungen. Psychotherapeutenjournal, 4/2025. doi.org/10.61062/ptj202504.002
- autismus Deutschland e. V. (Bundesverband): Diagnostik (Weg im Erwachsenenalter, Wartezeiten, Kostenübernahme; Stand 18. 8. 2026). autismus.de
- Verbraucherzentrale (Stand 1. 10. 2024): Termin beim Facharzt nach 4 Wochen – so vermittelt die Nummer 116117. verbraucherzentrale.de
- Research Units on Pediatric Psychopharmacology (RUPP) Autism Network (2005). Randomized, controlled, crossover trial of methylphenidate in pervasive developmental disorders with hyperactivity. Archives of General Psychiatry, 62(11), 1266–1274. doi.org/10.1001/archpsyc.62.11.1266
- Sturman, N., Deckx, L. & van Driel, M. L. (2017). Methylphenidate for children and adolescents with autism spectrum disorder. Cochrane Database of Systematic Reviews, CD011144. doi.org/10.1002/14651858.CD011144.pub2
- Joshi, G. u. a. (2020). A prospective open-label trial of long-acting liquid methylphenidate for the treatment of ADHD in intellectually capable adults with autism spectrum disorder. World Journal of Biological Psychiatry, 21(4), 274–290. doi.org/10.1080/15622975.2019.1679392
- Raymaker, D. M. u. a. (2020). „Having All of Your Internal Resources Exhausted Beyond Measure and Being Left with No Clean-Up Crew“: Defining Autistic Burnout. Autism in Adulthood, 2(2), 132–143. doi.org/10.1089/aut.2019.0079
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- Kang, J., Haslam, N. & Conway, M. (2025). Converging Representations of ADHD and Autism on Social Media: Linguistic and Topic Analysis of Trends in Reddit Data. Journal of Medical Internet Research, 27, e70914. doi.org/10.2196/70914
- Murray, D., Lesser, M. & Lawson, W. (2005). Attention, monotropism and the diagnostic criteria for autism. Autism, 9(2), 139–156. doi.org/10.1177/1362361305051398
- Versorgungsmedizin-Verordnung, Anlage, Teil B, Nr. 3.5, 3.5.1 und 3.5.2. gesetze-im-internet.de
- SGB IX, § 2 (Schwerbehinderung ab GdB 50, Gleichstellung ab GdB 30), § 151 (Gleichstellung auf Antrag durch die Bundesagentur für Arbeit), § 152 (Feststellung des GdB) und § 164 Abs. 4 (behinderungsgerechte Gestaltung des Arbeitsplatzes). § 2 · § 151 · § 152 · § 164
- Hochschulrahmengesetz, § 16 (Prüfungsordnungen). gesetze-im-internet.de
- TelefonSeelsorge Deutschland. telefonseelsorge.de
Stand: 17. Oktober 2026
Nur zur Information – keine medizinische Beratung und keine Diagnose. Unser Selbsttest ist kein geprüftes Messinstrument. Wenn es dir seelisch schlecht geht: TelefonSeelsorge 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222, kostenlos und rund um die Uhr. In akuten Notfällen: 112.