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Für Eltern · 25 Minuten Lesezeit · Aktualisiert 26. September 2026

Frühe Anzeichen von Autismus beim Kind (0 bis 4 Jahre)

Die ersten deutlichen Anzeichen von Autismus zeigen sich meist im zweiten Lebensjahr. Typisch ist dann: Ein Kind zeigt kaum mit dem Finger auf Dinge, um sie mit dir zu teilen. Es bringt dir selten etwas, nur um es herzuzeigen, schaut dich wenig an, reagiert kaum auf seinen Namen oder spielt kein So-tun-als-ob. Im ersten Lebensjahr gibt es dagegen noch keine verlässlichen Zeichen. Ein einzelnes Merkmal beweist nichts. Wenn dir aber mehrere auffallen oder dein Kind Gelerntes wieder verliert, sprich zeitnah mit eurer Kinderarztpraxis.

Kurz beantwortet

  • Ab wann: Erste Hinweise zeigen sich meist im späten Säuglings- und frühen Kleinkindalter (S3-Leitlinie). Eine Diagnose kann ab dem zweiten Lebensjahr möglich sein (IQWiG).
  • Die fünf Warnzeichen ab 2 Jahren (S3-Leitlinie): wenig Blickkontakt, kein Bringen, um etwas zu zeigen, wenig So-tun-als-ob-Spiel, keine Zeigegeste, um Interesse zu teilen, und Rückschritte bei Sprache oder Kontakt.
  • Bei der U: Die U-Untersuchungen enthalten keinen Autismus-Test. Sprich deine Beobachtungen selbst an. Wachsende Sorgen der Eltern nennt die Leitlinie ausdrücklich als Grund, genauer hinzuschauen.
  • Der Weg: Kinderarztpraxis, dann Sozialpädiatrisches Zentrum (mit Überweisung) oder Kinder- und Jugendpsychiatrie. Wartezeiten von 6 bis 18 Monaten sind laut Autismus Deutschland keine Seltenheit.

Diese Seite ist für Eltern von Babys und Kleinkindern bis etwa 4 Jahre. Wie sich Autismus in Kita, Schule, Jugend und Erwachsenenalter zeigt, erklärt der Ratgeber Autismus-Symptome in jedem Alter. Ein Wort vorab: „Anzeichen“ klingt nach Krankheit. Autismus ist aber eine andere Art, wahrzunehmen und zu lernen. Früh hinzuschauen heißt nicht, dein Kind zu „reparieren“. Es heißt, früher zu verstehen, was es braucht. Die S3-Leitlinie schreibt, dass frühes Erkennen und frühe Förderung für die weitere Entwicklung eines Kindes entscheidend sein können.

1. Ab wann kann man Autismus beim Kind erkennen?

Bei der Geburt lässt sich Autismus nicht erkennen. Laut S3-Leitlinie zeigen sich erste Hinweise in der Regel im späten Säuglings- und frühen Kleinkindalter. Oft sind es die Eltern, die zuerst etwas bemerken, manchmal schon im ersten Lebensjahr. Bei den meisten Kindern werden die Merkmale aber erst nach dem ersten Geburtstag deutlicher.

Warum ist das so schwer? Kinder entwickeln sich in den ersten Jahren sehr unterschiedlich schnell, etwa beim Sprechen oder Laufen. Die Leitlinie schreibt, dass diese große Spannbreite es schwer macht, sicher zwischen normaler und auffälliger Entwicklung zu unterscheiden.

Eine Diagnose kann laut IQWiG ab dem zweiten Lebensjahr möglich sein. Oft wird die Entwicklung eine Zeit lang beobachtet, bevor sie gestellt wird. Die WHO schreibt, dass die Diagnose meist im Vorschulalter bis 4 Jahre möglich ist, besonders bei Kindern, die sich insgesamt verzögert entwickeln.

Beides kommt vor: Frühe Auffälligkeiten können wieder verschwinden oder eine andere Ursache haben. Und manche Kinder entwickeln sich zuerst unauffällig und zeigen die Merkmale erst später (IQWiG). Die S3-Leitlinie nennt dazu eine Zahl aus der Forschung: Etwa 20 bis 25 % der Kinder, bei denen später Autismus festgestellt wurde, zeigten zwischen 6 und 24 Monaten zunächst keine Auffälligkeiten in Kontakt und Kommunikation.

Die Vorsorgetermine und was die Leitlinie jeweils rät

AlterVorsorge (Kinder-Richtlinie)Empfehlung der S3-Leitlinie
10. bis 12. MonatU6Keine gesicherten Frühzeichen. Bei Entwicklungsauffälligkeiten oder Sorgen der Eltern: noch einmal mit 16 bis 18 Monaten untersuchen (Empfehlung 8).
12. bis 18. Monatkeine UBei einem oder mehreren von fünf Merkmalen oder wachsenden Sorgen der Eltern an Autismus denken und mit einem Fragebogen prüfen (Empfehlung 9).
18. bis 24. MonatU7 (21. bis 24. Monat)Folgt das Kind dem Blick kaum oder spielt es kaum So-tun-als-ob: mit einem Fragebogen prüfen. Weitere Zeichen können Anlass sein (Empfehlung 10).
ab 24 MonatenU7, U7a (34. bis 36.), U8 (46. bis 48.), U9 (60. bis 64. Monat)Fünf Warnzeichen. Erhärtet sich der Verdacht, umgehend an eine spezialisierte Stelle überweisen (Empfehlung 11).

Zwischen dem Zeitraum der U6 (10. bis 12. Monat) und dem der U7 (21. bis 24. Monat) gibt es keinen regulären Vorsorgetermin. Genau in diese Zeit fallen die ersten deutlichen Zeichen. Wenn dir etwas auffällt, musst du nicht bis zur U7 warten. Du kannst jederzeit einen eigenen Termin ausmachen.

2. Im ersten Lebensjahr: warum es noch keine sicheren Zeichen gibt

Viele Eltern suchen nach Anzeichen bei Babys mit 3, 6 oder 8 Monaten. Die ehrliche Antwort der S3-Leitlinie lautet: Für das Säuglingsalter gibt es keine empirisch gesicherten Merkmale, die einen späteren Autismus vorhersagen (Empfehlung 8).

Die meisten Studien sprechen dafür, dass sich später autistische Kinder im ersten Jahr kaum von anderen unterscheiden. Beim Blickkontakt mit 6 bis 7 Monaten fanden mehrere Studien keine deutlichen Unterschiede. In einer Studie mit Blickmessung unterschieden sich 2 Monate alte Babys, die später eine Autismus-Diagnose bekamen, noch nicht von anderen Babys. Erst danach nahm ihre Vorliebe für die Augenpartie deutlich ab (Jones und Klin 2013, zitiert nach der S3-Leitlinie).

Einige kleine Studien haben trotzdem Unterschiede beschrieben. Die Leitlinie listet sie in Tabelle 17 auf und betont: Keines dieser Ergebnisse wurde bisher wiederholt bestätigt.

BeobachtungAlterSpäter autistische Babys, bei denen es auffielTypisch entwickelte Babys, bei denen es auch auffiel
Ungleiche Bewegungen der Körperseiten (Videoauswertung)12. bis 21. Wocheetwa 4 von 10 (von 18)keines
Öffnet beim Füttern den Mund seltener im passenden Moment (Videoauswertung)4. bis 6. Monatetwa 6 von 10 (von 13)etwa 2 von 10
Hält den Kopf schlecht, wenn man es in den Sitz zieht6. Monat9 von 10 (von 10)etwa 4 von 10
Weniger Silbenketten wie „dadada“ (Videoauswertung)9. bis 12. Monatetwa 8 von 10 (von 23)etwa 4 von 10
Rückschritte in der Kommunikation, ahmt keine Laute nach (Elternfragebogen)12. Monatetwa 6 von 10 (von 16)etwa 1 von 10 (typisch und verzögert entwickelte Kinder zusammen)

Werte aus Tabelle 17 der S3-Leitlinie (dort mit einer Nachkommastelle), hier in „von 10“ umgerechnet. In Klammern: Zahl der später autistischen Kinder in der jeweiligen Studie.

Die Tabelle zeigt vor allem, wie unsicher das erste Jahr ist. Eine schwache Kopfkontrolle mit 6 Monaten fiel bei 9 von 10 später autistischen Babys auf – aber auch bei etwa 4 von 10 Babys, die sich typisch entwickelten. Auffällige Bewegungsmuster in diesem Alter sind laut Leitlinie wahrscheinlich nicht typisch für Autismus. Sie kommen auch bei Babys mit anderen Entwicklungsbesonderheiten vor.

Was du im ersten Jahr tun kannst

Die Leitlinie rät: Zeigt ein Kind bei der U6 (10. bis 12. Monat) Entwicklungsauffälligkeiten oder machen sich die Eltern Sorgen, soll es mit 16 bis 18 Monaten noch einmal untersucht werden. Dann sieht man, ob die Auffälligkeiten deutlicher geworden sind oder sich zurückgebildet haben.

Bei der U6 achtet die Praxis laut Kinder-Richtlinie unter anderem darauf, ob dein Kind Laute nachahmt, dem Zeigefinger in die gezeigte Richtung folgt und sich über andere Kinder freut. Sie beobachtet auch, ob es mit Blick, Mimik, Gesten und Lauten von sich aus Kontakt zu dir sucht. Das ist kein Autismus-Test. Es ist aber ein guter Anlass, deine Beobachtungen anzusprechen.

3. Ab 12 und ab 18 Monaten: die ersten deutlichen Zeichen

Ab dem zweiten Lebensjahr werden die Unterschiede klarer. Die Leitlinie stützt sich dabei vor allem auf Studien zum frühkindlichen Autismus. Für den atypischen Autismus gibt es keine solchen Studien. Fast alle Zeichen drehen sich um geteilte Aufmerksamkeit: Ein Kind möchte etwas, das es spannend findet, mit dir teilen. Es zeigt darauf, schaut dich an, bringt es dir.

Zeigen, um zu teilen – nicht nur, um etwas zu bekommen

Wichtig ist, warum ein Kind zeigt. Viele autistische Kleinkinder lenken deine Aufmerksamkeit vor allem auf Dinge, die sie haben möchten. Seltener zeigen oder bringen sie dir etwas, nur damit du es auch siehst: den Hund auf der Straße, das Flugzeug am Himmel, den Stein aus dem Garten. Genau diesen Unterschied beschreibt die Leitlinie.

12 bis 18 Monate

Für dieses Alter nennt die Leitlinie fünf Merkmale (Empfehlung 9). Wenn Eltern sie berichten oder die Praxis sie beobachtet, soll an Autismus gedacht und mit einem passenden Fragebogen geprüft werden:

Auch zunehmende Sorgen der Eltern gehören dazu. Erhärtet sich der Verdacht, soll das Kind umgehend an eine spezialisierte Stelle überwiesen werden.

Viele Werte in Tabelle 18 stammen aus einer australischen Studie, die Kinder in einem gemeindenahen Vorsorgeprogramm begleitete (Barbaro und Dissanayake 2013). Mit 12 Monaten waren darunter 9 Kinder, die später eine Autismus-Diagnose bekamen:

Zeichen mit 12 MonatenSpäter autistische KinderTypisch entwickelte Kinder, bei denen es auch auffiel
Keine Zeigegeste, um Interesse zu teilenetwa 8 von 10etwa 1 von 10
Winkt nicht zum Abschiedetwa 7 von 10etwa 1 von 10
Reagiert nicht, wenn man seinen Namen ruftalleetwa 5 von 10
Macht nichts nach, etwa Haare kämmenetwa 8 von 10etwa 4 von 10
Wenig Blickkontaktetwa 4 von 10keines
Schaut nicht hin, wenn du auf etwas zeigstetwa 6 von 10etwa 3 von 10
Lächelt selten von sich aus oder zurücketwa 5 von 10etwa 2 von 10
Ungewöhnlicher Umgang mit Gegenständen, etwa einen Ring immer wieder drehen (andere Studie: Ozonoff u. a. 2008)etwa 7 von 10etwa 3 von 10

Werte aus Tabelle 18 der S3-Leitlinie, in „von 10“ umgerechnet. Vergleichsgruppe: 13 typisch entwickelte Kinder (beim Folgen des Zeigens und beim Lächeln 16, bei Ozonoff 47).

Zwei Dinge fallen auf. Erstens: Alle 9 später autistischen Kinder reagierten mit einem Jahr nicht auf ihren Namen – aber auch etwa die Hälfte der Kinder ohne Autismus. Ein einzelnes Zeichen sagt also wenig. Zweitens: Nur etwa 4 von 10 später autistischen Kindern fielen mit einem Jahr durch wenig Blickkontakt auf. Guter Blickkontakt schließt Autismus also nicht aus. Für dieses Alter fehlen außerdem Studien dazu, ob Kinder mit anderen Entwicklungsverzögerungen dieselben Zeichen zeigen.

Zwei weitere Befunde stammen aus dem Labor. Mit 14 Monaten reagierten später autistische Kinder in einer Studie langsamer auf einen neuen visuellen Reiz. In einer anderen Studie schauten manche autistischen Kleinkinder lieber auf geometrische Muster als auf Bilder von Kindern. Beides lässt sich zu Hause nicht beobachten.

18 bis 24 Monate

Um die U7 herum nennt die Leitlinie zwei Zeichen, bei denen ein Screening-Fragebogen folgen soll (Empfehlung 10):

Weitere Zeichen können Anlass für eine Abklärung sein: wenig Blickkontakt, kein Bringen, um etwas zu zeigen, seltenes Zeigen mit dem Finger, schwache Reaktion auf den eigenen Namen, keine Reaktion in Mimik oder Blick, wenn sich jemand wehtut, Rückschritte und wachsende Sorgen der Eltern. Nachahmen und Winken tauchen hier nicht mehr auf. Sie trennen laut Leitlinie in diesem Alter nicht gut von anderen Entwicklungsverzögerungen.

Zeichen mit 18 MonatenKinder im Autismus-Spektrum (30)Andere Entwicklungsverzögerung (7)Typisch entwickelt (12)
Keine Zeigegeste, um Interesse zu teilenetwa 9 von 10keinesetwa 1 von 10
Wenig Blickkontaktetwa 8 von 10keineskeines
Bringt nichts, um es zu zeigenetwa 8 von 10keineskeines
Kein So-tun-als-ob-Spieletwa 9 von 10etwa 6 von 10keines

Werte der australischen Studie aus Tabelle 19 der S3-Leitlinie, in „von 10“ umgerechnet. In Klammern: Zahl der Kinder je Gruppe.

Beim So-tun-als-ob zeigt sich eine Grenze: Auch viele Kinder mit anderen Entwicklungsverzögerungen spielen in diesem Alter noch kaum so. Beim Zeigen sind sich die Studien nicht einig. In der australischen Studie trennte es gut. In einer älteren britischen Studie fiel dagegen auch jedes entwicklungsverzögerte Kind beim Zeigen auf (Baron-Cohen u. a. 1996, ebenfalls in Tabelle 19). Und wenn nur die Eltern befragt werden, erkennt man laut Leitlinie deutlich weniger autistische Kinder.

Bei der U7 prüft die Praxis laut Kinder-Richtlinie unter anderem, ob dein Kind mindestens zehn Wörter außer Mama und Papa spricht, im Bilderbuch auf bekannte Dinge zeigt, Interesse an anderen Kindern hat und versucht, dich irgendwohin zu ziehen. Außerdem wirst du gefragt, ob du mit der Sprachentwicklung zufrieden bist.

4. Ab 2 Jahren: die fünf Warnzeichen für U7 bis U9

Für Klein- und Vorschulkinder ab 24 Monaten fasst die Leitlinie fünf Warnzeichen zusammen (Empfehlung 11). Wenn Eltern sie berichten oder die Praxis sie bei einer der U7 bis U9 sieht, soll das Kind bei erhärtetem Verdacht umgehend an eine spezialisierte Stelle überwiesen werden:

  1. Wenig oder kein Blickkontakt. Dein Kind schaut dich beim Spielen oder wenn du mit ihm sprichst selten an.
  2. Kein Bringen, um etwas zu zeigen. Es holt dir kaum etwas, nur damit du es anschaust, etwa ein Bild oder ein Spielzeug.
  3. Wenig oder kein So-tun-als-ob. Es füttert keinen Teddy, trinkt nicht aus einer leeren Spielzeugtasse und telefoniert nicht mit einem Bauklotz.
  4. Keine Zeigegeste, um Interesse zu teilen. Ein „Schau mal, ein Bagger!“ mit ausgestrecktem Finger und einem Blick zu dir kommt selten oder nie.
  5. Rückschritte. Es verliert Wörter oder Fähigkeiten im Kontakt, die es schon konnte.

Zusätzlich können wachsende Sorgen der Eltern Grund für eine Abklärung sein. Die ersten vier Zeichen beruhen vor allem auf der australischen Studie. Mit 24 Monaten waren dort 50 Kinder im Autismus-Spektrum dabei (Tabelle 20):

Zeichen mit 24 MonatenKinder im Autismus-Spektrum (50)Andere Entwicklungsverzögerung (12)Typisch entwickelt (11)
Keine Zeigegeste, um Interesse zu teilenetwa 7 von 10etwa 1 von 10keines
Wenig Blickkontaktetwa 9 von 10etwa 3 von 10keines
Bringt nichts, um es zu zeigenetwa 7 von 10etwa 1 von 10keines
Kein So-tun-als-ob-Spieletwa 6 von 10etwa 1 von 10keines

Werte aus Tabelle 20 der S3-Leitlinie, in „von 10“ umgerechnet. Im Leitlinientext wird diese Tabelle versehentlich als Tabelle 19 bezeichnet.

Kein typisch entwickeltes Kind in der Studie zeigte eines dieser Zeichen. Umgekehrt zeigten aber nicht alle autistischen Kinder alle Zeichen. 40 % hatten mit 2 Jahren schon So-tun-als-ob gelernt. Und etwa die Hälfte der Kinder mit einer Autismus-Spektrum-Diagnose (ohne frühkindlichen Autismus) hatte angefangen zu zeigen. Bei allen Kindern mit frühkindlichem Autismus fehlte das Zeigen dagegen weiterhin.

Was bei den U-Untersuchungen passiert – und was nicht

Die U-Untersuchungen regelt der Gemeinsame Bundesausschuss in der Kinder-Richtlinie. Das Wort Autismus kommt darin nicht vor, und ein Autismus-Fragebogen ist nicht vorgesehen. Ab der U3 gibt es aber bei jeder U eine orientierende Beurteilung der Entwicklung. Einige Punkte berühren genau die Bereiche der Warnzeichen:

Ab der U2 sieht die Richtlinie bei jeder U außerdem vor, festzuhalten, womit die Eltern bei Entwicklung und Verhalten unzufrieden sind. Nutze das. Schreib dir vorher auf, was dir aufgefallen ist.

Ein Screening aller Kinder empfiehlt die S3-Leitlinie ausdrücklich nicht (Empfehlung 12). Ihre Begründung: Alle auf Deutsch verfügbaren Fragebögen liefern zu viele falsche Ergebnisse in beide Richtungen. Ein Screening aller Kinder würde die spezialisierten Stellen überlasten und die Wartezeit für Kinder mit deutlichen Hinweisen verlängern. Geprüft werden soll deshalb gezielt: bei Zeichen und bei bestimmten Risikofaktoren (siehe Abschnitt 7).

Der M-CHAT: ein Fragebogen für 16 bis 30 Monate

Für Kleinkinder nennt die Leitlinie einen Elternfragebogen: den M-CHAT (Modified Checklist for Autism in Toddlers). Die überarbeitete Fassung M-CHAT-R/F hat 20 Ja-Nein-Fragen und ist für Kinder von 16 bis 30 Monaten gedacht. Bei einem mittleren Ergebnis folgt ein Nachgespräch mit Kontrollfragen. Das ist die zweite Stufe.

Du kannst deine Kinderarztpraxis gezielt auf den M-CHAT ansprechen. Werte ein Ergebnis aber nicht als Urteil über dein Kind: Ein unauffälliges Ergebnis schließt Autismus nicht aus, ein auffälliges ist noch keine Diagnose. Unser eigener Autismus-Test ist für Erwachsene gedacht, nicht für Kinder.

Wenn es erst später auffällt

Nicht jedes autistische Kind zeigt diese Zeichen mit 2 Jahren. Für das früher so genannte Asperger-Syndrom fehlen laut S3-Leitlinie aussagekräftige Studien zu Frühzeichen. Rückblickend gab die Hälfte der Eltern an, sich schon vor dem dritten Geburtstag Sorgen gemacht zu haben. Die Besonderheiten waren aber weniger eindeutig, zum Beispiel:

Laut Leitlinie fallen autistische Merkmale nicht immer auf, bevor ein Kind in den Kindergarten oder in die Schule kommt. Wie Autismus in diesem Alter aussieht, zeigt der Abschnitt Autismus-Symptome nach Alter. Was der Begriff Asperger heute bedeutet, erklärt der Ratgeber Asperger-Syndrom.

5. Rückschritt: wenn dein Kind Gelerntes wieder verliert

Ein Rückschritt heißt: Dein Kind hat schon Wörter gesprochen, gewinkt oder auf seinen Namen reagiert – und hört damit auf. Die WHO spricht vom Verlust bereits erworbener Fähigkeiten. Er tritt meist im zweiten Lebensjahr auf und betrifft vor allem Sprache und die Reaktion auf andere Menschen. Nach dem dritten Geburtstag kommt er laut WHO selten vor.

Davon zu unterscheiden ist ein Stillstand: Ein Kind lernt eine Zeit lang kaum Neues dazu, verliert aber nichts. Auch das ist bei autistischen Kleinkindern laut WHO nicht ungewöhnlich.

Wie häufig ist das? Die Zahlen gehen weit auseinander

Die WHO spricht von einem kleinen Teil der autistischen Menschen. Einen echten Rückschritt zwischen 1 und 2 Jahren nennt sie ungewöhnlich, aber bedeutsam. Eine Metaanalyse aus 85 Studien mit 29.035 Teilnehmenden kam dagegen auf 32,1 %, im Schnitt mit 1,78 Jahren (Barger u. a. 2013). Die S3-Leitlinie übernimmt diese Größenordnung: etwa ein Drittel.

Der Unterschied hat viel damit zu tun, wie gemessen wird. In Bevölkerungsstudien lag der Anteil bei 21,8 %, in Studien aus Kliniken bei 33,6 % und in Elternbefragungen bei 40,8 %. Auch die Art des Rückschritts spielt eine Rolle: Für einen Verlust der Sprache ergaben sich 24,9 %, für Sprache und soziale Fähigkeiten zusammen 38,1 %. Bei Jungen und Mädchen war das Risiko gleich.

Was du tun solltest

Egal wie häufig: Ein Rückschritt gehört zeitnah abgeklärt. Die S3-Leitlinie nennt ihn in allen Empfehlungen ab dem ersten Geburtstag als Warnzeichen. Ab 24 Monaten soll laut Leitlinie jeder Verlust von sprachlichen und sozialen Fähigkeiten abgeklärt werden. Die britische NICE-Leitlinie wird konkreter:

Der Grund: Hinter einem Rückschritt können auch andere Ursachen stecken. Die WHO nennt als Beispiele das Landau-Kleffner-Syndrom, eine autoimmune Entzündung des Gehirns und das Rett-Syndrom. Beim Landau-Kleffner-Syndrom verliert ein Kind Sprache, und im EEG zeigen sich Auffälligkeiten. Es beginnt laut ICD-10-GM typischerweise mit 3 bis 7 Jahren. Eine schottische Leitlinie (SIGN, zitiert in der S3-Leitlinie) empfiehlt bei einem Sprachverlust nach dem dritten Geburtstag ein EEG. Mehr zum Zusammenhang im Ratgeber Autismus und Epilepsie.

In Deutschland ist deine Kinder- und Jugendarztpraxis die erste Anlaufstelle. Sag dort ausdrücklich, dass dein Kind etwas verloren hat, das es schon konnte, und seit wann.

6. Was allein kein Anzeichen ist – und was Autismus nicht ausschließt

Viele Eltern entdecken beim Lesen ein einzelnes Merkmal wieder und erschrecken. Deshalb hier die Gegenrichtung. Diese Punkte sind für sich genommen kein Hinweis auf Autismus:

Wichtig bei jeder Sprachverzögerung: das Gehör. Laut WHO soll bei jedem Kind mit Sprachproblemen das Hören geprüft werden, weil eine Hörstörung die Verzögerung besser erklären kann.

Was Autismus nicht ausschließt

Die britische NICE-Leitlinie sagt Fachleuten ausdrücklich, dass sie Autismus nicht ausschließen sollen, nur weil ein Kind:

Nimm deine eigenen Beobachtungen ernst, auch wenn Großeltern, Kita oder Praxis abwinken. Genau das verlangt NICE von Fachleuten: Sorgen der Eltern immer ernst zu nehmen. Außerdem soll man eine verzögerte Sprache nicht vorschnell damit erklären, dass die Familie zu Hause eine andere Sprache spricht.

Du bist nicht schuld

Autismus entsteht weder durch Erziehung noch durch Impfungen. Das Gesundheitsportal des Bundes schreibt, beides sei wissenschaftlich widerlegt. Die genetische Veranlagung hat dagegen einen starken Einfluss.

7. Mädchen und Geschwisterkinder: genauer hinschauen

Mädchen

Die WHO schreibt, dass Jungen viermal so häufig eine Autismus-Diagnose bekommen. Sie hält es für möglich, dass weniger auffällige Formen bei Mädchen öfter übersehen werden. Ein Hinweis darauf: Diagnostizierte Mädchen haben häufiger zusätzlich eine Intelligenzminderung als Jungen. Mädchen zeigen im Schnitt auch weniger wiederholendes Verhalten. Die britische NICE-Leitlinie warnt ebenfalls, dass Autismus bei Mädchen zu selten erkannt werden kann.

Speziell für Kleinkinder sind die Daten dünn. Die Tabellen der S3-Leitlinie zu Frühzeichen unterscheiden nicht nach Geschlecht. Einen Rückschritt erleben Mädchen laut der großen Metaanalyse genauso oft wie Jungen. Die Leitlinie nennt außerdem einen möglichen Grund, warum Mädchen übersehen werden: Wenn sie sich zurückziehen, werden sie eher als schüchtern eingeschätzt. Ein ruhiges Mädchen, das wenig zeigt und wenig teilt, verdient deshalb denselben Blick wie ein Junge. Mehr dazu im Abschnitt Mädchen und Frauen.

Wenn schon ein Geschwisterkind autistisch ist

Dann ist die Wahrscheinlichkeit auch für das jüngere Kind höher. In einer internationalen Studie mit 1.605 Babys, die ein autistisches älteres Geschwisterkind hatten, bekamen 20,2 % bis zum Alter von 3 Jahren selbst eine Autismus-Diagnose (Ozonoff u. a. 2024). Eine frühere Auswertung derselben Forschungsgruppe kam auf 18,7 %. Das Gesundheitsportal des Bundes nennt im Durchschnitt 10 bis 20 %.

Die S3-Leitlinie rät, bei bestimmten Risikofaktoren ein Screening zu überlegen, wenn zusätzlich mindestens ein Zeichen auftritt (Empfehlung 13):

Laut Gesundheitsportal des Bundes ist die Wahrscheinlichkeit auch erhöht, wenn ein Elternteil autistisch ist. Wenn du dich beim Lesen selbst wiedererkennst, helfen dir der Ratgeber Eltern sein als autistische Person und die Checkliste autistischer Merkmale für Erwachsene weiter.

8. Der Weg in Deutschland: Kinderarztpraxis, SPZ, Kinder- und Jugendpsychiatrie

Die S3-Leitlinie empfiehlt zwei Stufen (Empfehlung 7). Zuerst kommt eine zeitnahe, orientierende Abklärung mit einem passenden Fragebogen und einer ersten ärztlichen Einschätzung. Erhärtet sich der Verdacht, folgt die ausführliche Diagnostik an einer spezialisierten Stelle.

  1. Aufschreiben. Autismus Deutschland rät zu einem Tagebuch: Was stresst dein Kind, was liebt es, in welchen Situationen zeigt es was? Notiere auch, seit wann dir etwas auffällt.
  2. Kinder- und Jugendarztpraxis. Sprich deine Beobachtungen bei der nächsten U an oder mach einen eigenen Termin. Laut IQWiG ist die Praxis die erste Anlaufstelle und überweist bei Bedarf weiter.
  3. Spezialisierte Stelle. Für Kinder nennt Autismus Deutschland drei Hauptwege (Tabelle unten).
StelleWas sie ausmachtZugang
Sozialpädiatrisches Zentrum (SPZ)Meist an Kinderkliniken. Kinderärzt:innen, Psycholog:innen, Logopädie und Ergotherapie arbeiten zusammen. Sinnvoll, wenn auch Bewegung oder Sprache verzögert sind. Laut Gesetz für Kinder, die wegen Art, Schwere oder Dauer einer (drohenden) Krankheit nicht von anderen geeigneten Ärzt:innen oder Frühförderstellen behandelt werden können (§ 119 SGB V).Nur mit Überweisung der Kinderarztpraxis
Kinder- und Jugendpsychiatrie (Praxis oder Klinik)Fachärzt:innen für psychische und entwicklungsbedingte Besonderheiten. Spezialisierte Praxen nutzen standardisierte Verfahren wie ADOS-2 (Beobachtung) und ADI-R (Elterninterview). Laut Autismus Deutschland meist etwas kürzere Wartezeiten als große Zentren.Meist reicht die Versichertenkarte; eine Überweisung hilft trotzdem
Autismus-Ambulanzen und Autismus-TherapiezentrenViele Unikliniken haben Spezialambulanzen, oft mit den längsten Wartelisten. Manche Therapiezentren bieten Diagnostik nur gegen Selbstzahlung an.Vorher klären, ob die Krankenkasse zahlt

Wartezeit: Autismus Deutschland schreibt, dass 6 bis 18 Monate für eine spezialisierte Diagnostik bei Kindern keine Seltenheit sind. Der Verband rät, sich früh einen Termin zu holen. Wenn sich die Auffälligkeiten in der Wartezeit bessern, kannst du ihn wieder absagen. Dann rückt ein anderes Kind nach.

Kosten: Eine Diagnostik in gesetzlich anerkannten Kliniken und Zentren übernimmt die Krankenkasse. Von einer Diagnostik auf eigene Kosten im Ausland oder per Videochat rät Autismus Deutschland dringend ab. Selbstzahler-Angebote nicht anerkannter Stellen und Diagnosen aus dem Ausland werden zunehmend nicht mehr anerkannt. Dann gibt es auch keine Unterstützungsleistungen.

Wer die Diagnose stellt und was dazugehört

Eine Autismus-Diagnose stellen Fachärzt:innen oder Psychotherapeut:innen. Bei Kindern sollen sie auf diese Altersgruppe spezialisiert sein (IQWiG). Kita, Frühförderstelle, Logopädie oder ein Online-Test können Hinweise geben, stellen aber keine Diagnose.

Zur Diagnostik gehören laut IQWiG mehrere Termine: Gespräche mit Kind und Eltern, ausführliche Elternfragebögen, Beobachtung beim Spielen und im Kontakt, Entwicklungstests vor allem zu Intelligenz und Sprache sowie medizinische Untersuchungen. Die S3-Leitlinie empfiehlt bei jedem Verdacht eine vollständige körperliche und neurologische Untersuchung (Empfehlung 28). Ob auch ein Hörtest oder genetische Untersuchungen sinnvoll sind, hängt vom einzelnen Kind ab.

Die Wartezeit nutzen

Du musst nicht auf die Diagnose warten, um deinem Kind zu helfen. Autismus Deutschland nennt für Familien mit Diagnose oder Verdacht Leistungen der Krankenkasse wie Frühförderung, Logopädie oder Ergotherapie; sprich mit deiner Kinderarztpraxis darüber. Frühförderung regelt § 46 SGB IX. Sie ist ausdrücklich auch für Kinder gedacht, denen eine Behinderung droht, und kann von der Geburt bis zur Einschulung laufen, zum Beispiel in interdisziplinären Frühförderstellen. Für Familien mit Kindern bis drei Jahre gibt es außerdem die Frühen Hilfen. Sie sind laut S3-Leitlinie seit 2012 im Bundeskinderschutzgesetz verankert.

Unsere Haltung: Gute Förderung hilft deinem Kind, sich auszudrücken, sich sicher zu fühlen und im Alltag zurechtzukommen. Sie soll autistisches Verhalten nicht einfach abtrainieren. Warum wir Programme nach dem ABA-Prinzip kritisch sehen, erklären wir im Ratgeber Echolalie. Mehr zu früher Sprache findest du unter Gestalt-Sprachverarbeitung und Hyperlexie.

Zur Leitlinie: Die S3-Leitlinie zur Autismus-Diagnostik (AWMF-Register 028-018) stammt von 2016. Ihre Gültigkeit ist am 4. April 2021 abgelaufen, eine Überarbeitung ist angemeldet. Die neuesten Studien in ihren Tabellen zu Frühzeichen sind von 2015. Neuere Forschung kann einzelne Zahlen verändern. Autismus Deutschland schreibt (Stand August 2026), dass die Leitlinie gerade überarbeitet wird. Wir passen diese Seite an, sobald die neue Fassung erscheint.

Wenn dich die Sorge um dein Kind gerade sehr belastet: Das Elterntelefon der Nummer gegen Kummer erreichst du anonym und kostenlos unter 0800 111 0 550.

9. Häufige Fragen

Ab wann merkt man Autismus beim Baby?

Meist noch nicht im ersten Lebensjahr. Laut S3-Leitlinie zeigen sich erste Hinweise in der Regel im späten Säuglings- und frühen Kleinkindalter, deutlicher meist erst im zweiten Lebensjahr. Oft bemerken die Eltern zuerst etwas. Eine Diagnose kann laut IQWiG ab dem zweiten Lebensjahr möglich sein. Die WHO schreibt, dass sie meist im Vorschulalter bis 4 Jahre gestellt werden kann. Manche Kinder entwickeln sich aber zuerst unauffällig und zeigen die Merkmale später.

Kann man Autismus schon mit 3 oder 6 Monaten erkennen?

Nein, nicht verlässlich. Die S3-Leitlinie hält fest, dass es für das Säuglingsalter keine gesicherten Merkmale gibt, die einen späteren Autismus vorhersagen. Einzelne kleine Studien haben Unterschiede beschrieben, etwa bei der Kopfkontrolle mit 6 Monaten. Diese Befunde sind aber nicht wiederholt bestätigt, und bei manchen Merkmalen zeigten auch viele Babys ohne Autismus dasselbe. Beim Blickkontakt mit 6 bis 7 Monaten fanden Studien keine eindeutigen Unterschiede.

Mein Baby lacht wenig und will nicht kuscheln. Ist das Autismus?

Das allein sagt wenig. Für das erste Lebensjahr gibt es laut S3-Leitlinie keine verlässlichen Zeichen. Mit 12 Monaten lächelte in einer Studie etwa die Hälfte der später autistischen Kinder selten, aber auch etwa 2 von 10 Kindern ohne Autismus. Die WHO nennt Abneigung gegen Zärtlichkeit als eines von mehreren möglichen Zeichen im Vorschulalter. Für Autismus braucht es aber immer ein Muster in mehreren Bereichen. Wenn dich etwas beunruhigt, sprich es bei der nächsten U an oder mach einen eigenen Termin.

Kann man Autismus am Gesicht eines Babys erkennen?

Nein. Laut S3-Leitlinie gibt es bisher keine verlässlichen biologischen Marker für Autismus. Die Diagnose beruht auf der Beobachtung von Verhalten und Entwicklung. Auch die Kriterien der WHO beschreiben Verhalten und Entwicklung, kein Aussehen. Wenn Ärztinnen und Ärzte auf besondere Merkmale im Gesicht achten (Dysmorphiezeichen), suchen sie laut Leitlinie nach Hinweisen auf eine genetische Ursache, nicht nach Autismus selbst.

Wie spielen autistische Kleinkinder?

Oft anders, aber nicht immer. Viele spielen wenig So-tun-als-ob, zum Beispiel einen Teddy füttern oder mit einem Bauklotz telefonieren. In einer Studie konnten das mit 2 Jahren aber schon 40 Prozent der Kinder mit einer Autismus-Spektrum-Diagnose. Manche untersuchen Gegenstände auf ungewöhnliche Weise, drehen etwa einen Ring immer wieder oder schauen ihn sehr genau an. Die WHO nennt für das Vorschulalter Spielen neben statt mit anderen Kindern. Phasen, in denen ein Kind immer dasselbe spielt, gehören laut WHO aber auch zur normalen Entwicklung.

Kann man mit 2,5 Jahren schon Autismus feststellen?

Ja, das ist möglich. Laut IQWiG kann eine Diagnose ab dem zweiten Lebensjahr möglich sein; wie verlässlich, hängt davon ab, wie deutlich die Merkmale sind. Die britische NICE-Leitlinie fand (zusammengefasst in der S3-Leitlinie): Von den Kindern, die zwischen 25 und 36 Monaten eine Autismus-Diagnose bekamen, behielten 95 Prozent sie auch ein Jahr später, bei der weiter gefassten Diagnose Autismus-Spektrum-Störung 84 Prozent. Laut IQWiG kann es sinnvoll sein, die Diagnose später zu überprüfen, vor allem wenn die Merkmale weniger deutlich sind.

Wie verhalten sich Kinder mit frühkindlichem Autismus?

Frühkindlicher Autismus (auch Kanner-Syndrom) ist eine Diagnose der ICD-10-GM (F84.0). Die Entwicklung ist schon vor dem dritten Lebensjahr auffällig, und zwar in drei Bereichen: soziale Interaktion, Kommunikation und wiederholendes Verhalten. Die meisten Frühzeichen der S3-Leitlinie stammen aus Studien mit dieser Gruppe. Typisch im zweiten Lebensjahr: Das Kind zeigt kaum mit dem Finger, um etwas zu teilen, bringt nichts, um es herzuzeigen, sucht selten Blickkontakt und spielt wenig So-tun-als-ob. Manche Kinder sprechen spät, andere früh und viel, nutzen Sprache aber selten zum Austausch.

Gibt es „leichten“ Autismus schon bei Kleinkindern?

„Leicht“ ist kein Fachbegriff. Gemeint sind meist Kinder, bei denen man wenig sieht. Bei ihnen treffen die Frühzeichen seltener zu: Mit 2 Jahren hatte in einer Studie die Hälfte der Kinder mit einer Autismus-Spektrum-Diagnose schon angefangen, mit dem Finger zu zeigen. Beim früher so genannten Asperger-Syndrom fehlen aussagekräftige Studien zu Frühzeichen; rückblickend hatte sich die Hälfte der Eltern schon vor dem dritten Geburtstag Sorgen gemacht. Manche Kinder fallen erst in Kita oder Schule auf.

Hat mein Kind Autismus? Wo kann ich es testen lassen?

Ein Online-Test kann das nicht klären. Erste Anlaufstelle ist eure Kinder- und Jugendarztpraxis. Sie kann einen Fragebogen wie den M-CHAT nutzen und bei erhärtetem Verdacht weiterschicken: an ein Sozialpädiatrisches Zentrum (nur mit Überweisung) oder an eine Praxis oder Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie (dort reicht laut Autismus Deutschland meist die Versichertenkarte). Die Diagnose stellen Fachärztinnen, Fachärzte oder Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten mit Erfahrung bei Kindern. Wartezeiten von 6 bis 18 Monaten sind laut Autismus Deutschland keine Seltenheit.

Quellen und Stand

Wir haben jede Zahl und jede Empfehlung auf dieser Seite an der jeweiligen Quelle geprüft. Wo wir nur eine Zusammenfassung lesen konnten oder eine Studie nur über die Leitlinie kennen, steht das dabei.

Leitlinien und Regeln in Deutschland

  1. DGKJP und DGPPN (2016): S3-Leitlinie „Autismus-Spektrum-Störungen im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter, Teil 1: Diagnostik“, AWMF-Register 028-018, Langversion, Textstand 23.02.2016. Gelesen: B.2.1, B.2.4, B.2.5 mit Tabellen 17 bis 20 und Empfehlungen 8 bis 11, B.2.6, B.1.2 (Empfehlung 7), A.4.2 und A.4.3.1, B.3.1 bis B.3.6 (Empfehlungen 12, 13, 15; Tabelle 21), B.4.4, B.4.10 (Empfehlung 28). Studien wie Jones und Klin 2013, Ozonoff u. a. 2008, Baron-Cohen u. a. 1996 und Kamp-Becker u. a. 2010 kennen wir nur aus der Leitlinie. Der AWMF-Server lieferte beim Abruf einen Fehler (HTTP 500); gelesen haben wir die bei web.archive.org gespeicherte AWMF-PDF (Stand der Kopie: 03.01.2021). register.awmf.org
  2. DGKJP: Aktuelle Leitlinien (028-018 „Gültig bis 04.04.2021“, Überarbeitung angemeldet). dgkjp.de
  3. Gemeinsamer Bundesausschuss: Kinder-Richtlinie (Fassung vom 18.06.2015, zuletzt geändert am 15.05.2025, in Kraft seit 01.01.2026), § 2 (Zeiträume) und §§ 8 bis 12 (U6 bis U9). g-ba.de
  4. Sozialgesetzbuch V, § 119 (Sozialpädiatrische Zentren). gesetze-im-internet.de
  5. Sozialgesetzbuch IX, § 46 (Früherkennung und Frühförderung). gesetze-im-internet.de
  6. BfArM: ICD-10-GM Version 2026, Block F80–F89 (F84.0 Frühkindlicher Autismus; F80.3 Landau-Kleffner-Syndrom). klassifikationen.bfarm.de
  7. IQWiG, gesundheitsinformation.de: Autismus (erstellt 19.06.2024; Verlauf, erste Anlaufstelle, wer diagnostiziert, Diagnose ab dem zweiten Lebensjahr). gesundheitsinformation.de
  8. Bundesministerium für Gesundheit, gesund.bund.de: Autismus (Stand 04.07.2024; Geschwister 10 bis 20 %, Eltern mit Autismus, weder Impfungen noch Erziehung). gesund.bund.de
  9. Bundesverband Autismus Deutschland e.V.: Diagnostik (Stand August 2026); „Wie finde ich die richtige Diagnostikstelle?“, „Hat mein Kind Autismus?“ und „Unterstützungsmöglichkeiten für Eltern“ (abgerufen am 26.09.2026). autismus.de/diagnostik · autismus.de/diagnostikstelle
  10. Nummer gegen Kummer e.V.: Elterntelefon. nummergegenkummer.de

Internationale Leitlinien

  1. WHO (2024): Clinical descriptions and diagnostic requirements for ICD-11 mental, behavioural or neurodevelopmental disorders (CDDR), 6A02 Autism spectrum disorder: Kernmerkmale, Verlust erworbener Fähigkeiten, Verlauf, Darstellung im Säuglings- und Vorschulalter, Grenzen zum normalen Verhalten, Geschlechtsunterschiede; 6A01 (Hörprüfung bei Sprachproblemen). ISBN 9789240077263. who.int
  2. NICE (2011, zuletzt aktualisiert 20.12.2017): Autism spectrum disorder in under 19s: recognition, referral and diagnosis (CG128), Empfehlungen 1.2.2, 1.2.5, 1.2.7, 1.3.1 und 1.3.2. nice.org.uk

M-CHAT und Forschung

  1. Robins, D., Fein, D., Barton, M.: M-CHAT-R/F, deutsche Übersetzung von A. Dirmhirn und D. Holzinger (Nutzungsbedingungen, Alter 16 bis 30 Monate, Auswertung). mchatscreen.com
  2. Robins, D. L. u. a. (2014): Validation of the Modified Checklist for Autism in Toddlers, Revised with Follow-up (M-CHAT-R/F). Pediatrics 133(1), 37–45 (gelesen: Zusammenfassung). doi.org/10.1542/peds.2013-1813
  3. Barbaro, J., Dissanayake, C. (2013): Early markers of autism spectrum disorders in infants and toddlers prospectively identified in the Social Attention and Communication Study. Autism17(1), 64–86 (gelesen: Zusammenfassung; Einzelwerte aus S3-Leitlinie, Tabellen 18 bis 20). doi.org/10.1177/1362361312442597
  4. Barger, B. D., Campbell, J. M., McDonough, J. D. (2013): Prevalence and onset of regression within autism spectrum disorders: a meta-analytic review. Journal of Autism and Developmental Disorders43(4), 817–828 (gelesen: Zusammenfassung). doi.org/10.1007/s10803-012-1621-x
  5. Ozonoff, S. u. a. (2011): Recurrence risk for autism spectrum disorders: a Baby Siblings Research Consortium study. Pediatrics 128(3), e488–e495 (gelesen: Zusammenfassung). doi.org/10.1542/peds.2010-2825
  6. Ozonoff, S. u. a. (2024): Familial Recurrence of Autism: Updates From the Baby Siblings Research Consortium. Pediatrics 154(2), e2023065297 (gelesen: Zusammenfassung). doi.org/10.1542/peds.2023-065297

Stand: 26. September 2026

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