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ND-Säule · 14 Minuten Lesezeit · Aktualisiert 7. Juni 2026

Legasthenie

Legasthenie ist ein neurologischer Entwicklungsunterschied, der das Lesen, die Rechtschreibung und oft auch den schriftlichen Ausdruck betrifft. Der Kernmechanismus liegt in der phonologischen Verarbeitung – darin, wie das Gehirn mit der Lautstruktur der Sprache umgeht. Wörter werden nicht so entschlüsselt wie bei Menschen ohne Legasthenie; Lesen kostet mehr kognitive Anstrengung. Etwa 10–15 % der Menschen haben eine Legasthenie. Sie bleibt ein Leben lang bestehen, tritt häufig gemeinsam mit ADHS und Autismus auf und geht oft mit deutlichen Stärken neben der Lesekosten einher – räumliches Denken, Mustererkennung, Kreativität, laterales Denken. Lange dominierte die Defizit-Rahmung; die Unterschieds-Rahmung erkennt zunehmend beide Seiten des legasthenen kognitiven Profils an.

Dieser Ratgeber zeigt, was Legasthenie wirklich ist, den phonologischen Mechanismus, die oft übersehenen Stärken, Anzeichen in Kindheit und Erwachsenenalter, das Muster der Spätdiagnose, die emotionalen Kosten, die das meiste klinische Material auslässt, die deutliche Überschneidung mit Autismus, ADHS und Dyspraxie sowie das, was Erwachsenen hilft.

1. Was Legasthenie wirklich ist

Legasthenie ist der häufigste umschriebene Lernunterschied und einer der am gründlichsten erforschten. Das Kernmerkmal: Lesen kostet mehr kognitive Anstrengung und führt zu weniger automatischem Verstehen als bei Gleichaltrigen mit ähnlicher Intelligenz. Das Muster bleibt trotz ausreichender Förderung bestehen und erklärt sich nicht durch Sehprobleme, Hörprobleme oder eine allgemeine Intelligenzminderung.

Im ICD-10-GM läuft die Diagnose als „Lese- und Rechtschreibstörung“ (F81.0), die ICD-11 ordnet sie unter den umschriebenen Lernstörungen ein. Die Community nutzt weiterhin den Begriff „Legasthenie“ wegen seiner Genauigkeit und seines Wiedererkennungswerts. Der Begriff ist seit dem späten 19. Jahrhundert in Gebrauch und weithin verstanden.

Etwa 10–15 % der Menschen haben eine Legasthenie, wobei die Häufigkeit je nach Definition und Schwellenwert schwankt. Die Legasthenie bleibt ein Leben lang bestehen; die Lesefertigkeit kann sich mit Förderung deutlich verbessern, der zugrunde liegende Verarbeitungsunterschied bleibt jedoch. Erwachsene mit Legasthenie haben entweder Kompensationsstrategien aufgebaut oder gelernt, die Situationen zu vermeiden, in denen die Legasthenie sichtbar wird.

Die Rahmung hat sich in den letzten Jahrzehnten stark verschoben. Die frühere Sicht behandelte Legasthenie als reines Defizit – ein kaputtes Lesen, das repariert werden müsse. Die heutige Sicht erkennt sowohl Kosten (Leseanstrengung) als auch Stärken (räumliches Denken, Mustererkennung, Kreativität) an, die das legasthene Profil oft begleiten. Die Unterschieds-Rahmung ist wichtig: Legasthene Kinder und Erwachsene, die als „kaputt“ behandelt werden, verinnerlichen oft Schäden, deren Aufarbeitung Jahre dauert, während jene, die als Menschen mit einem anderen kognitiven Profil behandelt werden, in passenden Feldern oft aufblühen.

2. Der phonologische Mechanismus

Das führende Modell: Legasthenie beruht auf Unterschieden in der phonologischen Verarbeitung – dem System des Gehirns für die Lautstruktur der Sprache. Konkret läuft die Verbindung zwischen geschriebenen Zeichen und den Lauten, die sie darstellen, weniger effizient. Buchstaben Lauten zuordnen, Laute zu Wörtern verbinden, Wörter in Laute zerlegen – all diese phonologischen Vorgänge kosten im legasthenen Gehirn mehr Anstrengung.

Die Folge: Lesen wird zu einer bewussten, anstrengenden Aufgabe statt zu einer automatischen. Selbst sehr lesekompetente legasthene Erwachsene beschreiben Lesen oft als Anstrengung – sie können effektiv lesen, aber es kostet mehr als bei Menschen ohne Legasthenie. Diese Kosten sind von außen unsichtbar; sie zeigen sich als Erschöpfung, als Lesevermeidung oder schlicht als langsameres Lesen trotz Intelligenz.

Andere Modelle tragen zum Bild bei: Unterschiede in der visuellen Verarbeitung bei einigen legasthenen Erwachsenen, Unterschiede im Arbeitsgedächtnis, Unterschiede in der Aufmerksamkeit. Das phonologische Modell ist vorherrschend, aber nicht der einzige Mechanismus. Verschiedene legasthene Profile betonen verschiedene Mechanismen – das ist mit ein Grund, warum keine einzelne Methode für alle funktioniert.

Bildgebende Forschung hat Unterschiede im linkshemisphärischen Lesenetzwerk legasthener Gehirne gefunden – konkret in der temporoparietalen Region (wo phonologische Verarbeitung stattfindet) und der okzipitotemporalen Region (wo sich das visuelle Worterkennen entwickelt). Diese Unterschiede sind über die Lebensspanne stabil; Leseübung stärkt kompensatorische Netzwerke, ändert aber nicht das zugrunde liegende Verarbeitungsmuster.

3. Anzeichen in der Kindheit

Das Bündel über mehrere Bereiche hinweg ist das Legasthenie-Signal. Einzelne Schwierigkeiten (eine isolierte Verdrehung, ein gelegentlicher Rechtschreibfehler) sind bei Kindern ohne Legasthenie häufig. Erst das Muster quer durch Lesen, Rechtschreibung, Reihenfolgen und oft Handschrift deutet auf eine Legasthenie hin.

4. Anzeichen bei Erwachsenen

5. Legasthene Stärken

Die Rahmung, die in den letzten Jahrzehnten neben der Störungs-Rahmung gewachsen ist. Viele legasthene Erwachsene haben deutliche kognitive Stärken, die der Fokus aufs Lesen verdeckt. Forschung und Community-Berichte betonen diese zunehmend neben den Kosten.

Viele Felder begünstigen legasthene kognitive Profile: Architektur, Design, Ingenieurwesen, Unternehmertum, Kunst, bestimmte Wissenschaften, mechanische und technische Arbeit, Film- und Theaterregie, Softwarearchitektur (weniger das Code-Detail, mehr der Systementwurf). Die Passung zwischen Stärken und Feld zählt für die Ergebnisse oft mehr als die Legasthenie selbst.

6. Legasthenie bei Frauen – das unterdiagnostizierte Muster

Die diagnostische Literatur ging lange davon aus, Legasthenie sei bei Jungen häufiger – neuere Forschung zeigt jedoch eine etwa gleiche Häufigkeit; Mädchen wurden deutlich unterdiagnostiziert. Die Gründe verlaufen parallel zu den diagnostischen Lücken bei Autismus und ADHS.

Legasthene Mädchen tun typischerweise Folgendes:

Spät diagnostizierte legasthene Frauen erhalten ihre Diagnose oft, nachdem ein Kind erkannt wurde, nachdem ihre eigene ADHS- oder Autismus-Diagnose das breitere ND-Bündel ans Licht bringt, oder nachdem eine akademische bzw. berufliche Anforderung die Kompensationsfähigkeit endgültig übersteigt. Das Erkennen erzeugt oft beides – Erleichterung über das Verstehen und Trauer über die Jahre unerklärter Mühe und angesammelter Selbstvorwürfe.

Siehe den Ratgeber Autismus bei Frauen und den Ratgeber ADHS bei Frauen für parallele Muster.

7. Der Weg der spät diagnostizierten Erwachsenen

Den Weg, den die meisten spät diagnostizierten legasthenen Erwachsenen wiedererkennen:

Kindheit. Mühe mit dem Lesen im erwarteten Alter. Mal wurde Förderbedarf erkannt, mal übersehen. Oft als „klug, aber schlampig“ oder „strengt sich nicht genug an“ abgestempelt. Über Intelligenz, Anstrengung oder Vermeidung kompensiert.

Jugend. Schulische Mühen verschärfen sich durch die steigende Leselast. Oft tritt Angst auf. Das Selbstwertgefühl wird vom „nicht akademisch“-Stempel geprägt, trotz offensichtlicher Intelligenz in anderen Bereichen.

Studium. Für manche die erste große Klippe – das Lesepensum macht die Schwierigkeit sichtbar. Andere wählen Wege, die zu ihren Stärken passen und die Leselast ganz umgehen.

Beruf. Oft unbewusst von Legasthenie-Vermeidung geprägt – kreative Felder, handwerkliche Arbeit, Unternehmertum, Führungsrollen, in denen strategisches Denken mehr zählt als detailliertes Lesen. Manchmal beachtlicher beruflicher Erfolg in gut passenden Feldern.

Erkennen. Oft über die Diagnose eines Kindes. Manchmal über angesammelte Frustration mit leseintensiven Anforderungen. Manchmal dadurch, dass eine Autismus- oder ADHS-Erkennung das breitere ND-Bündel ans Licht bringt. Eine Diagnose mit 30 bis 50 Jahren ist häufig.

Nach dem Erkennen. Neudeutung der Lebensgeschichte. Endlich Zugang zu Nachteilsausgleich. Oft Wut, nicht früher erkannt worden zu sein. Identität wird neu gebaut – rund um das Legasthen-Sein statt um das „nicht akademisch“.

8. Die emotionalen Kosten

Die klinische Literatur konzentriert sich meist auf die mechanische Seite – Lesefertigkeiten, Rechtschreibung, Förderung. Die emotionalen Kosten bleiben meist unbeachtet und sind oft erheblich.

Häufige Muster:

Die emotionale Seite anzugehen ist genauso wichtig wie die mechanische. Eine ND-bejahende Therapie, die Legasthenie als legitime Neurologie (nicht als Charakter) versteht, hilft deutlich. Siehe unseren Ratgeber zur Therapie.

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Legasthenie tritt häufig gemeinsam mit ADHS, Autismus und Dyspraxie auf. Der Selbsttest deckt das breitere ND-Bündel ab.

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9. Überschneidung mit ADHS, Autismus und Dyspraxie

Erheblich. Das gemeinsame Auftreten von ADHS und Legasthenie wird auf 40–50 % geschätzt. Bei Autismus und Legasthenie ist es ähnlich. Auch die Überschneidung von Dyspraxie und Legasthenie ist hoch. Die vier teilen eine gemeinsame neurologische Entwicklungsarchitektur und häufen sich oft in derselben Person oder Familie.

Die praktische Folge: Bei legasthenen Erwachsenen lohnt sich eine Abklärung auf ADHS und Autismus – und umgekehrt. Die Behandlung eines Profils ohne Anerkennung der anderen führt oft zu unvollständigen Ergebnissen. AuDHD-Erwachsene haben oft Dyspraxie- und Legasthenie-Merkmale, die sich auf das kombinierte Profil legen – das Mehrfachbild ist häufig.

Das AuDHD-legasthene Profil (kombiniert Autismus, ADHS, Legasthenie) bringt oft Folgendes mit sich:

Siehe unseren AuDHD-Ratgeber und den Dyspraxie-Ratgeber.

10. Legasthenie vs. Dysgrafie vs. Dyskalkulie

Drei umschriebene Lernstörungen, die oft gemeinsam auftreten und verwechselt werden. Die Unterschiede:

Legasthenie. Betrifft vor allem das Lesen. Über denselben phonologischen Mechanismus oft auch die Rechtschreibung. Das Wort lesen, die Zeichen-Laut-Zuordnung entschlüsseln, Leseflüssigkeit aufbauen.

Dysgrafie. Betrifft vor allem den schriftlichen Ausdruck. Zwei Komponenten: die motorische Seite (die Handschrift selbst) und die kognitive Seite (Gedanken in Text ordnen, Satzbau, Schreibflüssigkeit). Kann mit oder ohne Legasthenie vorkommen.

Dyskalkulie. Betrifft vor allem die mathematische Verarbeitung. Schwierigkeiten mit Zahlenverständnis, Rechenfakten, Rechnen, manchmal Zeit und Geld. Der kognitive Mechanismus unterscheidet sich von der Legasthenie, auch wenn die Profile manchmal gemeinsam auftreten.

Die drei werden getrennt diagnostiziert. Viele Erwachsene mit Legasthenie haben auch eine Dysgrafie (das Schreiben ist über dasselbe breitere Bündel betroffen); manche haben eine Dyskalkulie (seltener gemeinsam auftretend, aber möglich). Der Nachteilsausgleich unterscheidet sich: Bei Legasthenie geht es ums Lesen; bei Dysgrafie um Schreibalternativen; bei Dyskalkulie um Rechenhilfen und ein Vermitteln über Konzepte statt über Prozeduren.

11. Diagnostik

Meist durch Fachleute aus Psychologie oder spezialisierte Praxen. Die Abklärung umfasst:

Eine Diagnostik im Erwachsenenalter ist in Deutschland schwerer zugänglich als bei Kindern, wird aber zunehmend über ND-bejahende Praxen angeboten – teils als Selbstzahlerleistung, da die Kassen die Erwachsenendiagnostik nicht durchgängig tragen. Die Dokumentation öffnet den Zugang zu Nachteilsausgleich in Schule, Studium und Beruf, teils zu erheblichem.

Siehe unseren Diagnostik-Ratgeber für den breiteren Weg.

12. Förderung und Aufbau von Fertigkeiten

Die Lesefertigkeit kann sich mit der richtigen Förderung deutlich verbessern. Für Kinder haben strukturierte, lautorientierte und multisensorische Ansätze starke Evidenz. Bei Erwachsenen ist die Förderung schwieriger, aber dennoch wirksam. Die Lesekompetenz erreicht bei vielen legasthenen Erwachsenen ein hohes Niveau; die Anstrengungskosten bleiben höher als bei Menschen ohne Legasthenie.

Förderung in der Kindheit

Förderung bei Erwachsenen

Das Fördermuster: gezielter Aufbau von Fertigkeiten plus umfassender Nachteilsausgleich. Keines von beiden allein reicht meist aus, um die Auswirkungen im Leben deutlich zu verringern.

13. Nachteilsausgleich für Erwachsene

Bei dokumentierter Legasthenie besteht in Deutschland Anspruch auf Nachteilsausgleich in Schule und Studium; im Beruf lassen sich Anpassungen über das SGB IX und das AGG einfordern. Häufig hilfreiche Anpassungen:

14. Beruf und Bildungswege

Viele legasthene Erwachsene profitieren davon, Felder zu wählen, die zu ihren Stärken passen und anhaltende Leselast minimieren. Häufige Muster:

Weniger passend: Rollen mit anhaltendem Lesen und Schreiben unter Zeitdruck, klassische akademische Wege mit großem Lesepensum, juristische und ähnlich textlastige Berufe (auch wenn viele legasthene Erwachsene hier mit Nachteilsausgleich erfolgreich sind), Verwaltungsrollen mit ständigem Umgang mit Dokumenten.

Für die Ergebnisse Erwachsener zählt die berufliche Passung meist mehr als das Niveau der Lesefertigkeit. Eine legasthene Person in einem gut passenden Feld mit angemessenem Nachteilsausgleich blüht meist auf; dieselbe Person in einer schlecht passenden, leseintensiven Rolle hat oft Mühe, ganz gleich, wie sehr sie sich anstrengt.

15. Ein legasthenes Kind begleiten

Wenn du deine eigene Legasthenie erkannt hast, sind deine Kinder statistisch ebenfalls häufig legasthen – etwa 50 % genetische Weitergabe. Das Muster früh zu erkennen und gut zu begleiten, macht für den Weg des Kindes einen großen Unterschied.

Was hilft:

Siehe unseren Ratgeber für ND-bejahende Elternschaft für den breiteren Rahmen.

16. Häufige Fragen

Was ist Legasthenie?

Legasthenie ist ein neurologischer Entwicklungsunterschied, der das Lesen, die Rechtschreibung und oft auch das schriftliche Ausdrücken betrifft — trotz durchschnittlicher Intelligenz und ausreichender Förderung. Der Kernmechanismus liegt in Unterschieden der phonologischen Verarbeitung, also darin, wie das Gehirn mit der Lautstruktur der Sprache umgeht. Wörter werden nicht so entschlüsselt wie bei Menschen ohne Legasthenie; Lesen kostet mehr kognitive Anstrengung und führt zu weniger automatischem Verstehen. Etwa 10–15 % der Menschen haben eine Legasthenie. Sie bleibt ein Leben lang bestehen; die Auswirkungen hängen von Umfeld, Nachteilsausgleich und individuellem Profil ab.

Ist Legasthenie eine Lernstörung oder ein Unterschied?

Beide Rahmungen haben ihre Berechtigung. Klinisch gilt Legasthenie als umschriebene Lese-Rechtschreib-Störung — diese Einordnung öffnet den Zugang zu Nachteilsausgleich und rechtlichen Hilfen. In der Community wird sie zunehmend als Lernunterschied verstanden: Das legasthene Gehirn hat sowohl Kosten (Leseanstrengung) als auch Stärken (häufig räumliches Denken, Mustererkennung, laterales Denken, Kreativität). Viele legasthene Erwachsene erreichen Großes in Feldern, die zu ihrem kognitiven Profil passen. Die Störungs-Rahmung ist nützlich für den Zugang zu Hilfen; die Unterschieds-Rahmung ist nützlich für Selbstverständnis und Identität.

Welche Anzeichen für Legasthenie gibt es bei Erwachsenen?

Lesen ist anstrengend und langsamer als bei Gleichaltrigen, trotz Intelligenz. Die Rechtschreibung bleibt unzuverlässig, selbst bei alltäglichen Wörtern. Oft wird Vorlesen vermieden, auch bei kurzen Abschnitten. Schwierigkeiten mit lautbasierten Rätseln. Manchmal Links-rechts-Verwechslung. Manchmal Schwierigkeiten mit Reihenfolgen (Alphabet, Wochentage). Oft starkes Hörverstehen trotz Leseschwierigkeiten. Oft starkes visuelles oder räumliches Denken. Manchmal gemeinsam auftretende ADHS oder Autismus. Viele Erwachsene haben über Intelligenz und Anstrengung kompensiert; das Erkennen kommt oft erst nach der Diagnose eines Kindes.

Wird Legasthenie besser?

Die Lesefertigkeit verbessert sich mit passender Förderung, besonders im Kindesalter. Die zugrunde liegende Neurologie ändert sich nicht — Erwachsene mit Legasthenie verarbeiten Phonologie ein Leben lang anders —, aber die Lesekompetenz kann mit dem richtigen Ansatz ein hohes Niveau erreichen (strukturierte Leseförderung, multisensorische Methoden, lautorientierte Verfahren). Eine Förderung im Erwachsenenalter ist schwieriger als in der Kindheit, aber dennoch wirksam. Viele sehr lesekompetente Erwachsene haben eine Legasthenie und lesen effektiv — nur mit mehr Anstrengung als Menschen ohne Legasthenie.

Überschneidet sich Legasthenie mit Autismus oder ADHS?

Ja, in erheblichem Maß. Das gemeinsame Auftreten von ADHS und Legasthenie wird auf 40–50 % geschätzt. Bei Autismus und Legasthenie ist es ähnlich. Die drei teilen eine gemeinsame neurologische Entwicklungsarchitektur. AuDHD-Erwachsene haben oft legasthene Merkmale, die sich auf das kombinierte Profil legen. Viele legasthene Erwachsene entdecken ADHS oder Autismus über den Weg der Legasthenie-Diagnose; das Bündel dieser Profile ist häufiger als jedes für sich allein.

Welcher Nachteilsausgleich hilft legasthenen Erwachsenen?

Vorlesefunktionen (Text-to-Speech) zum Lesen. Spracherkennung (Speech-to-Text) zum Schreiben. Hörbücher ergänzend zu oder anstelle von gedrucktem Text. Mehr Zeit für leseintensive Aufgaben. Bestimmte Schriftarten mit besser unterscheidbaren Buchstaben. Farbige Folien helfen manchmal. Rechtschreib- und Grammatikhilfen. Sprachnotizen für Mitschriften. Berufs- und Bildungswege wählen, die zum kognitiven Profil passen. Bei dokumentierter Legasthenie besteht in Deutschland in Schule und Studium ein Anspruch auf Nachteilsausgleich; im Beruf können Anpassungen über das SGB IX und das AGG eingefordert werden.

Ist Legasthenie erblich?

Ja, stark. Etwa 50 % der legasthenen Erwachsenen haben einen legasthenen Elternteil. Genetisch sind mehrere Gene beteiligt, die die Gehirnentwicklung beeinflussen; Legasthenie häuft sich in Familien. Eltern, denen bei ihrem Kind Anzeichen auffallen, sind oft selbst legasthen — manchmal wird das erst über die Diagnose des Kindes erkannt. Das erbliche Muster bedeutet: Legasthenie ist ein Merkmal des Familiensystems, nicht nur eines Einzelnen.

Wie wird Legasthenie diagnostiziert?

Durch Fachleute aus Psychologie oder spezialisierte Praxen, oft im Rahmen einer Lese-Rechtschreib-Diagnostik. Die Abklärung umfasst Tests zur Leseflüssigkeit, zur phonologischen Bewusstheit, zur Rechtschreibung und zum schriftlichen Ausdruck, manchmal eine Intelligenzdiagnostik zur Einordnung sowie die Entwicklungsgeschichte. Eine Diagnostik im Erwachsenenalter ist in Deutschland schwerer zugänglich als bei Kindern, wird aber zunehmend angeboten — teils als Selbstzahlerleistung. Die Dokumentation öffnet den Zugang zu Nachteilsausgleich in Schule, Studium und Beruf.

Betrifft Legasthenie Frauen anders?

Die diagnostische Literatur ging lange davon aus, Legasthenie sei bei Jungen häufiger — neuere Forschung zeigt jedoch eine etwa gleiche Häufigkeit; Mädchen wurden deutlich unterdiagnostiziert. Legasthene Mädchen kompensieren oft durch zusätzliche Anstrengung, maskieren Schwierigkeiten durch Vermeidung und entwickeln einen Perfektionismus, der die zugrunde liegende Mühe verdeckt. Viele erwachsene Frauen erhalten die Diagnose erst, nachdem ihr Kind erkannt wurde oder akademische bzw. berufliche Anforderungen die Schwierigkeit an die Oberfläche bringen. Das Muster der spät diagnostizierten erwachsenen Frau verläuft parallel zu den Wegen bei Autismus und ADHS.

Kann Legasthenie Angst oder Depression auslösen?

Es gibt eine deutliche psychische Begleitbelastung. Jahrelang als faul, schlampig oder dumm bezeichnet zu werden für Aufgaben, die unverhältnismäßig viel Anstrengung kosten, erzeugt angesammelte Scham, die sich oft als Angst, Depression oder beides zeigt. Viele legasthene Erwachsene kommen mit ausgeprägten psychischen Belastungen im Erwachsenenalter an, als Folge unbegleiteter Mühen in der Kindheit. Die psychische Gesundheit allein zu behandeln, ohne die zugrunde liegende Legasthenie anzuerkennen, führt oft nur zu unvollständiger Besserung. Eine ND-bejahende Therapie, die Legasthenie als legitime Neurologie versteht, hilft.

Ist Legasthenie einfach nur langsames Lesen?

Langsames Lesen ist ein Merkmal, aber nicht das ganze Bild. Legasthenie betrifft die phonologische Verarbeitung, die Rechtschreibung, den schriftlichen Ausdruck, manchmal das Arbeitsgedächtnis, manchmal Reihenfolgen (Alphabet, Monate, Einmaleins), manchmal die Links-rechts-Unterscheidung, manchmal das Zeitempfinden. Die Langsamkeit beim Lesen ist oft das sichtbarste Anzeichen; der zugrunde liegende Mechanismus betrifft mehr als nur das Lesetempo. Manche legasthenen Erwachsenen lesen in normalem Tempo, aber mit Verständniskosten; andere lesen langsam mit gutem Verständnis. Das Profil ist sehr unterschiedlich.

Was ist der Unterschied zwischen Legasthenie und Dysgrafie?

Verwandt, aber verschieden. Legasthenie betrifft vor allem das Lesen (und über denselben phonologischen Mechanismus oft die Rechtschreibung). Dysgrafie betrifft vor allem den schriftlichen Ausdruck — die motorische Planung der Handschrift, das Ordnen von Gedanken in Text, die mechanische und kognitive Arbeit des Schreibens. Beide treten oft gemeinsam auf (Kinder mit Leseschwierigkeiten haben häufig auch Schwierigkeiten beim Schreiben), können aber auch getrennt vorkommen. Die Unterstützung bei Dysgrafie setzt an Motorik, Schreibstrategien und Hilfsmitteln an (Tippen, Spracherkennung); bei Legasthenie steht der Aufbau phonologischer Fertigkeiten und der Nachteilsausgleich beim Lesen im Vordergrund.