1. Was ist eine Insomnie?
Insomnie ist das Fachwort für Schlaflosigkeit. Gemeint ist mehr als eine schlechte Nacht. Die S3-Leitlinie „Insomnie bei Erwachsenen“ beschreibt sie so: Seit mindestens einem Monat fällt dir das Einschlafen oder das Durchschlafen schwer, oder du wachst morgens zu früh auf. Dazu kommt, dass es dich am Tag beeinträchtigt, etwa in deiner Leistungsfähigkeit oder deinem Wohlbefinden.
Feste Grenzwerte gibt es dabei nicht. Wie lange du zum Einschlafen brauchst oder wie oft du nachts aufwachst, muss laut Leitlinie keine bestimmte Zahl erreichen. Es zählt, wie du deinen Schlaf erlebst und wie sehr er dich am Tag belastet. Zur Einordnung: Nach dem Licht-aus noch etwa eine halbe Stunde wach zu liegen, ist laut dem staatlichen Gesundheitsportal gesund.bund.de normal.
Wie Insomnie in Deutschland verschlüsselt wird. Praxen, die mit den gesetzlichen Kassen abrechnen, müssen die ICD-10 nutzen, in Deutschland die Fassung ICD-10-GM. Dort gibt es zwei passende Codes: F51.0 „Nichtorganische Insomnie“ und G47.0 „Ein- und Durchschlafstörungen“. Bei F51.0 steht ein Hinweis, der für ADHS wichtig ist: Insomnie ist ein häufiges Anzeichen vieler psychischer und körperlicher Störungen. Sie soll nur dann zusätzlich verschlüsselt werden, wenn sie das Bild beherrscht. Die neuere ICD-11 gibt die Trennung auf und spricht von „Insomnischen Störungen“. Für die chronische Form verlangt sie Beschwerden mehrmals pro Woche über mindestens drei Monate.
Wie verbreitet schlechter Schlaf ist. Im Panel „Gesundheit in Deutschland“ 2024 des Robert Koch-Instituts beantworteten 27.038 Erwachsene Fragen zu ihrem Schlaf. 16,3 % hatten in den letzten vier Wochen mindestens dreimal pro Woche Probleme beim Einschlafen, 31,7 % beim Durchschlafen (Beyer u. a. 2026). Eine Insomnie im engeren Sinn, also mit Beschwerden am Tag, ist seltener. Die ältere RKI-Studie DEGS1 fand sie bei 5,7 % der Erwachsenen (Schlack u. a. 2013).
2. Wie häufig ist Schlaflosigkeit bei ADHS?
Deutlich häufiger als bei anderen Erwachsenen. Wie viel häufiger, hängt stark davon ab, wie man misst. Drei Beispiele:
- Barcelona. In einem Klinikprogramm für Erwachsene mit ADHS wurden 252 Menschen ausführlich untersucht. 63,9 % hatten Anzeichen von Schlaflosigkeit. Die vollen Kriterien einer Insomnie nach dem DSM-5 erfüllten 44,4 % (Fadeuilhe u. a. 2021).
- Bergen, Norwegen. 268 Erwachsene mit ADHS und 202 zufällig ausgewählte Vergleichspersonen füllten einen Insomnie-Fragebogen aus. Die Kriterien einer Insomnie erfüllten 66,8 % der ADHS-Gruppe und 28,8 % der Vergleichsgruppe (Brevik u. a. 2017). Schon einmal Schlafmittel genommen hatten 61,4 % gegenüber 20,2 % (Bjorvatn u. a. 2017).
- Übersichtsarbeit. Drei Studien fanden Insomnie bei 43 bis 80 % der Erwachsenen mit ADHS. Für die Allgemeinbevölkerung nennt dieselbe Übersicht aber 31 bis 56 %, wenn man Insomnie weit fasst, nämlich als Unzufriedenheit mit dem Schlaf (Wynchank u. a. 2017).
Die „bis zu 80 %“, die man oft liest, sind also der obere Rand einer Spanne und keine feste Größe. Belastbar ist vor allem der Vergleich innerhalb einer Studie: In Bergen war Insomnie in der ADHS-Gruppe mehr als doppelt so häufig.
Ein offener Punkt: Was lässt sich messen? Eine Meta-Analyse über 13 Studien fand, dass Erwachsene mit ADHS in Fragebögen deutlich mehr Schlafprobleme angeben. Mit einem Bewegungssensor am Handgelenk (Aktigraphie) zeigten sich eine längere Einschlafzeit und ein weniger effizienter Schlaf. Im Schlaflabor (Polysomnographie) fanden sich dagegen keine deutlichen Unterschiede. Das Team hält mehr Forschung für nötig (Díaz-Román u. a. 2018). Eine spätere Meta-Analyse über 42 Studien zu ADHS und Autismus beschreibt für beide Gruppen längere Einschlafzeiten, weniger effizienten Schlaf und mehr nächtliches Aufwachen. Bei ADHS kamen mehr periodische Beinbewegungen im Schlaf hinzu (Lugo u. a. 2020).
Wichtig für dich: Das kennt man auch von Insomnie ohne ADHS. Laut S3-Leitlinie sind die Unterschiede zu gut schlafenden Menschen im Schlaflabor kleiner, als die eigenen Angaben erwarten lassen. Diese Rückmeldung kann in der Therapie sogar nützlich sein. Dein Erleben ist trotzdem echt. Für die Diagnose ist es der Maßstab.
Depression und Angst spielen mit. In einer Studie mit 129 Erwachsenen mit ADHS, 70 Menschen mit Borderline-Störung und 65 Vergleichspersonen erklärten depressive Anzeichen einen großen Teil der Schlafbeschwerden. Rechnete man sie heraus, brauchten Menschen mit ADHS aber immer noch länger zum Einschlafen. Hyperaktive und impulsive Merkmale hingen eher mit Insomnie zusammen, Unaufmerksamkeit eher mit Schläfrigkeit am Tag (Weibel u. a. 2017).
3. Warum ADHS und Einschlafprobleme zusammenhängen
Ganz geklärt ist das nicht. Studien zeigen aber mehrere Wege, die sich gegenseitig verstärken können.
Das Gedankenkarussell. Der Körper ist müde, der Kopf springt von Thema zu Thema. In zwei Befragungen mit zusammen 200 Erwachsenen ohne ADHS-Diagnose hingen ADHS-ähnliche Merkmale mit schlechterem Schlaf zusammen. Erklärt wurde das vor allem durch geistige Anspannung vor dem Einschlafen (Smullen u. a. 2025). In einer Studie mit 316 Erwachsenen mit ADHS und 121 Vergleichspersonen schweiften die Gedanken in der ADHS-Gruppe öfter ab, die Schlafqualität war schlechter, und die Schlafmitte lag später. Die Schlafdauer unterschied sich nicht (Kaya u. a. 2026).
Begleiterkrankungen. In der Studie aus Barcelona war Insomnie häufiger, wenn die ADHS stärker ausgeprägt war und wenn weitere Erkrankungen dazukamen. Dazu zählten vor allem affektive Störungen wie Depression, Angststörungen, Persönlichkeitsstörungen und Suchterkrankungen (Fadeuilhe u. a. 2021). Die S3-Leitlinie verlangt deshalb, bei Schlafproblemen aktiv nach psychischen Belastungen zu fragen, auch wenn jemand nur über den Schlaf spricht (Empfehlung D2). Außerdem nennt sie die Wechseljahre als Zeit, in der Insomnie gehäuft auftritt. Mehr dazu unter ADHS und Depression, ADHS und Angst und ADHS und Menopause.
Innere Uhr und Medikamente. Zwei weitere Faktoren spielen oft mit: eine innere Uhr, die später tickt, und die Wirkung von Stimulanzien. Beides erklären wir ausführlich unter ADHS und Schlaf. Nur so viel: Die Befunde zu Medikamenten wirken auf den ersten Blick widersprüchlich. In den Studien aus Bergen und Barcelona hatten Menschen, die gerade Stimulanzien nahmen, eher weniger Insomnie. In kontrollierten Medikamentenstudien wird Schlaflosigkeit unter dem Wirkstoff dagegen häufiger berichtet als unter Placebo (Wynchank u. a. 2017). Wenn du vermutest, dass dein Medikament deinen Schlaf stört, sprich mit deiner verschreibenden Praxis, statt selbst etwas zu ändern. Mehr unter ADHS-Medikamente.
Ein Kreislauf. Schlechter Schlaf kann ADHS-Anzeichen verstärken. In einer Studie mit 81 Erwachsenen mit ADHS ging schlechte Schlafqualität mit mehr abschweifenden Gedanken einher und diese mit stärkeren ADHS-Anzeichen (Helfer u. a. 2019). Das ist eine Momentaufnahme, kein Beweis für Ursache und Wirkung. Eine kleine offene randomisierte Studie prüfte es direkter. 70 Erwachsene mit ADHS und Hinweisen auf eine Schlafstörung bekamen zwölf Wochen lang die übliche ADHS-Behandlung, diese plus eine Schlafbehandlung oder nur die Schlafbehandlung. Mit der zusätzlichen Schlafbehandlung besserten sich Schlafqualität und Erschöpfung stärker. Die ADHS-Anzeichen gingen aber nicht stärker zurück als mit der üblichen Behandlung allein (van der Ham u. a. 2026). Besserer Schlaf hilft also, ersetzt aber keine ADHS-Behandlung.
4. Insomnie, späte innere Uhr oder Aufschieben?
„Ich kann nicht einschlafen“ kann verschiedene Dinge heißen. Welches Muster passt am ehesten zu dir?
- Du liegst müde im Bett und findest keinen Schlaf, oder du wachst nachts auf und kommst nicht mehr zur Ruhe. Das spricht für eine Insomnie. Um sie geht es auf dieser Seite.
- Du wirst erst sehr spät müde, und vor allem das frühe Aufstehen macht Probleme. Dann kann eine verschobene innere Uhr dahinterstecken. Die ICD-10-GM führt unter G47.2 dafür das „Syndrom der verzögerten Schlafphasen“. Mehr unter ADHS und Schlaf.
- Du könntest schlafen, bleibst aber wach, weil sich der späte Abend wie deine einzige freie Zeit anfühlt. Das beschreiben wir unter Revenge Bedtime Procrastination.
- Jemand hört dich laut schnarchen und kurz nicht atmen, oder deine Beine kribbeln abends in Ruhe. Dann denk an eine Schlafapnoe oder ein Restless-Legs-Syndrom (Abschnitt 11).
Oft kommt mehreres zusammen. Eine Stockholmer Arbeitsgruppe vermutet etwa, dass eine späte innere Uhr auch durch späte Gewohnheiten aufrechterhalten werden kann, wenn Planen und Umsetzen schwerfallen (Jernelöv u. a. 2019).
5. Was die S3-Leitlinie empfiehlt
Für Insomnie gibt es in Deutschland eine S3-Leitlinie: „Insomnie bei Erwachsenen“, AWMF-Register 063-003. Die aktuelle Fassung 2.0 stammt vom April 2025 und gilt bis November 2029. Elf Fachgesellschaften haben mitgearbeitet, von Schlafmedizin und Psychiatrie über Neurologie bis zur Allgemeinmedizin. Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) hat Evidenzberichte beigesteuert. ADHS nennt die Leitlinie nicht eigens. Sie richtet sich aber ausdrücklich auch an Menschen, deren Insomnie zusammen mit anderen psychischen oder körperlichen Erkrankungen auftritt.
Zur Abklärung empfiehlt sie:
- ein Gespräch über deine Beschwerden (Anamnese), eine körperliche Untersuchung, ein Schlaftagebuch und Fragebögen (D1),
- gezielte Fragen nach körperlichen Krankheiten, besonders anderen Schlafstörungen, nach psychischen Störungen und nach Substanzen, die den Schlaf stören (D2),
- bei Bedarf einen Bewegungssensor, der Ruhe- und Aktivzeiten über längere Zeit aufzeichnet (D3),
- eine Messung im Schlaflabor, wenn ein begründeter Verdacht auf eine organische Schlafstörung besteht (D4).
Zur Behandlung gilt diese Reihenfolge:
- KVT-I als erste Option (T1). Sie soll allen Menschen mit Insomnie zuerst empfohlen werden, bevorzugt in Präsenz. Das gilt unabhängig davon, ob weitere körperliche oder psychische Erkrankungen bestehen. Diese sollen zusätzlich nach ihren eigenen Leitlinien behandelt werden. Für dich heißt das: Insomnie und ADHS verdienen beide eine Behandlung.
- Medikamente an zweiter Stelle (T2). Ein Schlafmittel kann angeboten werden, wenn die KVT-I nicht ausreichend gewirkt hat oder nicht durchführbar ist. Bei älteren Menschen nur mit großer Zurückhaltung. Was die Leitlinie zu einzelnen Mitteln sagt, steht in Abschnitt 9.
- Weitere Ansätze (T10, T11). Bewegungstherapie, Lichttherapie und künstlerische Therapien kann man erwägen. Von Aromatherapie, Akupunktur, Fußreflexzonenmassage und Homöopathie rät die Leitlinie ab.
Die Leitlinie setzt auf gemeinsame Entscheidungen: Behandelnde und Behandelte sollen auf Basis geteilter Informationen zusammen entscheiden. Deshalb steht dort „soll empfohlen werden“ und nicht „soll durchgeführt werden“. Du darfst also mitreden.
6. KVT-I: die fünf Bausteine
KVT-I ist eine Psychotherapie, die sich ganz auf den Schlaf konzentriert. Sie setzt an dem an, was eine Insomnie am Laufen hält: Gewohnheiten, die Verbindung von Bett und Wachsein, Grübeln und Sorgen um den Schlaf. Laut Leitlinie gehören fünf Bausteine dazu.
Wissen über Schlaf (Psychoedukation)
Du lernst, wie Schlaf gesteuert wird. Ein Beispiel ist das Zwei-Prozess-Modell. Es zeigt, warum auf schlechte Nächte auch wieder gute folgen können. Dazu kommen einfache Regeln, etwa kein Koffein mehr nach dem Mittagessen und Alkohol nie als Schlafmittel. Die Leitlinie hält fest, dass Psychoedukation allein nicht wirksam ist, möglicherweise weil die Inhalte vielen Menschen schon vertraut sind. Sie ist der Rahmen für die anderen vier Bausteine.
Entspannung
Am häufigsten untersucht sind progressive Muskelrelaxation, autogenes Training und Imaginationsübungen, also Übungen mit inneren Bildern. Keine Methode ist den anderen klar überlegen. In einer Stockholmer Gruppentherapie für Erwachsene mit ADHS übten die Teilnehmenden Entspannung sowohl am Tag als auch im Bett (Jernelöv u. a. 2019). Wenn dir Stillsein schwerfällt, sag das in der Therapie. Es gibt verschiedene Formen, und eine davon passt vielleicht besser zu dir.
Bettzeitrestriktion
Für eine gewisse Zeit wird die Zeit im Bett verkürzt, und Nickerchen am Tag fallen weg. So steigt der Schlafdruck. Das Ein- und Durchschlafen wird leichter, und der Schlaf-wach-Rhythmus wird stabiler. Klappt das, wird die Bettzeit nach und nach wieder verlängert. Grundlage ist ein Schlaftagebuch.
Die Leitlinie nennt eine Nebenwirkung: Anfangs bist du müder und weniger aufmerksam. Vorsicht gilt, wenn du Auto fährst oder gefährliche Arbeiten machst, und bei Epilepsie, bipolarer Störung oder einer NREM-Parasomnie (dazu zählt etwa Schlafwandeln). Diesen Baustein solltest du deshalb mit fachlicher Begleitung angehen, nicht allein.
Stimuluskontrolle
Viele Menschen mit Insomnie verbinden das Bett mit Wachliegen. Die Stimuluskontrolle soll diese Verknüpfung lösen. Die Anleitung in der Leitlinie umfasst:
- erst ins Bett gehen, wenn du schläfrig bist,
- das Bett nur zum Schlafen und für Sex nutzen, nicht zum Lesen, Fernsehen, Trinken oder Rauchen,
- wenn du nicht einschlafen kannst: aufstehen, etwas Angenehmes tun und erst schläfrig zurück ins Bett,
- jeden Morgen zur selben Uhrzeit aufstehen,
- dich tagsüber nicht hinlegen.
Auch dieser Baustein kann anfangs zu etwas Schlafmangel führen. In der Stockholmer ADHS-Gruppe planten die Teilnehmenden außerdem für den Abend immer ruhigere Tätigkeiten und eine einfache Abendroutine (Jernelöv u. a. 2019).
Kognitive Techniken
Sie richten sich gegen nächtliches Grübeln und gegen belastende Überzeugungen rund um den Schlaf. Drei Beispiele aus der Leitlinie:
- Gedankenstuhl: Einige Stunden vor dem Zubettgehen nimmst du dir eine kurze, feste Zeit. Du denkst gezielt und lösungsorientiert über die Themen nach, die dich sonst im Bett einholen.
- Gedanken prüfen: Sätze wie „Wenn ich nicht genug schlafe, bin ich morgen nicht leistungsfähig“ werden im Gespräch oder mit kleinen Verhaltensexperimenten hinterfragt.
- Paradoxe Intention: Du versuchst bewusst, im Bett wach zu bleiben. Das nimmt den Druck, einschlafen zu müssen, und die Angst, es nicht zu schaffen.
Zum Gedankenkarussell bei ADHS passt das gut. Die Forschung zur Anspannung vor dem Einschlafen sieht genau hier einen Ansatzpunkt (Smullen u. a. 2025). Die Stockholmer ADHS-Gruppe arbeitete mit einer festen „Sorgenzeit“, mit dem Umdenken belastender Gedanken und mit Achtsamkeit (Jernelöv u. a. 2019).
Was KVT-I sonst noch bewirkt
Laut Leitlinie bessert KVT-I nicht nur den Schlaf. Sie wirkt auch auf depressive Anzeichen, Angst, Tagesmüdigkeit, Erschöpfung und Lebensqualität. Bei Insomnie zusammen mit Depression, posttraumatischer Belastungsstörung oder Alkoholabhängigkeit fanden Studien mittlere bis große Effekte. Für bipolare und psychotische Störungen reicht die Datenlage noch nicht. Nebenwirkungen der KVT-I sind bisher zu wenig erforscht.
KVT-I gibt es als Einzeltherapie, in der Gruppe und digital, mit oder ohne persönliche Unterstützung. Laut einer Meta-Analyse, die die Leitlinie zitiert, wirken alle Formen. Am besten schneiden Einzel- und Gruppentherapie sowie digitale KVT-I mit persönlicher Unterstützung ab. Und zur Frage „KVT-I oder Tablette?“: Zwei hochwertige Studien fanden, dass die Kombination in der akuten Phase gut zusammenwirkt. Nach dieser Phase war KVT-I allein der Kombination aber überlegen.
7. KVT-I bei ADHS: was Studien zeigen
Hier muss man ehrlich sein: Die Forschung ist dünn. Eine systematische Übersicht von 2025 fand nur acht Studien zu KVT-I bei Autismus und/oder ADHS mit zusammen 598 Teilnehmenden. Nur drei davon richteten sich an Erwachsene. Kurzfristig wurde der Schlaf besser. Die Ergebnisse waren aber uneinheitlich und hielten meist nicht bis zur Nachuntersuchung. Die Qualität der Studien war mittel, unter anderem wegen kleiner Gruppen und fehlender Verblindung. Menschen mit solchen Diagnosen werden laut dem Team in KVT-I-Studien häufig ausgeschlossen (Cullen u. a. 2025).
Die Stockholmer Studie. Am genauesten beschrieben ist eine KVT-I, die für ADHS angepasst wurde. An einer Stockholmer Spezialambulanz für Erwachsene mit ADHS nahmen 19 Menschen an einer Gruppentherapie teil. Sie hatten im Schnitt seit 15 Jahren Schlafprobleme. 79 % nahmen Stimulanzien, 42 % Schlafmittel. Das Programm lief zehn Wochen lang mit wöchentlichen Treffen. Angepasst wurde vor allem Folgendes:
- kürzere Sitzungen und dafür eine längere Behandlungszeit,
- kurze, fest geplante Telefonate zwischen den Treffen,
- Hilfen zum Planen und Dranbleiben, etwa Wecker und Kalender,
- zusätzliche Bausteine für eine späte innere Uhr und für Schlafgewohnheiten, mit einem persönlichen Plan für Licht und Dunkelheit,
- bei Bedarf ein Gespräch mit der verschreibenden Psychiatrie über den Zeitpunkt der ADHS-Medikamente.
Die Insomnie wurde mit dem Insomnia Severity Index gemessen, einem Fragebogen mit 0 bis 28 Punkten. Der Wert sank im Schnitt von 15,4 vor der Behandlung auf 10,9 danach und auf 8,6 nach drei Monaten. Nach den Grenzwerten, die die Leitlinie nennt, ist das ein Schritt von einer moderaten zu einer subklinischen Insomnie. Auch die ADHS-Anzeichen gingen nach drei Monaten etwas zurück. Eine Vergleichsgruppe gab es nicht. Das Team nennt die Ergebnisse deshalb vielversprechend, nicht bewiesen (Jernelöv u. a. 2019).
Eine noch kleinere Pilotstudie mit zehn Männern mit ADHS und/oder Autismus prüfte ein Gruppenprogramm, das feste Schlafzeiten in den Mittelpunkt stellte. Auch hier gingen die Schlafprobleme zurück (Ishii u. a. 2022).
Was heißt das für dich? Die Leitlinie empfiehlt KVT-I auch bei Begleiterkrankungen. Für ADHS gibt es erste ermutigende, aber kleine Studien. Wenn dir Struktur und Dranbleiben schwerfallen, sprich das in der Therapie an. Erinnerungen, Kalender und zusätzliche kurze Kontakte sind genau die Anpassungen, die in Stockholm genutzt wurden.
8. So kommst du in Deutschland an eine KVT-I
- Hausarztpraxis. Ein guter erster Schritt, um körperliche Ursachen und Medikamente als Auslöser zu prüfen. Von dort geht es bei Bedarf weiter, etwa in eine neurologische oder schlafmedizinische Praxis.
- Psychotherapeutische Sprechstunde. Für eine Psychotherapie brauchst du keine Überweisung, und der erste Schritt ist immer die Sprechstunde. Einen Termin findest du über die 116117 am Telefon, über die Psychotherapiesuche unter psychotherapiesuche.116117.de oder über den eTerminservice. Verhaltenstherapie ist eines der vier Verfahren, die Praxen ambulant anbieten dürfen. Frag gezielt, ob die Praxis KVT-I anbietet. Gruppentherapie gibt es laut 116117 auch als sogenannte Grundversorgung, für die kein Antrag bei der Krankenkasse nötig ist.
- Digitale Gesundheitsanwendung (DiGA). DiGA sind geprüfte Medizinprodukte, oft als App. Eine Ärztin, ein Arzt oder eine Psychotherapeutin kann sie verordnen, oder die Krankenkasse genehmigt sie auf deinen Antrag. Welche Anwendungen gegen Insomnie aktuell gelistet sind, zeigt das DiGA-Verzeichnis des BfArM. Die Leitlinie nennt zwei solche DiGA (Stand April 2025). Digitale KVT-I wirkt laut Leitlinie am besten mit persönlicher Unterstützung durch Therapeut:innen.
Ein Problem benennt die Leitlinie selbst: Es gibt zu wenige Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten mit Erfahrung in KVT-I. Wenn du lange auf einen Platz wartest, frag nach einer DiGA als Alternative. Und wenn du schon wegen ADHS in Behandlung bist, bring den Schlaf dort zur Sprache. Die Leitlinie will ausdrücklich, dass Begleiterkrankungen mitbehandelt werden.
9. Schlafmittel, Melatonin und Mittel aus der Apotheke
Schlafmittel kommen laut Leitlinie erst an zweiter Stelle (T2). Zu den einzelnen Gruppen sagt sie Folgendes. Dosierungen nennen wir bewusst nicht, sie gehören in die Hand deiner Ärztin oder deines Arztes.
- Benzodiazepine und Z-Substanzen (etwa Zolpidem, Zopiclon): wirksam für eine kurze Behandlung (T3). Eine Langzeitbehandlung soll nicht empfohlen werden. Die Leitlinie nennt als mögliche Folgen Gewöhnung und Abhängigkeit, nächtliche Verwirrtheit und Stürze, schlechtere geistige Leistung, Nachwirkungen am Morgen mit eingeschränkter Fahrtüchtigkeit und schlechteren Schlaf nach dem Absetzen.
- Sedierende Antidepressiva (Doxepin, Trazodon): wirksam, bei Insomnie aber außerhalb der Zulassung eingesetzt (off-label). Eine Langzeitbehandlung sollte nicht empfohlen werden, außer bei Begleiterkrankungen, für die diese Mittel zugelassen sind (T4).
- Orexin-Rezeptor-Antagonisten (Daridorexant): wirksam (T6). Von einer Langzeitbehandlung rät die Leitlinie ab. Der Gemeinsame Bundesausschuss hat 2023 allerdings beschlossen, dass Daridorexant unter regelmäßiger Kontrolle ohne zeitliche Grenze auf Kassenrezept verordnet werden kann. Leitlinie und Kassenregeln setzen hier also unterschiedliche Akzente.
- Antipsychotika: ohne psychiatrische Begleiterkrankung nicht empfohlen (T5).
- Sedierende Antihistaminika: nicht empfohlen (T7). Dazu gehören auch frei verkäufliche Mittel mit Diphenhydramin oder Doxylamin. Die Studienlage ist schwach, und der Körper gewöhnt sich schnell daran.
- Pflanzliche Mittel wie Baldrian: nicht empfohlen (T9). Baldrian war in Meta-Analysen höchstens wenig besser als Placebo.
Melatonin. In Deutschland ist Melatonin als Arzneimittel für die kurze Behandlung der Insomnie ab 55 Jahren zugelassen. Die Leitlinie stellt fest, dass Melatonin bei Insomnie für Menschen ab 55 Jahren wirksam ist (Statement T8). Zu jüngeren Erwachsenen macht T8 keine eigene Aussage. Weiter heißt es dort: „Eine Langzeitbehandlung der Insomnie mit Melatonin soll nicht empfohlen werden.“ Die Leitlinie hält die Apotheke für eine sicherere Bezugsquelle als andere Wege und sieht Gummibärchen mit Melatonin sehr kritisch. Für Erwachsene mit ADHS und Insomnie fehlten Studien zu Melatonin 2019 weitgehend (Jernelöv u. a. 2019). Bei einer späten inneren Uhr ist die Lage anders; das erklären wir unter ADHS und Schlaf. Ob Melatonin für dich infrage kommt, klärst du ärztlich.
Nahrungsergänzungsmittel. Magnesium, L-Theanin oder Glycin kommen in der Leitlinie nicht vor. Eine Studie zu diesen Mitteln bei Erwachsenen mit ADHS und Insomnie haben wir nicht gefunden (Suche in Europe PMC, September 2026). Wenn du etwas davon nimmst, erwähne es in der Praxis, vor allem wenn du auch Medikamente nimmst. Mehr unter ADHS, Vitamine und Nahrungsergänzung.
Gewichtsdecke. Eine randomisierte Studie mit 120 Menschen mit Depression, bipolarer Störung, generalisierter Angststörung oder ADHS verglich eine schwere Kettendecke mit einer leichten. Nach vier Wochen war die Insomnie mit der schweren Decke deutlich geringer (Ekholm u. a. 2020). Das Ergebnis gilt für die gemischte Gruppe. Ob es bei ADHS allein genauso ausfällt, lässt sich der Zusammenfassung nicht entnehmen. In der Leitlinie kommen Gewichtsdecken nicht vor.
10. Alkohol, Cannabis und Koffein
Viele greifen abends zu etwas, das beim Abschalten helfen soll. Die Leitlinie ist hier deutlich. Alkohol trägt in vielen Fällen dazu bei, dass eine Insomnie entsteht. Oft wird er zur Selbstbehandlung genutzt, was die Leitlinie als ungünstig einstuft. Als Schlafmittel soll er nie dienen. Koffeinhaltige Getränke rät sie nach dem Mittagessen zu meiden. Für Cannabinoide gegen Insomnie fehlt laut Leitlinie noch eine solide Studienbasis.
Bei einer Schlafapnoe kommt etwas hinzu: Alkohol sowie Schlaf- und Beruhigungsmittel können die Atemaussetzer verstärken (gesund.bund.de). Sag in der Praxis offen, was du abends nimmst. Die Leitlinie verlangt, dass danach gefragt wird (D2), und es verändert, was dir hilft. Mehr unter ADHS und Alkohol, ADHS und Cannabis und Koffein und ADHS.
11. Schlafapnoe oder Restless Legs?
Nicht jede Schlaflosigkeit ist nur eine Insomnie. Laut Leitlinie zeigt das Schlaflabor bei Menschen mit Insomnie überraschend oft eine Schlafapnoe oder periodische Beinbewegungen, selbst wenn die Vorgeschichte eindeutig wirkte. Außerdem haben nach den Zahlen, die die Leitlinie nennt, 30 bis 40 % der Menschen mit Insomnie zusätzlich eine obstruktive schlafbezogene Atmungsstörung. Wie man diese Kombination am besten behandelt, ist noch offen.
Bei ADHS lohnt sich der Blick besonders. In der norwegischen Studie berichteten Erwachsene mit ADHS für die letzten vier Wochen deutlich häufiger von Atemaussetzern im Schlaf (mindestens „manchmal“: 29,8 % gegenüber 7,1 %) und von unruhigen Beinen (62,9 % gegenüber 25,2 %) (Bjorvatn u. a. 2017). Das sind Selbstauskünfte, keine Diagnosen.
Hinweise auf eine Schlafapnoe
- lautes Schnarchen mit Atemaussetzern, die du selbst meist nicht merkst
- starke Müdigkeit am Tag und Konzentrationsprobleme
- morgendliche Kopfschmerzen und ein trockener Mund beim Aufwachen
- plötzliches Aufwachen, manchmal mit Herzrasen oder Luftnot
Müdigkeit und Konzentrationsprobleme überschneiden sich mit ADHS. Umso wichtiger ist die Abklärung. Möglicherweise bekommst du zuerst ein tragbares Messgerät für zu Hause. Zeigt es Auffälligkeiten, kann eine Untersuchung im Schlaflabor folgen. Schätzungen zufolge haben etwa 3 % der Frauen und 5 % der Männer eine obstruktive Schlafapnoe (gesund.bund.de). In der ICD-10-GM hat sie den Code G47.31.
Hinweise auf ein Restless-Legs-Syndrom
Du spürst ein unangenehmes Kribbeln, Ziehen oder Jucken in den Beinen und einen starken Drang, sie zu bewegen. Die Beschwerden kommen in Ruhe, sind abends und nachts am stärksten und lassen bei Bewegung nach. Typischerweise beginnen sie kurz nach dem Zubettgehen und machen das Einschlafen schwer. Die Diagnose stellt die Ärztin oder der Arzt anhand der Beschwerden. Dazu wird Blut abgenommen, unter anderem für Eisen-, Nieren- und Schilddrüsenwerte. Erste Anlaufstelle ist die Hausarztpraxis, bei Bedarf geht es weiter in die Neurologie oder Schlafmedizin (gesund.bund.de). Der ICD-10-GM-Code ist G25.81.
Wann ins Schlaflabor? Laut Leitlinie (Tabelle 2) unter anderem, wenn die Insomnie auf Behandlung nicht anspricht, wenn andere Schlafstörungen ausgeschlossen werden müssen oder wenn Gefahr für dich oder andere besteht, etwa bei Berufskraftfahrer:innen.
12. Fragen für deinen Arzttermin
Mit etwas Vorbereitung wird der Termin ergiebiger. Die Leitlinie empfiehlt ein Schlaftagebuch über 7 bis 14 Tage. Notiere, wann du ins Bett gehst, wie lange du wach liegst, wann du aufstehst und wie es dir tagsüber geht. Schreib auch auf, was du abends zu dir nimmst, von Kaffee bis Alkohol, und welche Medikamente du nimmst. Wenn jemand neben dir schläft, frag nach Schnarchen und Atemaussetzern.
Fragen, die du stellen kannst:
- Ist das eine Insomnie, eine verschobene innere Uhr oder beides?
- Sollten wir eine Schlafapnoe oder ein Restless-Legs-Syndrom ausschließen? Brauche ich dafür eine Messung?
- Können meine Medikamente den Schlaf stören? Die Leitlinie nennt als Beispiele unter anderem antriebssteigernde Antidepressiva, Betablocker, Asthma-Mittel, Schilddrüsenhormone und Kortison.
- Wo bekomme ich hier eine KVT-I? Kommt eine DiGA infrage, und können Sie sie mir verordnen?
- Falls ein Schlafmittel: Warum dieses, für wie lange, und wie geht es danach weiter?
- Sollten Angst, Niedergeschlagenheit oder meine ADHS mitbehandelt werden?
- Können wir den Verlauf mit einem Fragebogen verfolgen, etwa dem Insomnia Severity Index?
Du musst nicht beweisen, dass es „schlimm genug“ ist. Für die Diagnose zählt laut Leitlinie, was du erlebst und wie es dich am Tag einschränkt. Wenn du noch keine ADHS-Diagnose hast und dich vieles wiedererkennt, kann der ADHS-Selbsttest ein erster Anhaltspunkt sein. Er ist kein validiertes Diagnoseinstrument und ersetzt keine Abklärung.
13. Häufige Fragen
Haben Menschen mit ADHS häufiger Schlaflosigkeit?
Ja, in Studien deutlich häufiger. In einem Programm für Erwachsene mit ADHS in Barcelona erfüllten 44,4 % von 252 Menschen die Kriterien einer Insomnie. In einer norwegischen Studie waren es 66,8 % der Erwachsenen mit ADHS, in der Vergleichsgruppe 28,8 %. Die oft genannten „bis zu 80 %“ sind der obere Rand einer Spanne aus einer Übersichtsarbeit. Wie hoch die Zahl ausfällt, hängt stark davon ab, wie Insomnie gemessen wird.
Was hilft bei ADHS beim Einschlafen?
Bei einer Insomnie empfiehlt die deutsche S3-Leitlinie als erste Behandlung die kognitive Verhaltenstherapie für Insomnie (KVT-I). Sie arbeitet mit Schlafzeiten, mit dem Bett als Ort zum Schlafen und mit dem Grübeln. Erste kleine Studien mit Erwachsenen mit ADHS zeigen, dass eine angepasste KVT-I die Beschwerden verringern kann. Genauso wichtig ist es, andere Gründe abzuklären: eine späte innere Uhr, eine Schlafapnoe oder unruhige Beine.
Brauchen Menschen mit ADHS weniger Schlaf?
Einen Beleg dafür haben wir nicht gefunden. In einer norwegischen Studie schliefen zwar mehr Erwachsene mit ADHS weniger als sechs Stunden (26,6 % gegenüber 7,6 %). In einer anderen Studie mit 316 Erwachsenen mit ADHS unterschied sich die Schlafdauer aber nicht von der Vergleichsgruppe, wohl aber die empfundene Schlafqualität. Kurzer Schlaf heißt also nicht, dass dein Körper weniger braucht.
Welche Schlafmittel sind bei ADHS geeignet?
Ein eigenes Schlafmittel für ADHS nennt die S3-Leitlinie nicht. Ihre Reihenfolge gilt für alle Erwachsenen mit Insomnie: zuerst KVT-I, Medikamente erst, wenn diese nicht ausreichend wirkt oder nicht machbar ist. Viele Schlafmittel sind nur für kurze Zeit gedacht. Von frei verkäuflichen Antihistaminika und pflanzlichen Mitteln rät die Leitlinie ab. Was im Einzelfall passt, auch neben ADHS-Medikamenten, klärst du mit deiner Ärztin oder deinem Arzt.
Was ist KVT-I?
KVT-I steht für kognitive Verhaltenstherapie für Insomnie. Laut S3-Leitlinie besteht sie aus fünf Bausteinen: Wissen über Schlaf, Entspannung, Bettzeitrestriktion, Stimuluskontrolle und kognitive Techniken gegen das Grübeln. Es gibt sie als Einzel- oder Gruppentherapie und in digitaler Form. Sie wirkt laut Leitlinie auch, wenn zusätzlich eine andere psychische oder körperliche Erkrankung besteht.
Wie bekomme ich in Deutschland eine KVT-I?
Für eine psychotherapeutische Sprechstunde brauchst du keine Überweisung. Termine vermittelt die 116117, und in der Sprechstunde kannst du gezielt nach KVT-I fragen. Eine zweite Möglichkeit ist eine digitale Gesundheitsanwendung (DiGA) gegen Insomnie. Sie kann ärztlich oder psychotherapeutisch verordnet oder von der Krankenkasse genehmigt werden. Die Hausarztpraxis ist ein guter Start, um körperliche Ursachen auszuschließen.
Ab wann ist schlechter Schlaf eine Insomnie?
Laut S3-Leitlinie, wenn du seit mindestens einem Monat schlecht einschläfst, schlecht durchschläfst oder zu früh aufwachst und das dich tagsüber beeinträchtigt. Feste Minutenwerte braucht es dafür nicht. Die ICD-11 verlangt für die chronische Form Beschwerden mehrmals pro Woche über mindestens drei Monate. Etwa eine halbe Stunde bis zum Einschlafen gilt laut gesund.bund.de als normal.
Kann hinter meinen Schlafproblemen eine Schlafapnoe oder Restless Legs stecken?
Das ist möglich und sollte abgeklärt werden. In einer norwegischen Studie berichteten Erwachsene mit ADHS deutlich häufiger von Atemaussetzern und unruhigen Beinen als die Vergleichsgruppe. Hinweise auf eine Schlafapnoe sind lautes Schnarchen mit Atemaussetzern und starke Müdigkeit am Tag. Beim Restless-Legs-Syndrom kribbelt oder zieht es abends in Ruhe in den Beinen, und Bewegung bringt Erleichterung. Erste Anlaufstelle ist die Hausarztpraxis.
Hilft Melatonin gegen Schlaflosigkeit bei ADHS?
Die S3-Leitlinie stellt fest, dass Melatonin bei Insomnie für Menschen ab 55 Jahren wirksam ist. Eine Langzeitbehandlung mit Melatonin soll laut Leitlinie nicht empfohlen werden (T8). Studien zu Melatonin gegen Insomnie bei Erwachsenen mit ADHS fehlten laut einer Stockholmer Arbeitsgruppe 2019 weitgehend. Bei einer späten inneren Uhr ist die Lage anders, dazu mehr auf unserer Seite ADHS und Schlaf. Ob und wie du Melatonin nimmst, besprichst du ärztlich.
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Quellen und Stand
Wir haben jede Zahl auf dieser Seite an der jeweiligen Quelle geprüft. Wo wir nur die Zusammenfassung lesen konnten, steht das dabei. Zahlen, die die Leitlinie aus anderen Arbeiten übernimmt, geben wir als Angabe der Leitlinie wieder.
Leitlinie, Klassifikation und Versorgung in Deutschland
- Deutsche Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM), Spiegelhalder, K. u. a.: S3-Leitlinie „Insomnie bei Erwachsenen“ – Update 2025, AWMF-Registernummer 063-003, Version 2.0 (April 2025, gültig bis 12.11.2029). Präambel; Empfehlungen D1–D4 und T1–T11; Kapitel 2 (Patientenzusammenfassung), 3.1–3.5 mit Tabellen 2, 4 und 5, 4.1.1 mit Tabellen 6 und 8, 4.2.1, 4.2.4–4.2.7, 4.3, 5 und 8.1 (gelesen: Volltext). register.awmf.org
- BfArM: ICD-10-GM Version 2026 – F51.0 Nichtorganische Insomnie (mit Definition), G47.0 Ein- und Durchschlafstörungen, G47.2 Störungen des Schlaf-Wach-Rhythmus, G47.31 Obstruktives Schlafapnoe-Syndrom, G25.81 Syndrom der unruhigen Beine. Eigene Durchsicht am 26.09.2026. F50–F59 · G40–G47 · G20–G26
- gesund.bund.de (Bundesministerium für Gesundheit): Schlafstörungen, Stand 04.04.2025; Obstruktive Schlafapnoe (OSA), Stand 04.04.2025; Restless-Legs-Syndrom, Stand 13.11.2025. Schlafstörungen · Schlafapnoe · Restless Legs
- Beyer, A. K., Yessimova, D., Schlack, R., Neuhauser, H. & Nübel, J. (2026): Sleep onset problems and problems maintaining sleep among adults in Germany. Results from the Panel „Health in Germany“ 2024. Journal of Health Monitoring 11, 07 (gelesen: Volltext). doi.org/10.25646/14234
- Schlack, R., Hapke, U., Maske, U., Busch, M. & Cohrs, S. (2013): Häufigkeit und Verteilung von Schlafproblemen und Insomnie in der deutschen Erwachsenenbevölkerung (DEGS1). Bundesgesundheitsblatt56(5–6), 740–748 (gelesen: Zusammenfassung). doi.org/10.1007/s00103-013-1689-2
- Bundesministerium für Gesundheit: Digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA), Stand 08.09.2026 (Verordnung oder Genehmigung durch die Krankenkasse). bundesgesundheitsministerium.de · DiGA-Verzeichnis des BfArM: diga.bfarm.de
- Patientenservice 116117 (Kassenärztliche Vereinigungen): Psychotherapie – keine Überweisung nötig, Sprechstunde als erster Schritt, Gruppentherapie als Grundversorgung ohne Antrag, Psychotherapiesuche und eTerminservice. 116117.de
Schlaflosigkeit bei ADHS
- Fadeuilhe, C., Daigre, C., Richarte, V., Grau-López, L., Palma-Álvarez, R. F., Corrales, M. & Ramos-Quiroga, J. A. (2021): Insomnia disorder in adult attention-deficit/hyperactivity disorder patients: clinical, comorbidity, and treatment correlates. Frontiers in Psychiatry 12, 663889 (gelesen: Volltext). doi.org/10.3389/fpsyt.2021.663889
- Brevik, E. J., Lundervold, A. J., Halmøy, A., Posserud, M. B., Instanes, J. T., Bjorvatn, B. & Haavik, J. (2017): Prevalence and clinical correlates of insomnia in adults with attention-deficit hyperactivity disorder. Acta Psychiatrica Scandinavica136(2), 220–227 (gelesen: Zusammenfassung). doi.org/10.1111/acps.12756
- Bjorvatn, B., Brevik, E. J., Lundervold, A. J., Halmøy, A., Posserud, M. B., Instanes, J. T. & Haavik, J. (2017): Adults with attention deficit hyperactivity disorder report high symptom levels of troubled sleep, restless legs, and cataplexy. Frontiers in Psychology8, 1621 (gelesen: Volltext; die Anteile „mindestens manchmal“ haben wir aus Tabelle 1 addiert). doi.org/10.3389/fpsyg.2017.01621
- Wynchank, D., Bijlenga, D., Beekman, A. T., Kooij, J. J. S. & Penninx, B. W. (2017): Adult attention-deficit/hyperactivity disorder (ADHD) and insomnia: an update of the literature. Current Psychiatry Reports 19(12), 98 (gelesen: Zusammenfassung). doi.org/10.1007/s11920-017-0860-0
- Díaz-Román, A., Mitchell, R. & Cortese, S. (2018): Sleep in adults with ADHD: systematic review and meta-analysis of subjective and objective studies. Neuroscience & Biobehavioral Reviews 89, 61–71 (gelesen: Zusammenfassung). doi.org/10.1016/j.neubiorev.2018.02.014
- Lugo, J., Fadeuilhe, C., Gisbert, L. u. a. (2020): Sleep in adults with autism spectrum disorder and attention deficit/hyperactivity disorder: a systematic review and meta-analysis. European Neuropsychopharmacology38, 1–24 (gelesen: Zusammenfassung). doi.org/10.1016/j.euroneuro.2020.07.004
- Weibel, S., Jermann, F., Weiner, L. u. a. (2017): Insomnia in adult attention-deficit/hyperactivity disorder: a comparison with borderline personality disorder population in a clinical setting and control participants. Comprehensive Psychiatry76, 119–128 (gelesen: Zusammenfassung). doi.org/10.1016/j.comppsych.2017.04.009
- Smullen, D., Kolodny, T., Bagshaw, A. P. & Mevorach, C. (2025): Pre-sleep arousal as a possible mechanism driving sleep problems in relation to ADHD traits. Scientific Reports 15, 24554 (gelesen: Zusammenfassung). doi.org/10.1038/s41598-025-09866-3
- Kaya, S., Ekici, F., Selvi, Y. & Kandeğer, A. (2026): Associations between sleep-related characteristics and mind wandering in adults with ADHD: a cross-sectional study with a control group. Behavioral Sciences 16(8), 1372 (gelesen: Zusammenfassung). doi.org/10.3390/bs16081372
- Helfer, B., Cooper, R. E., Bozhilova, N., Maltezos, S., Kuntsi, J. & Asherson, P. (2019): The effects of emotional lability, mind wandering and sleep quality on ADHD symptom severity in adults with ADHD. European Psychiatry55, 45–51 (gelesen: Zusammenfassung). doi.org/10.1016/j.eurpsy.2018.09.006
Behandlung bei ADHS
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- Ishii, M., Ito, W., Karube, Y. u. a. (2022): Effects of transdiagnostic group treatment for sleep disturbances in adult attention-deficit/hyperactivity disorders and autistic spectrum disorder: a pilot study. Sleep and Biological Rhythms 20(2), 173–180 (gelesen: Zusammenfassung). doi.org/10.1007/s41105-021-00351-8
- Cullen, M., McCrory, S., Hooman, G., Coyle, M. & Fleming, L. (2025): Effectiveness of cognitive behavioural therapy for insomnia (CBT-I) in individuals with neurodevelopmental conditions: a systematic review. Journal of Sleep Research 34(5), e70058 (gelesen: Zusammenfassung). doi.org/10.1111/jsr.70058
- van der Ham, M., Bijlenga, D., Molenaar, N. u. a. (2026): The effects of sleep treatment on symptoms of ADHD, sleep quality, fatigue, and depressive symptoms in adults. Journal of Attention Disorders30(3), 354–369 (gelesen: Zusammenfassung). doi.org/10.1177/10870547251379103
- Ekholm, B., Spulber, S. & Adler, M. (2020): A randomized controlled study of weighted chain blankets for insomnia in psychiatric disorders. Journal of Clinical Sleep Medicine 16(9), 1567–1577 (gelesen: Zusammenfassung). doi.org/10.5664/jcsm.8636
Stand: 26. September 2026
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