1. Das Ausmaß des Problems
Schlafschwierigkeiten gehören bei Erwachsenen mit ADHS zu den häufigsten Merkmalen über die gesamte Lebensspanne. Die Forschung zeigt durchgängig:
- Rund 75 % der Erwachsenen mit ADHS berichten von Schlafproblemen
- Im Vergleich zu rund 30 % in der erwachsenen Allgemeinbevölkerung
- Die verzögerte Schlafphase ist das häufigste Muster
- Einschlafstörungen sind stark erhöht
- Nicht erholsamer Schlaf wird häufig berichtet
- Schlechterer Schlaf korreliert mit stärkeren ADHS-Merkmalen am Folgetag
Das Muster hat nichts mit Disziplin oder Schlafhygiene zu tun. Es geht darum, wie ADHS-Nervensysteme den Schlaf-Wach-Rhythmus regulieren.
2. Verzögerte Schlafphase
Das am besten dokumentierte ADHS-Schlafmuster ist das Syndrom der verzögerten Schlafphase (DSPS) – ein tatsächlich verschobener circadianer Rhythmus, bei dem der natürliche Schlafbeginn 1–3 Stunden später kommt als üblich.
Was das biologisch bedeutet:
- Der Melatonin-Beginn ist verzögert. Das Schlafsignal des Körpers kommt später am Abend.
- Die Cortisol-Kurve ist verschoben. Der morgendliche Cortisol-Anstieg kommt später und erzeugt eine verlängerte morgendliche Benommenheit.
- Die Kurve der Körperkerntemperatur ist verzögert. Der schlafunterstützende Temperaturabfall kommt später.
- Der ganze biologische Tag ist verschoben. Die beste kognitive Leistung liegt oft am Nachmittag und Abend, nicht am Morgen.
Das ist keine Frage der Disziplin und kein Aufmerksamkeitsproblem. Es ist die zugrunde liegende Biologie. Viele Erwachsene mit ADHS funktionieren mit Zeitplänen, die das berücksichtigen, deutlich besser (1–9 Uhr statt 23–7 Uhr). Früheren Schlaf gegen die Biologie zu erzwingen führt meist zu Wachliegen im Bett.
3. Gedankenkreisen beim Zubettgehen
Eine verlässliche ADHS-Erfahrung beim Zubettgehen: im Bett liegen mit geistiger Aktivität, die nicht zur Ruhe kommt. Die Muster:
- Die sozialen Begegnungen des Tages wieder durchspielen
- Den morgigen Tag in ungewolltem Detail planen
- Zufälligen Assoziationen in immer neue Gedankenspiralen folgen
- Das Arbeitsgedächtnis verarbeitet weiter Informationen
- Dopamin-suchende Muster, die sich der Ruhe widersetzen
- Angstgetriebenes Katastrophendenken
Der Mechanismus: ADHS-Gehirne haben weniger natürliche Fähigkeit, ihre Aktivität ohne äußere Reize herunterzufahren. Das Dopaminsystem, den ganzen Tag aktiviert, sträubt sich gegen den Abfall. Die exekutiven Funktionen, die auf Schlaf umlenken sollten, können es nicht.
Strategien, die helfen: Gedanken durch Schreiben auslagern (Tagebuch, Sprachnotiz, To-do-Liste für morgen); Hörbücher oder Podcasts, die gerade genug beschäftigen, um das Kreisen zu unterbrechen; ein Gedanken-Dump vor dem Schlafen, um das Arbeitsgedächtnis zu entlasten.
4. Die Hürde des Herunterfahrens
Einschlafen ist selbst exekutive Arbeit. Du musst die aktuelle Tätigkeit beenden, ins Bett wechseln, dich hinlegen, die Augen schließen und die geistige Aktivität zur Ruhe kommen lassen. Jeder Schritt braucht exekutive Funktionen. Für Erwachsene mit ADHS, deren exekutive Kapazität am Abend erschöpft ist, ist dieser Übergang tatsächlich schwer.
Häufige Stolperstellen:
- „Nur noch eine Folge“, aus der drei werden
- Aufstehen, um die Zähne zu putzen, und sich irgendwie beim Küchenputzen wiederfinden
- Am Handy scrollen, was gar nicht der Plan war
- Im Bett liegen, aber die Augen eine Stunde lang nicht wirklich schließen
- Mehrere Fehlstarts in Richtung Schlaf
Der Übergang braucht strukturelle Unterstützung: eine vorab festgelegte Herunterfahr-Routine, Hinweisreize aus der Umgebung (gedimmtes Licht, weggelegte Geräte) und das Akzeptieren, dass der Übergang selbst Zeit braucht.
5. Der Widerstand gegen den Dopamin-Abfall
Einschlafen heißt, Dopaminquellen aufzugeben. Für ADHS-Gehirne, die mit einer erschöpften Dopamin-Grundlinie laufen, kann sich das Loslassen in den Schlaf wie ein Verlust anfühlen. Das System greift nach mehr Reizen, um den Abfall zu vermeiden.
Das erzeugt:
- Widerstand, das Handy wegzulegen
- Nach Snacks greifen
- Noch eine Folge starten
- Beim Zubettgehen zu einem fesselnden Buch greifen
- Sich noch eine Sache in den sozialen Medien ansehen
Die Aktivitäten sind im Moment nicht unbedingt angenehm – sie sind eine Abwehr gegen den Dopamin-Abfall. Das zu erkennen kann helfen: Der Drang betrifft nicht die Aktivität; es geht darum, den Abfall hinauszuzögern.
6. Revenge Bedtime Procrastination
Erwachsene mit ADHS sind besonders anfällig für Revenge Bedtime Procrastination – lange aufbleiben, um sich die Zeit zurückzuholen, die der Tag verschluckt hat. Der Mechanismus wird in unserem Ratgeber zu Revenge Bedtime Procrastination ausführlich behandelt.
Kurz gesagt: ADHS-Tage fühlen sich einzigartig kostspielig an, weil alles mehr exekutiven Aufwand braucht. Am Abend ist das Gefühl von „ich habe heute verloren“ akut. Lange aufzubleiben fühlt sich an, als würde man etwas Zeit zurückgewinnen, die einem gehörte. Das Scrollen ist nicht einmal angenehm – es ist die Weigerung, den Tag zu beenden. Der Preis summiert sich: Schlafdefizit verstärkt die ADHS-Merkmale am Folgetag, was den nächsten Tag noch verlorener wirken lässt, was wiederum mehr Revenge Bedtime erzeugt.
7. Mittags müde, nachts hellwach
Eine der frustrierendsten ADHS-Erfahrungen: tiefe Erschöpfung am Mittag, dann wach und energiegeladen in der Nacht. Mehrere Mechanismen:
- Ein instabiler circadianer Rhythmus, der der typischen Wachheitskurve nicht folgt
- Das Abklingen der nachmittäglichen Stimulanzien-Dosis, das einen Einbruch erzeugt
- Kumulierte kognitive Erschöpfung, die am frühen Nachmittag einholt
- Unregelmäßiger Schlaf, der ein Schlafdefizit zu unvorhersehbaren Zeiten erzeugt
- Ein verzögerter circadianer Rhythmus, dessen natürliches Wachheitshoch später als 9 Uhr liegt
Strategien: eine feste Aufwachzeit (verankert den circadianen Rhythmus); morgendliche Lichtexposition (hilft, die Phase nach vorne zu verschieben, falls gewünscht); Nachmittagsschläfchen vermeiden (oder auf 20 Minuten begrenzen); ein sorgfältiges Koffein-Timing (kein Koffein nach mittags); manchmal eine ärztlich begleitete Anpassung von Zeitpunkt oder Darreichungsform der Medikamente.
8. ADHS-Medikamente und Schlaf
Das Verhältnis von ADHS-Medikamenten und Schlaf ist komplex:
- Lang wirksame Stimulanzien (8–12 Stunden), morgens eingenommen, sind bis zur Schlafenszeit meist abgeklungen und sollten den Schlaf nicht direkt stören. Manche Erwachsene bleiben empfindlich.
- Kurz wirksame Stimulanzien, am Nachmittag eingenommen, stören das Einschlafen eher.
- Atomoxetin stört den Schlaf in der Regel nicht und hilft manchmal beim Einschlafen bei Erwachsenen, deren ADHS-bedingtes Gedankenkreisen sie wach gehalten hat.
- Guanfacin und Clonidin (Alpha-2-Agonisten) haben sedierende Effekte, die manche Erwachsene am Abend als Teil einer Kombinationsbehandlung nützlich finden.
Wichtige Nuance: Viele Erwachsene mit ADHS erleben, dass eine gut eingestellte Behandlung den Schlaf sogar verbessert, weil das zugrunde liegende Gedankenkreisen und die exekutive Einschlaf-Hürde abnehmen. Die richtige Dosis, der richtige Zeitpunkt und die richtige Darreichungsform sind entscheidend. Das gehört in ein ärztliches Gespräch.
9. Melatonin richtig nutzen
Die meisten Erwachsenen nutzen Melatonin falsch: zu viel, zum falschen Zeitpunkt eingenommen. Der evidenzbasierte Ansatz bei der verzögerten Schlafphase bei ADHS:
- Niedrige Dosis.0,5–1 mg, nicht 3–5 mg. Höhere Dosen können „Hangover“-Effekte erzeugen, ohne die Phase besser zu verschieben.
- Früherer Zeitpunkt.2–3 Stunden vor der gewünschten Schlafenszeit eingenommen, nicht erst beim Zubettgehen. Der Sinn ist, den natürlichen Melatonin-Beginn des Körpers nach vorne zu verschieben.
- Konsequente Anwendung. Mindestens 2 Wochen täglich zur selben Zeit, um die Phasenverschiebung zu etablieren.
- Qualität zählt. Melatonin in Arzneimittelqualität ist zuverlässiger als in Nahrungsergänzungs-Qualität.
Ist die neue Phase etabliert, lässt sich die Dosis manchmal reduzieren oder absetzen. Es lohnt sich, das mit einer Apothekerin oder einem Apotheker oder der behandelnden Praxis zu besprechen, besonders bei der Kombination mit anderen Medikamenten.
10. Überschneidung mit Schlafapnoe
ADHS und Schlafapnoe treten mit erhöhten Raten gemeinsam auf, und die Kombination wird oft übersehen. Wichtige Punkte:
- Schlafapnoe erzeugt ADHS-ähnliche kognitive Symptome (Aufmerksamkeitsschwierigkeiten, Aussetzer im Arbeitsgedächtnis, exekutive Dysfunktion)
- Manche Erwachsene mit einer ADHS-Diagnose haben zusätzlich eine unentdeckte Schlafapnoe
- Die Behandlung der Apnoe bessert in diesen Fällen die kognitiven Symptome deutlich
- Erwachsene mit ADHS und Schlafapnoe haben oft sowohl eine echte ADHS als auch apnoe-verstärkte ADHS-Merkmale
Anzeichen, dass eine Untersuchung im Schlaflabor sinnvoll ist: starkes Schnarchen, eine andere Person bemerkt Atempausen, unerholtes Aufwachen trotz ausreichender Stunden, Tagesmüdigkeit, die nicht auf die ADHS-Behandlung anspricht, eine Gewichtszunahme, die die Atemwege beeinträchtigt, Aufwachen mit Erstickungsgefühl.
11. AuDHD verstärkt die Schlafprobleme
AuDHD-Schlaf ist oft der am stärksten gestörte im ND-Spektrum. Die Schichten:
- Die verzögerte Schlafphase der ADHS
- Verzögertes autistisches Melatonin (oft noch stärker verzögert als bei ADHS allein)
- Autistische sensorische Last, die eine verlängerte Entladung braucht
- ADHS-Gedankenkreisen plus autistisches systematisierendes Denken
- ADHS-Dopamin-Suchen plus autistisches Festhängen am Spezialinteresse
- Sowohl das Melatonin- als auch das Dopaminsystem sind beteiligt
Die Behandlung adressiert meist beide Schichten – sensorische Regulation für die autistische Seite, ein Dopamin- und Exekutiv-Gerüst für die ADHS-Seite. Siehe unseren Ratgeber zu Autismus und Schlaf.
12. Warum Schlafentzug ADHS hart trifft
ADHS-Nervensysteme arbeiten bei Aufmerksamkeit, exekutiven Funktionen und Emotionsregulation ohnehin mit reduzierter Kapazität. Schlafentzug verstärkt alle drei.
Die Kosten von zu wenig Schlaf am Folgetag bei Erwachsenen mit ADHS:
- Die exekutiven Funktionen brechen ein – weit schlimmer als bei schlafentzogenen Erwachsenen ohne ADHS
- Die emotionale Reaktivität schießt hoch; Wutmomente häufen sich
- RSD verschärft sich
- Das Arbeitsgedächtnis versagt aggressiver
- Die Zeitblindheit verschlimmert sich
- Die Wirksamkeit der Medikamente nimmt ab
- Angst verstärkt sich
- Das Dopamin-Suchen intensiviert sich und erhöht das Risiko impulsiven Verhaltens
Kombinierter Effekt: Guten Schlaf zu erhalten ist eine der wirksamsten Stellschrauben im Umgang mit ADHS. Umgekehrt führt chronischer Schlafentzug zu einem dramatischen Verlust an Funktionsfähigkeit.
13. Akzeptieren statt erzwingen
Zwei Wege im Umgang mit der verzögerten Schlafphase:
Sie akzeptieren:
- Von 1 bis 9 Uhr schlafen oder so, wie dein natürlicher Rhythmus ist
- Arbeitszeiten finden, die einen späteren Start erlauben
- Akzeptieren, dass eine frühmorgendliche Gesellschaft für dich schwerer ist
- Das Leben um deinen tatsächlichen Rhythmus herum bauen
Sie nach vorne verschieben:
- Morgendliche Lichttherapie mit hellem Licht
- Niedrig dosiertes Melatonin am Abend
- Eine strikt feste Aufwachzeit
- Nachmittägliches Koffein streichen
- Zeit draußen am Morgen
Beide Wege sind legitim. Für Erwachsene mit ADHS, deren Leben spätere Zeitpläne tragen kann, ist das Akzeptieren oft nachhaltiger. Für Menschen, deren Arbeit oder Familie frühere Zeitpläne erfordert, ist das Verschieben möglich, braucht aber konsequenten Einsatz. Manchen gelingt eine teilweise Verschiebung (von 2 Uhr auf 0 Uhr) leichter als eine vollständige Normalisierung.
14. ADHS-spezifische Schlafprotokolle
Ein praktikables Protokoll für Erwachsene mit ADHS:
- Feste Aufwachzeit. Wichtiger als eine feste Schlafenszeit. Verankert den circadianen Rhythmus.
- Morgendliche Lichtexposition.10–30 Minuten helles Licht innerhalb einer Stunde nach dem Aufwachen. Draußen, wenn möglich.
- Kein Koffein nach mittags. Spätestens 14 Uhr. Die Halbwertszeit ist für ADHS-empfindlichen Schlaf zu lang.
- Gedanken-Dump vor dem Schlafen. Das Gedankenkreisen auf Papier auslagern.
- Handy in einem anderen Raum. Beseitigt den größten Revenge-Bedtime-Mechanismus.
- Kühleres, dunkleres Schlafzimmer.16–18 °C bevorzugt; Verdunkelungsrollos; keine LED-Anzeigen.
- Niedrig dosiertes Melatonin 2–3 Stunden vor dem Schlafen bei deutlicher verzögerter Schlafphase.
- Schlafmedikamente, wenn andere Ansätze versagen und die Ärztin oder der Arzt zustimmt.
- Begleitende Themen behandeln. Angst, Apnoe und Autismus beeinflussen alle den Schlaf.
15. Häufige Fragen
Warum schlafen Erwachsene mit ADHS so schlecht?
Es kommen mehrere ADHS-spezifische Mechanismen zusammen. Rund 75 % der Erwachsenen mit ADHS haben Schlafprobleme. Die Treiber: ein natürlich verzögerter circadianer Rhythmus (das Schlaffenster des Körpers liegt tatsächlich später); die Schwierigkeit, das Gedankenkreisen abzulegen; eine exekutive Dysfunktion, die den Übergang in den Schlaf erschwert; ein Dopamin-Suchen, das sich gegen den Dopamin-Abfall beim Zubettgehen sträubt; das „Revenge Bedtime Procrastination“, das sich den Tag zurückholen will; eine begleitende Angst; und manchmal die Stimulanzien, die mit dem Schlaf interagieren. Der kombinierte Effekt ist eines der verlässlichsten ADHS-Merkmale über die gesamte Lebensspanne.
Ist die verzögerte Schlafphase bei ADHS real?
Ja — gut dokumentiert. Erwachsene mit ADHS haben oft einen tatsächlich verschobenen circadianen Rhythmus, bei dem der natürliche Schlafbeginn 1 bis 3 Stunden später kommt als üblich. Die Melatonin-Kurve ist verzögert; die Cortisol-Kurve ist verzögert; der ganze biologische Tag ist verschoben. Das ist keine Frage der Disziplin und kein Aufmerksamkeitsproblem — es ist die zugrunde liegende Biologie. Viele Erwachsene mit ADHS funktionieren mit Zeitplänen, die das berücksichtigen, deutlich besser (1 bis 9 Uhr statt 23 bis 7 Uhr) als mit erzwungen früheren.
Warum kann ich das Handy nicht weglegen und einschlafen?
Revenge Bedtime Procrastination — lange aufbleiben, um sich die Zeit zurückzuholen, die der Tag verschluckt hat. Bei Erwachsenen mit ADHS ist das besonders häufig, weil ADHS-Tage zehrender sind als nicht-ADHS-Tage, die Abendstunden sich einzigartig gut anfühlen (die Reizlast sinkt endlich auf ein erträgliches Maß), das Dopamin-Defizit am Abend am größten ist und die exekutiven Funktionen, die zum Weglegen des Handys nötig wären, genau dann am schwächsten sind, wenn man sie am meisten braucht. Den vollständigen Mechanismus beschreibt unser Ratgeber zu Revenge Bedtime Procrastination.
Ruinieren ADHS-Stimulanzien den Schlaf?
Das ist kompliziert. Lang wirksame Stimulanzien, die morgens eingenommen werden, sind bis zur Schlafenszeit meist abgeklungen und sollten den Schlaf nicht direkt stören — manche Erwachsene bleiben aber empfindlich. Kurz wirksame Stimulanzien, die am Nachmittag eingenommen werden, stören das Einschlafen eher. Viele Erwachsene mit ADHS erleben jedoch, dass eine gut eingestellte Behandlung den Schlaf sogar verbessert, weil das Gedankenkreisen und die exekutive Einschlaf-Hürde abnehmen. Dosis und Zeitpunkt sind entscheidend; das gehört in ein Gespräch mit der behandelnden Ärztin oder dem behandelnden Arzt. Manche Erwachsene profitieren von Nicht-Stimulanzien (Clonidin, Guanfacin), deren schlaffördernde Nebenwirkung am Abend nützlich sein kann. In Deutschland sind unter anderem Methylphenidat (Medikinet, Concerta) und Lisdexamfetamin (Elvanse) verfügbar; ein Mischamphetamin wie Adderall ist in Deutschland nicht zugelassen.
Was hilft bei ADHS-bedingter Schlaflosigkeit?
Mehrere Strategien, die bei vielen Erwachsenen mit ADHS wirken: niedrig dosiertes Melatonin (oft 0,5 bis 1 mg, 2 bis 3 Stunden vor der gewünschten Schlafenszeit eingenommen, nicht erst beim Zubettgehen), um die Phase zu verschieben; konsequente Koffein-Reduktion (kein Koffein nach mittags, oft schon nach 10 Uhr); das Gedankenkreisen vor dem Schlafen aufschreibend auslagern; das Handy in einem anderen Raum; ein kühleres, dunkleres Schlafzimmer; eine feste Aufwachzeit (wichtiger als eine feste Schlafenszeit); Body-Doubling beim Zubettgehen (schlafen gehen, wenn die Partnerin oder der Partner es tut); den Arbeitsbeginn nach hinten verschieben, wenn möglich, um dem natürlichen Rhythmus zu entsprechen; eine begleitende Angst behandeln. Schlafmedikamente, wenn andere Ansätze versagen und die Ärztin oder der Arzt zustimmt.
Warum falle ich mittags um, kann aber nachts nicht schlafen?
Mehrere Mechanismen. Erwachsene mit ADHS haben oft instabile circadiane Rhythmen, die der typischen Wachheitskurve nicht folgen. Das Abklingen der Nachmittagsdosis kann einen Einbruch erzeugen. Die kumulierte kognitive Erschöpfung holt einen mittags ein. Unregelmäßiger Schlaf erzeugt ein Schlafdefizit, das zu unvorhersehbaren Zeiten zuschlägt. Das Muster „mittags müde, nachts hellwach“ ist eine der frustrierendsten ADHS-Erfahrungen. Strategien: eine feste Aufwachzeit, morgendliche Lichtexposition, das Vermeiden von Nachmittagsschläfchen, ein sorgfältiges Koffein-Timing und manchmal eine ärztlich begleitete Anpassung der Medikamente.
Soll ich für den ADHS-Schlaf Melatonin nehmen?
Oft ja, mit dem richtigen Vorgehen. Der häufigste Fehler ist, zu viel (3 bis 5 mg) erst beim Zubettgehen zu nehmen — das kann einen „Hangover“-Effekt erzeugen, ohne die verzögerte Schlafphase zu lösen. Der evidenzbasierte Ansatz bei verzögerter Schlafphase: niedrige Dosis (0,5 bis 1 mg), 2 bis 3 Stunden vor der gewünschten Schlafenszeit eingenommen (nicht erst beim Zubettgehen), konsequent über mindestens 2 Wochen. Das verschiebt den natürlichen Melatonin-Beginn des Körpers nach vorne. Ist die neue Phase etabliert, lässt sich die Dosis manchmal reduzieren. Besprich das Schema mit einer Apothekerin oder einem Apotheker oder der behandelnden Praxis — besonders, wenn du andere Medikamente nimmst.
Macht AuDHD den Schlaf noch schlechter?
Oft erheblich. AuDHD legt autistische Schlafschwierigkeiten (verzögertes Melatonin, sensorische Last, kognitives Herunterfahren) über die von ADHS. Viele Erwachsene mit AuDHD haben die schwierigsten Schlafmuster im ND-Spektrum. Die Behandlung muss meist beide Schichten adressieren — sensorische Regulation für die autistische Seite, ein Dopamin- und Exekutiv-Gerüst für die ADHS-Seite. Für die autismusspezifischen Aspekte siehe unseren Ratgeber zu Autismus und Schlaf.
Wie viel Schlaf brauchen Erwachsene mit ADHS?
Ähnlich wie die Allgemeinbevölkerung — 7 bis 9 Stunden für die meisten Erwachsenen — aber die Qualität zählt oft mehr als die Menge. Viele Erwachsene mit ADHS funktionieren mit 8,5 bis 9 Stunden besser als mit 7. Schlafdefizit kumuliert schneller und verstärkt ADHS-Merkmale aggressiver als bei einer nicht-ADHS-Ausgangslage. Manche profitieren davon, ihren Schlaf 2 bis 3 Monate lang zu protokollieren, um ihren tatsächlichen Bedarf zu finden; oft ist er höher, als sie erwartet haben.
Ist Schlafapnoe bei ADHS häufiger?
Ja — in moderatem Maß. Erwachsene mit ADHS haben etwas erhöhte Raten von Schlafapnoe im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung, und wichtig: Eine unbehandelte Schlafapnoe erzeugt ADHS-ähnliche kognitive Symptome (Aufmerksamkeitsschwierigkeiten, Aussetzer im Arbeitsgedächtnis, exekutive Dysfunktion). Manche Erwachsene mit einer ADHS-Diagnose haben zusätzlich eine unentdeckte Schlafapnoe, und deren Behandlung bessert die kognitiven Symptome deutlich. Wenn du stark schnarchst, trotz ausreichender Stunden unerholt aufwachst oder eine Person Atempausen bemerkt, lohnt sich eine Untersuchung im Schlaflabor (über die gesetzliche Krankenversicherung mit Überweisung; privat als Selbstzahler ebenfalls möglich).
Warum trifft Schlafentzug Erwachsene mit ADHS so hart?
ADHS-Nervensysteme arbeiten bei Aufmerksamkeit, exekutiven Funktionen und Emotionsregulation ohnehin mit reduzierter Kapazität. Schlafentzug verstärkt alle drei. Der Kostenpunkt am Folgetag ist bei Erwachsenen mit ADHS viel höher als bei Erwachsenen ohne ADHS — die exekutiven Funktionen brechen ein, die emotionale Reaktivität schießt hoch, RSD verschärft sich, das Arbeitsgedächtnis versagt. Der kombinierte Effekt bedeutet: Guten Schlaf zu erhalten ist eine der wirksamsten Stellschrauben im Umgang mit ADHS — und umgekehrt führt chronischer Schlafentzug zu einem dramatischen Verlust an Funktionsfähigkeit.
Soll ich lange aufbleiben, wenn mein Körper das will?
Wenn dein Leben den verzögerten Zeitplan trägt, oft ja. Früheren Schlaf gegen die natürliche verzögerte Schlafphase zu erzwingen führt meist zu Wachliegen im Bett statt zu früherem Einschlafen. Viele Erwachsene mit ADHS und verzögerter Phase funktionieren am besten mit Zeitplänen wie 1 bis 9 Uhr. Der Preis ist, dass die meisten Jobs und sozialen Strukturen den Standard von 23 bis 7 Uhr voraussetzen. Kompromisse sind spätere Arbeitsbeginnzeiten, wo möglich, Erholungsschlaf am Wochenende zum Ausgleich des Wochendefizits und das Akzeptieren, dass der Preis erzwungenen früheren Schlafs real ist. Manchen gelingt mit Melatonin und konsequentem Einsatz tatsächlich ein früherer Schlaf; für andere ist es nachhaltiger, die verzögerte Phase zu akzeptieren.