1. Die erhöhte Konsumrate
Der Cannabiskonsum ist bei Erwachsenen mit ADHS rund 2- bis 3-mal höher als in der Allgemeinbevölkerung. Das Muster ist über Länder und Studienpopulationen hinweg konsistent (globale Daten; deutsche nationale Daten sind seltener — das RKI veröffentlicht keine regelmäßigen Statistiken zum gemeinsamen Auftreten von ADHS und Substanzkonsum bei Erwachsenen). Neben den erhöhten Konsumraten haben Erwachsene mit ADHS:
- Ein früheres Einstiegsalter beim Cannabiskonsum
- Höhere Raten täglichen und starken Konsums
- Erhöhte Raten einer Cannabiskonsumstörung
- Andere Motive als Konsumierende ohne ADHS (Selbstmedikation, nicht Freizeitvergnügen)
- Oft begonnen, bevor das ADHS diagnostiziert war
2. Warum Cannabis ADHS-Gehirne anzieht
Viele Menschen mit ADHS berichten, dass THC ihnen kurzfristig hilft. Das sind Selbstauskünfte, keine Belege für eine Wirkung. Beschrieben werden zum Beispiel diese Effekte:
- Beruhigt die ständige kognitive Aktivierung
- Verlangsamt das Gedankenkarussell
- Dämpft die Reizüberflutung
- Senkt soziale Ängste
- Hilft beim Einschlafen
- Fühlt sich belohnend an
- Bietet Emotionsregulation bei Überforderung
Belegt ist ein Nutzen bei ADHS nicht: Die einzige randomisierte Studie mit einem Cannabis-Arzneimittel bei Erwachsenen mit ADHS (30 Personen) verfehlte ihr Hauptziel (Cooper u. a. 2017), eine Übersichtsarbeit mit 39 Studien fand meist eine Verschlechterung oder keinen Effekt (Francisco u. a. 2023), und die bisherige deutsche S3-Leitlinie sagt: Cannabis soll für die Behandlung der ADHS nicht eingesetzt werden. Dass es sich kurzfristig hilfreich anfühlt, erklärt aber, warum der Konsum so verbreitet und so schwer aufzugeben ist.
3. Die Schlaf-Falle
Das häufigste ADHS-Cannabis-Muster: für den Schlaf begonnen, täglich geworden, jetzt tragend.
Die Mechanik der Falle:
- Erwachsene mit ADHS haben Schlaflosigkeit (sehr häufiges Muster)
- THC kann das Einschlafen verkürzen, die Schlafqualität auf Dauer aber verschlechtern; die deutsche Insomnie-Leitlinie sieht für Cannabinoide keine solide Studienbasis
- THC unterdrückt den REM-Schlaf (Preis)
- Es entwickelt sich eine Toleranz (mehr nötig für denselben Effekt)
- Es entwickelt sich eine körperliche Abhängigkeit (Schlaf viel schlechter ohne Konsum)
- Aufhör-Versuche führen zu schwerem Schlaflosigkeits-Rebound
- Die zugrunde liegende ADHS-Schlaflosigkeit wird durch das Cannabis verstärkt
Bei vielen Erwachsenen mit ADHS wird Cannabis zum Schlafmechanismus. Die ADHS-Schlaflosigkeit direkt zu behandeln (Schlafhygiene, manchmal Medikation, das zugrunde liegende ADHS angehen) ist nachhaltiger, erfordert aber, durch die Entzugsphase zu kommen.
4. Die Selbstmedikation gegen Angst
Cannabis senkt bei vielen die akute Angst. Erwachsene mit ADHS haben häufig erhebliche Ängste, oft unbehandelt, und Cannabis wird zum Standardwerkzeug gegen Angst.
Das Muster:
- Cannabis zur akuten Bewältigung von Angst nutzen
- Es entwickelt sich eine Toleranz
- Die Angst zwischen den Dosen verschlimmert sich
- Mehr Cannabis nötig für dieselbe Angstlinderung
- Das Grundniveau der Angst steigt über die Jahre oft an
Die Angst direkt zu behandeln (Psychotherapie, manchmal SSRI) und das zugrunde liegende ADHS zu behandeln senkt den Cannabisbedarf oft deutlich.
5. Reizregulation
Viele Erwachsene mit ADHS (besonders AuDHD-Erwachsene) nutzen Cannabis bei Reizüberflutung. Das Dämpfen der Reizverarbeitung verschafft Erleichterung von der kumulierten Überstimulation des modernen Lebens.
Die Herausforderung: das cannabisvermittelte Dämpfen wird zum einzigen funktionierenden Werkzeug, wenn andere Strategien (sensorische Anpassungen, autismusbewusste Umgebungen, eingeplante Erholungszeit) nicht vorhanden sind. Diese alternativen Strategien aufzubauen senkt die Cannabislast.
6. Langfristige ADHS-Verschlechterung
Regelmäßiger und starker Konsum über Monate bis Jahre verschlimmert die ADHS-Anzeichen tendenziell:
- Aufmerksamkeit und Konzentration sinken weiter
- Die exekutiven Funktionen leiden
- Die Motivation lässt nach (das „amotivationale Syndrom“ bei starken Konsumierenden)
- Das Gedächtnis verschlechtert sich, besonders das Arbeitsgedächtnis
- Lernen und Kompetenzaufbau fallen schwerer
- Die Stimmung dämpft sich oft mit der Zeit
Das Muster wird oft zu „ich brauche Cannabis, um zu funktionieren, und das Cannabis ist ein Teil des Grundes, warum ich nicht funktioniere“. Der kumulative Effekt ist am besten bei täglichen, starken Konsumierenden dokumentiert; gelegentliche, moderate Konsumierende zeigen oft weniger Auswirkungen.
7. CBD gegenüber THC
CBD (Cannabidiol) ist das Cannabinoid, das keinen Rausch erzeugt. Die Unterschiede sind wichtig:
- Zu CBD bei ADHS gibt es kaum Forschung; ob es ADHS-Anzeichen, Angst oder Schlaf verbessert, ist nicht belegt
- Randomisierte Studien zu CBD bei psychischen Beschwerden sind selten (Black u. a. 2019)
- Das einzige in der EU zugelassene CBD-Arzneimittel (Epidyolex) ist für seltene Epilepsien zugelassen, nicht für ADHS
- Das Konsumcannabisgesetz nimmt CBD und Nutzhanf aus – Nutzhanf aber nur mit höchstens 0,3 % THC und nur für gewerbliche oder wissenschaftliche Zwecke
- CBD in Lebensmitteln und Nahrungsergänzungsmitteln ist laut Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) nicht verkehrsfähig
- Die Dosis-Wirkung ist unklar
CBD ersetzt keine ADHS-Medikation, und ein Nutzen bei ADHS ist nicht belegt. Wenn du über CBD nachdenkst, sprich vorher mit deiner behandelnden Praxis.
8. Medizinisches Cannabis bei ADHS
Die Evidenzlage ist dünn, und sie spricht nicht für Cannabis bei ADHS. Das aktuelle Bild:
- Die Forschung hat Cannabis nicht als wirksame ADHS-Therapie etabliert
- Die bisherige deutsche S3-Leitlinie ADHS sagt: Cannabis soll für die Behandlung der ADHS nicht eingesetzt werden
- Cannabisblüten und -extrakte haben keine Arzneimittelzulassung; die zugelassenen Cannabinoid-Arzneimittel gelten für andere Erkrankungen (etwa Spastik bei Multipler Sklerose, Übelkeit bei Chemotherapie, seltene Epilepsien), nicht für ADHS
- Manche Erwachsene nutzen es bei ADHS mit berichtetem subjektivem Nutzen – das sind Selbstauskünfte, keine Belege
- Seit dem 1. April 2024 regelt das Medizinal-Cannabisgesetz (MedCanG) Cannabis als Medizin: kein Betäubungsmittel mehr, Rezept nur von Ärztinnen und Ärzten, Abgabe nur in der Apotheke
- Seit dem 30.07.2026 zahlen die gesetzlichen Krankenkassen keine Cannabisblüten mehr, nur noch standardisierte Extrakte sowie Dronabinol oder Nabilon – und zuerst muss ein zugelassenes cannabishaltiges Fertigarzneimittel sechs Monate lang ausprobiert werden
- In der BfArM-Begleiterhebung zu Kassenverordnungen (2017–2022) ging es in gut drei Vierteln der Fälle um Schmerzen; ADHS war bei 1 % der Grund
- Die Rechtslage hat sich mehrfach geändert, und weitere Änderungen sind geplant – aktuelle Regeln erfragst du am besten bei deiner Krankenkasse oder in deiner ärztlichen Praxis
9. Wechselwirkungen mit ADHS-Medikamenten
Dazu gibt es kaum Daten. Was bekannt ist:
- Die deutschen Beipackzettel der Stimulanzien (Methylphenidat, Lisdexamfetamin) nennen keine cannabis-spezifische Wechselwirkung; sie bitten aber darum, einen Missbrauch oder eine Abhängigkeit von Drogen der Ärztin oder dem Arzt mitzuteilen
- In einer kleinen Laborstudie mit 16 gesunden Erwachsenen addierten sich THC und Methylphenidat bei der Herzfrequenz (Kollins u. a. 2015)
- Wer beides nutzt, sollte es der behandelnden Praxis offenlegen
- Ehrliche Offenlegung führt zu besserer Versorgung als Verheimlichen
10. Esswaren, Verdampfen, Rauchen
Wie sich die Schäden je nach Konsumform unterscheiden, haben wir nicht belastbar geprüft – deshalb empfehlen wir hier keine Form. Was sich sagen lässt:
- Keine Konsumform ändert etwas daran, dass ein Nutzen bei ADHS nicht belegt ist.
- Viel Cannabis geht mit einem höheren Psychose-Risiko einher (Metaanalyse Marconi u. a. 2016).
- Am Steuer gilt ein THC-Grenzwert von 3,5 ng/ml im Blutserum; in der Probezeit und unter 21 Jahren gilt ein THC-Verbot. Ausgenommen ist die bestimmungsgemäße Einnahme eines verschriebenen Arzneimittels.
- Hilfe beim Reduzieren: das kostenlose, anonyme Online-Programm „Quit the Shit“ und Suchtberatungsstellen vor Ort oder digital.
11. Das Abhängigkeitsmuster
Eine Cannabisabhängigkeit ist real, trotz der kulturellen Einordnung als „nicht süchtig machend“. Das DSM-5 enthält die Cannabiskonsumstörung; die in Deutschland für die Abrechnung verwendete ICD-10-GM (und die ICD-11) beschreiben ebenfalls Störungen durch den Gebrauch von Cannabinoiden. Für Erwachsene mit ADHS speziell:
- Täglicher Konsum entwickelt sich schneller, als Konsumierende ohne ADHS es meist bemerken
- Mehrfacher Konsum pro Tag ist häufig
- Toleranz gegenüber den Schlaf- und Angsteffekten entwickelt sich
- Entzugssymptome, wenn nicht konsumiert wird
- Funktionale Beeinträchtigung in Arbeit, Beziehungen oder Alltag
- Fortgesetzter Konsum trotz Erkennen des Preises
12. Cannabisentzug bei Erwachsenen mit ADHS
Der Entzug ist real und unangenehm, oft stärker bei Erwachsenen mit ADHS:
- Schlaflosigkeit (oft schwer, 2 bis 4 Wochen anhaltend)
- Erhöhte Angst
- Reizbarkeit und emotionale Dysregulation
- Appetitverlust
- Lebhafte Träume, sobald der REM-Schlaf zurückkehrt
- Verschlimmerung der ADHS-Anzeichen
- Verlangen, besonders in auslösenden Kontexten
Die Entzugsphase erreicht meist an Tag 3 bis 7 ihren Höhepunkt und klingt über 2 bis 4 Wochen ab. Die Schlaflosigkeits-Komponente kann länger anhalten.
13. Das Erleben nach dem Aufhören
Nach der Entzugsphase (typischerweise 4 bis 8 Wochen) erleben die meisten Erwachsenen eine deutliche Besserung:
- Klareres Denken
- Bessere Grundstimmung
- Mehr Energie und Motivation
- Oft besserer Schlaf, sobald die zugrunde liegende Schlaflosigkeit angegangen ist
- ADHS-Anzeichen oft deutlich besser als während des Konsums
- Niedrigeres Angst-Grundniveau
Das ADHS-Erleben nach dem Aufhören ist meist deutlich besser als das Erleben unter Cannabis, auch wenn der Übergang unangenehm ist.
14. Reduzieren oder Aufhören
Was hilft:
- Lass das ADHS leitliniengerecht behandeln, am besten bei Fachleuten für ADHS und Sucht – ein Mittel gegen das Kiffen sind ADHS-Medikamente aber nicht (S3-Leitlinie Cannabis)
- Kümmere dich getrennt um den Schlaf (Schlafhygiene, manchmal Medikation)
- Geh die Angst direkt an, wenn sie ein Treiber war
- Reduziere schrittweise, wenn du täglich und stark konsumiert hast
- Konkrete Verhaltensregeln (cannabisfreie Tage, zeitliche Grenzen, kein Konsum unter Stress)
- Baue alternative Dopaminquellen auf (Bewegung hat großen Effekt)
- Finde eine ADHS-bewusste Therapeutin oder einen Therapeuten, der die Wechselwirkung mit Cannabis versteht
- SMART Recovery oder andere Selbsthilfe; in Deutschland Suchtberatungsstellen und ärztliche Praxen
- Plane die Entzugsphase ein – die ersten 2 bis 4 Wochen sind hart
- Verfolge die Besserung über Wochen – sie übertrifft meist die Erwartungen
15. Häufige Fragen
Konsumieren Erwachsene mit ADHS häufiger Cannabis?
Ja, deutlich. Erwachsene mit ADHS haben eine 2- bis 3-mal höhere Lebenszeit-Prävalenz beim Cannabiskonsum und häufiger eine Cannabiskonsumstörung als die Allgemeinbevölkerung. Das Muster beginnt meist im Jugendalter als Selbstmedikation und bleibt bis ins Erwachsenenalter bestehen. Viele beschreiben Cannabis als „das Eine, das mein Gehirn endlich zur Ruhe kommen ließ“ — eine Erleichterung, die echt ist, auch wenn der langfristige Preis ebenfalls echt ist.
Warum fühlt sich Cannabis bei ADHS hilfreich an?
Viele Menschen mit ADHS berichten in Befragungen, dass Cannabis ihnen kurzfristig hilft — etwa bei Unruhe und Impulsivität, beim Abschalten oder beim Einschlafen. Das sind Selbstauskünfte, keine Belege für eine Wirkung. Die einzige randomisierte Studie mit einem Cannabis-Arzneimittel bei Erwachsenen mit ADHS (30 Personen) fand beim Hauptziel keinen signifikanten Effekt, und die bisherige deutsche S3-Leitlinie ADHS sagt klar: Cannabis soll für die Behandlung der ADHS nicht eingesetzt werden. Auch als Schlafmittel fehlt Cannabinoiden laut der deutschen Insomnie-Leitlinie eine solide Studienbasis. Dass sich der Konsum kurzfristig hilfreich anfühlt, erklärt aber, warum er so verbreitet und so schwer aufzugeben ist.
Aber Cannabis verschlechtert ADHS doch, oder?
Häufig, auf bestimmte Weise und in bestimmten Zeiträumen. Akuter und kurzfristiger Konsum kann sich hilfreich anfühlen. Regelmäßiger und starker Konsum über Monate bis Jahre verschlimmert die ADHS-Anzeichen tendenziell — die Aufmerksamkeit sinkt weiter, die exekutiven Funktionen leiden, die Motivation lässt nach, das Gedächtnis verschlechtert sich, das Lernen fällt schwerer. Das Muster wird oft zu „ich brauche Cannabis, um zu funktionieren, und das Cannabis ist ein Teil des Grundes, warum ich nicht funktioniere“. Der kumulative Effekt ist am besten bei täglichen, starken Konsumierenden dokumentiert; gelegentliche, moderate Konsumierende zeigen oft weniger Auswirkungen.
Ist CBD bei ADHS anders als THC?
Ja, CBD (Cannabidiol) erzeugt keinen Rausch wie THC. Ob es bei ADHS, Angst oder Schlaf hilft, ist aber nicht belegt: Zu CBD bei ADHS gibt es kaum Forschung, und randomisierte Studien zu CBD bei psychischen Beschwerden sind selten. Das einzige in der EU zugelassene CBD-Arzneimittel (Epidyolex) ist für seltene Epilepsien zugelassen, nicht für ADHS. Frei verkäuflich ist CBD auch nicht einfach: Das Konsumcannabisgesetz nimmt CBD und Nutzhanf aus — Nutzhanf aber nur mit höchstens 0,3 % THC und nur für gewerbliche oder wissenschaftliche Zwecke —, und CBD in Lebensmitteln und Nahrungsergänzungsmitteln ist laut Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) nicht verkehrsfähig. CBD ersetzt keine ADHS-Medikation. Wenn du über CBD nachdenkst, sprich vorher mit deiner behandelnden Ärztin oder deinem Arzt.
Hilft Cannabis beim Schlaf mit ADHS?
Belegt ist das nicht. THC kann das Einschlafen verkürzen, die Schlafqualität auf Dauer aber verschlechtern; die Studienlage ist gemischt, und die deutsche Insomnie-Leitlinie sieht für Cannabinoide keine solide Studienbasis. Aber THC unterdrückt den REM-Schlaf, was Folgen für die Gedächtniskonsolidierung, die Emotionsregulation und das Denken im Wachzustand hat. Regelmäßige, tägliche Konsumierende entwickeln oft eine Toleranz (brauchen mehr für denselben Effekt) und eine körperliche Abhängigkeit (der Schlaf ist ohne Konsum deutlich schlechter). Bei vielen Erwachsenen mit ADHS wird Cannabis zum Schlafmechanismus — und das Aufhören zeigt, dass die zugrunde liegende Schlaflosigkeit durch das Cannabis selbst verstärkt wurde. Die ADHS-Schlaflosigkeit direkt zu behandeln (Schlafhygiene, manchmal Medikation, das zugrunde liegende ADHS angehen) ist nachhaltiger.
Warum ist es so schwer, mit Cannabis aufzuhören, wenn man ADHS hat?
Mehrere Faktoren stapeln sich. Das Cannabis hat echte Arbeit geleistet (Schlaf, Angst, Reizregulation, soziale Ängste) — das Aufhören nimmt das Werkzeug weg, ohne die Funktion zu ersetzen. Der Cannabisentzug ist real und unangenehm (Schlaflosigkeit, Angst, Reizbarkeit, Appetitverlust). Die ADHS-Impulsivität macht es schwerer, dem Verlangen zu widerstehen. Schwierigkeiten mit den exekutiven Funktionen erschweren das Durchhalten des Aufhör-Plans. Die kulturelle Einordnung von Cannabis als harmlos verharmlost die Schwierigkeit des Aufhörens. Viele Erwachsene mit ADHS brauchen mehrere Anläufe und ADHS-bewusste Unterstützung.
Wechselwirkt Cannabis mit ADHS-Medikamenten?
Dazu gibt es kaum Daten. In den deutschen Beipackzetteln der ADHS-Medikamente steht keine cannabis-spezifische Wechselwirkung; sie bitten aber darum, der Ärztin oder dem Arzt einen Missbrauch oder eine Abhängigkeit von Drogen mitzuteilen. In einer kleinen Laborstudie mit 16 gesunden Erwachsenen addierten sich THC und Methylphenidat bei der Herzfrequenz. Wer sowohl ADHS-Medikamente als auch Cannabis nutzt, sollte das mit der behandelnden Praxis besprechen — idealerweise mit ehrlicher Offenlegung des Cannabiskonsums.
Was ist mit medizinischem Cannabis bei ADHS?
Ein Nutzen ist nicht belegt, und die bisherige deutsche S3-Leitlinie ADHS sagt klar: Cannabis soll für die Behandlung der ADHS nicht eingesetzt werden. Die einzige randomisierte Studie (30 Erwachsene) fand beim Hauptziel keinen signifikanten Effekt. Cannabisblüten und -extrakte haben keine Arzneimittelzulassung, und die zugelassenen Cannabinoid-Arzneimittel gelten für andere Erkrankungen — etwa Spastik bei Multipler Sklerose oder seltene Epilepsien —, nicht für ADHS. Seit dem 1. April 2024 regelt das Medizinal-Cannabisgesetz (MedCanG) Cannabis als Medizin: Es ist kein Betäubungsmittel mehr, verschreiben dürfen nur Ärztinnen und Ärzte, abgegeben wird nur in der Apotheke. Seit dem 30.07.2026 zahlen die gesetzlichen Krankenkassen keine Cannabisblüten mehr, nur noch standardisierte Extrakte sowie Dronabinol oder Nabilon — und zuerst muss ein zugelassenes cannabishaltiges Fertigarzneimittel sechs Monate lang ausprobiert werden. In der BfArM-Begleiterhebung zu Kassenverordnungen (2017–2022) ging es in gut drei Vierteln der Fälle um Schmerzen; ADHS war bei 1 % der Grund. Die Rechtslage hat sich mehrfach geändert, und weitere Änderungen sind geplant — aktuelle Regeln erfragst du am besten bei deiner Krankenkasse oder in deiner ärztlichen Praxis.
Warum sieht Cannabiskonsum bei Erwachsenen mit ADHS eher wie tägliche Abhängigkeit aus?
Erwachsene mit ADHS haben ein erhöhtes Risiko für das Muster des täglichen, mehrfachen Cannabiskonsums (manchmal Cannabiskonsumstörung genannt, wenn eine funktionale Beeinträchtigung vorliegt). Die Treiber: Cannabis erfüllt mehrere nützliche Aufgaben für das ADHS-Gehirn, die ADHS-Impulsivität führt dazu, dass täglicher Konsum leicht ins Mehrfache pro Tag abgleitet, die kulturelle Einordnung von Cannabis als harmlos senkt das empfundene Bedürfnis, zu begrenzen, und viele Erwachsene mit ADHS haben Zugang zu Cannabis als Selbstmedikation, wenn ADHS-Medikamente nicht verfügbar oder erreichbar sind. Der Übergang vom gelegentlichen zum täglichen Konsum geschieht oft schneller, als Erwachsene mit ADHS es bemerken.
Was ist mit Esswaren gegenüber Rauchen und Verdampfen?
Wie sich die Schäden je nach Konsumform unterscheiden, haben wir nicht belastbar geprüft — deshalb empfehlen wir hier keine Form. Keine Konsumform ändert etwas daran, dass ein Nutzen bei ADHS nicht belegt ist. Wenn du deinen Konsum ändern willst, bieten das kostenlose, anonyme Online-Programm „Quit the Shit“ und Suchtberatungsstellen vor Ort oder digital Unterstützung.
Wie wirkt sich das Aufhören mit Cannabis auf ADHS aus?
Akut schlechter, dann besser. Die ersten 2 bis 4 Wochen nach dem Aufhören sind meist hart: der Schlaf ist schlechter, die Angst höher, die Motivation kann sinken, die ADHS-Anzeichen können schlimmer wirken. Diese Entzugs- und Rebound-Phase führt oft zum Rückfall. Nach dieser Phase (typischerweise 4 bis 8 Wochen) erleben die meisten Erwachsenen eine deutliche Besserung: klareres Denken, bessere Grundstimmung, mehr Energie, bessere Motivation, oft besserer Schlaf, sobald die zugrunde liegende Schlaflosigkeit angegangen ist. Das ADHS-Erleben nach dem Aufhören ist meist deutlich besser als das Erleben unter Cannabis, auch wenn der Übergang unangenehm ist.
Was hilft, wenn ich reduzieren oder aufhören will?
Lass das ADHS leitliniengerecht behandeln — um des ADHS willen, am besten bei Fachleuten, die sich mit ADHS und Sucht auskennen. Ein Mittel gegen das Kiffen sind ADHS-Medikamente aber nicht: Die deutsche S3-Leitlinie zu cannabisbezogenen Störungen rät, etwa Atomoxetin nicht mit dem Ziel einzusetzen, den Cannabiskonsum zu senken, und bei gleichzeitiger Sucht wirken Stimulanzien schwächer. Kümmere dich getrennt um den Schlaf (Schlafhygiene, manchmal Medikation). Geh die Angst direkt an, wenn sie ein Treiber war. Reduziere schrittweise statt von heute auf morgen, wenn du täglich konsumiert hast (der Entzug ist real). Nutze konkrete Verhaltensregeln (cannabisfreie Tage, kein Konsum vor dem Abend, kein Konsum unter Stress). Baue alternative Dopaminquellen auf (besonders Bewegung). Suche eine ADHS-bewusste Therapeutin oder einen Therapeuten, der die Cannabis-ADHS-Wechselwirkung versteht. Ziehe SMART Recovery oder andere Selbsthilfe in Betracht; in Deutschland bieten auch Suchtberatungsstellen und ärztliche Praxen Unterstützung. Viele Erwachsene mit ADHS stellen fest, dass eine deutliche Besserung möglich ist — sie erfordert aber beharrliche Arbeit, nicht nur Willenskraft.
Nur zur Information – keine medizinische oder diagnostische Beratung. Entscheidungen über Medikamente und Substanzkonsum liegen bei dir und deiner behandelnden Praxis. Wenn Suizidgedanken auftauchen, bietet in Deutschland die TelefonSeelsorge rund um die Uhr kostenlose Unterstützung (0800 111 0 111 und 0800 111 0 222). Der Notruf ist 112.