1. Hilft Cannabis bei ADHS? Was Studien zeigen
Die Forschung ist dünn. Und das Wenige, das es gibt, spricht nicht für Cannabis als ADHS-Behandlung.
- Eine einzige randomisierte Studie. Darin bekamen 30 Erwachsene mit ADHS entweder Sativex, ein zugelassenes Cannabis-Arzneimittel als Mundspray, oder ein Placebo (je 15 Personen). Beim Hauptziel, einem Computertest für Aufmerksamkeit und Bewegungsunruhe, gab es keinen signifikanten Unterschied. Bei Hyperaktivität und Impulsivität zeigten sich Hinweise auf eine Besserung, die nach der Korrektur für viele Vergleiche nicht mehr signifikant waren. Die Forschenden nennen ihre Studie selbst eine Pilotstudie.
- Große Übersichtsarbeit 2019. Für ADHS fand sie nur diese eine Studie. Ihr Fazit: Es gibt kaum Belege, dass Cannabinoide ADHS, Depressionen oder Angststörungen bessern. Über alle untersuchten psychischen Erkrankungen hinweg hatten Menschen unter THC häufiger Nebenwirkungen und brachen die Behandlung deswegen öfter ab.
- Übersicht über 39 Studien (2023). Einige fanden eine Besserung der ADHS-Symptome, die meisten aber eine Verschlechterung oder keinen Effekt. Die meisten waren Querschnittsstudien, nur eine hatte eine Placebogruppe. Das Fazit der Autorinnen und Autoren: Nach heutigem Stand wird Cannabis für Menschen mit ADHS nicht empfohlen.
Ob regelmäßiges Kiffen ADHS auf Dauer verschlimmert, ist dagegen offen. Eine Übersicht über elf Studien mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit ADHS fand keinen zusätzlichen Nachteil bei Tests der exekutiven Funktionen. Zwei der Studien zeigten aber Nachteile, wenn der Konsum früh begann. Die Studien waren klein, und die Autorinnen und Autoren fordern größere und längere Untersuchungen.
Die deutsche S3-Leitlinie ADHS ist eindeutig. Empfehlung 1.4.5.8 lautet: „Cannabis soll für die Behandlung der ADHS nicht eingesetzt werden.“ Sie beruht auf einem Expertenkonsens, dem alle Beteiligten zugestimmt haben. Die Leitlinie stammt von 2017, ihre Gültigkeit ist abgelaufen und sie wird überarbeitet. Wir zitieren die bisher gültige Fassung.
2. Warum sich Kiffen mit ADHS hilfreich anfühlt
Wenn du kiffst und das Gefühl hast, dass es dir hilft, bildest du dir das nicht ein. In einer Online-Befragung von 1.738 Studierenden gaben die Befragten mit ADHS an, dass Cannabis viele Symptome kurzfristig lindert, etwa Hyperaktivität und Impulsivität. Auch Nebenwirkungen ihrer ADHS-Medikamente wie Reizbarkeit oder Angst nahmen sie unter Cannabis als schwächer wahr.
Eine Tagebuchstudie mit 72 Studierenden, die viel Alkohol tranken, zeigt, wo das hinführen kann: Wer ADHS hatte, kiffte öfter, um schlechte Gefühle zu dämpfen oder zu vermeiden. Genau diese Motive gingen mit mehr Konsumtagen einher.
Beide Studien beruhen auf Selbstauskünften, und es gab keine Vergleichsgruppe mit Placebo. Sie zeigen, was Menschen erleben, aber nicht, ob Cannabis die ADHS wirklich bessert. Das erklärt den Widerspruch: Die Erleichterung fühlt sich echt an, in kontrollierten Studien lässt sie sich bisher nicht nachweisen.
Oft geht es eigentlich um den Schlaf oder um Angst. THC kann das Einschlafen verkürzen, die Schlafqualität auf Dauer aber verschlechtern; die deutsche Insomnie-Leitlinie sieht für Cannabinoide keine solide Studienbasis. Was bei Einschlafproblemen mit ADHS nachweislich hilft, steht in unserem Ratgeber ADHS und Schlaflosigkeit. Wenn Anspannung und Sorgen dahinterstecken, lies weiter bei ADHS und Angst.
3. Welches Cannabis, welche Sorte?
Viele suchen nach der „richtigen Sorte“ für ADHS. Die ehrliche Antwort: Es gibt keine Studie, die eine Sorte oder ein bestimmtes Verhältnis von THC zu CBD bei ADHS untersucht hätte.
- Die einzige randomisierte Studie verwendete ein Fertigarzneimittel als Mundspray, keine Blüten.
- In den meisten Studien wurde nicht gut gemessen, wie viel THC und CBD die Teilnehmenden genommen haben.
- Sortentipps im Netz stützen sich auf Erfahrungsberichte oder kommen von Anbietern, die Cannabis verkaufen oder Rezepte vermitteln.
Deshalb nennen wir keine Sorten, Mengen oder Konsumformen. Wenn eine Ärztin oder ein Arzt dir Cannabis verschreibt, ist die Wahl des Präparats Teil der ärztlichen Verantwortung.
4. CBD bei ADHS: wirksam und legal?
CBD (Cannabidiol) ist ein anderer Inhaltsstoff der Hanfpflanze als THC. Ob es bei ADHS hilft, ist nicht untersucht:
- Die Übersichtsarbeit von 2019 fand nur wenige randomisierte Studien zu CBD als Arzneimittel bei psychischen Erkrankungen. Eine ADHS-Studie mit reinem CBD haben wir nicht gefunden.
- Das einzige in der EU zugelassene CBD-Arzneimittel ist Epidyolex. Es ist für seltene Epilepsieformen zugelassen (Lennox-Gastaut-Syndrom, Dravet-Syndrom, Tuberöse Sklerose), nicht für ADHS.
Auch rechtlich ist CBD nicht so einfach, wie es in Shops wirkt. Das Konsumcannabisgesetz nimmt CBD und Nutzhanf von seinen Regeln aus. Nutzhanf zählt aber nur dazu, wenn der THC-Gehalt höchstens 0,3 % beträgt und der Handel ausschließlich gewerblichen oder wissenschaftlichen Zwecken dient, die einen Rausch ausschließen. Für Lebensmittel gilt: Dem Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) ist kein Fall bekannt, in dem CBD in Lebensmitteln oder Nahrungsergänzungsmitteln verkehrsfähig wäre. Ob ein einzelnes Produkt erlaubt ist, prüfen die Behörden der Länder.
CBD ersetzt keine ADHS-Behandlung. Wenn du darüber nachdenkst, sprich vorher mit deiner Ärztin oder deinem Arzt, vor allem wenn du Medikamente nimmst.
5. Cannabis bei ADHS auf Rezept: was 2026 gilt
Wer darf verschreiben?
Seit dem 1. April 2024 regelt das Medizinal-Cannabisgesetz (MedCanG) Cannabis als Medizin. Dazu zählen Blüten und andere Pflanzenteile aus staatlich kontrolliertem Anbau, THC einschließlich Dronabinol und Zubereitungen daraus. Cannabis zu medizinischen Zwecken ist seitdem ausdrücklich aus dem Betäubungsmittelgesetz herausgenommen. Verschreiben dürfen Ärztinnen und Ärzte, nicht aber Zahn- und Tierärzte. Abgegeben wird es nur in der Apotheke gegen Rezept.
Eine Diagnose wie ADHS schließt ein Rezept rechtlich nicht aus. Die zugelassenen Cannabinoid-Arzneimittel haben aber andere Anwendungsgebiete, etwa Sativex bei Muskelsteife durch Multiple Sklerose oder Epidyolex bei seltenen Epilepsien. Eine Zulassung für ADHS hat keines, und die Leitlinie rät ab. Vorgekommen ist es trotzdem: In der Begleiterhebung des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) zu Kassenverordnungen von 2017 bis 2022 war ADHS bei 1,0 % der Behandlungen der Grund, bei Cannabisblüten bei 5,2 %. Gut drei Viertel aller Behandlungen (76,4 %) betrafen Schmerzen. Über einen Nutzen bei ADHS sagen diese Zahlen nichts.
Was zahlt die Krankenkasse seit dem 30. Juli 2026?
Das hat sich gerade geändert. Nach dem neuen § 31 Absatz 6 SGB V haben gesetzlich Versicherte nur noch Anspruch auf Cannabis als standardisierten Extrakt sowie auf Arzneimittel mit Dronabinol oder Nabilon. Blüten zahlt die Kasse nicht mehr. Alle Bedingungen auf einen Blick:
- Du hast eine schwerwiegende Erkrankung.
- Eine anerkannte Standardbehandlung steht nicht zur Verfügung, oder sie kann nach begründeter Einschätzung deiner Ärztin bei dir nicht angewendet werden.
- Es besteht eine nicht ganz entfernt liegende Aussicht auf eine spürbare Besserung.
- Zuerst wird sechs Monate lang ein zugelassenes cannabishaltiges Fertigarzneimittel ausprobiert.
- Vor der ersten Verordnung genehmigt die Kasse den Antrag, außer bei bestimmten Fachärztinnen und Fachärzten, die der Gemeinsame Bundesausschuss festlegt. Die Kasse entscheidet in der Regel innerhalb von zwei Wochen, mit Gutachten des Medizinischen Dienstes innerhalb von vier.
Für ADHS gibt es leitliniengerechte Behandlungen, zum Beispiel Medikamente und Psychotherapie. Die zweite Bedingung ist bei ADHS deshalb nur im Einzelfall denkbar. Ob sie erfüllt ist, entscheiden deine Praxis und deine Kasse, nicht wir. Welche Medikamente es für Erwachsene gibt, steht in ADHS-Medikamente für Erwachsene.
Privatrezept und Online-Rezepte
Was die Kasse nicht übernimmt, kann eine Ärztin trotzdem auf einem Privatrezept verordnen. Die Kosten trägst du dann selbst. Rezepte werden auch über Online-Plattformen ausgestellt. Das Bundesministerium für Gesundheit spricht von einer „Verordnungspraxis im Internet ohne jeglichen persönlichen ärztlichen Kontakt“ und will sie beenden.
Der Gesetzentwurf der Bundesregierung (Bundestags-Drucksache 21/3061) sieht vor: Cannabisblüten soll es nur noch nach einem persönlichen Arztkontakt in der Praxis oder bei einem Hausbesuch geben. Für Folgerezepte reicht dann ein persönlicher Termin pro vier Quartale. Versandapotheken sollen kein Medizinalcannabis mehr verschicken dürfen, der Botendienst der Apotheken bleibt erlaubt. Stand 13. Oktober 2026 ist das noch kein Gesetz: Der Bundestag hat den Entwurf am 18. Dezember 2025 in erster Lesung beraten und an die Ausschüsse überwiesen, beschlossen ist er nicht.
6. Was das Konsumcannabisgesetz erlaubt
Ohne Rezept gilt seit April 2024 das Konsumcannabisgesetz (KCanG). Es erlaubt Erwachsenen ab 18 Jahren den Umgang mit Cannabis in engen Grenzen. Für Jugendliche unter 18 bleibt der Umgang mit Cannabis verboten.
- Besitz unterwegs: bis zu 25 Gramm.
- Besitz zu Hause: bis zu 50 Gramm und bis zu drei lebende Pflanzen.
- Eigenanbau: höchstens drei Pflanzen gleichzeitig. Was du selbst anbaust, darfst du nicht an andere weitergeben.
- Kein Konsum in unmittelbarer Gegenwart von Kindern und Jugendlichen unter 18.
- Kein Konsum in Schulen, auf Spielplätzen, in Kinder- und Jugendeinrichtungen und öffentlichen Sportstätten und in deren Sichtweite. Die Sichtweite endet nach mehr als 100 Metern vom Eingang.
- Kein Konsum in Fußgängerzonen zwischen 7 und 20 Uhr und nicht in militärischen Bereichen der Bundeswehr.
Autofahren: Wer mit 3,5 ng/ml THC oder mehr im Blutserum fährt, begeht eine Ordnungswidrigkeit. Die Geldbuße kann bis zu 3.000 € betragen, zusammen mit Alkohol bis zu 5.000 €. In der Probezeit und vor dem 21. Geburtstag darfst du am Steuer kein THC zu dir nehmen und nicht unter THC-Wirkung losfahren. Beide Regeln gelten nicht, wenn das THC aus der bestimmungsgemäßen Einnahme eines ärztlich verschriebenen Arzneimittels stammt. Angaben, wie lange du nach dem Konsum warten solltest, machen wir bewusst nicht.
Legal heißt nicht: für ADHS geeignet. Die Gesetze regeln, was erlaubt ist, nicht, was dir guttut.
7. Risiken: Abhängigkeit, Psychose, Stimmung
Abhängigkeit
Das größte Risiko bei ADHS ist, dass aus Kiffen ein Problem wird. Eine Metaanalyse von 14 Studien fand bei Menschen mit ADHS bei 26,9 % irgendwann im Leben und bei 19,2 % aktuell eine Cannabiskonsumstörung. Das Risiko war rund dreimal so hoch wie in der Allgemeinbevölkerung oder in Vergleichsgruppen (2,85-fach im Leben, 2,91-fach aktuell). Die Spanne ist groß: Für die Häufigkeit im Leben reicht der Vorhersagebereich von 12,4 bis 48,8 %. Die Forschenden empfehlen, bei der ADHS-Behandlung gezielt nach Cannabis zu fragen.
Umgekehrt gilt es genauso: Laut der deutschen S3-Leitlinie zu cannabisbezogenen Störungen (Dezember 2025) haben etwa 15 bis 21 % der Menschen mit einer Substanzstörung ADHS. Wer ADHS hat, bricht eine Suchtbehandlung häufiger ab. Mehr zum Zusammenhang mit anderen Substanzen steht in ADHS und Sucht, zum Umstieg von Cannabis auf Alkohol in ADHS und Alkohol.
Psychose
Viel Cannabis geht mit einem höheren Psychose-Risiko einher. In einer Metaanalyse mit 66.816 Personen hatten die stärksten Konsumierenden ein rund 3,9-fach erhöhtes Risiko (Odds Ratio 3,90) gegenüber Menschen, die nicht kiffen. Je mehr Konsum, desto höher das Risiko. Dass Cannabis Psychosen direkt verursacht, ist damit nicht endgültig bewiesen. Ob das Risiko bei ADHS zusätzlich steigt, ist kaum untersucht: Eine Übersicht von 2026 fand dazu nur drei Studien und wenig Hinweise auf ein höheres Risiko.
Stimmung und Depression
Viele mit ADHS haben zusätzlich eine Depression. Cannabis ist dafür keine Lösung: Die Übersichtsarbeit von 2019 fand kaum Belege, dass Cannabinoide depressive Störungen bessern. Eine Depression gehört eigenständig abgeklärt und behandelt, parallel zur ADHS. Mehr dazu in ADHS und Depression.
Wenn es dir gerade sehr schlecht geht: Bei Gedanken, dir das Leben zu nehmen, erreichst du die TelefonSeelsorge kostenfrei, anonym und Tag und Nacht unter 0800 111 0 111, 0800 111 0 222 oder 116 123. Im Notfall wähl die 112.
8. Cannabis und ADHS-Medikamente
Zu Wechselwirkungen gibt es kaum Forschung. Eine kleine Laborstudie mit 16 gesunden Erwachsenen ohne ADHS fand: THC und Methylphenidat erhöhten den Puls gemeinsam stärker als jedes für sich. THC führte zu mehr Fehlern in einem Aufmerksamkeitstest. Für Menschen mit ADHS lässt sich daraus wenig ableiten, außer: Sag deiner Praxis offen, dass du kiffst.
Was die deutschen Leitlinien sagen:
- ADHS-Medikamente bessern die ADHS-Symptome auch bei einer gleichzeitigen Suchterkrankung, wirken dann aber schwächer.
- Stimulanzien erhöhen das Risiko für eine spätere Sucht nicht. Eine Metaanalyse fand keinen Unterschied, eine schwedische Registerstudie unter medikamentöser ADHS-Behandlung sogar ein um 31 % geringeres Risiko.
- Wenn zur ADHS eine Sucht dazukommt, sollen Fachleute die Medikamente einstellen, die sich mit ADHS und Sucht auskennen (Empfehlung 1.4.3.2).
- Gegen das Kiffen selbst helfen ADHS-Medikamente nach heutigem Wissen nicht. Die S3-Leitlinie Cannabis rät, Atomoxetin nicht mit dem Ziel einzusetzen, den Konsum oder das Verlangen zu senken (Empfehlung 5.10.2.1). Die ADHS wird um der ADHS willen behandelt.
- Eine medikamentöse ADHS-Behandlung zusammen mit einer psychosozialen Suchtbehandlung kann helfen, dass du die Suchtbehandlung durchhältst.
9. Weniger kiffen oder aufhören
Was beim Entzug passiert
Eine Metaanalyse mit 23.518 Personen fand bei 47 % der regelmäßig oder abhängig Konsumierenden ein Entzugssyndrom. In der Allgemeinbevölkerung waren es 17 %, in ambulanter Behandlung 54 %, in stationärer Behandlung 87 %. Typisch sind Reizbarkeit, Nervosität oder Angst, Schlafprobleme, weniger Appetit und gedrückte Stimmung.
Der Verlauf ist unterschiedlich. Bei einem Teil sind die Beschwerden zwischen dem zweiten und sechsten Tag ohne Cannabis am stärksten, bei anderen werden sie von Anfang an langsam weniger. Meist dauert der Entzug bis zu drei Wochen und lässt sich ambulant begleiten. Schlafprobleme und Stimmungsschwankungen können länger anhalten. Wie sich ADHS-Symptome nach dem Aufhören entwickeln, hat bisher keine Studie untersucht, die wir gefunden haben. Wir versprechen dir deshalb nicht, dass danach alles besser wird.
Was hilft laut Leitlinie
- Gespräche, die deine eigene Motivation stärken (motivierende Gesprächsführung), und kognitive Verhaltenstherapie.
- Das Online-Programm „Quit the Shit“ für alle, die etwas ändern wollen.
- Bei schädlichem Konsum oder Abhängigkeit: eine qualifizierte Entzugsbehandlung. Stationär vor allem bei schwerem Entzug, hoher Rückfallgefahr, weiteren Suchtmitteln oder zusätzlichen psychischen oder körperlichen Erkrankungen (mindestens 21 Tage).
- Die Angebote des Suchthilfesystems: Akutbehandlung, Rehabilitation und Selbsthilfe, einschließlich Angebote für Angehörige.
Die Studienlage dazu ist meist schwach, viele Empfehlungen beruhen auf dem Konsens der Fachleute. Die ADHS lässt du am besten parallel behandeln, damit Schlaf, Anspannung und Unruhe nicht allein am Kiffen hängen. Wenn du noch keine Diagnose hast, hilft dir ADHS bei Erwachsenen erkennen beim ersten Schritt.
Hilfe in Deutschland
- „Quit the Shit“ (quit-the-shit.net): Du führst vier Wochen lang ein Konsum-Tagebuch und bekommst persönliche Begleitung. Ob du reduzieren oder aufhören willst, entscheidest du. Kostenlos und anonym.
- Sucht & Drogen Hotline: 01806 313031, täglich von 8 bis 24 Uhr, 0,20 € pro Anruf aus Fest- und Mobilfunknetz.
- Suchtberatungsstellen: vor Ort über das Suchthilfeverzeichnis der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) oder digital über die Plattform DigiSucht (suchtberatung.digital).
10. Häufige Fragen
Hilft Cannabis bei ADHS?
Belegt ist das nicht. Viele Menschen mit ADHS berichten in Befragungen, dass Kiffen sie kurzfristig ruhiger macht. In der einzigen randomisierten Studie (30 Erwachsene, ein Cannabis-Mundspray gegen Placebo) gab es beim Hauptziel keinen signifikanten Unterschied. Eine Übersicht über 39 Studien fand meist eine Verschlechterung oder keinen Effekt. Die bisherige deutsche S3-Leitlinie ADHS sagt deshalb: Cannabis soll zur Behandlung der ADHS nicht eingesetzt werden.
Kann ich Cannabis bei ADHS auf Rezept bekommen?
Rechtlich darf jede Ärztin und jeder Arzt Cannabis nach dem Medizinal-Cannabisgesetz verschreiben, Zahn- und Tierärzte ausgenommen. Eine Zulassung für ADHS hat kein Cannabis-Arzneimittel, und die Leitlinie rät von Cannabis bei ADHS ab. Ob ein Rezept für dich in Frage kommt, ist eine ärztliche Entscheidung im Einzelfall. Die Kasse zahlt nur unter engen Bedingungen, Blüten seit dem 30. Juli 2026 gar nicht mehr.
Zahlt die Krankenkasse Cannabis bei ADHS?
Nur in seltenen Ausnahmefällen. Seit dem 30. Juli 2026 übernimmt die gesetzliche Krankenversicherung nur noch standardisierte Extrakte sowie Dronabinol oder Nabilon, keine Blüten mehr. Voraussetzung ist eine schwerwiegende Erkrankung, für die keine anerkannte Standardbehandlung zur Verfügung steht oder angewendet werden kann. Außerdem muss zuerst ein zugelassenes cannabishaltiges Fertigarzneimittel sechs Monate lang ausprobiert werden. Für ADHS gibt es leitliniengerechte Behandlungen, deshalb sind diese Bedingungen schwer zu erfüllen.
Welches Cannabis oder welche Sorte hilft bei ADHS?
Dazu gibt es keine Studie. Für keine Sorte und kein Verhältnis von THC zu CBD ist ein Nutzen bei ADHS gezeigt. In den meisten Studien wurde nicht einmal gut gemessen, wie viel THC und CBD die Teilnehmenden genommen haben. Sortenempfehlungen im Netz beruhen auf Erfahrungsberichten oder kommen von Anbietern. Wir geben deshalb keine Sorten- oder Mengenempfehlung.
Ist CBD bei ADHS wirksam?
Das ist nicht belegt. Zu CBD als Arzneimittel gibt es bei psychischen Erkrankungen kaum randomisierte Studien, zu ADHS keine, die wir gefunden haben. Das einzige in der EU zugelassene CBD-Arzneimittel, Epidyolex, ist für seltene Epilepsieformen zugelassen. CBD in Lebensmitteln und Nahrungsergänzungsmitteln ist laut Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit nicht verkehrsfähig.
Wie wirkt Cannabis bei ADHS?
Wie THC bei ADHS im Gehirn wirkt, ist nicht geklärt. Menschen mit ADHS beschreiben oft, dass sie sich kurzfristig ruhiger und weniger getrieben fühlen. In einer Laborstudie mit gesunden Erwachsenen machten die Teilnehmenden unter THC dagegen mehr Fehler in einem Aufmerksamkeitstest. Die Forschenden der einzigen randomisierten ADHS-Studie halten weitere Studien zum Endocannabinoid-System bei ADHS für nötig.
Darf ich kiffen, wenn ich ADHS-Medikamente nehme?
Dazu gibt es kaum Forschung. In einer kleinen Laborstudie mit 16 gesunden Erwachsenen ohne ADHS addierte sich die Wirkung von THC und Methylphenidat auf den Puls. Sag deiner Praxis offen, dass du kiffst. Die S3-Leitlinie empfiehlt, die Medikamente bei gleichzeitiger Sucht von Fachleuten einstellen zu lassen, die sich mit ADHS und Sucht auskennen.
Hilft Cannabis bei ADHS und Depressionen?
Auch hier gibt es kaum Belege. Eine große Übersichtsarbeit fand wenig Hinweise, dass Cannabinoide Depressionen oder Angststörungen bessern. Eine Depression sollte eigenständig abgeklärt und behandelt werden, parallel zur ADHS. Wenn du Gedanken hast, dir das Leben zu nehmen: Die TelefonSeelsorge erreichst du kostenfrei und rund um die Uhr unter 0800 111 0 111, 0800 111 0 222 oder 116 123. Im Notfall wähl die 112.
Darf ich nach dem Kiffen Auto fahren?
Wer mit 3,5 ng/ml THC oder mehr im Blutserum ein Kraftfahrzeug fährt, begeht eine Ordnungswidrigkeit, die mit bis zu 3.000 € Geldbuße geahndet werden kann; mit Alkohol zusammen bis zu 5.000 €. In der Probezeit und unter 21 Jahren darfst du am Steuer kein THC zu dir nehmen und nicht unter THC-Wirkung losfahren. Ausgenommen ist THC aus der bestimmungsgemäßen Einnahme eines ärztlich verschriebenen Arzneimittels. Angaben, wie lange du nach dem Konsum warten solltest, machen wir bewusst nicht.
Wie lange dauert ein Cannabisentzug?
Nach regelmäßigem oder abhängigem Konsum bekommt etwa die Hälfte Entzugsbeschwerden, zum Beispiel Reizbarkeit, Unruhe, Schlafprobleme und weniger Appetit. Bei einem Teil sind sie zwischen dem zweiten und sechsten Tag am stärksten, bei anderen werden sie von Anfang an langsam weniger. Meist dauern sie bis zu drei Wochen. Schlafprobleme und Stimmungstiefs können länger anhalten. Unterstützung bekommst du in einer Suchtberatungsstelle oder online bei „Quit the Shit“.
Verwandte Ratgeber
Quellen und Stand
Die Gesetzestexte haben wir am 13. Oktober 2026 in der aktuellen Fassung gelesen. Bei Studien steht dabei, ob wir den Volltext oder nur die Zusammenfassung gelesen haben.
Gesetze und Verfahren
- Medizinal-Cannabisgesetz (MedCanG) vom 27.03.2024, gültig ab 01.04.2024, zuletzt geändert am 20.06.2024: § 2 Nr. 1, § 3. gesetze-im-internet.de
- Betäubungsmittelgesetz, Anlage II (Ausnahme für Cannabis zu medizinischen Zwecken im Sinne des MedCanG). gesetze-im-internet.de
- § 31 Abs. 6 SGB V in der Fassung des GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetzes vom 24.07.2026 (BGBl. 2026 I Nr. 228), in Kraft seit 30.07.2026. gesetze-im-internet.de
- Konsumcannabisgesetz (KCanG) vom 27.03.2024, zuletzt geändert am 20.06.2024: § 1 Nr. 8 und 9, § 2, § 3, § 5, § 9. gesetze-im-internet.de
- Straßenverkehrsgesetz § 24a (THC-Grenzwert) und § 24c (Verbot für Fahranfänger:innen). § 24a · § 24c
- Bundesministerium für Gesundheit: Kabinett beschließt Änderung des Medizinal-Cannabisgesetzes, Pressemitteilung vom 08.10.2025. bundesgesundheitsministerium.de
- Deutscher Bundestag, Dokumentations- und Informationssystem (DIP): Erstes Gesetz zur Änderung des Medizinal-Cannabisgesetzes, Drucksache 21/3061; 1. Beratung 18.12.2025, Status „Überwiesen“ (abgerufen 13.10.2026). dip.bundestag.de
- Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL): Sind Nahrungsergänzungsmittel mit Cannabidiol (CBD) verkehrsfähig? (FAQ, ohne Datum). bvl.bund.de
- BfArM (2022): Abschlussbericht der Begleiterhebung nach § 31 Abs. 6 SGB V zur Verschreibung und Anwendung von Cannabisarzneimitteln, 06.07.2022, Tabelle 2.1 (gelesen: Volltext). bfarm.de
- European Medicines Agency: Epidyolex (cannabidiol), EPAR, Anwendungsgebiete. ema.europa.eu
Leitlinien
- DGKJP, DGPPN, DGSPJ: S3-Leitlinie „ADHS bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen“, AWMF 028-045, Version 1.0, Stand 02.05.2017, Gültigkeit abgelaufen, in Überarbeitung. Empfehlungen 1.4.3.2 und 1.4.5.8; Abschnitt zu Substanzstörungen (gelesen: Volltext). register.awmf.org
- DG-Sucht u. a.: S3-Leitlinie „Behandlung cannabisbezogener Störungen“, AWMF 076-005, Version 2.0, Stand 01.12.2025. Empfehlungen 2.4.1, 2.4.2, 3.5.1, 4.5.1.1–4.5.1.3, 5.10.2.1; Kapitel 5.10.1 (gelesen: Volltext). register.awmf.org
- DGSM: S3-Leitlinie „Insomnie bei Erwachsenen“, AWMF 063-003, Version 2.0 (2025), S. 42 (gelesen: Volltext). register.awmf.org
Studien
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- Black, N. u. a. (2019): Cannabinoids for the treatment of mental disorders and symptoms of mental disorders: a systematic review and meta-analysis. Lancet Psychiatry6, 995–1010 (gelesen: Zusammenfassung). doi.org/10.1016/S2215-0366(19)30401-8
- Francisco, A. P. u. a. (2023): Cannabis use in Attention-Deficit/Hyperactivity Disorder (ADHD): A scoping review. Journal of Psychiatric Research157, 239–256 (gelesen: Zusammenfassung). doi.org/10.1016/j.jpsychires.2022.11.029
- Cawkwell, P. B., Hong, D. S. & Leikauf, J. E. (2021): Neurodevelopmental Effects of Cannabis Use in Adolescents and Emerging Adults with ADHD: A Systematic Review. Harvard Review of Psychiatry 29, 251–261 (gelesen: Zusammenfassung). doi.org/10.1097/HRP.0000000000000303
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- Marconi, A. u. a. (2016): Meta-analysis of the Association Between the Level of Cannabis Use and Risk of Psychosis. Schizophrenia Bulletin42, 1262–1269 (gelesen: Zusammenfassung). doi.org/10.1093/schbul/sbw003
- Suetani, S. u. a. (2026): The risk of psychosis associated with cannabis use by people with attention-deficit hyperactivity disorder: A systematic review. Australasian Psychiatry (gelesen: Zusammenfassung). doi.org/10.1177/10398562261439662
- Kollins, S. H. u. a. (2015): An exploratory study of the combined effects of orally administered methylphenidate and delta-9-tetrahydrocannabinol (THC) on cardiovascular function, subjective effects, and performance in healthy adults. Journal of Substance Abuse Treatment48, 96–103 (gelesen: Zusammenfassung). doi.org/10.1016/j.jsat.2014.07.014
- Bonnet, U. & Preuss, U. W. (2017): The cannabis withdrawal syndrome: current insights. Substance Abuse and Rehabilitation 8, 9–37 (gelesen: Volltext). doi.org/10.2147/SAR.S109576
- Bahji, A. u. a. (2020): Prevalence of Cannabis Withdrawal Symptoms Among People With Regular or Dependent Use of Cannabinoids. JAMA Network Open 3(4), e202370 (gelesen: Zusammenfassung). doi.org/10.1001/jamanetworkopen.2020.2370
Hilfsangebote
- Quit the Shit: kostenloses, anonymes Online-Programm. quit-the-shit.net
- Sucht & Drogen Hotline: Telefon, Kosten und Beratungszeiten. sucht-und-drogen-hotline.de
- Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen: Suchthilfeverzeichnis und Hinweis auf DigiSucht. dhs.de
- TelefonSeelsorge Deutschland. telefonseelsorge.de
Stand: 13. Oktober 2026
Wir sind ein kleines unabhängiges Team, keine medizinische Einrichtung, und diese Seite wurde nicht fachärztlich geprüft. Die Rechtslage zu Medizinalcannabis ändert sich gerade. Wenn der Bundestag die geplante Änderung beschließt, passen wir die Seite an.
Nur zur Information – keine medizinische oder rechtliche Beratung und keine Aufforderung zum Konsum. Entscheidungen über Medikamente und Cannabis triffst du mit deiner behandelnden Ärztin oder deinem Arzt.