Für Eltern · 14 Minuten Lesezeit · Aktualisiert 13. Oktober 2026
ADHS-Test für Kinder: Ablauf und was Eltern tun können
Einen Online-Test, der bei einem Kind ADHS feststellt oder ausschließt, gibt es nicht. In Deutschland klären Fachleute das ab: mit Gesprächen, Berichten aus Kita oder Schule und einer Untersuchung des Kindes. Was du als Elternteil tun kannst, ist genau hinschauen und aufschreiben. Dafür findest du unten einen Notizbogen zum Ausdrucken.
Kurz beantwortet
Online-Test? Kein Fragebogen im Internet kann ADHS bei Kindern diagnostizieren. Auch Fachleute stellen die Diagnose laut Leitlinie nie allein mit Fragebögen.
Wer testet? Kinder- und Jugendpsychiatrie, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie oder Kinderarztpraxen mit ADHS-Erfahrung. Erste Anlaufstelle ist meist die Kinderarztpraxis.
Ab wann? Nicht vor dem dritten Geburtstag. Im Kita-Alter nur bei sehr starker Ausprägung. Häufig wird erst in der Grundschule abgeklärt.
Wie läuft es ab? Mehrere Termine: Gespräche mit Eltern und Kind, Infos aus Kita oder Schule, Fragebögen, Beobachtung und eine körperliche Untersuchung.
Kosten? Für gesetzlich versicherte Kinder übernimmt die Krankenkasse die nötige Abklärung.
Geschrieben von neurodivergenten Erwachsenen. Diese Seite wurde nicht fachärztlich geprüft. Sie stellt keine Diagnose und ersetzt keinen Termin.
1. Gibt es einen ADHS-Test für Kinder online?
Nein, nicht im Sinne einer Diagnose. Wer „ADHS-Test Kinder kostenlos“ sucht, findet viele Fragebögen mit Punktwerten. Keiner davon kann sagen, ob dein Kind ADHS hat. Dafür gibt es drei Gründe.
ADHS ist eine Frage des Vergleichs. Fast jedes Kind ist mal unruhig, vergesslich oder vorschnell. Die WHO beschreibt ADHS als anhaltendes Muster, meist über mindestens sechs Monate, das deutlich außerhalb dessen liegt, was für Alter und Entwicklungsstand üblich ist. Und das Kind muss dadurch in Schule, Familie oder mit Freunden spürbar Probleme haben. Das kann ein Fragebogen ohne Fachwissen über Kinderentwicklung nicht beurteilen.
Es braucht mehr als eine Sicht. Die Anzeichen müssen in mehreren Lebensbereichen auftreten, also nicht nur zu Hause. Deshalb holen Fachleute auch Berichte aus Kita oder Schule ein.
Andere Ursachen müssen ausgeschlossen werden. Schlecht hören, schlecht schlafen, eine Lernstörung oder eine belastende Zeit können sehr ähnlich aussehen. Das findet nur eine Untersuchung heraus.
Die deutsche S3-Leitlinie ist hier klar: Fragebögen für Eltern und Lehrkräfte sind hilfreich, aber die Diagnose soll nicht allein darauf beruhen. Auch psychologische Tests allein reichen nicht, um ADHS festzustellen oder auszuschließen.
Warum wir bewusst keinen Kinder-Test anbieten
Für Erwachsene haben wir einen ADHS-Selbsttest. Für Kinder machen wir das absichtlich nicht. Ein Programm, das aus Angaben über Symptome eine Einschätzung errechnet, kann in der EU als Medizinprodukt gelten. Die Koordinierungsgruppe Medizinprodukte der EU-Staaten (MDCG) nennt als Beispiel Software, die aus Angaben zu Symptomen wie Stimmung und Angst einen Wert für die Diagnose einer Depression berechnet. Vor allem aber wäre eine Zahl auf dem Bildschirm für dein Kind nicht hilfreich. Hilfreich sind gute Beobachtungen in den Händen von Fachleuten.
2. Notizbogen: Beobachtungen für den Termin
Der Bogen unten ist eine Gedächtnisstütze. Er orientiert sich an den drei Bereichen, die auch Fachleute anschauen: Aufmerksamkeit, Bewegung und Impulsivität. Die Sätze haben wir selbst formuliert. Sie beschreiben Alltagssituationen, kein Fragebogen wurde abgeschrieben. Du kreuzt an, wo dir etwas auffällt, und schreibst ein Beispiel dazu. Es gibt keine Punkte und kein Ergebnis.
Am meisten bringt der Bogen, wenn du ihn über zwei, drei Wochen immer wieder in die Hand nimmst. Bitte, wenn es passt, auch die Erzieherin oder den Klassenlehrer um ein paar Sätze. Nimm den ausgedruckten Bogen dann zum Termin mit.
Notizbogen für Eltern · kein Test
Beobachtungen für den Termin in der Kinderarztpraxis
Kreuze an, was dir über Wochen immer wieder auffällt, und wo: zu Hause, in Kita oder Schule, in der Freizeit. Vergleiche dabei mit anderen Kindern im gleichen Alter. Einzelne schlechte Tage zählen nicht. Unter jedem Bereich ist Platz für ein konkretes Beispiel. Beispiele helfen Fachleuten mehr als Kreuze.
Das ist kein Test.
Dieser Bogen wertet nichts aus. Er gibt kein Ergebnis und keine Einschätzung. Er kann ADHS weder erkennen noch ausschließen.
Er hilft dir nur, Beobachtungen zu ordnen und zum Termin mitzunehmen. Ob ein Kind ADHS hat, können nur Fachleute beurteilen: Kinder- und Jugendärzt:innen mit ADHS-Erfahrung, Kinder- und Jugendpsychiater:innen oder Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut:innen.
Deine Einträge bleiben nur in diesem Browser-Tab. Wir speichern nichts und senden nichts, weder an uns noch an andere. Wenn du die Seite schließt oder neu lädst, ist alles weg. Druck den Bogen also vorher aus.
Zum Kind und zum Anlass
Aufmerksamkeit und Organisation
Im Fachbegriff: Unaufmerksamkeit. Gemeint ist nicht, dass ein Kind sich nie konzentrieren kann. Oft klappt das bei Lieblingsbeschäftigungen gut.
Bewegung und Unruhe
Im Fachbegriff: Hyperaktivität. Sie zeigt sich vor allem dort, wo Ruhe verlangt wird. Bei Kita-Kindern ist viel Bewegung zunächst ganz normal.
Warten und Bremsen
Im Fachbegriff: Impulsivität. Gemeint ist, dass das Handeln schneller ist als das Nachdenken, nicht böser Wille.
Weitere Hinweise für das Gespräch
Diese Punkte sind keine ADHS-Merkmale. Fachleute fragen aber danach, weil sie mit ADHS zusammen vorkommen oder ähnlich aussehen können.
Zum Schluss
Gedruckt wird nur dieser Bogen. Im Druckdialog kannst du statt eines Druckers auch „Als PDF speichern“ wählen.
Wichtig, bevor du den Bogen mitnimmst
Wenige Kreuze heißen nicht, dass alles in Ordnung ist. Viele Kreuze heißen nicht, dass es ADHS ist. Ähnliche Beobachtungen haben oft ganz andere Gründe, zum Beispiel Schlafprobleme, Hör- oder Sehprobleme, eine Lernstörung oder Belastungen.
Warte nicht, wenn dein Kind davon spricht, nicht mehr leben zu wollen, sich selbst verletzt oder sich oder andere in akute Gefahr bringt. Dann ruf 112 an. Außerhalb der Sprechzeiten erreichst du den ärztlichen Bereitschaftsdienst unter 116 117.
3. Was ist typisch für Kinder mit ADHS?
Typisch ist nicht ein einzelnes Verhalten, sondern ein Muster: Es hält über Monate an, zeigt sich an mehreren Orten und macht dem Kind den Alltag schwer. Die WHO ordnet die Anzeichen in zwei Gruppen. Die erste ist Unaufmerksamkeit. Die zweite ist Hyperaktivität und Impulsivität. In Deutschland wird ADHS nach der ICD-10-GM verschlüsselt, und dort werden Unaufmerksamkeit, Überaktivität und Impulsivität getrennt beschrieben. Wie das Muster aussieht, hängt stark vom Alter ab.
Im Kita-Alter
Bei den meisten Vorschulkindern mit ADHS fällt laut Leitlinie vor allem starke Bewegungsunruhe auf. Gleichzeitig sind fast alle Kinder in diesem Alter lebhaft. Fachleute schauen deshalb genau darauf, ob ein Kind auch in ruhigen Gruppensituationen, beim Essen oder beim Vorlesen kaum zur Ruhe kommt. Die Leitlinie nennt außerdem frühe Hinweise, die ein Risiko anzeigen können, aber noch keine Diagnose sind: sehr starke Unruhe, Impulsivität und Ablenkbarkeit sowie Probleme mit der Selbstregulation, etwa beim Beruhigen, Schlafen oder Essen.
In der Grundschule
Mit der Einschulung ändert sich der Alltag. Jetzt soll ein Kind lange sitzen, zuhören und Aufgaben zu Ende bringen. Genau dort fällt ADHS oft zum ersten Mal deutlich auf. Die WHO schreibt, dass Aufmerksamkeitsprobleme häufig erst im späteren Kindesalter sichtbar werden, besonders in der Schule. Typische Rückmeldungen sind: Arbeitsblätter bleiben halb fertig, Material fehlt, das Kind ruft rein oder ist „woanders“.
Die stillen Kinder
Nicht jedes Kind mit ADHS ist zappelig. Manche Kinder zeigen fast nur Unaufmerksamkeit: Sie träumen, schweifen ab und verlieren den Faden. Die WHO beschreibt diese Form ausdrücklich, besonders bei Kindern. Mädchen zeigen laut WHO häufiger unaufmerksame Anzeichen, Jungen in jungen Jahren häufiger Unruhe und Impulsivität. Weil stille Kinder den Unterricht kaum stören, werden sie leicht übersehen. Mehr dazu im Ratgeber ADHS vom unaufmerksamen Typ.
Was oft dazukommt
Laut WHO sind Gefühlsausbrüche, wenig Geduld bei Frust und eine gewisse Ungeschicklichkeit bei ADHS häufig, gehören aber nicht zu den Kernmerkmalen. Auch Konflikte mit anderen Kindern und mehr Unfälle kommen öfter vor. Die Leitlinie nennt zudem häufiger Ein- und Durchschlafprobleme. Eine vollständige Liste der Kriterien für Kinder und Erwachsene findest du unter ADHS-Symptome.
Wichtig ist auch die andere Seite. Viele Eltern beschreiben ihr Kind als neugierig, kreativ und voller Energie. Diese Stärken gehören in den Notizbogen genauso hinein wie die schwierigen Situationen. Fachleute fragen ausdrücklich nach Ressourcen.
4. In welchem Alter kann man ADHS testen?
Eine ADHS-Diagnose soll laut deutscher S3-Leitlinie nicht vor dem dritten Geburtstag gestellt werden. Bei Drei- bis Vierjährigen ist sie in der Regel nicht sicher genug möglich. Im Vorschulalter soll sie nur bei sehr stark ausgeprägten Anzeichen gestellt werden. Der Grund: Je jünger ein Kind ist, desto schwerer lässt sich ADHS von normaler Entwicklung unterscheiden.
Das heißt nicht, dass du bis zur Schule warten musst. Wenn dich etwas beunruhigt, sprich es bei der nächsten U-Untersuchung oder in einem eigenen Termin an. Für Kinder unter sechs Jahren empfiehlt die Leitlinie zuerst psychosoziale Hilfen statt Medikamenten. An erster Stelle steht ein Elterntraining oder eine Elternberatung. Für die Kita nennt sie Schulung oder Beratung der Fachkräfte.
Nach oben gibt es keine feste Grenze. Laut WHO müssen deutliche Anzeichen aber schon vor dem zwölften Geburtstag bestanden haben. Manche Kinder fallen erst auf, wenn die Anforderungen steigen, etwa beim Wechsel auf die weiterführende Schule. Was sich in der Pubertät verändert, liest du unter ADHS bei Jugendlichen.
5. Wie kann ich feststellen, ob mein Kind ADHS hat?
Feststellen können es nur Fachleute. Du kannst aber den Weg dorthin gut vorbereiten. So sieht er in Deutschland meistens aus:
Beobachten und aufschreiben. Notiere, was dir auffällt, wo und seit wann. Der Notizbogen oben hilft dabei. Konkrete Beispiele sind wertvoller als allgemeine Eindrücke wie „er ist immer so wild“.
In Kita oder Schule nachfragen. Frag, ob die Fachkräfte dort Ähnliches sehen. Ein Kind, das nur zu Hause unruhig ist, braucht eher einen anderen Blick als eines, das überall aneckt.
Termin in der Kinder- und Jugendarztpraxis. Hier geht es zuerst darum, ob Hören, Sehen, Schlaf und Entwicklung in Ordnung sind. Kinder- und Jugendärzt:innen mit ADHS-Erfahrung können die Abklärung laut Leitlinie auch selbst übernehmen.
Abklärung durch Fachleute. Wenn sich der Verdacht erhärtet, geht es weiter zur Kinder- und Jugendpsychiatrie, zu Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut:innen oder zu einer kinderärztlichen Praxis mit ADHS-Erfahrung. Bei komplexen Fragen kann ein Sozialpädiatrisches Zentrum (SPZ) die richtige Adresse sein. Ob das passt, besprichst du mit der Kinderarztpraxis.
Wer genau die Diagnose stellen soll, regelt die S3-Leitlinie. Genannt werden Fachärzt:innen für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut:innen, Psychologische Psychotherapeut:innen mit Zusatzqualifikation für Kinder und Jugendliche und Kinder- und Jugendärzt:innen mit Erfahrung in der ADHS-Diagnostik. Schulen, Kitas und Lerntherapie helfen mit Beobachtungen. Eine Diagnose stellen sie nicht.
Plane Zeit ein. Termine bei Fachleuten für Kinder sind vielerorts knapp. Verlässliche bundesweite Zahlen zu Wartezeiten haben wir nicht gefunden. Frag deshalb früh an und lass dich auf Wartelisten setzen.
6. Wie läuft ein ADHS-Test bei Kindern ab?
Ein „ADHS-Test“ bei Kindern ist kein einzelner Test, sondern eine Abklärung über mehrere Termine. Die S3-Leitlinie beschreibt, was dazugehört:
Ausführliches Gespräch mit dir. Es geht um die Anzeichen in Familie, Kita oder Schule und Freizeit, um die bisherige Entwicklung, um Belastungen und Stärken in der Familie und um ADHS bei Eltern oder Geschwistern.
Gespräch mit dem Kind. Wie das Kind selbst seinen Alltag erlebt, zählt laut Leitlinie ebenfalls.
Infos von außen. Wenn möglich: Berichte von Erzieher:innen oder Lehrkräften, dazu Zeugnisse. Bring Zeugnisse und das gelbe U-Heft mit.
Fragebögen. Eltern und Lehrkräfte füllen meist standardisierte Bögen aus. Die Leitlinie nennt dafür zum Beispiel den FBB-ADHS (für Vorschulkinder: FBB-ADHS-V) aus dem Diagnostik-System DISYPS-III und die Conners-Skalen. Diese Bögen gibt die Praxis aus und wertet sie im Zusammenhang aus.
Beobachtung. Fachleute schauen, wie sich das Kind in der Praxis verhält und wie Eltern und Kind miteinander umgehen. Dass ein Kind dort ruhig ist, spricht laut Leitlinie nicht gegen ADHS.
Körperliche und neurologische Untersuchung. Sie gehört immer dazu, einschließlich einer Einschätzung des Entwicklungsstands.
Tests nach Bedarf. Leistungs-, Intelligenz- oder Entwicklungstests kommen dazu, wenn eine bestimmte Frage offen ist, etwa der Verdacht auf Überforderung in der Schule oder auf eine Lernstörung. Blutwerte werden nicht routinemäßig bestimmt. Sie spielen erst eine Rolle, wenn es um körperliche Ursachen oder vor einer Behandlung mit Medikamenten geht.
Wie viele Termine es werden und wie lange das dauert, ist sehr unterschiedlich. Eine feste Zahl nennt die Leitlinie nicht. Am Ende steht ein Befund. Darin geht es nicht nur um die Frage „ADHS ja oder nein“. Es geht auch um andere Ursachen, um Begleitprobleme und darum, was dein Kind jetzt braucht.
7. Was bei Kindern ähnlich aussehen kann
Unruhe und Unaufmerksamkeit sind bei Kindern eine sehr häufige Reaktion auf ganz verschiedene Dinge. Leitlinie und WHO nennen eine lange Liste. Für Eltern sind diese Punkte am wichtigsten:
Hören und Sehen. Ein Kind, das schlecht hört oder sieht, wirkt schnell unaufmerksam. Deshalb wird das zuerst geprüft.
Schlaf. Müde Kinder sind oft eher unruhig als schläfrig. Die Leitlinie nennt Schlafstörungen bis hin zu nächtlichen Atemaussetzern (Schlafapnoe). Häufiges Schnarchen gehört deshalb in den Termin.
Lernstörungen. Ein Kind mit Lese-Rechtschreib- oder Rechenstörung kann gerade bei diesen Aufgaben unruhig und abgelenkt wirken. Laut WHO spricht das eher für die Lernstörung, wenn die Unruhe nur dort auftritt. Mehr unter Legasthenie und Dyskalkulie.
Die falsche Schulsituation. Laut WHO werden auch Kinder ohne ADHS unruhig und unaufmerksam, wenn die Schule nicht zu ihren Fähigkeiten passt. Ist ein Kind sehr begabt und hat trotzdem Schwierigkeiten, hilft der Ratgeber Zweifach außergewöhnlich (2e).
Angst und Belastung. Sorgen, Trauer oder belastende Erlebnisse können Unruhe und Konzentrationsprobleme auslösen. Die WHO bittet Fachleute ausdrücklich, das zu bedenken.
Kurze Abwesenheiten. Anfälle, bei denen ein Kind für Sekunden „weg“ ist (Absencen), können wie Träumen aussehen.
Autismus. Auch autistische Kinder können unaufmerksam oder impulsiv wirken. Beides kann aber auch zusammen vorkommen. Den Unterschied erklärt Autismus oder ADHS.
Körperliche Ursachen und Medikamente. Die Leitlinie nennt etwa Schilddrüsenprobleme und bestimmte Asthma-Medikamente.
Ein Warnzeichen nennt die WHO extra: Wird ein Schulkind oder Jugendlicher plötzlich sehr unruhig, spricht das eher für eine andere Ursache als für ADHS. ADHS beginnt in der Kindheit und entwickelt sich nicht über Nacht. Und noch etwas: Viele dieser Dinge können auch zusätzlich zu ADHS bestehen. Dann werden beide behandelt.
8. Kita und Schule einbeziehen
Ohne Kita oder Schule geht es kaum. Die WHO schreibt, dass bei Kindern Berichte von Lehrkräften und Eltern eingeholt werden sollen. Die Leitlinie zählt Berichte aus Kita oder Schule und Zeugnisse zur Diagnostik dazu. Damit das Gespräch gut läuft:
Frag nach konkreten Situationen statt nach einem Urteil. Zum Beispiel: „Wie lange bleibt er bei einer Aufgabe, die er allein macht?“ oder „Was passiert im Morgenkreis?“
Frag auch, was gut klappt und was die Fachkräfte schon ausprobiert haben.
Bitte um ein paar schriftliche Sätze für den Termin. Oft kommen später noch Fragebögen für Lehrkräfte dazu. Die bekommst du dann von der Praxis.
Am einfachsten ist es, wenn du die Infos selbst einholst und mitbringst. Sag offen, wofür sie gebraucht werden.
Auch für die Zeit danach zählt die Kita mit: Die Leitlinie empfiehlt, Kita-Fachkräften Schulung oder Beratung zum Umgang mit ADHS anzubieten. Was schulischer Nachteilsausgleich bedeutet, steht im Ratgeber ADHS bei Jugendlichen.
9. Was kostet die Abklärung?
Für gesetzlich versicherte Kinder übernimmt die Krankenkasse die nötige Abklärung. Laut Sozialgesetzbuch umfasst die Krankenbehandlung ausdrücklich auch das Erkennen einer Krankheit (§ 27 SGB V). Das gilt in der Kinder- und Jugendarztpraxis, in der Kinder- und Jugendpsychiatrie und bei Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut:innen mit Kassenzulassung.
Dazu kommen zwei Wege, die viele Eltern nicht kennen:
U-Untersuchungen: Gesetzlich versicherte Kinder haben bis zum 18. Geburtstag Anspruch auf Untersuchungen zur Früherkennung, auch für die geistige und psychosoziale Entwicklung (§ 26 SGB V). Das ist ein guter Moment, um deine Beobachtungen anzusprechen.
Sozialpädiatrische Zentren (SPZ): Sie sind für Kinder gedacht, die wegen Art, Schwere oder Dauer ihrer Schwierigkeiten nicht in einer normalen Praxis versorgt werden können (§ 119 SGB V). Dort arbeiten Ärzt:innen mit Psycholog:innen und weiteren Fachkräften zusammen. Auch deren Leistungen zahlt die Kasse, wenn sie unter ärztlicher Verantwortung erbracht werden (§ 43a SGB V).
Bei privat versicherten Kindern hängt die Erstattung vom Tarif ab. Manche Familien zahlen eine Abklärung selbst, um schneller einen Termin zu bekommen. Verlässliche Preise dafür haben wir nicht gefunden, deshalb nennen wir keine. Frag vorher schriftlich nach den Kosten.
10. Nach der Abklärung
Eine Diagnose ist kein Urteil über dein Kind und auch keines über deine Erziehung. Sie erklärt, warum manches so viel Kraft kostet. Und sie öffnet Türen zu Unterstützung. Laut Leitlinie soll die Familie zuerst gut aufgeklärt werden, was ADHS ist und welche Wege es gibt. Die Leitlinie nennt das Psychoedukation. Danach wird gemeinsam ein Plan gemacht. Er kann Elterntraining, Hilfen in Kita oder Schule, Psychotherapie und, je nach Alter und Ausprägung, Medikamente verbinden. Über Medikamente entscheidet ihr als Familie gemeinsam mit der behandelnden Fachperson.
Wenn die Abklärung keine ADHS ergibt, war sie trotzdem nicht umsonst. Oft wird dabei klar, was stattdessen hinter den Schwierigkeiten steckt.
Und ein Punkt, der viele Eltern überrascht: ADHS liegt oft in der Familie. Laut Leitlinie haben 10 bis 35 % der Geschwister und Eltern von Kindern mit ADHS selbst ADHS. Wenn du dich beim Lesen selbst wiedererkennst, ist das kein Zufall. Für Erwachsene gibt es unseren ADHS-Selbsttest und den Ratgeber Eltern sein mit ADHS. Wie du ein neurodivergentes Kind im Alltag begleitest, ohne es „passend machen“ zu wollen, steht unter Neurodivergente Kinder.
Wenn es akut wird
Spricht dein Kind davon, nicht mehr leben zu wollen, oder bringt es sich in Gefahr, ruf sofort 112 an. Außerhalb der Sprechzeiten hilft der ärztliche Bereitschaftsdienst unter 116 117. Kinder und Jugendliche können sich anonym und kostenlos an die Nummer gegen Kummer wenden: 116 111, montags bis samstags von 14 bis 20 Uhr. Für dich als Elternteil gibt es das Elterntelefon unter 0800 111 0 550 und rund um die Uhr die TelefonSeelsorge unter 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222.
11. Häufige Fragen
Wie kann ich feststellen, ob mein Kind ADHS hat?
Selbst feststellen kannst du es nicht, und kein Online-Test kann es. Was du tun kannst: über einige Wochen aufschreiben, was dir zu Hause auffällt, und in Kita oder Schule nachfragen, ob es dort ähnlich ist. Damit gehst du zur Kinder- und Jugendarztpraxis. Die Diagnose stellen Fachleute mit Erfahrung bei Kindern, etwa in der Kinder- und Jugendpsychiatrie.
In welchem Alter sollte man ADHS testen?
Die deutsche S3-Leitlinie sagt: keine ADHS-Diagnose vor dem dritten Geburtstag. Bei Drei- bis Vierjährigen ist sie meist nicht sicher genug möglich, im Vorschulalter nur bei sehr starker Ausprägung. Viele Kinder werden erst in der Grundschule abgeklärt, weil dort Stillsitzen und Konzentration gefragt sind. Ein Gespräch mit der Kinderarztpraxis ist aber in jedem Alter möglich, wenn du dir Sorgen machst.
Was ist typisch für Kinder mit ADHS?
Typisch ist ein Muster, das über Monate anhält und an mehreren Orten auftritt: schnell abgelenkt bei Aufgaben ohne großen Reiz, viel Bewegung, wo Ruhe gefragt ist, und schwer warten können. Entscheidend ist der Vergleich mit Gleichaltrigen und ob das Kind im Alltag dadurch deutlich Probleme hat. Manche Kinder sind dabei gar nicht unruhig, sondern vor allem verträumt.
Gibt es einen kostenlosen ADHS-Test für Kinder online?
Es gibt viele Online-Fragebögen, aber keiner davon kann bei einem Kind ADHS feststellen oder ausschließen. Laut Leitlinie soll eine Diagnose auch nie allein auf Fragebögen beruhen. Unser Notizbogen auf dieser Seite ist deshalb ausdrücklich kein Test: Er gibt kein Ergebnis aus, sondern hilft dir, Beobachtungen für den Arzttermin zu sammeln.
Wer testet Kinder auf ADHS?
Laut S3-Leitlinie Fachärzt:innen für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut:innen, Psychologische Psychotherapeut:innen mit Zusatzqualifikation für Kinder und Jugendliche oder Kinder- und Jugendärzt:innen mit Erfahrung in ADHS-Diagnostik. Stellt eine Psychotherapeutin die Diagnose, soll zusätzlich eine Ärztin oder ein Arzt das Kind körperlich untersuchen.
Wie läuft ein ADHS-Test bei Kindern ab?
Es ist kein einzelner Test, sondern eine Abklärung in mehreren Schritten: ausführliche Gespräche mit Eltern und Kind, Berichte aus Kita oder Schule und Zeugnisse, Fragebögen für Eltern und Lehrkräfte, Beobachtung des Kindes und eine körperliche und neurologische Untersuchung. Je nach Frage kommen Leistungs- oder Intelligenztests dazu. Laborwerte braucht es nicht routinemäßig.
Welche Fragebögen nutzen Fachleute bei ADHS-Verdacht?
Die S3-Leitlinie listet deutschsprachige, wissenschaftlich untersuchte Verfahren auf. Für Eltern und Lehrkräfte sind das zum Beispiel der FBB-ADHS (für Vorschulkinder: FBB-ADHS-V) aus dem DISYPS-III sowie die Conners-Skalen. Sie werden von Fachleuten ausgegeben und im Zusammenhang ausgewertet. Allein sagen sie nicht, ob ein Kind ADHS hat.
Zahlt die Krankenkasse die ADHS-Diagnostik für mein Kind?
Bei gesetzlich versicherten Kindern ja, wenn die Abklärung ärztlich oder psychotherapeutisch nötig ist: Krankenbehandlung umfasst laut § 27 SGB V auch das Erkennen einer Krankheit. Das gilt in Kinderarztpraxen, in der Kinder- und Jugendpsychiatrie und in Sozialpädiatrischen Zentren. Bei privat Versicherten hängt es vom Tarif ab. Wer eine Abklärung selbst bezahlt, sollte vorher schriftlich nach den Kosten fragen.
Wie viel Prozent Behinderung bekommen Kinder mit ADHS?
Es gibt keinen festen Wert, und „Prozent“ ist der falsche Begriff: Der Grad der Behinderung (GdB) wird in Zehnerstufen vergeben. Laut Versorgungsmedizin-Verordnung gilt: Ohne soziale Anpassungsschwierigkeiten liegt keine Teilhabebeeinträchtigung vor. Mit solchen Schwierigkeiten reicht die Spanne je nach Auswirkung von 10–20 bis 80–100. Das Versorgungsamt entscheidet im Einzelfall.
Sind Kinder mit ADHS weniger intelligent?
Nein, ADHS sagt nichts über Intelligenz aus. Die WHO bewertet die Symptome immer im Verhältnis zu Alter und Entwicklungsstand. Schlechte Noten können viele Gründe haben: ADHS, eine Lernstörung, Überforderung oder etwas ganz anderes. Ein Intelligenztest gehört deshalb nicht automatisch zur Diagnostik, wird aber gemacht, wenn zum Beispiel Überforderung in der Schule vermutet wird.
Die deutsche S3-Leitlinie zu ADHS stammt von 2017 und gilt formal nur bis 2022. Sie wird überarbeitet. Eine Neufassung lag im Mai und Juni 2026 zur Kommentierung vor. Bis die neue Fassung erscheint, ist sie der wichtigste deutsche Bezugspunkt. Die Liste der Fragebögen darin hat den Stand 2015.
Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie u. a. (2017/2018). S3-Leitlinie „ADHS bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen“, AWMF-Registernummer 028-045, Langfassung. Abschnitte 1.1.1–1.1.10 (Diagnostik, Alter, Abgrenzung), 1.2.2 (Behandlungsplanung), 1.3.1.2 (Vorschulalter, Kita), 2.3 (Epidemiologie), 2.4 (Altersverlauf), 2.7 (Genetik), Anhang III.4 (Fragebögen). register.awmf.org
AWMF (2026). Konsultationsfassung ADHS im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter, Registernummer 028-045 KF, veröffentlicht am 22.05.2026. awmf.org
World Health Organization (2024). Clinical descriptions and diagnostic requirements for ICD-11 mental, behavioural or neurodevelopmental disorders (CDDR). Abschnitt 6A05 Attention deficit hyperactivity disorder, S. 142–148. iris.who.int
Medical Device Coordination Group (2025). MDCG 2019-11 rev.1: Guidance on Qualification and Classification of Software in Regulation (EU) 2017/745 – MDR and Regulation (EU) 2017/746 – IVDR. Abschnitt 3 und 4.2.1 (Rule 11). health.ec.europa.eu
Sozialgesetzbuch V, § 26 (Gesundheitsuntersuchungen für Kinder und Jugendliche). gesetze-im-internet.de
Versorgungsmedizin-Verordnung, Anlage zu § 2, Teil B, Nr. 3.5.2 (Hyperkinetische Störungen und Aufmerksamkeitsstörungen ohne Hyperaktivität). gesetze-im-internet.de
Nummer gegen Kummer e. V.: Kinder- und Jugendtelefon 116 111 und Elterntelefon 0800 111 0 550 (Zeiten abgerufen am 13.10.2026). nummergegenkummer.de