Skip to content
Neurodiverge App

Ratgeber · 17 Minuten Lesezeit · Aktualisiert 13. Oktober 2026

Interozeption: Wie du dein Körperinneres wahrnimmst

Interozeption bedeutet, dass du spürst, was in deinem Körper los ist: Herzklopfen, Hunger, Durst, Übelkeit, eine volle Blase, Atemnot. Dein Nervensystem nimmt solche Signale ständig auf, deutet sie und verknüpft sie – das meiste davon, ohne dass du es merkst. Ob autistische Menschen oder Menschen mit ADHS ihr Körperinneres anders wahrnehmen, ist weniger klar, als viele Ratgeber behaupten. Die Studien widersprechen sich.

Kurz beantwortet

  • Bedeutung: Innenwahrnehmung. Das Wort kommt aus dem Lateinischen (inter = „inmitten“, recipere = „aufnehmen“). Das Gegenstück ist die Exterozeption, die Wahrnehmung der Außenwelt.
  • Zwei Definitionen: Deutsche Nachschlagewerke zählen oft Propriozeption und Viszerozeption (Organe) dazu. Die Forschung meint heute meist alle Signale über den inneren Zustand des Körpers. Eine feste Einteilung gibt es nicht.
  • Autismus und ADHS: Einzelne Studien finden Unterschiede, zwei Metaanalysen zu Autismus aber nur kleine oder keine. „Gestörte Interozeption“ ist keine Diagnose.
  • Übungen: Achtsamkeitsprogramme verbessern laut einer Metaanalyse die selbst eingeschätzte Körperwahrnehmung etwas. Bei Panikattacken nutzt die Verhaltenstherapie die interozeptive Exposition.

Diesen Ratgeber haben neurodivergente Erwachsene geschrieben, keine Ärztinnen oder Ärzte. Du liest hier, was Interozeption genau ist, welche Beispiele es gibt, wie Forschende sie messen, was Studien zu Autismus und ADHS tatsächlich zeigen und welche Übungen untersucht sind. Jede Zahl haben wir an der Quelle geprüft; die Liste steht am Ende.

1. Was ist Interozeption? Die Bedeutung einfach erklärt

Dein Magen knurrt, und du denkst: „Ich habe Hunger.“ Du läufst die Treppe hoch und merkst, wie dein Herz pocht. Du wachst nachts auf, weil du zur Toilette musst. In all diesen Momenten arbeitet deine Interozeption. Auf Deutsch sagt man auch Innenwahrnehmung.

Die Forschung beschreibt Interozeption heute als den Vorgang, mit dem das Nervensystem Signale aus dem Körper wahrnimmt, deutet und miteinander verknüpft. Diese Definition stammt aus einem Konsenspapier internationaler Fachleute von 2018 (Khalsa u. a.). Das Papier betont zwei Dinge. Erstens: Das geschieht auf bewusster und auf unbewusster Ebene. Zweitens: Interozeption trägt zu Reflexen, Trieben, Gefühlen und dem inneren Gleichgewicht des Körpers bei.

Wichtig ist das Wort „deuten“. Interozeption ist mehr als ein Sensor, der Werte meldet. Die Arbeitsgruppe für Klinische Kinder- und Jugendpsychologie der Universität Trier beschreibt es so: Das Gehirn nimmt Informationen aus dem Körperinneren auf und interpretiert sie unter Berücksichtigung früherer Erfahrungen. Deshalb können Gedanken und Gefühle mitbestimmen, wie ein Signal ankommt. Dasselbe Herzklopfen kann sich nach dem Sport harmlos anfühlen und vor einem schwierigen Gespräch bedrohlich.

Vieles bekommst du gar nicht mit. Das Lexikon der Psychologie „Dorsch“ weist darauf hin, dass viele Vorgänge im Körper eher „stumm“ sind, zum Beispiel Veränderungen des Blutdrucks. Es hält außerdem fest, dass die Wahrnehmung innerer Vorgänge insgesamt eher unzuverlässig ist – bei ein und derselben Person ebenso wie im Vergleich zwischen Menschen. Wenn du deine Körpersignale nicht immer genau deuten kannst, bist du damit also nicht allein.

2. Beispiele: Welche Körpersignale gehören dazu?

Was genau zur Interozeption zählt, hängt von der Definition ab. Bei diesen Signalen sind sich die meisten Quellen einig:

Umstritten ist die Zuordnung bei Temperatur, Schmerz, Juckreiz, Muskelspannung und Müdigkeit. Der Physiologe Charles Sherrington, der das Wort „interozeptiv“ 1906 einführte, zählte Temperatur und Schmerz noch zur Wahrnehmung der Außenwelt. Neuere Definitionen nehmen sie dazu (Ceunen u. a. 2016). Der „Dorsch“ schreibt, Hautsinne und Schmerz ließen sich nicht klar zuordnen.

Auch Gefühle haben eine Körperseite: der Kloß im Hals, das flaue Gefühl im Magen, die Enge in der Brust. Der Neurowissenschaftler Bud Craig vermutete 2002, dass das System für Körpersignale eine Grundlage für Gefühle und Selbstwahrnehmung sein könnte (Craig 2002). Das ist eine einflussreiche Theorie, kein abgeschlossener Befund.

Im Alltag zeigt sich Interozeption oft beim Essen. Wer Hunger oder Sättigung schwer spürt, isst vielleicht unregelmäßig. Mehr dazu findest du in unseren Ratgebern zu Autismus und ARFID und zu ADHS und Essstörungen.

3. Interozeption, Propriozeption, Exterozeption und Enterozeption

Wer „Interozeption“ nachschlägt, stößt schnell auf weitere Fachwörter. So hängen sie zusammen:

Zwei Sichtweisen, die beide im Umlauf sind

Hier wird es verwirrend. In einigen deutschen Nachschlagewerken ist Interozeption der Oberbegriff. Sie umfasst dort die Propriozeption und die Viszerozeption. So steht es im DocCheck Flexikon und in der deutschen Wikipedia. Der „Dorsch“ sagt vorsichtiger, dass „bisweilen“ so unterschieden wird.

In der heutigen Forschung meint Interozeption dagegen meist den inneren Zustand des Körpers: Herz, Atem, Organe, Hunger, Durst. Die Propriozeption wird dort eher als eigener Sinn behandelt. Diese weite Bedeutung hat sich vor allem nach einem Fachartikel von Bud Craig aus dem Jahr 2002 durchgesetzt. Das Wort selbst ist älter: Sherrington sprach 1906 von „interozeptiv“, meinte damit aber nur die Eingeweide. Das Hauptwort „Interozeption“ taucht in Fachzeitschriften erst in den 1940er-Jahren auf (Ceunen u. a. 2016).

Für dich heißt das: Wenn du einen Text über Interozeption liest, schau kurz, welche Bedeutung gemeint ist. In diesem Ratgeber nutzen wir die Forschungs-Bedeutung, weil sich alle Studien zu Autismus und ADHS darauf beziehen. Wenn du mehr über Bewegung und Körperlage wissen willst, lies unseren Ratgeber zur Dyspraxie.

Und der „achte Sinn“?

In Ratgebern zur Reizverarbeitung liest du oft von acht Sinnen: den fünf klassischen, dazu Gleichgewicht, Propriozeption und Interozeption. Das ist ein anschauliches Bild, um über Unterschiede in der Wahrnehmung zu sprechen. Eine wissenschaftliche Einteilung ist es nicht. Das Konsenspapier von 2018 hält ausdrücklich fest, dass es für die Interozeptionsforschung noch keine allgemein anerkannte Einteilung gibt (Khalsa u. a. 2018). Wie das Bild der Sinneskanäle bei Reizverarbeitung genutzt wird, erklärt unser Ratgeber zur Störung der Reizverarbeitung.

4. Wie Körpersignale im Gehirn ankommen

Signale aus Organen und Geweben laufen über Nervenbahnen zum Gehirn. Das Konsenspapier von 2018 nennt die wichtigsten Stationen: Kerne im Hirnstamm, den Thalamus, den Hypothalamus, den Hippocampus, die Amygdala, die Inselrinde und die somatosensorische Hirnrinde. Umgekehrt senden Bereiche wie die vordere Inselrinde und der vordere Gyrus cinguli Befehle zurück an den Körper (Khalsa u. a. 2018).

Die Inselrinde liegt teils versteckt in einer Falte der Großhirnrinde. Eine ihrer Aufgaben ist die Verarbeitung von Signalen aus dem Körperinneren. Viele Abläufe brauchen dein Bewusstsein aber gar nicht. Die Atmung zum Beispiel wird weitgehend automatisch gesteuert, auch im Schlaf; dafür werten Nervenzellen im Hirnstamm laufend Messwerte aus (Spektrum der Wissenschaft 2021).

Interozeption ist also keine Einbahnstraße: Das Gehirn empfängt Signale und schickt Befehle zurück. Welche Rolle Erwartungen und frühere Erfahrungen dabei spielen, ist ein aktives Forschungsfeld.

5. Interozeptive Wahrnehmung: drei Ebenen und wie man sie misst

„Gute“ oder „schlechte“ interozeptive Wahrnehmung ist zu ungenau. Eine Arbeitsgruppe um Sarah Garfinkel aus Brighton hat 2015 drei Ebenen unterschieden, mit denen heute viele Studien arbeiten (Garfinkel u. a. 2015):

  1. Interozeptive Genauigkeit: Wie gut spürst du ein Signal wirklich? Das wird mit Aufgaben gemessen, etwa: „Zähl deinen Herzschlag, ohne den Puls zu fühlen.“ Ein EKG zeichnet gleichzeitig die echten Schläge auf.
  2. Interozeptive Sensibilität: Wie schätzt du deine Körperwahrnehmung selbst ein? Das wird per Fragebogen erfasst. Manchmal liest du dafür auch „interozeptive Sensitivität“.
  3. Interozeptives Bewusstsein: Wie gut passt deine Selbsteinschätzung zu deiner tatsächlichen Leistung? Weißt du, wann du richtig liegst?

In der Studie mit 80 Personen ließen sich die drei Ebenen klar trennen. Die Genauigkeit wurde von den anderen beiden nur zum Teil vorhergesagt. Wer sich also für sehr körperbewusst hält, spürt Signale nicht unbedingt genauer. Und umgekehrt.

Die Herzschlag-Aufgabe steht in der Kritik

Viele Studien nutzen die Herzschlag-Zählaufgabe. Sie hat ein Problem: Viele Menschen zählen nicht, was sie spüren, sondern schätzen, wie schnell ihr Herz wohl schlägt. In einer belgischen Studie mit 123 Personen sollten die Teilnehmenden nur Schläge melden, die sie wirklich spürten. Die Werte für die Genauigkeit sanken dabei um etwa die Hälfte (Desmedt u. a. 2018). Die Autor:innen folgern, dass die Aufgabe zu einem großen Teil etwas anderes misst als Interozeption. Behalte das im Kopf, wenn du gleich die Studien zu Autismus und ADHS liest.

Fragebogen: MAIA-2

Für die Selbsteinschätzung ist der MAIA-2 verbreitet (Multidimensional Assessment of Interoceptive Awareness). Er hat 37 Fragen in acht Skalen, zum Beispiel ob man Körperempfindungen bemerkt, ob man sie wegschiebt oder ob man sich über sie Sorgen macht. Der Fragebogen ist frei verfügbar (Mehling u. a. 2018). Forschende aus Ulm und Ravensburg haben eine deutsche Fassung mit 110 Menschen geprüft, die wegen einer Depression stationär behandelt wurden (Eggart u. a. 2021). Bei autistischen Erwachsenen oder Erwachsenen mit ADHS wurde diese deutsche Fassung nach unserem Wissen nicht eigens geprüft.

Einen geprüften Online-Test, der „deine Interozeption“ bestimmt, gibt es nicht. Wenn du dein Wahrnehmungsprofil allgemein durchdenken willst, kann unser Sensorik-Selbsttest eine Anregung sein. Er ist kein geprüftes Messinstrument und stellt nichts fest.

6. Interozeption und Autismus: Was Studien wirklich zeigen

Autistische Menschen nehmen ihren Körper wahr wie alle anderen auch. Die Frage der Forschung ist nur, ob sich diese Wahrnehmung im Durchschnitt unterscheidet. Viele Ratgeber antworten mit einem klaren Ja. Die Daten sind deutlich gemischter.

Studien, die Unterschiede finden

Eine britische Studie fand 2016 bei autistischen Teilnehmenden eine geringere Genauigkeit bei Herzschlag-Aufgaben. Gleichzeitig schätzten sie ihre Körperwahrnehmung höher ein als die Vergleichsgruppe. Je größer diese Lücke war, desto mehr Angstsymptome hatten die Teilnehmenden (Garfinkel u. a. 2016). Eine US-amerikanische Metaanalyse fasste 2023 15 Studien mit 467 autistischen und 478 nicht-autistischen Menschen zusammen. Beim Herzschlag-Zählen lagen die autistischen Teilnehmenden etwas niedriger (kleiner Effekt, g = −0,33) und waren sich ihrer Leistung sicherer (Williams u. a. 2023).

Studien, die keine Unterschiede finden

Dieselbe Metaanalyse fand bei anderen Messungen keinen Unterschied: Bei einer zweiten Herzschlag-Aufgabe und bei der selbst berichteten Aufmerksamkeit für den Körper waren beide Gruppen gleichwertig. Eine Metaanalyse der Universität Mainz kam 2025 zu einem ähnlichen Ergebnis. Sie wertete 31 Studien aus. In den fünf vergleichbaren Studien mit Erwachsenen gab es keinen bedeutsamen Unterschied bei der Herzschlag-Wahrnehmung. Bei Kindern und bei Fragebögen waren die Ergebnisse uneinheitlich: mal niedriger, mal höher, mal gleich. Das Fazit der Forschenden: Autismus geht nicht systematisch mit einer veränderten Herzschlag-Wahrnehmung einher (Klein, Witthöft & Jungmann 2025).

Eine weitere britische Arbeit prüfte, ob Autismus oder Alexithymie die Unterschiede erklärt. In zwei Experimenten hing eine ungenauere Wahrnehmung mit Alexithymie zusammen, nicht mit Autismus (Shah u. a. 2016).

Was das für dich heißt

7. Interozeption und ADHS

Zu ADHS gibt es noch weniger Forschung. Die vorhandenen Studien sind klein, und viele nutzen die umstrittene Herzschlag-Zählaufgabe. Ihre Ergebnisse widersprechen sich:

Eine Übersichtsarbeit aus den USA fasste 2025 insgesamt 18 Studien zusammen. Fünf verglichen Menschen mit und ohne ADHS; drei davon fanden eine schwächere Interozeption. In der Allgemeinbevölkerung hingen mehr ADHS-Merkmale mit schwächerer Interozeption zusammen. Die Qualität der Studien bewerteten die Autor:innen als mittel, vor allem wegen kleiner Gruppen (Bruton u. a. 2025).

Unterm Strich: Es gibt Hinweise, aber keinen festen Befund. Ob ADHS-Medikamente die Körperwahrnehmung verändern, haben wir nicht geprüft; dazu machen wir hier keine Aussage. Wenn du autistisch bist und ADHS hast, lohnt sich ein Blick in unseren Ratgeber zu AuDHD.

8. Die Verbindung zur Alexithymie

Alexithymie heißt: Gefühle bei sich selbst schwer erkennen und beschreiben. Weil Gefühle sich auch im Körper zeigen, liegt eine Verbindung zur Interozeption nahe. Ob sie wirklich so eng ist, wird seit Jahren diskutiert. Die Studien dafür und dagegen stellen wir im Ratgeber zur Alexithymie ausführlich vor. Für diese Seite reicht ein Gedanke: Wer Unterschiede in der Körperwahrnehmung bei Autismus untersucht, muss Alexithymie mitmessen. Sonst schreibt man Autismus womöglich etwas zu, das eigentlich zur Alexithymie gehört.

9. Interozeption und Angst: Was interozeptive Exposition ist

Am besten untersucht ist Interozeption bei psychischen Erkrankungen. Das Konsenspapier von 2018 nennt Angststörungen, Depressionen, Essstörungen, Suchterkrankungen und somatische Belastungsstörungen. Bei all diesen gilt eine veränderte Körperwahrnehmung zunehmend als wichtiger Baustein (Khalsa u. a. 2018).

Panikattacken: wenn Körpersignale Alarm auslösen

Bei einer Panikstörung werden harmlose Körpersignale wie Herzklopfen als Gefahr gedeutet. Die Angst lässt das Herz schneller schlagen, was wiederum mehr Angst macht. Die deutsche S3-Leitlinie zur Behandlung von Angststörungen nennt das „Teufelskreismodell der Angst“ als Teil der Aufklärung in der Therapie.

Ein Baustein der kognitiven Verhaltenstherapie bei Panikattacken ist deshalb die interozeptive Exposition. Die Leitlinie beschreibt sie so: Um Körpersymptome hervorzurufen, werden Patientinnen und Patienten zum Beispiel aufgefordert, zu hyperventilieren, die Luft anzuhalten, durch einen Strohhalm zu atmen, sich 30 Sekunden auf einem Bürostuhl zu drehen oder schnell eine Treppe hinaufzulaufen. Laut einer Metaanalyse, auf die die Leitlinie verweist, wirkten Therapien mit interozeptiver Exposition besser (S3-Leitlinie Angststörungen, Version 2 von 2021, Tabelle 22 und Abschnitt 6.1.1.1.3.6). Diese Übungen gehören in eine Therapie mit Anleitung, nicht in einen Selbstversuch. Eine Überprüfung der Leitlinie war für April 2026 geplant.

Eine Studie mit autistischen Erwachsenen

In England wurde ein Training namens ADIE mit 121 autistischen Erwachsenen getestet. In sechs Sitzungen übten sie zwei abgewandelte Herzschlag-Aufgaben mit Rückmeldung, teils nach Bewegung, die den Puls kurz erhöht. Die Vergleichsgruppe übte, Gefühle am Tonfall zu erkennen. Drei Monate später war die Angst in der ADIE-Gruppe stärker gesunken. Der Effekt war klein bis mittel (d = 0,30). 31 % der ADIE-Gruppe erfüllten die Kriterien für „genesen“, in der Vergleichsgruppe 16 % (Quadt u. a. 2021).

Die Grenzen: Nur die Hälfte der Teilnehmenden lieferte Daten nach drei Monaten. Die Studie lief an einem einzigen Zentrum und wurde vom Team durchgeführt, das das Training entwickelt hat. Bei einer Person trat nach dem Training Angst rund ums Herz auf. Die Forschenden sehen einen Vorteil darin, dass ADIE kaum Sprache und wenig Einsicht in die eigenen Gefühle braucht. Mehr darüber, wie Angst bei autistischen Menschen aussieht, liest du im Ratgeber Autismus und Angst.

10. Gestörte Interozeption: Ist das eine Diagnose? Wo gibt es Hilfe?

Nein, „gestörte Interozeption“ oder „interozeptive Dysfunktion“ ist keine Diagnose. Wir haben die ICD-10-GM 2026 durchsucht, nach der in Deutschland verschlüsselt wird: Weder in den Kapiteln für psychische Störungen noch in den geprüften Symptom-Abschnitten (R) gibt es einen Eintrag. In der ICD-11 der WHO (Stand 2026) taucht das Wort ebenfalls in keiner Kategorie auf. Im klinischen Alltag spricht man laut „Dorsch“ eher von Symptomwahrnehmung, also davon, wie jemand Beschwerden wie Herzrasen oder Atemnot bemerkt.

Das heißt nicht, dass deine Erfahrung unwichtig ist. Es heißt nur, dass es dafür kein eigenes Etikett gibt. Diese Wege kommen infrage:

11. Interozeption trainieren: Übungen und was belegt ist

Kann man lernen, den eigenen Körper besser zu spüren? Ein bisschen, sagen die Daten. Wie viel, hängt davon ab, was man misst.

Was untersucht ist

Ideen für den Alltag

Die folgenden Ideen sind Erfahrungswissen aus der neurodivergenten Community, keine geprüften Methoden. Nimm, was dir hilft, und lass den Rest weg.

  1. Außen statt innen: Wenn Hunger, Durst oder Harndrang spät ankommen, verlass dich nicht nur auf das Signal. Feste Essenszeiten, eine Flasche Wasser in Sichtweite oder eine Erinnerung auf dem Handy übernehmen einen Teil der Arbeit.
  2. Kurzer Körper-Check: Häng ihn an etwas, das du ohnehin tust, etwa ans Zähneputzen oder an den Feierabend. Frag dich: Wo spüre ich gerade etwas? Bauch, Brust, Hals, Schultern? Du musst nichts benennen oder bewerten.
  3. Notizen über Muster: Schreib kurz auf: Situation, Körpersignal, was danach kam. Nach ein paar Wochen siehst du vielleicht, dass dein Bauch sich vor Telefonaten meldet oder dass Kopfschmerzen auf zu wenig Trinken folgen.
  4. Gefühl mit Fakten abgleichen: Schau auf die Wetter-App, bevor du dich anziehst. Iss nach der Uhr, auch wenn du keinen Hunger spürst. Das ist kein Versagen, sondern ein Hilfsmittel.
  5. Sanft dosieren: Wenn dich der Fokus auf den Körper unruhig macht, mach die Übungen kürzer, mit offenen Augen oder im Gehen – oder lass sie ganz. Auch in der ADIE-Studie löste das Training bei einer Person Angst aus.

Wenn Körperempfindungen dir Panik machen, such dir Unterstützung in einer Psychotherapie, statt allein mit Atemübungen zu experimentieren.

12. Häufige Fragen

Was versteht man unter Interozeption?

Interozeption heißt: Du nimmst wahr, was in deinem Körper vor sich geht. Dazu gehören Signale wie Herzklopfen, Hunger, Durst, Atemnot, Übelkeit oder Harndrang. Die Forschung versteht darunter heute den ganzen Vorgang, mit dem das Nervensystem diese Signale aufnimmt, deutet und miteinander verknüpft. Vieles davon läuft ab, ohne dass du es bemerkst.

Was ist ein Synonym für Interozeption?

Das deutsche Wort dafür ist „Innenwahrnehmung“. In der Klinik spricht man oft von „Symptomwahrnehmung“, wenn es um Beschwerden wie Herzstolpern oder Atemnot geht. Im Englischen heißt es „interoception“. Für die Wahrnehmung der inneren Organe gibt es zusätzlich die Fachwörter Viszerozeption und Enterozeption.

Was ist Enterozeption?

Enterozeption ist ein anderes Wort für Viszerozeption: die Wahrnehmung von Signalen aus den inneren Organen, zum Beispiel aus Magen, Darm, Herz oder Blase. In deutschen Nachschlagewerken wie dem DocCheck Flexikon gilt sie als Teil der Interozeption. Der andere Teil ist dort die Propriozeption, also das Gespür für Lage und Bewegung des Körpers.

Welche Beispiele gibt es für Interozeption?

Typische Beispiele sind: Du merkst, dass dein Herz schneller schlägt. Du spürst Hunger, Sättigung oder Durst. Du merkst, dass du zur Toilette musst. Dir ist übel, oder der Bauch grummelt. Du bekommst schlecht Luft. Je nach Definition zählen auch Temperatur, Schmerz, Juckreiz und Müdigkeit dazu.

Was ist der Unterschied zwischen Interozeption und Propriozeption?

Propriozeption ist das Gespür für die Lage und Bewegung deines Körpers: Wo ist mein Arm, wie stark ist der Muskel gespannt? Interozeption meint in der heutigen Forschung vor allem den inneren Zustand: Herz, Atem, Magen, Darm, Blase. In manchen deutschen Nachschlagewerken ist Interozeption dagegen der Oberbegriff, und die Propriozeption ist ein Teil davon. Beide Sichtweisen sind im Umlauf.

Haben autistische Menschen eine schlechtere Interozeption?

Nicht pauschal. Eine Metaanalyse aus Mainz (2025) fand bei autistischen Erwachsenen keinen bedeutsamen Unterschied beim Wahrnehmen des eigenen Herzschlags. Eine andere Metaanalyse (2023) fand nur bei einer Zählaufgabe etwas schlechtere Werte, bei anderen Messungen nicht. Manche Studien deuten darauf hin, dass Unterschiede eher mit Alexithymie zusammenhängen als mit Autismus selbst.

Hängt Interozeption mit ADHS zusammen?

Vielleicht. Eine Übersichtsarbeit von 2025 fand in drei von fünf Vergleichsstudien schwächere Interozeption bei Menschen mit ADHS. Eine Studie aus Gent fand dagegen keinen Unterschied. Die Studien sind klein, und viele nutzen eine umstrittene Herzschlag-Aufgabe. Ein fester Befund ist das noch nicht.

Was ist interozeptive Exposition?

Interozeptive Exposition ist ein Baustein der kognitiven Verhaltenstherapie bei Panikattacken. Unter Anleitung ruft man gezielt Körperempfindungen hervor, die man fürchtet, etwa schnelles Atmen oder Herzklopfen nach einem Treppenlauf. Ziel ist, diese Empfindungen nach und nach besser auszuhalten. Die deutsche S3-Leitlinie zu Angststörungen nennt sie und verweist auf eine Metaanalyse, nach der Therapien damit besser wirkten. Probier das nicht auf eigene Faust aus, sondern im Rahmen einer Therapie.

Kann man Interozeption trainieren?

Teilweise. Eine Metaanalyse von 29 Studien fand, dass Achtsamkeitsprogramme die selbst eingeschätzte Körperwahrnehmung etwas verbessern. Ob man Signale dadurch auch genauer spürt, ist damit nicht gezeigt. Bei autistischen Erwachsenen senkte ein Training mit Herzschlag-Aufgaben in einer Studie die Angst leicht. Für bekannte Programme wie das „Interoception Curriculum“ gibt es bisher nur kleine Studien ohne Kontrollgruppe.

Ist Interozeption der achte Sinn?

So wird sie oft genannt, vor allem in Ratgebern zur Reizverarbeitung: fünf klassische Sinne, dazu Gleichgewicht, Propriozeption und Interozeption. Das ist ein anschauliches Bild, aber keine feste wissenschaftliche Einteilung. Ein Konsenspapier der Forschung hält fest, dass es für Interozeption noch keine allgemein anerkannte Einteilung gibt.

Quellen und Stand

Wir haben jede Zahl auf dieser Seite an der jeweiligen Quelle geprüft. Bei den Studien haben wir die veröffentlichte Zusammenfassung gelesen, beim Konsenspapier, bei Ceunen 2016 und bei der S3-Leitlinie auch den Volltext.

Begriffe und Grundlagen

  1. Khalsa S. S. et al. (2018): Interoception and Mental Health: A Roadmap. Biol Psychiatry Cogn Neurosci Neuroimaging 3(6): 501–513. PubMed 29884281
  2. Ceunen E., Vlaeyen J. W. S., Van Diest I. (2016): On the Origin of Interoception. Front Psychol 7: 743. PubMed 27242642
  3. Craig A. D. (2002): How do you feel? Interoception: the sense of the physiological condition of the body. Nat Rev Neurosci 3: 655–666. PubMed 12154366
  4. DocCheck Flexikon: „Interozeption“ (Synonym Innenwahrnehmung; Einteilung in Propriozeption und Viszerozeption) und „Viszerozeption“ (Synonyme Enterozeption, Viscerozeption). Interozeption, Viszerozeption
  5. Dahme B., Ritz T., von Leupoldt A.: „Interozeption“. In: Dorsch – Lexikon der Psychologie, Hogrefe, zuletzt aktualisiert 05.05.2021. dorsch.hogrefe.com
  6. Universität Trier, Abteilung Klinische Psychologie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters: „Was ist Interozeption?“ (abgerufen 13.10.2026). uni-trier.de
  7. Deutsche Wikipedia: „Interozeption“ (Definition als Oberbegriff für Propriozeption und Viszerozeption; abgerufen 13.10.2026). de.wikipedia.org
  8. Luerweg F. (22.09.2021): Interozeption: Signale aus dem Körperinneren. Spektrum der Wissenschaft (journalistischer Artikel; genutzt für Inselrinde und Atmung). spektrum.de

Messung

  1. Garfinkel S. N. et al. (2015): Knowing your own heart: distinguishing interoceptive accuracy from interoceptive awareness. Biol Psychol 104: 65–74 (Zusammenfassung). PubMed 25451381
  2. Desmedt O., Luminet O., Corneille O. (2018): The heartbeat counting task largely involves non-interoceptive processes. Biol Psychol 138: 185–188 (Zusammenfassung). PubMed 30218689
  3. Mehling W. E. et al. (2018): The Multidimensional Assessment of Interoceptive Awareness, Version 2 (MAIA-2). PLoS One 13(12): e0208034 (Zusammenfassung). PubMed 30513087
  4. Eggart M., Todd J., Valdés-Stauber J. (2021): Validation of the MAIA-2 questionnaire in hospitalized patients with major depressive disorder. PLoS One 16(6): e0253913 (Zusammenfassung). PubMed 34170963

Autismus und ADHS

  1. Garfinkel S. N. et al. (2016): Discrepancies between dimensions of interoception in autism: Implications for emotion and anxiety. Biol Psychol 114: 117–126 (Zusammenfassung). PubMed 26724504
  2. Williams Z. J. et al. (2023): Characterizing Interoceptive Differences in Autism: A Systematic Review and Meta-analysis of Case-control Studies. J Autism Dev Disord 53: 947–962 (Zusammenfassung). PubMed 35819587
  3. Klein M., Witthöft M., Jungmann S. M. (2025): Interoception in individuals with autism spectrum disorder: a systematic literature review and meta-analysis. Front Psychiatry 16: 1573263 (Zusammenfassung). PubMed 40909407
  4. Shah P., Hall R., Catmur C., Bird G. (2016): Alexithymia, not autism, is associated with impaired interoception. Cortex 81: 215–220 (Zusammenfassung). PubMed 27253723
  5. Wiersema J. R., Godefroid E. (2018): Interoceptive awareness in attention deficit hyperactivity disorder. PLoS One 13(10): e0205221 (Zusammenfassung). PubMed 30312308
  6. Kutscheidt K. et al. (2019): Interoceptive awareness in patients with attention-deficit/hyperactivity disorder (ADHD). Atten Defic Hyperact Disord 11: 395–401 (Zusammenfassung). PubMed 30937850
  7. Göz Tebrizcik B., Georgescu A. L., Pick S., Dommett E. J. (2025): Interoceptive abilities in adults with attention deficit hyperactivity disorder. Biol Psychol 202: 109161 (Zusammenfassung). PubMed 41238074
  8. Bruton A. M. et al. (2025): Diminished Interoceptive Accuracy in Attention-Deficit/Hyperactivity Disorder: A Systematic Review. Psychophysiology 62(2): e14750 (Zusammenfassung). PubMed 39905593

Angst, Training und Versorgung

  1. Bandelow B. et al.: S3-Leitlinie Behandlung von Angststörungen, Version 2, AWMF-Register 051-028, Stand 06.04.2021 (Tabelle 22, S. 63; Abschnitt 6.1.1.1.3.6, S. 93; „Nächste Überprüfung geplant: 04/2026“). register.awmf.org (PDF)
  2. Quadt L. et al. (2021): Interoceptive training to target anxiety in autistic adults (ADIE): A single-center, superiority randomized controlled trial. EClinicalMedicine 39: 101042 (Zusammenfassung). PubMed 34401684
  3. Treves I. N. et al. (2025): A meta-analysis of the effects of mindfulness meditation training on self-reported interoception. Sci Rep 15: 38889 (Zusammenfassung). PubMed 41198766
  4. Graziosi S. et al. (2026): Autistic Adult Online Interoception Feasibility Pilot Program. Occup Ther Int 2026: e4437761 (Zusammenfassung). PubMed 42316545
  5. Clark E., Brown T., Yu M. L. (2025): Interoception and its application to paediatric occupational therapy: A scoping review. Aust Occup Ther J 72(1): e12997 (Zusammenfassung). PubMed 39505563
  6. BfArM: ICD-10-GM Version 2026, Kapitel V (F00–F99) und Symptom-Blöcke R25–R29, R40–R46, R50–R69, Suche nach „Interozep…“ ohne Treffer (geprüft 13.10.2026). klassifikationen.bfarm.de
  7. WHO: ICD-11 MMS, Release 2026-01, Simple Tabulation; Suche nach „interocep“ ohne Treffer (geprüft 13.10.2026). icdcdn.who.int (ZIP)
  8. Kassenärztliche Bundesvereinigung, 116117: Psychotherapie (Überweisung, Sprechstunde, Terminservice; abgerufen 13.10.2026). 116117.de

Stand: 13. Oktober 2026

Wir sind ein kleines unabhängiges Team, keine medizinische Einrichtung, und diese Seite wurde nicht fachärztlich geprüft. Die Ideen für den Alltag in Abschnitt 11 sind Erfahrungswissen, keine geprüften Methoden. Wenn neue Metaanalysen erscheinen oder die S3-Leitlinie zu Angststörungen überarbeitet wird, passen wir die Seite an und ändern dieses Datum mit.

Nur zur Information – keine medizinische Beratung und keine Diagnose. Wenn dir Körperbeschwerden Sorgen machen, sprich mit deiner Hausarztpraxis.