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Ratgeber · 20 Minuten Lesezeit · Aktualisiert 26. September 2026

Alexithymie: Gefühle spüren, aber schwer benennen

Alexithymie bedeutet: Es fällt dir schwer, deine eigenen Gefühle zu erkennen und in Worte zu fassen. Die Gefühle sind da, kommen aber oft nur als Unruhe, Druck oder Müdigkeit im Körper an, ohne klaren Namen. Alexithymie ist keine Diagnose, sondern ein Persönlichkeitsmerkmal, das bei jedem Menschen unterschiedlich stark ausgeprägt ist.

Kurz beantwortet

  • Bedeutung: Das Wort kommt aus dem Griechischen und heißt etwa „keine Worte für Gefühle“. Gemeint sind drei Dinge: Gefühle schwer erkennen, Gefühle schwer beschreiben und ein Denken, das sich eher nach außen richtet.
  • Keine Krankheit: Weder die ICD-10-GM noch die ICD-11 führen Alexithymie. Die Forschung sieht darin ein Merkmal, das das Risiko für psychische Beschwerden erhöhen kann.
  • Häufigkeit: In einer repräsentativen deutschen Studie lag jede zehnte Person über dem üblichen Grenzwert des Fragebogens TAS-20. Bei autistischen Menschen war es in Studien etwa jede zweite.
  • Was hilft: Alexithymie lässt sich teilweise verändern, etwa durch Therapie, die gezielt daran arbeitet, oder durch Achtsamkeitstraining. Die Studien dazu sind klein.

Hier liest du, woran man Alexithymie im Alltag erkennt, wie der Test funktioniert und warum Fachleute über ihn streiten. Außerdem: was die Forschung zu Autismus, ADHS und Körperwahrnehmung wirklich zeigt und wo du in Deutschland Unterstützung findest.

1. Was bedeutet Alexithymie?

Alexithymie heißt übersetzt ungefähr „keine Worte für Gefühle“. Das griechische Wort setzt sich aus a (ohne), lexis (Wort) und thymos (Gefühl) zusammen. Auf Deutsch sagt man manchmal auch Gefühlsblindheit.

Bekannt gemacht hat den Begriff der Psychiater Peter Sifneos. 1973 beschrieb er „alexithyme“ Merkmale bei Menschen mit psychosomatischen Beschwerden (Sifneos 1973). Die klassische Beschreibung stammt von Nemiah und Kolleg:innen aus dem Jahr 1976 (nach Bagby u. a. 2026). Heute nennt die Forschung meist drei Kernmerkmale:

In der ursprünglichen Beschreibung gehörte noch ein viertes Merkmal dazu: wenig Vorstellungskraft und Fantasie (Bagby u. a. 2026). Ob das wirklich zum Kern gehört, ist bis heute umstritten. Mehr dazu in Abschnitt 6.

Alexithymie ist keine Gefühlskälte

Oft liest man „Gefühlskälte“ oder „Gefühllosigkeit“. Das trifft es nicht. Menschen mit Alexithymie haben Gefühle, manchmal sehr starke. Die Gefühle kommen aber eher als Körperzustand an: Herzklopfen, Druck im Bauch, Anspannung in den Schultern. Was fehlt, ist die Übersetzung in ein Gefühlswort. Auch die Krankenkasse Barmer betont in ihrem Ratgeber, Menschen mit Alexithymie seien „nicht gefühlskalt“.

Wichtig ist auch: Alexithymie ist kein Entweder-oder. Die Werte in Fragebögen verteilen sich über die ganze Bevölkerung, ohne klare Grenze (Franz u. a. 2008). Jeder Mensch hat mal Mühe, ein Gefühl zu benennen. Von Alexithymie spricht man, wenn das Muster stark ausgeprägt ist und dich schon lange begleitet.

2. Woran erkennst du Alexithymie? Beispiele aus dem Alltag

Es gibt keine offizielle Symptomliste, weil Alexithymie keine Diagnose ist. Die folgenden Beispiele zeigen, wie sich die drei Kernmerkmale im Alltag anfühlen können:

Diese Beispiele sind Beschreibungen, keine Kriterien. Viele davon passen auch zu Stress, Erschöpfung oder Depression. Wenn du dich wiedererkennst, ist das ein Anlass zum Nachdenken, kein Befund.

Wie wirken Menschen mit Alexithymie auf andere?

Von außen wirken Menschen mit Alexithymie oft ruhig, sachlich oder distanziert. Innen kann es ganz anders aussehen. Gefühle anderer erkennen wir oft an Worten und Mimik. Wer über Gefühle wenig spricht, wird deshalb leicht falsch gelesen: als kühl, desinteressiert oder verschlossen. Das sagt mehr über die Lücke zwischen innen und außen als über das Innenleben selbst.

3. Ist Alexithymie eine Krankheit?

Nein. Alexithymie ist keine Diagnose. Wir haben am 26. September 2026 selbst nachgesehen: Die ICD-11 der WHO kennt den Begriff nicht, auch nicht als Symptom. In der ICD-10-GM, nach der Ärzt:innen in Deutschland Diagnosen verschlüsseln, taucht er im Kapitel für psychische Störungen ebenfalls nicht auf. Einen ICD-10-Code für Alexithymie gibt es also nicht.

Die Forschung beschreibt Alexithymie als Persönlichkeitsmerkmal, das über die Zeit recht stabil bleibt (Bagby u. a. 2026). Manche Forschende nennen sie „subklinisch“, also unterhalb der Schwelle einer Störung (Brewer u. a. 2016). Die Barmer fasst es so zusammen: Alexithymie sei „keine eigenständige psychiatrische Störung“, sondern ein Persönlichkeitsmerkmal.

Egal ist sie trotzdem nicht. Viele Fachleute sehen Alexithymie als Risikofaktor für psychische und körperliche Beschwerden (Bagby u. a. 2026; Ditzer u. a. 2023). Sie tritt zum Beispiel gehäuft bei Essstörungen, Angststörungen, Suchterkrankungen und einigen neurologischen Erkrankungen auf (Bird & Cook 2013). Was dabei Ursache und was Folge ist, ist oft unklar.

Was das in Deutschland praktisch heißt

Weil Alexithymie keine Diagnose ist, zahlt die Krankenkasse keine Psychotherapie „gegen Alexithymie“. Die Psychotherapie-Richtlinie des Gemeinsamen Bundesausschusses zählt in § 27 auf, bei welchen Störungen eine Kassen-Psychotherapie möglich ist, etwa Depression, Angst- und Zwangsstörungen, Essstörungen oder somatoforme Störungen. Alexithymie steht nicht auf dieser Liste.

Das heißt nicht, dass du damit allein bleiben musst. Wenn Alexithymie zusammen mit Depression, Angst oder Schmerzen auftritt, kann sie in einer Therapie Thema sein. So kommst du hin:

4. Wie häufig ist Alexithymie?

Die beste Zahl für Deutschland stammt aus einer repräsentativen Befragung von 1.859 Erwachsenen zwischen 20 und 69 Jahren (Franz u. a. 2008). Alle füllten die deutsche Fassung der TAS-20 aus. Die wichtigsten Ergebnisse:

Die Punktwerte folgten einer Normalverteilung. Eine natürliche Grenze zwischen „alexithym“ und „nicht alexithym“ gibt es also nicht. Der Grenzwert von 61 ist eine Übereinkunft. Das Team hielt ihn für Studien möglicherweise für zu streng und schlug einen niedrigeren Wert vor: 53 Punkte bei Männern und 52 bei Frauen, also das obere Drittel.

Und: Zusammenhänge sind keine Ursachen. Dass geschiedene Menschen im Schnitt höhere Werte haben, sagt nicht, was zuerst da war.

5. Alexithymie-Test: Wie wird gemessen?

Es gibt keinen Bluttest und keine Hirnuntersuchung für Alexithymie. Gemessen wird fast immer mit Fragebögen, die du selbst ausfüllst. Der bekannteste ist die Toronto-Alexithymie-Skala, kurz TAS-20 (Bagby u. a. 1994).

Die TAS-20 und ihre deutsche Fassung

Die deutsche Fassung wurde 1996 an 306 Erwachsenen aus der Allgemeinbevölkerung und 101 Patient:innen einer psychiatrischen Klinik geprüft (Bach u. a. 1996). Sie erwies sich als zuverlässig und zeigte dieselben drei Bereiche wie das englische Original. Die Patient:innen hatten deutlich höhere Werte. Deutsche Vergleichswerte aus der Bevölkerung lieferte die Studie von Franz u. a. (2008). Dort tauchte übrigens ein vierter Bereich auf: wie wichtig jemand es findet, in sich hineinzuschauen.

Andere Verfahren

Warum wir die Fragen nicht zeigen

Wir bieten auf dieser Seite bewusst keinen Alexithymie-Test an und drucken die Fragen der TAS-20 nicht ab. Die Rechte an der Skala liegen bei ihren Urheber:innen. Wie ernst das ist, zeigt ein Fall von 2021: Zwei Forschende zogen ihren Fachartikel zurück, weil sie keine Erlaubnis der Rechteinhaber hatten, die TAS-20 zu verwenden und anzupassen. Mit den Ergebnissen hatte der Rückzug nichts zu tun (Williams & Gotham 2021, Retraction Note).

Im Netz findest du viele Versionen solcher Fragebögen. Bevor du einen ausfüllst, hilft es, drei Dinge zu wissen:

  1. Ein Wert ist keine Diagnose. Alexithymie ist ohnehin keine Diagnose, und der Fragebogen misst deine Selbsteinschätzung.
  2. Der Wert hängt auch vom Zeitpunkt ab. Wer gerade sehr belastet ist, kann höher liegen als in ruhigeren Zeiten (siehe Abschnitt 6).
  3. Selbsteinschätzung ist hier heikel. Du sollst beurteilen, wie gut du Gefühle erkennst, und genau das fällt schwer. Der Greifswalder Psychiater Hans Jörgen Grabe sagt dazu im Barmer-Ratgeber: „Gerade bei Alexithymie sind Selbstbeurteilungsinstrumente mit Vorsicht zu genießen.“

Wenn du ein Ergebnis mitnehmen willst, dann in ein Gespräch: in die Hausarztpraxis, in die psychotherapeutische Sprechstunde oder zu deiner Therapeutin oder deinem Therapeuten.

6. Umstritten: Was misst der Test wirklich?

Die TAS-20 ist seit über 30 Jahren das Standardwerkzeug der Alexithymie-Forschung. Trotzdem streiten Fachleute bis heute über drei Fragen.

Misst der Test Alexithymie oder einfach Belastung?

Kritiker:innen sagen: Die TAS-20 misst zum Teil, wie schlecht es jemandem gerade geht. Eine kleine deutsche Studie mit 63 Personen fand 2009 nur einen gemeinsamen Faktor für TAS-20 und allgemeine psychische Belastung (Leising u. a. 2009, Angaben nach Bagby u. a. 2026). In einer US-Stichprobe mit 508 Erwachsenen hing der Teilbereich „Gefühle erkennen“ stark mit Depression, Angst und Stress zusammen. Die Forschenden empfahlen deshalb den PAQ (Preece u. a. 2024).

Die Entwickler der TAS-20 halten dagegen. In einer Stichprobe mit 681 Personen ließen sich Alexithymie und Belastung klar trennen, bei der TAS-20 genauso wie beim PAQ (Bagby u. a. 2026). Außerdem bleibt die Rangfolge der Werte recht stabil, auch wenn eine Depression abklingt. Die Durchschnittswerte sinken dabei aber etwas. Schon 2020 kam die Toronto-Gruppe zu dem Schluss, die TAS-20 sei zuverlässig und gültig (Bagby u. a. 2020).

Was heißt das für dich? Ein hoher Wert in einer schweren Lebensphase kann zum Teil die Lebensphase widerspiegeln. Es lohnt sich, später noch einmal hinzuschauen.

Passt der Test für autistische Menschen?

Ein US-Team prüfte die TAS-20 an 743 autistischen Erwachsenen und 721 Vergleichspersonen. Das Ergebnis: Das Modell mit drei Teilbereichen passte in keiner der beiden Gruppen gut (Williams & Gotham 2021). Das Team bildete aus acht besonders aussagekräftigen Fragen einen neuen Gesamtwert. Einschränkung: Die autistischen Teilnehmenden waren mehrheitlich Frauen, spät diagnostiziert und gut ausgebildet. Die Ergebnisse lassen sich also nicht auf alle übertragen.

Was gehört überhaupt dazu?

Auch die Definition ist umstritten. Der PAQ misst nur die drei Kernmerkmale aus Abschnitt 1 und beruht auf einem neueren Modell (Preece u. a. 2017). Die Toronto-Gruppe verteidigt dagegen das ursprüngliche, breitere Konzept und hat das neue Modell 2024 ausführlich kritisiert (Taylor u. a. 2024). Für deinen Alltag ist dieser Streit weniger wichtig. Er zeigt aber: Alexithymie ist ein Forschungsbegriff mit unscharfen Rändern, keine fest umrissene Sache.

7. Alexithymie und Autismus

Alexithymie ist nicht dasselbe wie Autismus. Sie kommt bei autistischen Menschen aber deutlich häufiger vor. Die wichtigste Übersicht ist eine Meta-Analyse von 2019 (Kinnaird u. a. 2019). Sie wertete 15 Studien aus, die autistische und nicht-autistische Gruppen mit der TAS verglichen:

Das Team betont: Alexithymie ist bei Autismus häufig, aber nicht universell. Die Hälfte der autistischen Teilnehmenden lag unter dem Grenzwert. Zwei Einschränkungen gehören dazu. Erstens beruhen die Zahlen auf der TAS, deren Eignung für autistische Menschen umstritten ist (Abschnitt 6). Zweitens lagen die Vergleichsgruppen mit 4,9 Prozent deutlich unter den 10 Prozent aus der deutschen Bevölkerungsstudie. Die Zahlen sind also nicht direkt vergleichbar.

Ist Alexithymie ein Zeichen für Autismus?

Allein nicht. Alexithymie kommt auch ohne Autismus vor, etwa bei Depression, bei Essstörungen oder ganz ohne Diagnose. Ob jemand autistisch ist, hängt an anderen Merkmalen: soziale Kommunikation, Interessen, Routinen und Reizverarbeitung, und zwar seit der Kindheit. Wenn du dir diese Frage stellst, lies den Ratgeber Autismus bei Erwachsenen.

Alexithymie oder Masking?

Wenn autistische Menschen Gefühle so zeigen, wie andere es erwarten, nennt man das Masking. Masking betrifft den Ausdruck nach außen. Alexithymie betrifft das Erkennen nach innen. Beides kann gleichzeitig da sein, es ist aber nicht dasselbe. Wer lächelt, obwohl es ihm schlecht geht, und das auch weiß, maskiert. Wer gar nicht sicher ist, wie es ihm geht, erlebt eher Alexithymie.

Mehr als Alexithymie?

Autismus-Selbsttest für Erwachsene

Wenn du dich auch in anderen autistischen Merkmalen wiedererkennst, gibt dir unser kostenloser Selbsttest einen ersten Überblick. Er ist kein validiertes Instrument und ersetzt keine Diagnostik.

Zum Autismus-Selbsttest

8. Die Alexithymie-Hypothese: Empathie bei Autismus

Ein altes Klischee sagt, autistische Menschen hätten keine Empathie. 2013 stellten die Forschenden Bird und Cook eine andere Erklärung vor: die Alexithymie-Hypothese (Bird & Cook 2013). Ihre Idee: Wo autistische Menschen Schwierigkeiten mit Gefühlen zeigen, liegt das an der häufig begleitenden Alexithymie, nicht am Autismus selbst.

Was dafür spricht

Was dagegen spricht

Bewiesen ist die Hypothese nicht. Ein Team aus Freiburg und Berlin untersuchte 2025 je 60 autistische und nicht-autistische Erwachsene. Die autistischen Teilnehmenden erkannten Gesichtsausdrücke schlechter, und zwar unabhängig davon, ob sie alexithym waren (Kirsch u. a. 2025). Nur die Hirnaktivität unterschied sich je nach Alexithymie. Auf der Ebene des Verhaltens stützt diese Studie die Hypothese also nicht.

Unser Fazit: Die Alexithymie-Hypothese erklärt wahrscheinlich einen Teil der Unterschiede, aber nicht alle. Wichtig ist sie trotzdem. Sie stellt das Bild von autistischen Menschen als empathielos infrage. Wie Empathie bei Autismus insgesamt aussieht, erklärt unser Ratgeber Autismus und Empathie.

9. Alexithymie und ADHS

Zu ADHS gibt es viel weniger Forschung als zu Autismus. Eine Übersichtsarbeit mit zusammengefassten Zahlen haben wir nicht gefunden. Zwei Studien geben erste Hinweise:

Das sind kleine Studien. Mehr als „Alexithymie kommt bei ADHS vor und hängt mit anderen Belastungen zusammen“ lässt sich daraus nicht ableiten. Ein anderes Thema ist die Frage, wie stark und schnell Gefühle kommen und wie gut sie sich steuern lassen. Das beschreibt der Ratgeber Emotionale Dysregulation bei ADHS. Wenn Autismus und ADHS zusammenkommen, hilft der Ratgeber AuDHD weiter.

10. Interozeption: Liegt es an der Körperwahrnehmung?

Interozeption ist die Wahrnehmung von Signalen aus dem Körperinneren, etwa Herzschlag, Atem, Hunger oder Temperatur. Viele Forschende vermuten, dass Alexithymie hier ihren Ursprung hat. Die Logik: Gefühle zeigen sich im Körper. Wer diese Signale schwer liest, tut sich auch mit Gefühlen schwer. Die Grundlagen erklärt unser Ratgeber Interozeption. Hier geht es darum, wie gut diese Idee belegt ist.

Was dafür spricht

Was dagegen spricht

Fazit: Die Körperwahrnehmung ist ein plausibler Baustein, aber nicht die ganze Erklärung. Sätze wie „Alexithymie ist eine Störung der Interozeption“ gehen über das hinaus, was die Daten bisher zeigen.

11. Ursachen: Woher kommt Alexithymie?

Eine einzelne Ursache gibt es nicht. Die Forschung nennt mehrere Faktoren:

Wichtig: Ein Zusammenhang mit schwierigen Kindheitserfahrungen heißt nicht, dass jede Alexithymie daher kommt. Wenn du alexithym bist, sagt das allein nichts darüber aus, wie deine Eltern mit dir umgegangen sind. Das gilt gerade für autistische Menschen, bei denen Alexithymie ohnehin häufiger vorkommt.

12. Liebe, Beziehung und Sexualität

„Können Menschen mit Alexithymie lieben?“ Die Antwort ist ja. Alexithymie betrifft das Erkennen und Benennen von Gefühlen, nicht die Frage, ob Gefühle da sind. Zuneigung, Bindung und Fürsorge können tief sein, auch wenn die Worte dafür fehlen.

Leichter wird eine Beziehung dadurch aber nicht immer. Eine Studie mit 155 Ehepaaren fand: Höhere Alexithymie ging mit mehr Einsamkeit einher, mehr Einsamkeit mit weniger vertrauten Gesprächen und diese wiederum mit geringerer Zufriedenheit in der Ehe. Das galt für beide Partner:innen (Frye-Cox & Hesse 2013).

Sexualität

Eine Übersichtsarbeit von 2026 wertete 15 Studien aus (Doroldi u. a. 2026). Menschen mit Störungen des sexuellen Verlangens, Frauen mit Erregungsproblemen, Männer mit Erektionsstörungen und Menschen mit Schmerzen beim Sex hatten höhere Alexithymie-Werte. Mit Orgasmus-Schwierigkeiten fand sich kein Zusammenhang.

Diese Studien zeigen, dass beides zusammen auftritt. Was was auslöst, zeigen sie nicht. Wenn Sex für dich oder euch schwierig ist, kann es sinnvoll sein, die Gefühlsebene in einer Sexualberatung oder Therapie mit anzusprechen.

„Sag doch, was du fühlst!“ Ideen für Partner:innen

Wenn deine Partnerin oder dein Partner auf „Was fühlst du?“ mit „Weiß ich nicht“ antwortet, ist das nicht unbedingt Ausweichen oder Lügen. Es kann die ehrliche Antwort sein. Diese Ideen sind nicht wissenschaftlich geprüft, setzen aber genau an den Kernmerkmalen an:

Alexithymie erklärt aber nicht jedes Verhalten. Wenn jemand dich absichtlich täuscht, abwertet oder verletzt, ist das keine Frage der Gefühlswahrnehmung.

13. Was hilft bei Alexithymie?

Alexithymie ist nicht „heilbar“ in dem Sinne, dass sie ganz verschwindet. Sie ist aber teilweise veränderbar. Eine Übersichtsarbeit kam 2014 zu diesem Schluss: Wenn eine Behandlung gezielt an der Alexithymie ansetzte, sanken die Werte meist messbar. Wenn nicht, waren die Ergebnisse uneinheitlich (Cameron u. a. 2014).

Was untersucht ist

Was du selbst ausprobieren kannst

Die folgenden Ideen sind keine Behandlung und einzeln nicht erforscht. Sie setzen an den drei Kernmerkmalen an. Nimm, was zu dir passt:

Therapie in Deutschland

Der Weg führt über die psychotherapeutische Sprechstunde (siehe Abschnitt 3). Sag dort ruhig direkt: „Mir fällt es schwer, Gefühle zu erkennen.“ Dann kann die Therapeutin oder der Therapeut die Fragen darauf abstimmen. Wenn du autistisch bist, frag nach Erfahrung mit autistischen Erwachsenen. Worauf du bei der Suche achten kannst, steht im Ratgeber ND-bejahende Therapie.

14. Häufige Fragen

Was ist Alexithymie einfach erklärt?

Alexithymie heißt, dass es dir schwerfällt, deine eigenen Gefühle zu erkennen und zu beschreiben. Du spürst, dass etwas los ist, oft als Druck, Unruhe oder Müdigkeit im Körper. Welches Gefühl dahintersteckt, bleibt aber unklar. Das Wort kommt aus dem Griechischen und bedeutet etwa „keine Worte für Gefühle“. Alexithymie ist keine Krankheit, sondern ein Persönlichkeitsmerkmal, das bei jedem Menschen unterschiedlich stark ausgeprägt ist.

Wie verhalten sich Menschen mit Alexithymie?

Von außen wirken sie oft sachlich, ruhig oder distanziert. Auf die Frage „Wie geht es dir damit?“ antworten sie vielleicht mit „gut“ oder „weiß nicht“. Manche merken erst später, dass sie wütend oder traurig waren, oder spüren Stress vor allem als Kopf- oder Bauchweh. Innen können die Gefühle stark sein. Es fehlt die Übersetzung in Worte, nicht das Gefühl.

Wie erkenne ich Alexithymie?

Ein Hinweis ist ein Muster, das dich schon lange begleitet: Du weißt oft nicht, was du fühlst, dir fehlen die Worte dafür, und du beschäftigst dich lieber mit Fakten als mit deinem Innenleben. Fragebögen wie die TAS-20 oder der PAQ messen das. Ab 61 Punkten in der TAS-20 sprechen Studien von ausgeprägter Alexithymie. Ein Fragebogen stellt aber keine Diagnose, und der Wert kann in belastenden Zeiten höher ausfallen.

Ist Alexithymie Autismus?

Nein. Alexithymie ist ein eigenes Merkmal. In Studien liegt aber etwa die Hälfte der autistischen Teilnehmenden über dem Grenzwert der TAS, in den Vergleichsgruppen rund 5 Prozent (Meta-Analyse von Kinnaird u. a. 2019). Umgekehrt kommt Alexithymie auch ohne Autismus vor, zum Beispiel bei Depression oder ganz ohne Diagnose. Alexithymie allein ist also kein Zeichen für Autismus.

Können Menschen mit Alexithymie lieben?

Ja. Alexithymie betrifft das Erkennen und Benennen von Gefühlen, nicht die Gefühle selbst. Zuneigung und Bindung können tief sein, auch wenn es schwerfällt, sie in Worte zu fassen. In Beziehungen kann das zu Missverständnissen führen: In einer Studie mit 155 Ehepaaren hing höhere Alexithymie über mehr Einsamkeit und weniger vertraute Gespräche mit geringerer Zufriedenheit zusammen. Offen über das Muster zu reden, kann Druck herausnehmen.

Gibt es einen Alexithymie-Test?

Es gibt Fragebögen, aber keinen Test, der eine Diagnose stellt. Am bekanntesten ist die Toronto-Alexithymie-Skala (TAS-20) mit 20 Aussagen; ihre deutsche Fassung wurde 1996 geprüft. Neuer ist der Perth Alexithymia Questionnaire (PAQ) mit 24 Aussagen. Beide beruhen auf Selbsteinschätzung. Das ist bei Alexithymie heikel, weil genau das Einschätzen der eigenen Gefühle schwerfällt.

Ist Alexithymie heilbar?

Nicht im Sinne von „ganz weg“. Alexithymie ist ein recht stabiles Merkmal. Sie lässt sich aber teilweise verändern. In Studien sanken die Werte vor allem dann, wenn eine Behandlung gezielt am Erkennen und Benennen von Gefühlen ansetzte. Für Achtsamkeitsprogramme zeigen vier randomisierte Studien mit zusammen 460 Personen im Schnitt gut 5 Punkte weniger in der TAS-20 als in den Kontrollgruppen.

Gibt es einen ICD-10-Code für Alexithymie?

Nein. Alexithymie steht weder in der ICD-10-GM, nach der in Deutschland Diagnosen verschlüsselt werden, noch in der ICD-11 der WHO. Deshalb gibt es auch keine Kassen-Psychotherapie „gegen Alexithymie“. Wenn Alexithymie mit Depression, Angst oder anderen Beschwerden zusammenkommt, kann sie in einer Therapie aber Thema sein. Der erste Schritt ist die psychotherapeutische Sprechstunde, für die du keine Überweisung brauchst.

Ist Alexithymie dasselbe wie Gefühlskälte?

Nein. „Gefühlskälte“ klingt, als wären keine Gefühle da. Bei Alexithymie sind Gefühle da, sie kommen aber vor allem als Körperzustand an und lassen sich schwer benennen. Weil Menschen mit Alexithymie wenig über Gefühle sprechen, werden sie von außen leicht als kühl gelesen. Das ist ein Missverständnis, keine Beschreibung ihres Innenlebens.

Hängen Alexithymie und ADHS zusammen?

Möglicherweise, aber es gibt nur wenige Studien. In einer Bochumer Studie mit 73 Erwachsenen mit ADHS lagen etwa 22 Prozent über dem TAS-20-Grenzwert. Der Durchschnitt war aber kaum höher als in der Allgemeinbevölkerung. Bei Kindern mit ADHS hing Alexithymie in einer italienischen Studie mit Hyperaktivität und Impulsivität zusammen, nicht mit Unaufmerksamkeit.

Quellen und Stand

Wir haben jede Zahl auf dieser Seite an der jeweiligen Quelle geprüft. Wo wir nur die Zusammenfassung oder Angaben aus einer anderen Arbeit lesen konnten, steht das dabei.

Klassifikation und Versorgung in Deutschland

  1. WHO: ICD-11 for Mortality and Morbidity Statistics, Version 2025-01. Eigene Suche nach „alexithymia“ am 26.09.2026: kein Treffer. icd.who.int
  2. BfArM: ICD-10-GM Version 2026, Systematik. Eigene Durchsicht von Kapitel V (F00–F99) und R40–R46 am 26.09.2026: kein Eintrag „Alexithymie“. klassifikationen.bfarm.de
  3. Gemeinsamer Bundesausschuss: Psychotherapie-Richtlinie, zuletzt geändert am 19.03.2026, in Kraft seit 17.06.2026; § 11 (Psychotherapeutische Sprechstunde) und § 27 (Indikationen). g-ba.de
  4. Patientenservice 116117 (Kassenärztliche Vereinigungen): Psychotherapie – keine Überweisung nötig, erster Schritt ist die Sprechstunde, Terminservice. 116117.de
  5. Barmer: Alexithymie – Wenn Menschen keine Gefühle wahrnehmen (Einordnung als Persönlichkeitsmerkmal; Zitat Prof. Hans Jörgen Grabe, Universitätsmedizin Greifswald). barmer.de

Begriff, Häufigkeit und Messung

  1. Sifneos, P. E. (1973): The prevalence of ‚alexithymic‘ characteristics in psychosomatic patients. Psychotherapy and Psychosomatics22(2), 255–262 (nur bibliografische Angaben gelesen). doi.org/10.1159/000286529
  2. Bagby, R. M., Parker, J. D. A., Taylor, G. J. (1994): The twenty-item Toronto Alexithymia Scale – I. Journal of Psychosomatic Research38(1), 23–32 (Aufbau der Skala nach Bagby u. a. 2026). doi.org/10.1016/0022-3999(94)90005-1
  3. Bach, M., Bach, D., de Zwaan, M., Serim, M., Böhmer, F. (1996): Validierung der deutschen Version der 20-Item Toronto-Alexithymie-Skala bei Normalpersonen und psychiatrischen Patienten. Psychotherapie, Psychosomatik, medizinische Psychologie 46(1), 23–28 (gelesen: Zusammenfassung). PubMed 8850096
  4. Franz, M. u. a. (2008): Alexithymia in the German general population. Social Psychiatry and Psychiatric Epidemiology 43(1), 54–62 (gelesen: Zusammenfassung). doi.org/10.1007/s00127-007-0265-1
  5. Bagby, R. M., Taylor, G. J., Parker, J. D. A., Dickens, S. E. (2006): The development of the Toronto Structured Interview for Alexithymia. Psychotherapy and Psychosomatics75(1), 25–39 (nur bibliografische Angaben). doi.org/10.1159/000089224
  6. Preece, D. A. u. a. (2017): Establishing the theoretical components of alexithymia via factor analysis: Introduction and validation of the attention-appraisal model of alexithymia. Personality and Individual Differences119, 341–352 (nur bibliografische Angaben). doi.org/10.1016/j.paid.2017.08.003
  7. Preece, D. A. u. a. (2018): The psychometric assessment of alexithymia: Development and validation of the Perth Alexithymia Questionnaire. Personality and Individual Differences132, 32–44 (Aufbau nach Bagby u. a. 2026). doi.org/10.1016/j.paid.2018.05.011
  8. Kaemmerer, M., Grüning, D. J., Luminet, O., Preece, D.: German translation of the Perth Alexithymia Questionnaire. PsyArXiv (Preprint). doi.org/10.31234/osf.io/gj5e3

Streit um die Messung

  1. Bagby, R. M., Parker, J. D. A., Taylor, G. J. (2020): Twenty-five years with the 20-item Toronto Alexithymia Scale. Journal of Psychosomatic Research 131, 109940 (gelesen: Zusammenfassung). doi.org/10.1016/j.jpsychores.2020.109940
  2. Bagby, R. M., Mortezaei, A., Lau, S. C. L., McIntyre, C. S., Taylor, G. J. (2026): Discriminant Validity of the 20-Item Toronto Alexithymia Scale and the Perth Alexithymia Questionnaire in Relation to Psychological Distress. Behavioral Sciences 16(3), 339 (gelesen: Volltext). doi.org/10.3390/bs16030339
  3. Leising, D., Grande, T., Faber, R. (2009): The Toronto Alexithymia Scale (TAS-20): A measure of general psychological distress. Journal of Research in Personality43(4), 707–710 (nicht selbst gelesen; Angaben nach Tabelle 1 bei Bagby u. a. 2026). doi.org/10.1016/j.jrp.2009.03.009
  4. Preece, D. A., Petrova, K., Mehta, A., Sikka, P., Gross, J. J. (2024): Alexithymia or general psychological distress? Discriminant validity of the Toronto Alexithymia Scale and the Perth Alexithymia Questionnaire. Journal of Affective Disorders 352, 140–145 (gelesen: Zusammenfassung). doi.org/10.1016/j.jad.2024.01.271
  5. Taylor, G. J., Porcelli, P., Bagby, R. M. (2024): Alexithymia: A defense of the original conceptualization of the construct and a critique of the attention-appraisal model. Clinical Neuropsychiatry21(5), 329–357 (nur Titel und Angaben gelesen). doi.org/10.36131/cnfioritieditore20240501
  6. Williams, Z. J., Gotham, K. O. (2021): Improving the measurement of alexithymia in autistic adults: a psychometric investigation of the 20-item Toronto Alexithymia Scale and generation of a general alexithymia factor score using item response theory. Molecular Autism 12, 56 (gelesen: Zusammenfassung). doi.org/10.1186/s13229-021-00463-5
  7. Williams, Z. J., Gotham, K. O. (2021): Retraction Note zur ersten Fassung (fehlende Erlaubnis der Rechteinhaber der TAS-20). Molecular Autism 12, 40 (gelesen: Volltext). doi.org/10.1186/s13229-021-00446-6

Autismus, Empathie und ADHS

  1. Kinnaird, E., Stewart, C., Tchanturia, K. (2019): Investigating alexithymia in autism: A systematic review and meta-analysis. European Psychiatry55, 80–89 (gelesen: Zusammenfassung). doi.org/10.1016/j.eurpsy.2018.09.004
  2. Bird, G., Cook, R. (2013): Mixed emotions: the contribution of alexithymia to the emotional symptoms of autism. Translational Psychiatry 3, e285 (gelesen: Zusammenfassung). doi.org/10.1038/tp.2013.61
  3. Bird, G. u. a. (2010): Empathic brain responses in insula are modulated by levels of alexithymia but not autism. Brain133(5), 1515–1525 (gelesen: Zusammenfassung). doi.org/10.1093/brain/awq060
  4. Cook, R., Brewer, R., Shah, P., Bird, G. (2013): Alexithymia, not autism, predicts poor recognition of emotional facial expressions. Psychological Science24(5), 723–732 (gelesen: Zusammenfassung). doi.org/10.1177/0956797612463582
  5. Grynberg, D. u. a. (2012): Alexithymia and the processing of emotional facial expressions (EFEs): systematic review, unanswered questions and further perspectives. PLoS One 7(8), e42429 (gelesen: Zusammenfassung). doi.org/10.1371/journal.pone.0042429
  6. Kirsch, S. u. a. (2025): The Alexithymia Hypothesis of Autism Revisited: Alexithymia Modulates Social Brain Activity During Facial Affect Recognition in Autistic Adults. Biological Psychiatry: Cognitive Neuroscience and Neuroimaging10(9), 988–997 (Universitätsklinikum Freiburg, Humboldt-Universität zu Berlin; gelesen: Zusammenfassung). doi.org/10.1016/j.bpsc.2025.01.007
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Interozeption und Ursachen

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  4. Hogeveen, J., Bird, G., Chau, A., Krueger, F., Grafman, J. (2016): Acquired alexithymia following damage to the anterior insula. Neuropsychologia82, 142–148 (gelesen: Zusammenfassung). doi.org/10.1016/j.neuropsychologia.2016.01.021
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  6. Zamariola, G., Maurage, P., Luminet, O., Corneille, O. (2018): Interoceptive accuracy scores from the heartbeat counting task are problematic. Biological Psychology137, 12–17 (gelesen: Zusammenfassung). doi.org/10.1016/j.biopsycho.2018.06.006
  7. Jørgensen, M. M., Zachariae, R., Skytthe, A., Kyvik, K. (2007): Genetic and environmental factors in alexithymia: a population-based study of 8,785 Danish twin pairs. Psychotherapy and Psychosomatics76(6), 369–375 (gelesen: Zusammenfassung). doi.org/10.1159/000107565
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Beziehung, Sexualität und Behandlung

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  4. Norman, H., Marzano, L., Coulson, M., Oskis, A. (2019): Effects of mindfulness-based interventions on alexithymia: a systematic review. Evidence-Based Mental Health22(1), 36–43 (gelesen: Zusammenfassung). doi.org/10.1136/ebmental-2018-300029
  5. Quadt, L. u. a. (2021): Interoceptive training to target anxiety in autistic adults (ADIE): A single-center, superiority randomized controlled trial. EClinicalMedicine 39, 101042 (gelesen: Zusammenfassung und Methodenteil). doi.org/10.1016/j.eclinm.2021.101042

Stand: 26. September 2026

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