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ADHS-Medikamente · 17 Minuten Lesezeit · Aktualisiert 26. September 2026

Intuniv (Guanfacin) bei ADHS: Wirkung und Zulassung

Intuniv ist ein ADHS-Medikament mit dem Wirkstoff Guanfacin. Es ist kein Stimulans und kein Betäubungsmittel. In der EU ist es nur für Kinder und Jugendliche von 6 bis 17 Jahren zugelassen. Und auch nur dann, wenn Stimulanzien nicht infrage kommen, nicht vertragen werden oder nicht wirken. Für Erwachsene ist Intuniv nicht zugelassen.

Kurz beantwortet

  • Für wen: Kinder und Jugendliche von 6 bis 17 Jahren, bei denen Stimulanzien nicht passen. Bei Erwachsenen wäre es ein Einsatz außerhalb der Zulassung (off-label).
  • Wirkung: Bei Kindern wirkt Guanfacin in Studien besser als ein Placebo, im Mittel aber schwächer als Amfetamine. Für Erwachsene gibt es bisher eine größere kontrollierte Studie, aus Japan.
  • Häufigste Nebenwirkung: Schläfrigkeit – in den Studien bei 40,6 % der Kinder und Jugendlichen. Blutdruck und Puls können sinken.
  • Nie abrupt absetzen: Sonst können Blutdruck und Puls ansteigen. Wie ausgeschlichen wird, legt die Ärztin oder der Arzt nach der Fachinformation fest.

1. Was ist Intuniv?

Intuniv ist eine Retardtablette. Retard heißt: Der Wirkstoff wird langsam über viele Stunden freigesetzt. Deshalb reicht eine Tablette am Tag. Der Wirkstoff Guanfacin war zuerst als Blutdruckmittel bekannt. In der Fachinformation steht er bis heute in der Gruppe der zentral wirkenden Blutdrucksenker.

Die EU-Zulassung für ADHS stammt vom 17. September 2015. Inzwischen gibt es auch ein Nachahmerpräparat, zum Beispiel Guanfacin Neuraxpharm. Es hat dasselbe Anwendungsgebiet wie Intuniv. Was Guanfacin von den Stimulanzien unterscheidet:

2. Wie wirkt Guanfacin bei ADHS?

Guanfacin dockt an einer bestimmten Andockstelle für den Botenstoff Noradrenalin an: dem Alpha-2A-Rezeptor. Laut Fachinformation bindet es dort 15- bis 20-mal stärker als an den verwandten Rezeptoren Alpha-2B und Alpha-2C.

Wie das bei ADHS hilft, weiß man nicht genau. Die Fachinformation sagt es offen: „Der Wirkmechanismus von Guanfacin bei der Behandlung von ADHS ist nicht vollständig geklärt.“ Vorklinische Forschung, also vor allem Laborstudien, deutet darauf hin, dass Guanfacin die Signale im Stirnhirn (präfrontaler Kortex) und in den Basalganglien verändert.

Die zweite Wirkung kennt man aus der Blutdruckbehandlung. Guanfacin dämpft die Nervensignale, die Herz und Gefäße antreiben. Blutdruck und Herzfrequenz sinken. Dazu passen typische Nebenwirkungen wie niedriger Blutdruck, langsamer Puls und Schwindel beim Aufstehen.

Stimulanzien wie Methylphenidat oder Lisdexamfetamin arbeiten anders: Sie erhöhen die Menge von Dopamin und Noradrenalin zwischen den Nervenzellen. Mehr dazu steht im Überblick über ADHS-Medikamente.

Wie lange wirkt Intuniv?

Die Halbwertszeit liegt bei etwa 18 Stunden. Bei Kindern und Jugendlichen ist die höchste Menge im Blut nach etwa 5 Stunden erreicht. In einer Studie mit 333 Kindern von 6 bis 12 Jahren bewerteten Eltern die ADHS-Anzeichenmorgens, nachmittags und abends besser als unter Placebo. Dabei war es egal, ob die Kinder Guanfacin morgens oder abends nahmen (Young u. a., 2014).

3. Für wen ist Intuniv zugelassen?

Das Anwendungsgebiet in der Fachinformation ist eng gefasst. Intuniv ist zugelassen für Kinder und Jugendliche mit ADHS

Außerdem gehört Intuniv laut Fachinformation in eine „umfassende therapeutische Gesamtstrategie“. Gemeint sind psychologische, pädagogische und soziale Hilfen, nicht nur die Tablette. Beginnen muss die Behandlung unter Aufsicht einer Fachperson für Verhaltensstörungen bei Kindern und Jugendlichen. Für Kinder unter 6 Jahren gibt es keine Daten.

Die deutsche S3-Leitlinie zu ADHS (Stand 2018, inzwischen als abgelaufen gekennzeichnet) stuft Guanfacin als Mittel der zweiten Wahl ein. Der Grund: Nutzen und Nebenwirkungen stehen in einem ungünstigeren Verhältnis als bei Stimulanzien. Die Leitlinie nennt aber Situationen, in denen Guanfacin auch ohne vorherigen Versuch mit anderen ADHS-Medikamenten infrage kommt:

Eine überarbeitete Leitlinie war von Mai bis Juni 2026 als Konsultationsfassung zur Stellungnahme veröffentlicht. Eine endgültige neue Fassung lag uns am 26. September 2026 nicht vor.

4. Intuniv bei Erwachsenen: was gilt?

Kurz gesagt: In der EU ist Guanfacin für Erwachsene nicht zugelassen. Die Fachinformation ist dabei deutlich. Sicherheit und Wirksamkeit bei Erwachsenen seien nicht erwiesen, „daher sollte Guanfacin bei dieser Patientengruppe nicht angewendet werden“. Dieselbe Formulierung steht in der Fachinformation des Generikums.

Verboten ist ein Einsatz bei Erwachsenen trotzdem nicht. Ärztinnen und Ärzte dürfen Medikamente grundsätzlich auch außerhalb der Zulassung verordnen. Das nennt man Off-Label-Use.

Was Studien bei Erwachsenen zeigen

Die Datenlage ist dünn. Die große Netzwerk-Metaanalyse von Cortese u. a. (2018) fand bis 2017 keine doppelblinde Studie, die Guanfacin bei Erwachsenen als alleiniges Mittel testete. Die meisten Daten seitdem stammen aus Japan. Dort ist Guanfacin retard seit Juni 2019 auch für Erwachsene zugelassen.

Was das heißt: Für Erwachsene gibt es eine größere kontrollierte Studie, aus einem Land und über zehn Wochen, dazu eine sehr kleine Zusatzstudie (siehe Abschnitt 10). Wie gut sich das auf andere Länder und auf längere Zeiträume übertragen lässt, ist offen. Die deutsche S3-Leitlinie schrieb 2018, Erkenntnisse zu Guanfacin bei Erwachsenen lägen „nicht in ausreichendem Maße“ vor.

Zahlt die Krankenkasse bei Erwachsenen?

In der Regel nicht. Laut Gemeinsamem Bundesausschuss (G-BA) ist ein Off-Label-Einsatz nur in Ausnahmefällen eine Kassenleistung:

Für Erwachsene sind in Deutschland Methylphenidat in Retard-Form, Lisdexamfetamin und Atomoxetin zugelassen. Das Kriterium „keine andere Therapie verfügbar“ ist deshalb nicht automatisch erfüllt. Zahlt die Kasse nicht, bleibt ein Privatrezept – dann trägst du die Kosten selbst.

Noch ein Punkt zur Haftung: Beim Off-Label-Einsatz liegt die Verantwortung laut G-BA gegebenenfalls allein bei der verordnenden Ärztin oder dem Arzt. Der Hersteller haftet grundsätzlich nur beim zugelassenen Einsatz. Eine gründliche Aufklärung, deine Zustimmung und eine lückenlose Dokumentation sind deshalb laut G-BA unerlässlich.

Was passiert mit 18?

Die Zulassung gilt bis 17 Jahre. Nimmt dein Kind Intuniv und wird bald volljährig, sprecht früh mit der Praxis: Soll die Behandlung weiterlaufen – dann außerhalb der Zulassung –, oder wird auf ein Mittel umgestellt, das für Erwachsene zugelassen ist? Auch hier gilt: nicht abrupt absetzen. Mehr zum Übergang ins Erwachsenenalter steht im Ratgeber ADHS bei Jugendlichen.

5. Was Studien bei Kindern und Jugendlichen zeigen

Für Kinder und Jugendliche ist die Datenlage deutlich besser. Die wichtigsten Ergebnisse:

Zur Einordnung: Die meisten dieser Studien dauerten nur wenige Wochen bis Monate. Über Jahre ist wenig bekannt. Die EU hat den Hersteller deshalb verpflichtet, eine Vergleichsstudie zur Langzeitsicherheit bei 6- bis 17-Jährigen vorzulegen, vor allem zu Denken und Lernen. Der Abschlussbericht ist bis 31. Januar 2028 fällig.

6. Nebenwirkungen laut Fachinformation

In den Studien mit Kindern und Jugendlichen waren das die häufigsten Nebenwirkungen:

NebenwirkungAnteil der Behandelten
Schläfrigkeit (Somnolenz)40,6 %
Kopfschmerzen27,4 %
Müdigkeit, Erschöpfung18,1 %
Schmerzen im Oberbauch12,0 %
Dämpfung (Sedierung)10,2 %

Schläfrigkeit und Dämpfung treten vor allem am Anfang auf und nach einer Dosiserhöhung. Sie dauern meist 2 bis 3 Wochen, bei manchen länger. Bleiben sie oder sind sie bedenklich stark, soll laut Fachinformation eine niedrigere Dosis oder ein Ende der Behandlung erwogen werden. Das entscheidet die Praxis.

Die ernsteren Nebenwirkungen

Als schwerwiegendste häufig gemeldete Nebenwirkungen nennt die Fachinformation: niedriger Blutdruck (3,2 %), Gewichtszunahme (2,9 %), langsamer Herzschlag (1,5 %) und Ohnmacht (0,7 %). Eine Ohnmacht kann zu Stürzen und Verletzungen führen. Die Fachinformation rät deshalb, viel zu trinken.

Wie stark Guanfacin den Kreislauf beeinflusst, hat eine Netzwerk-Metaanalyse von Kurzzeitstudien untersucht (Farhat u. a., 2025). Bei Kindern und Jugendlichen sank der obere Blutdruckwert im Mittel um 2,83 mmHg und der Puls um 4,06 Schläge pro Minute. Bei Erwachsenen waren die Senkungen größer (oberer Wert −10,1 mmHg, Puls −6,83 pro Minute). Diese Zahlen für Erwachsene beruhen aber auf Daten mit sehr niedriger Vertrauenswürdigkeit. Stimulanzien und Atomoxetin hoben Blutdruck und Puls in derselben Analyse dagegen leicht an.

Weitere Nebenwirkungen

Häufig (1 bis 10 von 100 Behandelten), unter anderem: verminderter Appetit, Depression, Angst, Stimmungsschwankungen, Ein- und Durchschlafstörungen, Albträume, Schwindel, Antriebslosigkeit, Erbrechen, Durchfall, Übelkeit, Verstopfung, Mundtrockenheit, Ausschlag, Einnässen, Reizbarkeit und Gewichtszunahme.

Gelegentlich (1 bis 10 von 1.000): unter anderem Aggression, Halluzinationen, Krampfanfälle, Ohnmacht und eine verlängerte QT-Zeit im EKG.

Gewicht und Wachstum

In einer einjährigen Studie stieg die BMI-Perzentile der Kinder und Jugendlichen im Mittel um 4,3 Punkte. Größe, Gewicht und BMI werden deshalb vor dem Start gemessen und danach regelmäßig kontrolliert, bei Kindern in einem Wachstumsdiagramm.

Stimmung, Aggression, Halluzinationen

Aggressives Verhalten und Feindseligkeit wurden in Studien und nach der Markteinführung berichtet. Nach der Markteinführung wurden auch Suizidgedanken, Suizidversuche und Suizide gemeldet, meist bei Menschen mit weiteren psychischen Erkrankungen. Die Fachinformation empfiehlt, auf beides zu achten – bei Suizidgedanken besonders beim Einstellen, bei Dosisänderungen und beim Absetzen. Sprecht Veränderungen der Stimmung sofort in der Praxis an.

Halluzinationen stehen als gelegentliche Nebenwirkung in der Fachinformation. Das Deutsche Ärzteblatt beschrieb 2024 einen 9-jährigen Jungen, der unter Guanfacin Geräusche hörte und Bilder sah, die nicht da waren. Nach dem Absetzen der Medikamente verschwanden sie. Als Guanfacin allein erneut gegeben wurde, kamen sie wieder. Der Beitrag rät, Familien schon im Aufklärungsgespräch darauf hinzuweisen. Wenn du oder dein Kind so etwas bemerkt, meldet es sofort der Praxis.

Alkohol, Straßenverkehr, Schwangerschaft

7. Kontrollen vor und während der Behandlung

Vor dem Start klärt die Praxis laut Fachinformation unter anderem:

Danach sieht die Fachinformation diesen Rhythmus vor:

Bei einer Behandlung über ein Jahr hinaus soll die Ärztin oder der Arzt den Nutzen neu bewerten: im ersten Jahr alle 3 Monate, danach mindestens einmal jährlich. Die Fachinformation schlägt auch behandlungsfreie Zeiten vor, am besten in den Schulferien. Auch dafür wird schrittweise ausgeschlichen, nicht abrupt gestoppt. Die S3-Leitlinie empfiehlt bei Guanfacin ebenfalls, Puls und Blutdruck „engmaschig“ zu kontrollieren und auf Schläfrigkeit zu achten.

Hilfreich für die Termine: Notiere zwischendurch, was dir auffällt – Müdigkeit, Schwindel, Stimmung, Schlaf, Appetit. So lässt sich besser einschätzen, ob Nutzen und Nebenwirkungen im Verhältnis stehen.

8. Einnahme und Wechselwirkungen

Laut Fachinformation wird Intuniv einmal täglich genommen, morgens oder abends. In einer Studie mit 6- bis 12-Jährigen wirkte es zu beiden Zeitpunkten ähnlich gut. Welche Uhrzeit besser passt, besprecht ihr mit der Praxis – zum Beispiel, wenn die Müdigkeit tagsüber stört.

Wechselwirkungen

Sag deshalb in der Praxis und in der Apotheke, was du oder dein Kind sonst nimmt – auch Pflanzliches wie Johanniskraut.

9. Absetzen: nie von heute auf morgen

Wird Guanfacin abgesetzt, können Blutdruck und Puls ansteigen. Nach abruptem Absetzen wurde seit der Markteinführung in sehr seltenen Fällen eine hypertensive Enzephalopathie beschrieben: eine Störung der Hirnfunktion durch stark erhöhten Blutdruck.

Deshalb schreibt die Fachinformation vor, die Dosis schrittweise zu verringern und dabei Blutdruck und Puls zu kontrollieren. Das genaue Vorgehen legt die Ärztin oder der Arzt fest. Setz Intuniv nicht ohne Rücksprache ab – auch nicht, wenn die Packung leer ist oder die Apotheke es gerade nicht vorrätig hat. Frag in diesem Fall sofort in der Praxis nach.

Wie groß der Effekt sein kann, zeigt die Langzeitstudie bei Kindern und Jugendlichen. Nach dem Wechsel auf Placebo stieg bei 7 von 158 (4,4 %) der Blutdruck deutlich an. Im Mittel lag der obere Wert danach etwa 3 mmHg über dem Ausgangswert, der untere etwa 1 mmHg. Bei manchen zeigte sich der Anstieg erst am Ende der Nachbeobachtung, die 3 bis 26 Wochen nach der letzten Dosis dauerte.

Auch die S3-Leitlinie rät, Guanfacin ausschleichend abzusetzen, um einen „reaktiven“ Anstieg von Blutdruck und Herzfrequenz zu vermeiden.

10. Zusammen mit Elvanse, Medikinet & Co.

Die Fachinformation erwähnt im Anwendungsgebiet weder eine Behandlung nur mit Guanfacin noch eine Kombination. Eine Kombination mit Stimulanzien ist auch keine Gegenanzeige. Was bekannt ist:

Die Kombination wirkt auf den Kreislauf in zwei Richtungen: Stimulanzien heben Blutdruck und Puls im Mittel leicht an, Guanfacin senkt sie. Welche Mittel du bekommst und wie sie kombiniert werden, entscheidet die Praxis. Welche Stimulanzien es in Deutschland gibt und wie sie sich unterscheiden, zeigt der Vergleich Medikinet vs. Elvanse vs. Concerta.

11. Emotionen, RSD, Schlaf, Angst: was belegt ist – und was nicht

Im Netz liest man, Guanfacin helfe besonders bei starken Gefühlen, bei Zurückweisungsempfindlichkeit (RSD) oder beim Einschlafen. Wir haben geprüft, was die Studien dazu hergeben (Stand 26. September 2026):

FrageWas wir gefunden haben
Oppositionelles Verhalten bei Kindern (6–12)Eine Studie mit 217 Kindern mit ADHS und oppositionellem Verhalten: Auf einer Eltern-Skala für dieses Verhalten sank der Wert unter Guanfacin um 56 %, unter Placebo um 33 % (Fachinformation).
Emotionale Dysregulation bei ErwachsenenKeine kontrollierte Studie gefunden. Nicht untersucht.
RSD (Zurückweisungsempfindlichkeit)Keine Studie gefunden. Nicht untersucht.
SchlafKein Nutzen belegt. In einer kleinen Schlaflaborstudie schliefen Kinder unter Guanfacin am Ende im Mittel 57 Minuten weniger als vorher, unter Placebo 31 Minuten mehr. Schlafstörungen und Albträume sind häufige Nebenwirkungen.
AngstDie S3-Leitlinie empfiehlt bei ADHS mit Angststörung zuerst Stimulanzien oder Atomoxetin. Verstärkt ein Stimulans die Angst, kann ein Wechsel auf Atomoxetin oder Guanfacin erwogen werden. Angst ist zugleich eine häufige Nebenwirkung.
TicsDie S3-Leitlinie nennt Guanfacin als Alternative bei ADHS mit Tic-Störung und bei Tics unter Stimulanzien.

Zum Schlaf genauer: Die Studie (Rugino, 2018) wurde vorzeitig beendet, nur 27 Kinder wurden ausgewertet, und sie nahmen Guanfacin morgens. Das Ergebnis ist also kein endgültiges Urteil. Es zeigt aber: Dass Guanfacin müde macht, heißt nicht, dass es den Schlaf verbessert. Mehr zu Schlafproblemen: ADHS und Schlaf.

Zu Gefühlen und RSD: Starke Gefühle und Kränkbarkeit bei Kritik können den Alltag mit ADHS sehr belasten. Dass es dazu keine Guanfacin-Studien gibt, heißt nicht, dass es niemandem hilft. Es heißt nur: Niemand kann dir seriös versprechen, dass es hilft. Mehr zu diesen Themen steht in den Ratgebern emotionale Dysregulation bei ADHS und Rejection Sensitive Dysphoria (RSD). Zu Angst: ADHS und Angst.

12. Intuniv oder Clonidin?

Clonidin ist wie Guanfacin ein Wirkstoff, der an Alpha-2-Rezeptoren wirkt. In Deutschland ist es zum Beispiel als Catapresan im Handel. Dessen Fachinformation nennt als Anwendungsgebiet Bluthochdruck, nicht ADHS. Guanfacin dagegen hat für 6- bis 17-Jährige eine ADHS-Zulassung.

In der Netzwerk-Metaanalyse von Cortese u. a. (2018) unterschieden sich Guanfacin und Clonidin bei Kindern in der Wirkung nicht messbar. Die Vertrauenswürdigkeit dieses Vergleichs war sehr niedrig. Mehr zu Clonidin steht im Ratgeber Clonidin bei ADHS.

13. Rezept und Krankenkasse

Wie Rezept, Zuzahlung und Terminsuche bei ADHS-Medikamenten allgemein laufen, erklärt der Überblick über ADHS-Medikamente.

14. Fragen für das Gespräch in der Praxis

Diese Fragen können helfen, das Gespräch vorzubereiten – für dich selbst oder für dein Kind:

Du weißt noch nicht sicher, ob ADHS zu dir passt? Unser ADHS-Selbsttest ersetzt keine Diagnose und ist kein geprüftes Messinstrument. Er kann dir aber helfen, deine Eindrücke für das Gespräch zu sortieren.

15. Häufige Fragen

Was bewirkt Intuniv?

Intuniv soll die Kernanzeichen der ADHS verringern: Unaufmerksamkeit, Unruhe und Impulsivität. Der Wirkstoff Guanfacin dockt an Alpha-2A-Rezeptoren an, die auf den Botenstoff Noradrenalin reagieren. Wie das bei ADHS genau hilft, ist laut Fachinformation nicht vollständig geklärt. Nebenbei senkt Guanfacin Blutdruck und Puls – es ist ursprünglich ein Blutdruckmittel. Bei Kindern und Jugendlichen wirkte es in Studien besser als ein Placebo, im Mittel aber schwächer als Amfetamine.

Ist Guanfacin für Erwachsene in Deutschland zugelassen?

Nein. Intuniv und das Generikum Guanfacin Neuraxpharm sind nur für Kinder und Jugendliche von 6 bis 17 Jahren zugelassen. Laut Fachinformation sollte Guanfacin bei Erwachsenen nicht angewendet werden, weil Sicherheit und Wirksamkeit bei ihnen nicht erwiesen sind. Eine Ärztin oder ein Arzt darf es trotzdem außerhalb der Zulassung verordnen. Die Krankenkasse zahlt das aber nur in Ausnahmefällen. In Japan ist Guanfacin retard seit Juni 2019 auch für Erwachsene zugelassen.

Ist Intuniv ein Betäubungsmittel?

Nein. Guanfacin steht nicht im Betäubungsmittelgesetz. Es ist verschreibungspflichtig und kommt auf ein normales Rezept, nicht auf ein BtM-Rezept. Das ist ein Unterschied zu Methylphenidat (zum Beispiel Medikinet) und Lisdexamfetamin (Elvanse), die als Betäubungsmittel gelten.

Wann sollte Intuniv eingenommen werden – morgens oder abends?

Laut Fachinformation einmal täglich, entweder morgens oder abends. In einer Studie mit 6- bis 12-Jährigen wirkte Guanfacin zu beiden Zeitpunkten ähnlich gut. Die Tablette wird im Ganzen geschluckt, nicht zu einer fettreichen Mahlzeit und nicht mit Grapefruitsaft. Welche Uhrzeit passt, legt ihr mit der Praxis fest – zum Beispiel danach, wann die Müdigkeit am wenigsten stört.

Wann fängt Intuniv an zu wirken?

Einen festen Zeitpunkt nennt die Fachinformation nicht. Die Dosis wird in wöchentlichen Schritten angepasst, bis sie passt. Die Zulassungsstudien haben die Wirkung nach 8 bis 15 Wochen gemessen. Bei längerer Behandlung soll der Nutzen im ersten Jahr alle drei Monate neu bewertet werden. Wenn du nach einigen Wochen unsicher bist, ob es hilft, sprich das in der Praxis an.

Wie vertragen Kinder Intuniv?

Das ist sehr unterschiedlich. In den Studien war Schläfrigkeit die häufigste Nebenwirkung (40,6 %), gefolgt von Kopfschmerzen (27,4 %), Müdigkeit (18,1 %) und Oberbauchschmerzen (12,0 %). Die Schläfrigkeit dauert meist 2 bis 3 Wochen, manchmal länger. In einer Metaanalyse hatten 82,4 % der Kinder und Jugendlichen unter Guanfacin mindestens eine Nebenwirkung, unter Placebo 67,9 %. Erfahrungsberichte aus Foren sind Einzelfälle: Sie können Studien ergänzen, aber nicht ersetzen.

Macht Intuniv dick?

Gewichtszunahme ist laut Fachinformation eine häufige Nebenwirkung, betrifft also 1 bis 10 von 100 Behandelten. In einer einjährigen Studie stieg die BMI-Perzentile der Kinder und Jugendlichen im Mittel um 4,3 Punkte. Deshalb werden Größe, Gewicht und BMI vor dem Start und danach regelmäßig kontrolliert. Gleichzeitig steht auch verminderter Appetit als häufige Nebenwirkung in der Fachinformation.

Kann Intuniv aggressiv machen?

Beides kommt vor. Aggressives Verhalten und Feindseligkeit wurden in Studien und nach der Markteinführung berichtet. Die Fachinformation führt Aggression als gelegentliche Nebenwirkung und Reizbarkeit als häufige. Andererseits gibt es eine Studie mit 6- bis 12-Jährigen mit ADHS und oppositionellem Verhalten. Dort ging dieses Verhalten nach Einschätzung der Eltern unter Guanfacin stärker zurück als unter Placebo. Wenn dein Kind unter Intuniv gereizter oder aggressiver wird, sag es der Praxis zeitnah.

Kann man Intuniv mit Elvanse oder Medikinet kombinieren?

Für Kinder und Jugendliche ist das untersucht. In einer Studie mit 461 Kindern und Jugendlichen, bei denen ihr Stimulans nur teilweise half, verbesserte zusätzliches Guanfacin die ADHS-Werte stärker als Placebo. Mit Lisdexamfetamin (Elvanse) stieg der Guanfacin-Spiegel leicht, laut Fachinformation ohne klinische Bedeutung. Für Medikinet gibt es dort keine eigene Wechselwirkungsstudie. Für Erwachsene fand die einzige kleine kontrollierte Studie, die wir gefunden haben, keinen Unterschied zu Placebo. Ob kombiniert wird, entscheidet die Ärztin oder der Arzt.

Gibt es Langzeitfolgen?

Das ist nicht gut untersucht. Die meisten Studien liefen einige Wochen bis Monate. Die längste Studie in der Fachinformation dauerte 41 Wochen, davon bis zu 26 Wochen mit Placebo-Vergleich. Die EU hat den Hersteller verpflichtet, eine Vergleichsstudie zur Langzeitsicherheit bei 6- bis 17-Jährigen vorzulegen, vor allem zu Denken und Lernen. Der Abschlussbericht ist bis 31. Januar 2028 fällig. Bekannt ist: Der BMI kann steigen, und beim Absetzen können Blutdruck und Puls ansteigen.

Quellen und Stand

Wir haben jede Zahl und jede Regel auf dieser Seite in der jeweiligen Quelle nachgelesen. Zulassungen und Kassenregeln ändern sich. Maßgeblich sind immer die aktuelle Packungsbeilage und das, was deine Praxis dir sagt. Die Aussagen „keine Studie gefunden“ beruhen auf unserer Suche in Europe PMC am 26. September 2026.

Zulassung und Fachinformation

  1. European Medicines Agency. Intuniv: EPAR – Produktinformation (deutsch), Anhang I Zusammenfassung der Merkmale des Arzneimittels, Abschnitte 4.1–4.8, 5.1, 5.2, 9; Anhang II (eingeschränkte ärztliche Verschreibung, Studie SHP503-401, Bericht fällig 31.01.2028). Dokument erstellt Januar 2026. ema.europa.eu (PDF)
  2. Neuraxpharm. Fachinformation Guanfacin Neuraxpharm Retardtabletten (Stand 09/2025), Abschnitte 4.1, 4.2, 11. fachinfo.de (PDF)
  3. Glenwood. Fachinformation Catapresan (Stand Dezember 2021), Abschnitte 4.1 und 5.1. fachinfo.de (PDF)
  4. Shionogi (18.06.2019). Pressemitteilung: Approval of Additional Indication of INTUNIV in Japan for Treatment of Adult ADHD. shionogi.com (PDF)

Recht und Kassenregeln

  1. Arzneimittelverschreibungsverordnung, Anlage 1 (Guanfacin). gesetze-im-internet.de; Betäubungsmittelgesetz, Anlage III. gesetze-im-internet.de
  2. Gemeinsamer Bundesausschuss. Off-Label-Use – Verordnungsfähigkeit von Arzneimitteln in nicht zugelassenen Anwendungsgebieten, mit FAQ (Kriterien nach BSG-Urteil vom 19.03.2002, B 1 KR 37/00 R; Haftung). g-ba.de
  3. Gemeinsamer Bundesausschuss. Arzneimittel-Richtlinie, Anlage VI Off-Label-Use (in Kraft seit 11.06.2026). g-ba.de; Anlage III Verordnungseinschränkungen (Stand 05.09.2026). g-ba.de (PDF)
  4. Gemeinsamer Bundesausschuss. Übersicht der Nutzenbewertungsverfahren nach § 35a SGB V (durchgesehen am 26.09.2026). g-ba.de
  5. Sozialgesetzbuch V, § 31 Abs. 3 (Zuzahlung ab 18 Jahren). gesetze-im-internet.de

Leitlinie und Stellungnahmen

  1. DGKJP, DGPPN, DGSPJ u. a. Langfassung der S3-Leitlinie „Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter“, AWMF-Register 028-045 (2018; bei der AWMF als abgelaufen gekennzeichnet). Genutzt: Empfehlungen 1.4.2, 1.4.5.1, 1.4.6.7, 1.4.6.14, 1.4.6.15; Abschnitte 2.4.1.2 und 2.4.2. register.awmf.org (PDF)
  2. AWMF (22.05.2026). Konsultationsfassung ADHS im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter, Registernummer 028-045 KF (gültig bis 23.06.2026). Inhalt nicht ausgewertet. awmf.org
  3. Gerlach, M., Dittmann, R. W., Egberts, K. u. a. Stellungnahme der Arbeitsgruppe „Kinder- und jugendpsychiatrische Pharmakologie“ der AGNP zur Kombinationstherapie von Psychostimulanzien und Guanfacin (2021). agnp.de (PDF)

Studien

  1. Cortese, S., Adamo, N., Del Giovane, C. u. a. (2018). Comparative efficacy and tolerability of medications for attention-deficit hyperactivity disorder in children, adolescents, and adults: a systematic review and network meta-analysis. The Lancet Psychiatry, 5(9), 727–738. doi.org/10.1016/S2215-0366(18)30269-4
  2. Ostinelli, E. G., Schulze, M., Zangani, C. u. a. (2025). Comparative efficacy and acceptability of pharmacological, psychological, and neurostimulatory interventions for ADHD in adults: a systematic review and component network meta-analysis. The Lancet Psychiatry, 12(1), 32–43. doi.org/10.1016/S2215-0366(24)00360-2
  3. Ruggiero, S., Clavenna, A., Reale, L. u. a. (2014). Guanfacine for attention deficit and hyperactivity disorder in pediatrics: a systematic review and meta-analysis. European Neuropsychopharmacology, 24(10), 1578–1590. doi.org/10.1016/j.euroneuro.2014.08.001
  4. Iwanami, A., Saito, K., Fujiwara, M., Okutsu, D., Ichikawa, H. (2020). Efficacy and Safety of Guanfacine Extended-Release in the Treatment of Attention-Deficit/Hyperactivity Disorder in Adults: Results of a Randomized, Double-Blind, Placebo-Controlled Study. Journal of Clinical Psychiatry, 81(3), 19m12979. doi.org/10.4088/JCP.19m12979
  5. Iwanami, A., Saito, K., Fujiwara, M., Okutsu, D., Ichikawa, H. (2020). Safety and efficacy of guanfacine extended-release in adults with attention-deficit/hyperactivity disorder: an open-label, long-term, phase 3 extension study. BMC Psychiatry, 20, 485. doi.org/10.1186/s12888-020-02867-8
  6. Iwanami, A., Shirai, K., Ida, H. (2026). Safety and Effectiveness of Guanfacine Hydrochloride Extended-Release in Adult Patients with ADHD in Japan: A Post-Marketing Surveillance Study. Advances in Therapy, 43(8), 3488–3505. doi.org/10.1007/s12325-026-03548-w
  7. Butterfield, M. E., Saal, J., Young, B., Young, J. L. (2016). Supplementary guanfacine hydrochloride as a treatment of attention deficit hyperactivity disorder in adults: A double blind, placebo-controlled study. Psychiatry Research, 236, 136–141. doi.org/10.1016/j.psychres.2015.12.017
  8. Wilens, T. E., Bukstein, O., Brams, M. u. a. (2012). A controlled trial of extended-release guanfacine and psychostimulants for attention-deficit/hyperactivity disorder. Journal of the American Academy of Child & Adolescent Psychiatry, 51(1), 74–85.e2. doi.org/10.1016/j.jaac.2011.10.012
  9. Young, J., Rugino, T., Dammerman, R., Lyne, A., Newcorn, J. H. (2014). Efficacy of guanfacine extended release assessed during the morning, afternoon, and evening using a modified Conners' Parent Rating Scale-revised: Short Form. Journal of Child and Adolescent Psychopharmacology, 24(8), 435–441. doi.org/10.1089/cap.2013.0134
  10. Rugino, T. A. (2018). Effect on Primary Sleep Disorders When Children With ADHD Are Administered Guanfacine Extended Release. Journal of Attention Disorders, 22(1), 14–24. doi.org/10.1177/1087054714554932
  11. Farhat, L. C., Lannes, A., Del Giovane, C. u. a. (2025). Comparative cardiovascular safety of medications for attention-deficit hyperactivity disorder in children, adolescents, and adults: a systematic review and network meta-analysis. The Lancet Psychiatry, 12(5), 355–365. doi.org/10.1016/S2215-0366(25)00062-8
  12. Harrer-Haag, J. U., Voran, A. (2024). Halluzinationen unter Guanfacin bei ADHS. Deutsches Ärzteblatt International, 121, 739. doi.org/10.3238/arztebl.m2024.0088

Stand: 26. September 2026

Nur zur Information – keine medizinische Beratung, keine Dosierungsempfehlung und keine Diagnose. Wenn es dir seelisch schlecht geht: TelefonSeelsorge 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222, kostenlos und rund um die Uhr. In akuten Notfällen: 112.