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Autismus-Ratgeber · 18 Minuten Lesezeit · Aktualisiert 26. September 2026

Asperger-Syndrom: was es ist und was heute gilt

Das Asperger-Syndrom ist eine Form von Autismus, bei der sich Sprache und Denken in der Kindheit ohne Verzögerung entwickeln. Anders sind vor allem das soziale Miteinander, sehr feste Interessen und Routinen und oft die Reizverarbeitung. In Deutschland ist die Diagnose als F84.5 weiter gültig; die neueren Handbücher DSM-5 und ICD-11 zählen sie zur Autismus-Spektrum-Störung.

Kurz beantwortet

  • Was es ist: dieselben sozialen Unterschiede wie bei Autismus und sehr eingeschränkte, sich wiederholende Interessen – aber ohne allgemeine Verzögerung von Sprache und kognitiver Entwicklung (ICD-10-GM, F84.5).
  • Gilt die Diagnose noch? In Deutschland ja: Amtlich gilt weiter die ICD-10-GM. Die ICD-11 (international seit 2022 in Kraft) fasst alles unter 6A02 Autismus-Spektrum-Störung zusammen. Ihre Einführung in Deutschland dauert laut BfArM noch mehrere Jahre.
  • Frühere Diagnose: Sie bleibt gültig. Du musst dich nicht neu testen lassen, nur weil sich die Handbücher geändert haben.
  • Hans Asperger: Archivforschung von 2018 zeigt, dass er Kinder an die Wiener Anstalt Am Spiegelgrund überwies, in der Kinder getötet wurden. Was er dabei wusste, ist umstritten; Arbeiten von 2023 und 2025 widersprechen Teilen dieser Deutung.

Hier liest du, woran man das Asperger-Profil bei Kindern und Erwachsenen erkennt, was die Namensänderung für dich bedeutet und wie die Diagnose in Deutschland heute läuft. Außerdem: was über Hans Asperger belegt ist und worüber Fachleute bis heute streiten.

1. Was ist das Asperger-Syndrom?

Die amtliche deutsche Beschreibung steht in der ICD-10-GM. Nach diesem Verzeichnis verschlüsseln Ärzt:innen in Deutschland ihre Diagnosen. Unter F84.5 heißt es, das Asperger-Syndrom zeige „dieselbe Form qualitativer Abweichungen der wechselseitigen sozialen Interaktionen, wie für den Autismus typisch“. Dazu kommt ein „eingeschränktes, stereotypes, sich wiederholendes Repertoire von Interessen und Aktivitäten“.

Der Unterschied zum frühkindlichen Autismus (F84.0) liegt laut ICD-10-GM „in erster Linie“ in der Entwicklung: Beim Asperger-Syndrom gibt es keine allgemeine Verzögerung und keinen Rückstand in Sprache und kognitiver Entwicklung. Einfach gesagt:

Zwei weitere Punkte aus der ICD-10-GM: Das Asperger-Syndrom geht „häufig mit einer auffallenden Ungeschicklichkeit einher“, und die Merkmale bleiben meist bis ins Erwachsenenalter bestehen. Bemerkenswert ist ein Zusatz: Die ICD-10-GM nennt das Asperger-Syndrom selbst eine Störung „von unsicherer nosologischer Validität“. Gemeint ist: Schon damals war unklar, ob es wirklich eine eigene Diagnose ist oder eine Spielart des Autismus.

Als Unterbegriff führt die ICD-10-GM bis heute „Autistische Psychopathie“. So nannte Hans Asperger die Kinder, die er ab 1938 beschrieb (Czech 2018). Das Wort stammt aus der Psychiatrie der 1930er-Jahre; Asperger beschrieb damit eher eine Besonderheit der Persönlichkeit (Rosen u. a. 2021). Kurz gesagt: Asperger ist Autismus. Der Name beschreibt eine bestimmte Entwicklung in der Kindheit, keinen eigenen Menschentyp.

2. Typische Anzeichen bei Kindern und Erwachsenen

Heute beschreiben Fachleute das Asperger-Profil mit den Kriterien für Autismus. Das DSM-5 unterscheidet zwei Bereiche. Im Alltag kann das so aussehen:

Sozialer Austausch

Interessen, Routinen und Reize

Ein einzelnes Merkmal reicht für eine Diagnose nicht. Die Merkmale müssen seit der Kindheit bestehen und den Alltag spürbar einschränken. Eine ausführliche Liste mit Beispielen findest du im Ratgeber zu den Autismus-Symptomen.

Bei Kindern

Weil die Sprache pünktlich kommt, fällt das Asperger-Profil oft später auf als andere Formen von Autismus. Eine britische Befragung von 770 Familien zeigt das deutlich (Howlin & Asgharian 1999):

Die Studie ist alt und stammt aus Großbritannien. Auch deutsche Fachleute schrieben 2005, dass das Asperger-Syndrom oft sehr spät erkannt wird, häufig erst nach anderen Diagnosen (Kamp-Becker u. a. 2005). Mehr zu Jugendlichen steht im Ratgeber Autismus bei Jugendlichen.

Bei Erwachsenen

Das DSM-5 hält sinngemäß fest: Die Merkmale können sich erst voll zeigen, wenn die sozialen Anforderungen die eigenen Möglichkeiten übersteigen. Oder sie werden später durch gelernte Strategien verdeckt. Das erklärt, warum viele Menschen erst als Erwachsene erkennen, dass sie autistisch sind – etwa wenn Studium, Job oder Familie mehr verlangen als vorher. Auch die WHO schreibt, dass Autismus oft erst viel später diagnostiziert wird, als er sich zeigt.

Dieses Verdecken heißt Masking. Es kann nach außen gut aussehen und innen sehr erschöpfen. Wie Autismus bei Erwachsenen aussieht, erklären die Ratgeber Anzeichen bei Erwachsenen und Autismus bei Frauen.

3. Ist Asperger dasselbe wie Autismus?

Nach heutigem Stand: ja. Asperger ist Autismus. Offen war lange nur, ob man es als eigene Untergruppe führen sollte. Hier ist die Forschung ziemlich klar.

2012 werteten Forschende die Daten von 2.102 Kindern und Jugendlichen mit Autismus aus zwölf US-Universitätskliniken aus (Lord u. a. 2012). Die Testergebnisse der Kinder waren an allen Kliniken ähnlich verteilt. Trotzdem vergaben die Kliniken die Diagnosen Autismus, Asperger und „nicht näher bezeichnet“ deutlich unterschiedlich. Welche Untergruppe ein Kind bekam, hing also auch davon ab, wo es untersucht wurde. Das Fazit der Studie: Die Untergruppen sind nicht verlässlich.

Eine Übersichtsarbeit nennt vier Gründe, warum das DSM-5 die Untergruppen 2013 zusammenlegte (Rosen u. a. 2021):

HandbuchWie Autismus dort heißtDas frühere Asperger-Bild
ICD-10-GM (gilt in Deutschland)F84.0 frühkindlicher Autismus, F84.1 atypischer Autismus, F84.5 Asperger-SyndromF84.5
DSM-5 (USA, 2013)Autismus-Spektrum-Störung mit drei Stufen des UnterstützungsbedarfsAutismus-Spektrum-Störung
ICD-11 (WHO, seit 2022)6A02 Autismus-Spektrum-Störung mit Zusatzangaben zu Intelligenzentwicklung und funktionaler Spracheam ehesten 6A02.0: ohne Störung der Intelligenzentwicklung, mit leichter oder ohne Beeinträchtigung der funktionalen Sprache

Wie deutsche Kliniken damit umgehen, zeigt ein Beispiel aus Berlin: Die Spezialambulanz an der Humboldt-Universität vergibt bei Erwachsenen nach eigenen Angaben meist F84.5 und schreibt in den Befund „Autismus-Spektrum-Störung (Asperger-Syndrom)“. F84.0 kodiert sie nur, wenn zwei Dinge zusammenkommen: deutliche Auffälligkeiten schon in den ersten drei Lebensjahren, auch in der Sprache. Und heute noch Einschränkungen der Kommunikation, etwa Echolalie (Küpper u. a. 2025).

Und „hochfunktionaler Autismus“? Das war nie eine Diagnose in der ICD, sondern ein Etikett. Warum wir es nicht verwenden, steht im Ratgeber Hochfunktionaler Autismus. Wie vielfältig das Spektrum ist, erklärt der Ratgeber Autismus-Spektrum.

4. Asperger und IQ: Sind alle hochbegabt?

Nein. Die Diagnose Asperger-Syndrom setzt nur eine Untergrenze: Die kognitive Entwicklung darf nicht allgemein verzögert sein (ICD-10-GM). Wer das Asperger-Profil hat, hat also keine Intelligenzminderung. Nach oben ist alles offen – durchschnittlich, überdurchschnittlich oder sehr hoch. Einen typischen „Asperger-IQ“ gibt es nicht.

Für Autismus insgesamt schreibt die WHO: Das intellektuelle Niveau reicht von einer tiefgreifenden Beeinträchtigung bis zu sehr hohen Werten. Die ICD-11 bildet das über Zusatzangaben ab statt über eigene Namen. Deshalb kann eine Einschätzung der Intelligenz zur Diagnostik gehören: Sie entscheidet mit darüber, welcher Code passt.

Wichtig: Ein hoher IQ heißt nicht, dass der Alltag leicht ist. Auch dann kann Autismus sehr viel Kraft kosten, bis hin zum autistischen Burnout. Und ein IQ-Test allein sagt nichts darüber, ob jemand autistisch ist.

5. Warum der Name verschwindet – und was in Deutschland gilt

Die Geschichte der Diagnose in Kürze:

Für Deutschland heißt das: Die ICD-11 ist international in Kraft, hier aber noch nicht eingeführt. Das BfArM schreibt, die ICD-10-GM bleibe bis dahin „die gültige amtliche Klassifikation“. Die Umstellung werde „noch mehrere Jahre in Anspruch nehmen“, weil Abrechnung, Qualitätssicherung und Statistik an der ICD-10-GM hängen. Ein Datum gibt es nicht.

Die deutsche Fach-Leitlinie denkt trotzdem schon im Spektrum. Die S3-Leitlinie zur Autismus-Diagnostik der Fachgesellschaften DGKJP und DGPPN (2016) fasst frühkindlichen Autismus, atypischen Autismus und Asperger-Syndrom unter dem Oberbegriff Autismus-Spektrum-Störung zusammen. Ihre Gültigkeit ist 2021 abgelaufen, eine Überarbeitung ist angemeldet.

6. Du hast eine Asperger-Diagnose: was bedeutet das jetzt?

Deine Diagnose bleibt gültig. F84.5 ist in Deutschland ein amtlicher, aktueller Code. Auch das DSM-5 sieht vor, dass Menschen mit einer gut belegten Asperger-Diagnose nach dem DSM-IV die Diagnose Autismus-Spektrum-Störung erhalten. Neu testen lassen musst du dich nicht, nur weil sich die Handbücher geändert haben.

Eine neue Abklärung kann trotzdem sinnvoll sein – zum Beispiel wegen ADHS. In der ICD-10-GM schließt die hyperkinetische Störung (F90) tiefgreifende Entwicklungsstörungen wie F84.5 aus. Die ICD-11 erlaubt dagegen, beides zu diagnostizieren (Küpper u. a. 2025). Wer vor Jahren „nur“ Asperger bekam, hat also womöglich nie eine ADHS-Diagnose erhalten, obwohl beides zutrifft. Mehr dazu im Ratgeber AuDHD.

Grad der Behinderung (GdB): Die Versorgungsmedizin-Verordnung nennt das Asperger-Syndrom ausdrücklich, zusammen mit frühkindlichem und atypischem Autismus (Teil B, Nr. 3.5.1). Entscheidend ist nicht der Name der Diagnose, sondern wie stark die sozialen Anpassungsschwierigkeiten sind:

Soziale AnpassungsschwierigkeitenAnhaltswert
keine10–20
leichte30–40
mittlere50–70
schwere80–100

Ab einem GdB von 50 gilt man als schwerbehindert. Bei 30 bis 49 ist eine Gleichstellung möglich, wenn du ohne sie keinen passenden Arbeitsplatz bekommst oder behältst (SGB IX, § 2).

Wenn die ICD-11 kommt: Die WHO stellt Umsteigetabellen von der ICD-10 zur ICD-11 bereit. Wie Deutschland bestehende Diagnosen dann überträgt, ist noch nicht festgelegt. Wir aktualisieren diese Seite, sobald das BfArM dazu etwas veröffentlicht.

Neue Diagnosen heute: Bekommst du jetzt eine Diagnose, kann im Befund beides stehen, wie im Berliner Beispiel oben: der Code F84.5 für die Abrechnung und der Begriff Autismus-Spektrum-Störung. Das ist kein Widerspruch, sondern die Übergangszeit. Wie es sich anfühlen kann, erst spät davon zu erfahren, beschreibt der Ratgeber Späte Autismus-Diagnose.

7. Ursachen: Ist Asperger vererbbar?

Die folgenden Studien betreffen Autismus insgesamt, nicht nur das Asperger-Syndrom.

8. Diagnose heute: wer, wo, wie lange

Eine Diagnose stellen in Deutschland Ärzt:innen oder psychologische Psychotherapeut:innen mit Erfahrung in der Autismus-Diagnostik. Bei Kindern sind das meist Fachleute der Kinder- und Jugendpsychiatrie, bei Erwachsenen der Psychiatrie und Psychotherapie. Hausarztpraxis, Schule oder Beratungsstellen können dich unterstützen, stellen aber keine Diagnose.

Der Bundesverband Autismus Deutschland beschreibt die Wege so (Stand 18. August 2026):

Fragebogen für Kinder und Jugendliche: In Marburg wurde eigens die Marburger Beurteilungsskala zum Asperger-Syndrom (MBAS) entwickelt. Bezugspersonen oder Fachkräfte schätzen damit Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene ein. Die MBAS ist ein Screening: Sie zeigt, ob eine genaue Abklärung sinnvoll ist, ersetzt sie aber nicht. Erstmals geprüft wurde sie an 91 Personen (Kamp-Becker u. a. 2005).

Für Erwachsene brauchst du keinen eigenen „Asperger-Test“. Manche Fragebögen tragen den Namen noch im Titel, etwa die RAADS-R (Ritvo Autism Asperger Diagnostic Scale), fragen aber dieselben Bereiche ab wie bei jedem Autismus. Welche Fragebögen es gibt und was sie leisten, erklären wir beim Autismus-Test. Wie die Abklärung Schritt für Schritt abläuft, steht im Ratgeber Autismus-Diagnose bei Erwachsenen.

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9. Was hilft – und ist Asperger heilbar?

Asperger ist nicht heilbar, und das muss es auch nicht sein. Es ist eine lebenslange Art, wahrzunehmen und zu denken. Schon die ICD-10-GM hält fest, dass die Merkmale meist bis ins Erwachsenenalter bestehen. Ziel von Unterstützung ist deshalb nicht, dich „normal“ zu machen. Ziel ist, dass dein Alltag besser zu dir passt.

Was dabei helfen kann:

Wovon wir abraten: Programme, die autistisches Verhalten abtrainieren sollen, etwa nach dem ABA-Prinzip. Sie können lehren, sich zu verstellen, statt Belastung zu senken. Warum das auf Dauer erschöpft, erklärt der Ratgeber zum autistischen Masking. Auch die WHO fordert, Angebote für autistische Menschen gemeinsam mit ihnen zu entwickeln.

Wenn es dir gerade sehr schlecht geht: Die TelefonSeelsorge erreichst du kostenlos unter 0800 111 0 111, 0800 111 0 222 oder 116 123. Im Notfall: 112.

10. Hans Asperger: was belegt ist und was umstritten ist

Hans Asperger (1906–1980) war Kinderarzt in Wien. Ab 1935 leitete er die heilpädagogische Abteilung der Universitäts-Kinderklinik. Nach dem Krieg galt er lange als Gegner des Nationalsozialismus, der seine Patient:innen geschützt habe. Dieses Bild stützte sich vor allem auf seine eigenen Aussagen (Czech 2018).

Die kritische Sicht

2018 veröffentlichte Herwig Czech eine Studie auf Grundlage bis dahin unbekannter Akten, darunter Aspergers Personalakten und seine Gutachten über Kinder. 2020 erschienen die Ergebnisse auch auf Deutsch in der Monatsschrift Kinderheilkunde. Czech kommt zu diesen Schlüssen:

Ein Fall ist genau dokumentiert: Am 27. Juni 1941 untersuchte Asperger die zweijährige Herta Schreiber und hielt eine dauerhafte Unterbringung in der Wiener Anstalt Am Spiegelgrund für dringend nötig. Herta wurde am 1. Juli aufgenommen. Sie starb dort am 2. September 1941, einen Tag nach ihrem dritten Geburtstag. Am Spiegelgrund starben von 1940 bis 1945 fast 800 Kinder, viele von ihnen wurden ermordet (Czech 2018).

Czech untersuchte auch Aspergers Mitarbeit in einer Kommission, die 1941/42 Kinder in der Anstalt Gugging bei Wien begutachtete. Ihr Bericht vom Februar 1942 stufte laut Czech 35 Kinder als weder schul- noch arbeitsfähig ein. Czech verbindet das mit späteren Verlegungen von Gugging nach Spiegelgrund, bei denen nach seinen Recherchen alle verlegten Kinder starben. Auch die Historikerin Edith Sheffer warf Asperger 2018 in ihrem Buch Asperger’s Children eine Mitschuld an der NS-Kindereuthanasie vor.

Die Gegenposition

Andere Forschende lesen die Akten anders:

Was das für den Namen heißt

In den hier genannten Arbeiten unbestritten ist: Asperger überwies Kinder nach Spiegelgrund, und Kinder, die er überwiesen hatte, starben dort. Umstritten ist, was er wusste und wie seine Rolle zu bewerten ist. Wir halten die Frage für nicht abschließend geklärt und geben deshalb beide Seiten wieder.

Czech schrieb 2018, jede künftige Verwendung des Namens solle den belastenden Zusammenhang seiner Entstehung mitdenken. Für manche ist das ein Grund, den Namen nicht mehr zu benutzen. Andere trennen die Diagnose, mit der sie aufgewachsen sind, von der Person Hans Asperger.

11. „Aspie“, „Asperger-Autist:in“ oder „autistisch“?

Viele Menschen, die mit der Diagnose Asperger aufgewachsen sind, nennen sich weiter „Aspie“ oder „Asperger-Autist:in“. Andere sagen heute „autistisch“. Beides ist legitim. Wie du dich nennst, entscheidest du.

Dass die Abschaffung der Kategorie wehtun kann, sieht auch die Fachwelt. Eine Übersicht zur Geschichte der Autismus-Diagnose nennt ausdrücklich die Sorge, dass damit ein wichtiger Teil von Identität und Gemeinschaft wegfällt (Rosen u. a. 2021). In Deutschland trägt der Selbsthilfeverein Aspies e.V. den Begriff bis heute im Namen. Er wurde 2004 gegründet; im Vorstand sitzen ausschließlich Menschen im Autismus-Spektrum.

Eine große britische Umfrage mit 3.470 Teilnehmenden fand keine Bezeichnung, die alle mögen (Kenny u. a. 2016). „Autistisch“ fand bei autistischen Erwachsenen viel Zustimmung, „Person mit Autismus“ deutlich weniger. Bei Fachleuten war es eher umgekehrt.

Auf dieser Seite schreiben wir „autistisch“ und „autistische Menschen“. „Asperger“ verwenden wir, wenn es um die Diagnose geht oder um die Selbstbezeichnung einzelner Menschen. Etiketten wie „leicht“ oder „hochfunktional“ nutzen wir nicht. Sie beschreiben, wie jemand von außen wirkt, nicht wie viel Unterstützung jemand braucht.

Ein Satz, der im Alltag helfen kann: „Ich bin autistisch. Früher hieß meine Diagnose Asperger-Syndrom.“ So verstehen dich auch Menschen, die nur den alten Begriff kennen. Ob du autistisch sein könntest, ohne es bisher zu wissen, dazu mehr im Ratgeber Bin ich autistisch?.

12. Häufige Fragen

Was ist das Asperger-Syndrom einfach erklärt?

Das Asperger-Syndrom ist eine Form von Autismus. Sprache und Denken entwickeln sich in der Kindheit ohne Verzögerung. Anders sind vor allem das soziale Miteinander, sehr feste Interessen und Routinen und oft die Verarbeitung von Reizen wie Geräuschen oder Licht. In Deutschland wird die Diagnose nach der ICD-10-GM mit F84.5 verschlüsselt. Die neueren Handbücher DSM-5 und ICD-11 haben keine eigene Asperger-Kategorie mehr und zählen alles zur Autismus-Spektrum-Störung.

Was ist typisch für Menschen mit Asperger?

Typisch sind Unterschiede in zwei Bereichen. Erstens im sozialen Austausch: Gespräche mit Hin und Her, Blickkontakt, Mimik und unausgesprochene Regeln kosten mehr Kraft. Zweitens bei Interessen und Gewohnheiten: sehr intensive Spezialinteressen, feste Abläufe, Stress bei kleinen Änderungen und oft eine starke oder sehr schwache Reaktion auf Reize. Die ICD-10-GM nennt außerdem häufig eine auffallende Ungeschicklichkeit. Wie stark das alles ausgeprägt ist, unterscheidet sich von Mensch zu Mensch sehr.

Ist Asperger dasselbe wie Autismus?

Ja, nach heutigem Verständnis ist Asperger Autismus. Früher trennte man es vom frühkindlichen Autismus (F84.0), weil sich Sprache und Denken beim Asperger-Syndrom ohne Verzögerung entwickeln. Eine große Studie an zwölf US-Universitätskliniken zeigte 2012 aber, dass Fachleute diese Untergruppen nicht verlässlich auseinanderhalten konnten. Deshalb fassen DSM-5 und ICD-11 alle Formen als Autismus-Spektrum-Störung zusammen.

Wie hoch ist der IQ bei Asperger?

Einen typischen Asperger-IQ gibt es nicht. Die Diagnose setzt nur voraus, dass die kognitive Entwicklung nicht allgemein verzögert ist, also keine Intelligenzminderung vorliegt. Darüber ist alles möglich: durchschnittlich, überdurchschnittlich oder sehr hoch. Dass alle mit Asperger-Diagnose hochbegabt seien, stimmt nicht. Und ein hoher IQ sagt wenig darüber, wie viel Kraft der Alltag kostet.

In welchem Alter zeigt sich Asperger?

Die Merkmale sind von klein auf da, fallen aber oft erst spät auf. Nach dem DSM-5 können sie sich erst voll zeigen, wenn die sozialen Anforderungen die eigenen Möglichkeiten übersteigen, oder sie werden durch gelernte Strategien verdeckt. In einer britischen Elternbefragung von 1999 wurde das Asperger-Syndrom im Schnitt mit 11 Jahren diagnostiziert, frühkindlicher Autismus mit etwa 5,5 Jahren. Viele Menschen erfahren es erst als Erwachsene.

Gibt es die Diagnose Asperger-Syndrom noch?

In Deutschland ja. Für Diagnosen gilt hier weiter die ICD-10-GM, und dort steht das Asperger-Syndrom unter F84.5. Im DSM-5 (seit 2013) und in der ICD-11 der WHO (seit 2022 in Kraft) gibt es keine eigene Asperger-Kategorie mehr. Wann Deutschland auf die ICD-11 umsteigt, steht nicht fest; das BfArM rechnet mit mehreren Jahren. Manche Stellen schreiben deshalb beides in den Befund, zum Beispiel „Autismus-Spektrum-Störung (Asperger-Syndrom)“.

Ist das Asperger-Syndrom vererbbar?

Gene spielen die größte Rolle. Eine schwedische Studie mit mehr als 37.000 Zwillingspaaren und über 2,6 Millionen Geschwisterpaaren schätzte die Erblichkeit von Autismus insgesamt auf etwa 83 Prozent. Das heißt: Unterschiede zwischen Menschen lassen sich zum großen Teil durch Gene erklären. Es heißt nicht, dass jedes Kind autistischer Eltern autistisch ist. Die gemeinsame Familienumwelt, zu der auch die Erziehung gehört, spielte in derselben Studie kaum eine Rolle. Impfungen verursachen kein Asperger.

Ist Asperger heilbar?

Nein, und das ist auch nicht das Ziel. Asperger ist eine lebenslange Besonderheit der Entwicklung; schon die ICD-10-GM schreibt, dass die Merkmale meist bis ins Erwachsenenalter bestehen bleiben. Unterstützung soll deinen Alltag leichter machen, nicht dich verändern. Begleitende Diagnosen wie Depression, Angst oder ADHS lassen sich behandeln, etwa mit Psychotherapie oder Medikamenten.

Ist Asperger eine Behinderung?

Das hängt davon ab, wie stark es deinen Alltag einschränkt. Die Versorgungsmedizin-Verordnung nennt das Asperger-Syndrom ausdrücklich. Der Grad der Behinderung richtet sich nach den sozialen Anpassungsschwierigkeiten: ohne solche Schwierigkeiten 10 bis 20, bei leichten 30 bis 40, bei mittleren 50 bis 70, bei schweren 80 bis 100. Ab einem GdB von 50 gilt man als schwerbehindert. Ob du dich selbst als behindert verstehst, entscheidest du.

Kann man Asperger am Gesicht erkennen?

Nein. Autismus hat kein bestimmtes Aussehen, und die Diagnosekriterien nennen keine Merkmale von Gesicht oder Körper. Was manchen auffällt, ist die Mimik: Das DSM-5 beschreibt, dass Gesichtsausdruck, Blickkontakt und Gesten anders eingesetzt werden können, bis hin zu sehr wenig Mimik. Weniger Mimik heißt aber nicht weniger Gefühl.

Quellen und Stand

Wir haben jede Zahl und jedes Zitat auf dieser Seite an der jeweiligen Quelle geprüft. Wo wir nur eine Zusammenfassung lesen konnten, steht das dabei.

Diagnose-Handbücher und Behörden

  1. BfArM: ICD-10-GM Version 2026, Block F80–F89 (F84.0, F84.1, F84.5 Asperger-Syndrom, Definitionen und Unterbegriffe). klassifikationen.bfarm.de
  2. BfArM: ICD-10-GM Version 2026, Block F90–F98 (F90 Hyperkinetische Störungen, Exklusivum F84.-). klassifikationen.bfarm.de
  3. BfArM: ICD-11 – häufige Fragen (ICD-10-GM bleibt bis zur Einführung amtlich gültig; Einführung dauert noch mehrere Jahre). bfarm.de
  4. BfArM: Pressemitteilung 02/26 vom 23.02.2026 – Testversion der deutschen ICD-11-Übersetzung. bfarm.de
  5. WHO: ICD-11 for Mortality and Morbidity Statistics, 6A02 Autism spectrum disorder und 6A02.0; dort auch die ICD-10/ICD-11 Mapping Tables. icd.who.int
  6. Reed, G. M. u. a. (2019): Innovations and changes in the ICD-11 classification of mental, behavioural and neurodevelopmental disorders. World Psychiatry18(1), 3–19 (Autismus-Spektrum-Störung schließt frühkindlichen Autismus und Asperger-Syndrom der ICD-10 ein). doi.org/10.1002/wps.20611
  7. American Psychiatric Association (2013): DSM-5, Kriterien der Autism Spectrum Disorder (A2, C, Hinweis zu DSM-IV-Diagnosen), wiedergegeben von den CDC. cdc.gov
  8. WHO (2025): Autism – Fact sheet (Diagnose oft viel später, intellektuelles Niveau, begleitende Diagnosen, Risikofaktoren, Impfungen, Beteiligung autistischer Menschen). who.int
  9. DGKJP und DGPPN (2016): S3-Leitlinie „Autismus-Spektrum-Störungen im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter, Teil 1: Diagnostik“, AWMF-Register 028-018; Methodenreport, Abschnitt 1.2 (Patientenzielgruppe). Gültig bis 04.04.2021, Überarbeitung angemeldet. register.awmf.org · dgkjp.de (Gültigkeit)
  10. Versorgungsmedizin-Verordnung, Anlage, Teil A Nr. 1.2 und Teil B Nr. 3.5.1 (tief greifende Entwicklungsstörungen, insbesondere frühkindlicher Autismus, atypischer Autismus, Asperger-Syndrom). gesetze-im-internet.de
  11. Sozialgesetzbuch IX, § 2 (Schwerbehinderung, Gleichstellung). gesetze-im-internet.de

Versorgung in Deutschland

  1. Bundesverband Autismus Deutschland e.V.: Diagnostik (Stand 18.08.2026; Wege, Wartezeiten, Kosten, Anlaufstellen). autismus.de
  2. Küpper, C., Bartels, H., Dziobek, I. (2025): Autismus-Diagnostik bei Erwachsenen: Herausforderungen und Empfehlungen. Psychotherapeutenjournal 4/2025 (Kodierpraxis F84.5, ADHS in ICD-10 und ICD-11, Therapieplätze, Selbsthilfegruppen). doi.org/10.61062/ptj202504.002
  3. Kamp-Becker, I., Mattejat, F., Wolf-Ostermann, K., Remschmidt, H. (2005): Die Marburger Beurteilungsskala zum Asperger-Syndrom (MBAS). Zeitschrift für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie33(1), 15–26 (gelesen: Zusammenfassung). Anwendungsbereich laut Übersicht bei DocCheck Flexikon. doi.org/10.1024/1422-4917.33.1.15 · flexikon.doccheck.com
  4. Landesvereinigung Selbsthilfe Berlin: Aspies e.V. (Gründung 2004, Vorstand aus Menschen im Autismus-Spektrum). lv-selbsthilfe-berlin.de
  5. TelefonSeelsorge Deutschland. telefonseelsorge.de

Forschung

  1. Lord, C. u. a. (2012): A multisite study of the clinical diagnosis of different autism spectrum disorders. Archives of General Psychiatry 69(3), 306–313. doi.org/10.1001/archgenpsychiatry.2011.148
  2. Rosen, N. E., Lord, C., Volkmar, F. R. (2021): The Diagnosis of Autism: From Kanner to DSM-III to DSM-5 and Beyond. Journal of Autism and Developmental Disorders51, 4253–4270. doi.org/10.1007/s10803-021-04904-1
  3. Howlin, P., Asgharian, A. (1999): The diagnosis of autism and Asperger syndrome: findings from a survey of 770 families. Developmental Medicine and Child Neurology41(12), 834–839. doi.org/10.1017/s0012162299001656
  4. Sandin, S. u. a. (2017): The Heritability of Autism Spectrum Disorder. JAMA 318(12), 1182–1184. doi.org/10.1001/jama.2017.12141
  5. Hviid, A. u. a. (2019): Measles, Mumps, Rubella Vaccination and Autism: A Nationwide Cohort Study. Annals of Internal Medicine 170(8), 513–520. doi.org/10.7326/M18-2101
  6. Kenny, L. u. a. (2016): Which terms should be used to describe autism? Perspectives from the UK autism community. Autism 20(4), 442–462. doi.org/10.1177/1362361315588200
  7. Wing, L. (1981): Asperger’s syndrome: a clinical account. Psychological Medicine 11(1), 115–129. doi.org/10.1017/s0033291700053332
  8. Asperger, H. (1944): Die „Autistischen Psychopathen“ im Kindesalter. Archiv für Psychiatrie und Nervenkrankheiten 117, 76–136. doi.org/10.1007/BF01837709

Hans Asperger: die Debatte

  1. Czech, H. (2018): Hans Asperger, National Socialism, and „race hygiene“ in Nazi-era Vienna. Molecular Autism 9, 29 (Volltext gelesen). doi.org/10.1186/s13229-018-0208-6
  2. Czech, H. (2020): Hans Asperger und der Nationalsozialismus: Konturen einer Kontroverse. Monatsschrift Kinderheilkunde168 (Suppl 3), 163–175 (gelesen: Zusammenfassung). doi.org/10.1007/s00112-020-00947-3
  3. Sheffer, E. (2018): Asperger’s Children: The Origins of Autism in Nazi Vienna. New York: W. W. Norton. Nicht selbst gelesen; die Einordnung folgt Tatzer & Maleczek (2025).
  4. Tatzer, E., Maleczek, W., Waldhauser, F. (2023): An assessment of what Hans Asperger knew about child euthanasia in Vienna during the Nazi occupation. Acta Paediatrica112(5), 1109–1119 (gelesen: Zusammenfassung). doi.org/10.1111/apa.16571
  5. Tatzer, E., Maleczek, W. (2025): Was Hans Asperger Complicit in the Nazi Child Euthanasia by Participating in the Gugging Commission? Zeitschrift für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie53(3), 126–136 (gelesen: Zusammenfassung). doi.org/10.1024/1422-4917/a001001
  6. Schepker, K., Freitag, C. M. (2025): Gab es wirklich eine Verbindung zwischen Hans Asperger und der Kindereuthanasie? Editorial. Zeitschrift für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie53(3), 121–125 (nur Titel und Angaben gelesen; keine Zusammenfassung verfügbar). doi.org/10.1024/1422-4917/a001017
  7. Falk, D. (2020): Non-complicit: Revisiting Hans Asperger’s Career in Nazi-era Vienna. Journal of Autism and Developmental Disorders50(7), 2573–2584 (gelesen: Zusammenfassung). doi.org/10.1007/s10803-019-03981-7
  8. Czech, H. (2019): Response to „Non-complicit: Revisiting Hans Asperger’s Career in Nazi-era Vienna“. Journal of Autism and Developmental Disorders49(9), 3883–3887 (gelesen: Zusammenfassung). doi.org/10.1007/s10803-019-04106-w

Stand: 26. September 2026

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