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Autismus-Ratgeber · 14 Minuten Lesezeit · Aktualisiert 17. Oktober 2026

Hochfunktionaler Autismus: was der Begriff meint

„Hochfunktionaler Autismus“ meint meist Autismus ohne Intelligenzminderung und mit guter Sprache. Eine eigene Diagnose ist das nicht: Weder die deutsche ICD-10-GM noch das DSM-5 oder die ICD-11 kennen den Begriff. Und er verspricht mehr, als er hält – denn wie gut jemand im Alltag zurechtkommt, lässt sich am IQ nur ungenau ablesen.

Kurz beantwortet

  • Bedeutung: Autismus bei einem IQ ab 70, also ohne Intelligenzminderung, meist mit flüssiger Sprache. Manche Kliniken meinen es enger: frühkindlicher Autismus mit verspäteter Sprache, bei dem die geistigen Fähigkeiten später unauffällig sind.
  • Diagnose? Nein. Im Befund steht in Deutschland F84.0, F84.1 oder F84.5 – ohne zusätzlichen Code für eine Intelligenzminderung. In der ICD-11 passt am ehesten 6A02.0.
  • Asperger: Früher unterschied man beides nach der frühen Sprachentwicklung. Heute gehört beides zum Autismus-Spektrum.
  • Warum der Begriff täuscht: In großen Studien lagen die Alltagsfähigkeiten autistischer Kinder und Jugendlicher ohne Intelligenzminderung deutlich unter ihrem IQ. Und die WHO schreibt: Wer nur mit großer Anstrengung gut zurechtkommt, kann psychisch dafür bezahlen.

Hier liest du, woher der Begriff kommt, was in deinem Befund steht und was Studien über IQ und Alltag zeigen. Außerdem: woran man Autismus bei Erwachsenen erkennt, die nach außen „gut funktionieren“, und welche Worte weiterhelfen. Wir benutzen „hochfunktional“ nur, um den Begriff zu erklären. Sonst sprechen wir von Unterstützungsbedarf.

1. Was bedeutet „hochfunktionaler Autismus“?

„Hochfunktional“ ist die deutsche Übersetzung von „high-functioning“. Der Begriff stammt aus der englischsprachigen Forschung. Gemeint waren autistische Menschen ohne Intelligenzminderung (Alvares u. a. 2020). Eine Intelligenzminderung beginnt nach der ICD-10-GM bei einem IQ unter 70. „Hochfunktional“ hieß also zunächst nur: IQ ab 70. Mit Hochbegabung hat das nichts zu tun.

Im Alltag meinen Menschen damit meist mehr. Jemand spricht flüssig, hat Schule oder Studium geschafft, arbeitet vielleicht und lebt allein. Kurz: Man merkt der Person den Autismus kaum an. Genau hier wird das Wort ungenau – dazu mehr in Abschnitt 4 und 5.

In Kliniken gibt es noch eine engere Lesart. Die Uniklinik Freiburg beschreibt sie in einem Infoblatt (Stand 2020) so: Hochfunktionaler Autismus ist ein frühkindlicher Autismus mit verspäteter Sprachentwicklung. Im Erwachsenenalter unterscheiden sich die geistigen Fähigkeiten aber nicht mehr vom Asperger-Syndrom. Der Unterschied zwischen beiden liegt dort nur darin, ob die Sprache in der Kindheit verzögert war.

In Deutschland ist der Begriff weit verbreitet. Er steht in Infoblättern von Unikliniken, in Magazinen von Krankenkassen und im Titel von Fachbüchern, etwa eines Therapiemanuals für Gruppen („Hochfunktionaler Autismus im Erwachsenenalter“, Beltz 2012). Wenn du ihn in einem Arztbrief liest, ist das also nichts Ungewöhnliches.

Das Gegenstück heißt „niedrigfunktional“. Zusammen nennt man solche Wörter Funktionsetiketten. Sie ordnen autistische Menschen auf einer einzigen Linie ein: von „kommt zurecht“ bis „kommt nicht zurecht“. Diese eine Linie gibt es so nicht.

2. Ist hochfunktionaler Autismus eine Diagnose?

Nein. Das Wort steht in keinem der drei Handbücher, nach denen Autismus diagnostiziert wird. Intelligenz und Sprache erfassen die Handbücher aber sehr wohl – nur getrennt vom Autismus selbst:

HandbuchSo werden Intelligenz und Sprache erfasstAm nächsten an „hochfunktional“
ICD-10-GM (gilt in Deutschland)Autismus als F84.0, F84.1 oder F84.5. Eine Intelligenzminderung bekommt einen eigenen, zusätzlichen Code (F70–F79).Ein F84-Code ohne zusätzlichen Code aus F70–F79
DSM-5 (USA, 2013)Zusatzangaben: mit oder ohne intellektuelle Beeinträchtigung, mit oder ohne sprachliche Beeinträchtigung. Dazu drei Stufen des Unterstützungsbedarfs.„ohne intellektuelle und ohne sprachliche Beeinträchtigung“ – die Stufe wird davon unabhängig vergeben
ICD-11 (WHO, seit 2022)6A02 Autismus-Spektrum-Störung mit zwei Angaben: Störung der Intelligenzentwicklung ja oder nein, und wie stark die funktionale Sprache beeinträchtigt ist.6A02.0: ohne Störung der Intelligenzentwicklung, mit leichter oder ohne Beeinträchtigung der funktionalen Sprache

Die Uniklinik Freiburg ordnet genau die Gruppe 6A02.0 dem „hochfunktionalen“ Autismus zu. Die WHO selbst benutzt das Wort in ihren Beschreibungen zur ICD-11 nicht. Sie erklärt aber, was „funktionale Sprache“ heißt: Sprache als Werkzeug, etwa um eigene Bedürfnisse und Wünsche zu äußern. Die Schwierigkeiten im Gespräch selbst – Zwischentöne, Ironie, wann man was sagt – gehören dagegen zum Kern von Autismus. Wer unter 6A02.0 fällt, kann also gewandt reden und trotzdem in Gesprächen viel Kraft lassen.

Was in deinem Befund steht

In Deutschland wird weiter nach der ICD-10-GM verschlüsselt. Das BfArM hat im Februar 2026 eine deutsche Testversion der ICD-11 veröffentlicht – ausdrücklich nicht amtlich. Bis zur Umstellung bleibt die ICD-10-GM gültig, und die Umstellung dauert laut BfArM noch mehrere Jahre. Steht in einem Brief „hochfunktionaler Autismus“, ist das eine Beschreibung. Der Code dahinter ist F84.0, F84.1 oder F84.5. Was die einzelnen Codes bedeuten und was aus einer früheren Asperger-Diagnose wird, erklärt der Ratgeber Asperger-Syndrom.

3. Sind Asperger und hochfunktionaler Autismus das Gleiche?

Im Alltag ja: Beide Wörter werden oft gleichbedeutend benutzt. So heißt es etwa im AOK-Magazin: „Das Asperger-Syndrom, auch hochfunktionaler Autismus genannt“. Fachlich gab es einen feinen Unterschied. Er hing an der Sprachentwicklung im Kleinkindalter:

Bei Erwachsenen ist dieser Unterschied oft kaum noch zu sehen. Die Freiburger Klinik fasst beide Gruppen in ihrem Infoblatt deshalb zusammen. DSM-5 und ICD-11 haben die Trennung ganz aufgegeben: Wer nach dem DSM-IV eine Asperger-Diagnose hatte, bekommt nach dem DSM-5 die Diagnose Autismus-Spektrum-Störung. Warum die Untergruppen zusammengelegt wurden und was über Hans Asperger bekannt ist, steht im Ratgeber Asperger-Syndrom. Wie breit das Spektrum ist, zeigt der Ratgeber Autismus-Spektrum.

4. IQ und Alltag: was Studien zeigen

„Hochfunktional“ verspricht: Wer einen normalen oder hohen IQ hat, kommt auch im Alltag gut zurecht. Genau das haben mehrere Studien geprüft. Gemessen wurden die sogenannten adaptiven Fähigkeiten, meist mit der Vineland-Skala. Gemeint sind Dinge wie sich verständigen, mit anderen umgehen und den Alltag selbst organisieren.

StudieWer untersucht wurdeErgebnis
Alvares u. a. 2020, Forschungsteam aus Australien2.225 Kinder und Jugendliche (1 bis 18 Jahre) bei der Diagnose, davon 1.184 ohne IntelligenzminderungDer IQ sagte die Alltagsfähigkeiten nur schwach voraus. Ohne Intelligenzminderung lagen die Alltagswerte deutlich unter dem IQ. Mit Intelligenzminderung lagen beide nah beieinander.
Tillmann u. a. 2019, europäische LEAP-Studie417 autistische Menschen von 6 bis 31 JahrenJe höher der IQ und je älter die Person, desto größer die Lücke zwischen IQ und Alltag. Mehr Schwierigkeiten im sozialen Austausch vergrößerten sie ebenfalls.
Kanne u. a. 20111.089 sprechende Kinder und JugendlicheDer IQ erklärte hier 55 % der Unterschiede in den Alltagsfähigkeiten. Die Lücke war aber bei höherem IQ und bei Älteren größer.

Die Studien sind sich nicht in allem einig. Bei Kanne u. a. hing der IQ recht stark mit den Alltagsfähigkeiten zusammen, bei Alvares u. a. nur schwach. Im Kern kommen sie aber zum selben Punkt: Bei autistischen Menschen ohne Intelligenzminderung liegt der Alltag oft weit unter dem, was der IQ erwarten lässt. Das Team um Alvares folgert, „hochfunktionaler Autismus“ sei als Beschreibung ungenau, wenn er nur am IQ hängt. Forschung und Praxis sollten ihn nicht mehr benutzen.

Die WHO beschreibt dasselbe Muster. In ihren Beschreibungen zur ICD-11 heißt es sinngemäß: Autistische Menschen können sehr ungleiche Stärken und Schwächen haben. Diese können Lernen und Alltag stärker beeinträchtigen, als die Gesamtwerte eines Intelligenztests vermuten lassen.

Zwei Einschränkungen: Die Studien untersuchten vor allem Kinder und Jugendliche. Und sie beschreiben Gruppen, nicht dich. Ein hoher IQ ist eine echte Stärke. Er sagt nur wenig darüber, wie viel Kraft dich ein Arbeitstag, ein Telefonat oder ein voller Supermarkt kostet. Ob alle Menschen mit Asperger-Diagnose hochbegabt sind (nein), klärt der Ratgeber Asperger-Syndrom.

5. Warum „hochfunktional“ oft täuscht

Das Wort beschreibt, was andere sehen. Was es dich kostet, beschreibt es nicht. Drei Punkte aus den Quellen zeigen, warum das zählt.

Anpassung braucht Kraft

Die WHO schreibt in ihren Beschreibungen zur ICD-11: Manche autistische Menschen kommen in vielen Situationen gut zurecht, weil sie sich außergewöhnlich stark anstrengen. Ihre Schwierigkeiten sind für andere dann nicht zu sehen – die Diagnose kann trotzdem zutreffen. Diese dauernde Anstrengung komme womöglich häufiger bei Frauen vor und könne der psychischen Gesundheit schaden. Das DSM-5 sagt Ähnliches: Im späteren Leben können gelernte Strategien die Merkmale verdecken.

Viele nennen diese Anpassung Masking. Wie Masking funktioniert und wie Unmasking gelingen kann, steht im Ratgeber Masking bei Autismus. Wenn die Erschöpfung über Wochen nicht weggeht, lies den Ratgeber autistischer Burnout.

Gute Abschlüsse sind kein sicherer Job

Eine Befragung aus Freiburg zeigt das für Deutschland (Frank u. a. 2018). Geantwortet haben 185 Erwachsene aus der Spezialsprechstunde für Autismus im Erwachsenenalter der Uniklinik. Fast alle waren erst als Erwachsene diagnostiziert worden, und sehr wahrscheinlich hatte keiner eine Intelligenzminderung.

Die Zahlen stammen aus einer einzigen Sprechstunde, und nur 43 % der Angeschriebenen haben geantwortet. Sie sind ein deutlicher Hinweis, aber keine Zahl für ganz Deutschland. Was im Job helfen kann, steht im Ratgeber Autismus und Beruf.

Das Etikett kann Hilfe kosten

In einer internationalen Befragung von 654 autistischen Erwachsenen (Keating u. a. 2023) beschrieben viele dasselbe Problem: Wer als „hochfunktional“ gilt, dessen Bedürfnisse werden leicht übersehen. Wer als „niedrigfunktional“ gilt, wird unterschätzt und darf weniger selbst entscheiden. Außerdem schwanke das eigene Funktionieren je nach Tag, Woche und Situation. Ein festes Etikett passe dazu nicht.

Deshalb gilt auch umgekehrt: Wer viel Unterstützung braucht, ist nicht „weniger“. Eine Übersichtsarbeit zur Sprache in der Autismusforschung warnt ausdrücklich davor, dass Menschen mit dem Etikett „niedrigfunktional“ in ihren tatsächlichen Fähigkeiten unterschätzt werden (Bottema-Beutel u. a. 2021).

6. Woran erkennt man Autismus, wenn jemand „gut funktioniert“?

Nicht am Aussehen und nicht am IQ. Für die Diagnose gelten dieselben Kriterien wie bei allen autistischen Menschen: Unterschiede im sozialen Austausch und feste Muster bei Interessen, Abläufen oder Reizen – und zwar so, dass sie den Alltag spürbar einschränken. Die einzelnen Merkmale mit Beispielen findest du im Ratgeber Autismus-Symptome, typische Muster im Erwachsenenleben unter Anzeichen von Autismus bei Erwachsenen.

Bei Menschen ohne Intelligenzminderung fällt Autismus oft spät auf. Die WHO nennt zwei Gründe: Ohne Einschränkung der Intelligenz wird oft erst später Hilfe gesucht. Und bei Jugendlichen und Erwachsenen ist häufig eine Depression der Anlass, überhaupt in eine Praxis zu gehen. Das DSM-5 ergänzt: Manche Merkmale zeigen sich erst voll, wenn die sozialen Anforderungen die eigenen Möglichkeiten übersteigen. Das kann zum Beispiel beim Studium, im ersten Job oder mit Kindern sein.

Zwischen dem, was andere sehen, und dem, was du erlebst, kann viel Abstand liegen. Ein paar Beispiele:

Was andere sagenWas dahinter stecken kann
„Sie redet doch ganz normal.“Flüssige Sprache heißt nicht, dass Gespräche leicht sind. Zwischentöne, Ironie und Smalltalk können trotzdem viel Denkarbeit sein.
„Er hat doch studiert.“Das Studium lief über feste Pläne und viel Arbeit allein. Gruppenarbeit oder mündliche Prüfungen waren die eigentliche Hürde.
„Sie wirkt im Meeting total ruhig.“Ruhig kann heißen: Sie steuert gerade bewusst Blick, Mimik und Tonfall. Das ist Arbeit, die niemand sieht.
„Er kommt super zurecht.“Das klappt mit Routinen und Rückzugsorten. Fallen beide weg, etwa bei Umzug, Trennung oder neuem Job, gerät vieles auf einmal ins Wanken.

Frauen und Mädchen werden dabei besonders oft übersehen. Eine Metaanalyse (Loomes u. a. 2017) fand: Unter Kindern, die die Kriterien erfüllen, kommen auf ein Mädchen eher drei Jungen als vier. Mädchen erhalten also seltener eine Diagnose, als sie sollten. Mehr dazu im Ratgeber Autismus bei Frauen.

ADHS kommt häufig dazu. Je nach Metaanalyse haben etwa 28 bis 40 % der autistischen Menschen auch ADHS (Lai u. a. 2019; Rong u. a. 2021). Wie sich beides zusammen zeigen kann, erklärt der Ratgeber AuDHD.

Einen Test für „hochfunktionalen“ Autismus gibt es nicht. Fragebögen zu Autismus fragen nach Merkmalen, nicht nach einem Funktionsniveau. Unser Autismus-Selbsttest ist kostenlos, aber kein validiertes Instrument und keine Diagnose. Wie du in Deutschland zu einer Diagnose kommst, steht im Ratgeber Autismus-Diagnose bei Erwachsenen.

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7. Unterstützungsbedarf statt Funktionsniveau

Das DSM-5 stellt die Frage seit 2013 anders. Nicht: Wie gut funktioniert jemand? Sondern: Wie viel Unterstützung braucht jemand? Dafür gibt es drei Stufen. Stufe 1 bedeutet: braucht Unterstützung. Stufe 2: braucht umfangreiche Unterstützung. Stufe 3: braucht sehr umfangreiche Unterstützung.

Die Stufen werden getrennt vergeben – für den sozialen Austausch und für feste Muster bei Verhalten und Interessen. Eine Person kann also im einen Bereich Stufe 1 haben und im anderen Stufe 2. Mit dem IQ hat die Stufe nichts zu tun: Ob eine intellektuelle Beeinträchtigung vorliegt, notiert das DSM-5 als eigene Zusatzangabe. In Deutschland wird nach der ICD-10-GM verschlüsselt, und die kennt keine Stufen. Taucht „Stufe 1“ in einem deutschen Befund auf, stammt die Angabe aus dem DSM-5. Welche Schwächen die Stufen haben, beschreibt der Ratgeber Autismus-Spektrum.

Was in Deutschland für Hilfen zählt

Für den Grad der Behinderung (GdB) fragt die Versorgungsmedizin-Verordnung weder nach dem IQ noch nach einem Etikett. Sie fragt nach „sozialen Anpassungsschwierigkeiten“. Gemeint ist: Gelingt die Teilhabe in Lebensbereichen wie Regelschule, allgemeinem Arbeitsmarkt, öffentlichem und häuslichem Leben ohne besondere Förderung oder Unterstützung? Begleitende psychische Erkrankungen werden zusätzlich berücksichtigt. Wer „hochfunktional“ genannt wird, kann also trotzdem einen GdB erhalten, wenn der Alltag ohne Hilfe nicht klappt. Welche GdB-Werte die Verordnung vorsieht, steht im Ratgeber Asperger-Syndrom.

Die Gegenposition: „profound autism“

Nicht alle Fachleute wollen auf Unterscheidungen verzichten. Eine Kommission der Fachzeitschrift The Lancet schlug 2021 den Verwaltungsbegriff „profound autism“ vor. Er soll autistische Menschen sichtbar machen, die lebenslang rund um die Uhr Betreuung brauchen. Der Hintergrund laut Siegel u. a. (2026): Ein Großteil der Forschung der letzten Jahre drehte sich um autistische Menschen mit guten sprachlichen und geistigen Fähigkeiten. In ihrer Befragung von Forschenden, Angehörigen, autistischen Menschen und Fachleuten stimmten 76 % einer gemeinsamen Forschungsdefinition zu.

Kritische Stimmen, zusammengefasst bei Keating u. a. (2023), halten dagegen: Unterstützungsbedarf hänge von vielen begleitenden Faktoren ab und schwanke mit Zeit und Situation. Ein fester Sammelbegriff bilde das schlecht ab und erwecke den Eindruck, Intelligenzminderung und wenig Sprache gehörten zum Kern von Autismus. Die Debatte ist offen. Wir beschreiben Bedarf auf dieser Seite deshalb lieber konkret als mit einem Sammelwort.

8. Welche Worte besser passen

Unter autistischen Erwachsenen ist das Etikett unbeliebt. Eine Übersichtsarbeit fasst eine große britische Befragung (Kenny u. a. 2016) so zusammen: Nur rund ein Fünftel der Befragten befürwortete „high-functioning“, weniger als ein Zehntel „low-functioning“ (Bottema-Beutel u. a. 2021). Die Originaltabelle konnten wir nicht selbst einsehen.

In derselben Befragung mit 3.470 Teilnehmenden befürwortete ein großer Teil der autistischen Erwachsenen das Wort „autistisch“, aber deutlich weniger Fachleute. Einen Begriff, den alle mögen, gab es nicht (Kenny u. a. 2016). Wir schreiben deshalb „autistisch“ und „autistische Menschen“.

Was stattdessen? Bottema-Beutel u. a. empfehlen, konkrete Stärken und Bedürfnisse zu beschreiben – und dazuzusagen, dass der Bedarf je nach Bereich verschieden ist. So kann das klingen:

Das Wichtigste zum Schluss: Du bist nicht „zu gut“ für Unterstützung, nur weil du vieles schaffst. Und wer viel Hilfe braucht, hat trotzdem Stärken und eine eigene Stimme. Wenn du dich gerade fragst, ob du autistisch bist, hilft der Ratgeber Bin ich autistisch? beim nächsten Schritt.

9. Häufige Fragen

Was ist hochfunktionaler Autismus?

Ein umgangssprachlicher Begriff für Autismus ohne Intelligenzminderung, meist mit flüssiger Sprache. Eine eigene Diagnose ist er nicht. In Deutschland lautet der Code im Befund F84.0, F84.1 oder F84.5, je nachdem, wie sich der Autismus in der frühen Kindheit gezeigt hat. Über den Unterstützungsbedarf im Alltag sagt der Begriff wenig aus.

Was bedeutet hochfunktional?

„Hochfunktional“ ist die Übersetzung des englischen „high-functioning“. Gemeint war ursprünglich nur, dass keine Intelligenzminderung vorliegt, also ein IQ ab 70. Heute verstehen viele darunter „kommt gut zurecht“. Genau das misst der Begriff aber nicht, und Studien zeigen, dass beides oft weit auseinanderliegt.

Sind Asperger und hochfunktionaler Autismus das Gleiche?

Fast. Früher trennte man beides nach der Sprachentwicklung im Kleinkindalter: Beim Asperger-Syndrom ist die Sprache nicht verzögert. Beim hochfunktionalen Autismus im engen Sinn kam die Sprache verspätet, die geistigen Fähigkeiten sind später aber unauffällig. Bei Erwachsenen sieht man den Unterschied kaum noch. DSM-5 und ICD-11 fassen beides als Autismus-Spektrum-Störung zusammen.

Ist hochfunktionaler Autismus mit Intelligenz verbunden?

Nur über eine Untergrenze: Der IQ liegt nicht im Bereich einer Intelligenzminderung. Hochbegabung ist damit nicht gemeint. Und der IQ verrät wenig über den Alltag: In einer australischen Studie mit 2.225 Kindern und Jugendlichen lagen die Alltagsfähigkeiten derjenigen ohne Intelligenzminderung deutlich unter ihrem IQ.

Wie erkennt man hochfunktionale Autisten?

Von außen oft gar nicht, und das ist Teil des Problems. Die Merkmale sind dieselben wie bei allen autistischen Menschen: Unterschiede im sozialen Austausch und feste Muster bei Interessen, Abläufen oder Reizen. Bei Erwachsenen ohne Intelligenzminderung zeigt sich das oft erst am Preis, den der Alltag kostet. Eine Diagnose stellen in Deutschland Ärzt:innen für Psychiatrie oder psychologische Psychotherapeut:innen, am besten mit Erfahrung bei Erwachsenen.

Gibt es einen Test für hochfunktionalen Autismus?

Nein, nicht für ein Funktionsniveau. Fragebögen zu Autismus fragen nach Merkmalen, und kein Fragebogen ersetzt eine Diagnose. Unser kostenloser Selbsttest ist ebenfalls kein validiertes Instrument. Er kann dir helfen, deine Erfahrungen zu sortieren, bevor du ein Diagnosegespräch suchst.

Warum sind Menschen mit „hochfunktionalem“ Autismus oft so erschöpft?

Weil das gute Zurechtkommen oft auf Anstrengung beruht. Die WHO schreibt in ihren Beschreibungen zur ICD-11: Manche autistische Menschen funktionieren nur durch außergewöhnliche Anstrengung gut, und diese dauernde Anstrengung kann der psychischen Gesundheit schaden. Von außen sieht man davon meist nichts.

Wird hochfunktionaler Autismus bei Frauen öfter übersehen?

Vieles spricht dafür. Eine Metaanalyse von 2017 fand: Unter Kindern, die die Kriterien erfüllen, kommen auf ein Mädchen eher drei Jungen als vier. Mädchen erhalten also seltener eine Diagnose, als sie sollten. Die WHO nennt die dauernde Anpassung an andere als möglicherweise typischer für Frauen.

Haben Menschen mit hochfunktionalem Autismus oft auch ADHS?

Je nach Metaanalyse haben etwa 28 % (Lai u. a. 2019) bis 40 % (Rong u. a. 2021) der autistischen Menschen auch ADHS. Diese Zahlen gelten für autistische Menschen insgesamt. Laut einer der Metaanalysen hängt der Anteil unter anderem davon ab, ob zusätzlich eine Intelligenzminderung vorliegt. Die Kombination heißt oft AuDHD.

Welchen ICD-10-Code hat hochfunktionaler Autismus?

Keinen eigenen. In Deutschland wird nach der ICD-10-GM verschlüsselt: F84.0 (frühkindlicher Autismus), F84.1 (atypischer Autismus) oder F84.5 (Asperger-Syndrom). Eine Intelligenzminderung bekäme einen zusätzlichen Code aus F70 bis F79. In der ICD-11 der WHO entspricht dem Alltagsbegriff am ehesten 6A02.0.

Quellen und Stand

Wir haben jede Zahl auf dieser Seite an der jeweiligen Quelle geprüft. Wo wir nur die Zusammenfassung einer Studie lesen konnten, steht das dabei.

Diagnose-Handbücher, Behörden, Recht

  1. BfArM: ICD-10-GM Version 2026, Block F80–F89 (F84.0, F84.1, F84.5; Kodierhinweis zur Intelligenzminderung). klassifikationen.bfarm.de
  2. BfArM: ICD-10-GM Version 2026, Block F70–F79 (F70: IQ-Bereich 50–69). klassifikationen.bfarm.de
  3. BfArM: Häufige Fragen zur ICD-11 (Einführung in Deutschland, ICD-10 bleibt gültige amtliche Klassifikation). bfarm.de
  4. BfArM: Pressemitteilung 02/26 vom 23.02.2026, Testversion der ICD-11 in Deutsch (nicht amtlich). bfarm.de
  5. WHO (2024): Clinical descriptions and diagnostic requirements for ICD-11 mental, behavioural and neurodevelopmental disorders (CDDR), Abschnitt 6A02 Autism spectrum disorder, S. 124–127. who.int
  6. CDC: Clinical Testing and Diagnosis for Autism Spectrum Disorder (DSM-5-Kriterien, Schweregrade, Zusatzangaben). Gelesen über die Archivkopie vom 18.09.2026. cdc.gov
  7. Versorgungsmedizin-Verordnung, Anlage zu § 2, Teil B, Nr. 3.5 und 3.5.1 (tief greifende Entwicklungsstörungen). gesetze-im-internet.de

Deutschland

  1. Universitätsklinikum Freiburg, Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie: Hochfunktionale Autismus-Spektrum-Störung. Infoblatt, Stand Juli 2020 (Definition HFA und AS, Zuordnung zur ICD-11, Literaturliste). uniklinik-freiburg.de
  2. Frank, F. u. a. (2018): Education and employment status of adults with autism spectrum disorders in Germany – a cross-sectional-survey. BMC Psychiatry 18, 75. doi.org/10.1186/s12888-018-1645-7
  3. AOK-Magazin (2021): Wie sich hochfunktionaler Autismus anfühlt (Interview; Beispiel für die Gleichsetzung von Asperger und hochfunktionalem Autismus). aok.de

Forschung

  1. Alvares, G. A. u. a. (2020): The misnomer of ‚high functioning autism‘: Intelligence is an imprecise predictor of functional abilities at diagnosis. Autism 24(1), 221–232 (gelesen: Zusammenfassung). doi.org/10.1177/1362361319852831
  2. Tillmann, J. u. a. (2019): Investigating the factors underlying adaptive functioning in autism in the EU-AIMS Longitudinal European Autism Project. Autism Research 12(4), 645–657. doi.org/10.1002/aur.2081
  3. Kanne, S. M. u. a. (2011): The role of adaptive behavior in autism spectrum disorders: implications for functional outcome. Journal of Autism and Developmental Disorders 41, 1007–1018 (gelesen: Zusammenfassung). doi.org/10.1007/s10803-010-1126-4
  4. Keating, C. T. u. a. (2023): Autism-related language preferences of English-speaking individuals across the globe: A mixed methods investigation. Autism Research 16(2), 406–428. doi.org/10.1002/aur.2864
  5. Kenny, L. u. a. (2016): Which terms should be used to describe autism? Perspectives from the UK autism community. Autism 20(4), 442–462 (gelesen: Zusammenfassung). doi.org/10.1177/1362361315588200
  6. Bottema-Beutel, K. u. a. (2021): Avoiding ableist language: Suggestions for autism researchers. Autism in Adulthood 3(1), 18–29 (Quelle für die Zusammenfassung der Zahlen aus Kenny u. a. 2016). doi.org/10.1089/aut.2020.0014
  7. Siegel, M. u. a. (2026): Developing a consensus research definition for profound autism using a modified Delphi method. Molecular Autism 17, 28 (gelesen: Zusammenfassung). doi.org/10.1186/s13229-026-00727-y
  8. Loomes, R., Hull, L. & Mandy, W. (2017): What is the male-to-female ratio in autism spectrum disorder? A systematic review and meta-analysis. Journal of the American Academy of Child & Adolescent Psychiatry 56(6), 466–474 (gelesen: Zusammenfassung). doi.org/10.1016/j.jaac.2017.03.013
  9. Lai, M.-C. u. a. (2019): Prevalence of co-occurring mental health diagnoses in the autism population: a systematic review and meta-analysis. The Lancet Psychiatry 6(10), 819–829 (gelesen: Zusammenfassung; ADHS 28 %). doi.org/10.1016/S2215-0366(19)30289-5
  10. Rong, Y. u. a. (2021): Prevalence of attention-deficit/ hyperactivity disorder in individuals with autism spectrum disorder: A meta-analysis. Research in Autism Spectrum Disorders 83, 101759 (gelesen: Zusammenfassung; aktuell 38,5 %, Lebenszeit 40,2 %). doi.org/10.1016/j.rasd.2021.101759

Stand: 17. Oktober 2026

Wir sind ein kleines unabhängiges Team, keine medizinische Einrichtung, und diese Seite wurde nicht fachärztlich geprüft. Wer den Begriff „high-functioning autism“ zuerst benutzt hat, konnten wir an keiner Primärquelle belegen; deshalb nennen wir dazu keinen Namen und kein Jahr. Sobald das BfArM einen Termin für die ICD-11 nennt, passen wir die Seite an und ändern dieses Datum mit.