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Medikamente · 10 Minuten Lesezeit · Veröffentlicht am 7. Juni 2026

ADHS-Medikamente ohne Stimulanzien — Atomoxetin, Guanfacin, Bupropion

Wichtig — keine medizinische Beratung

Diese Seite fasst Medikamentenoptionen zusammen. Sie ist keine medizinische Beratung. Entscheidungen über Medikamente triffst du gemeinsam mit deiner behandelnden Fachärztin oder deinem Facharzt. Zulassung, Verfügbarkeit der Präparate und Off-Label-Anwendungen ändern sich mit der Zeit – aktuelle Angaben findest du in der Roten Liste, in den Fachinformationen und beim Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA).

ADHS-Medikamente ohne Stimulanzien sind wichtige Optionen für Erwachsene, die Stimulanzien nicht nehmen können, nicht darauf ansprechen oder eine Ergänzung für eine vollständigere Abdeckung brauchen. Es gibt vier Hauptoptionen: Atomoxetin (Strattera und Generika), Guanfacin (Intuniv), Clonidin (in Deutschland vor allem Catapresan, off-label in ADHS) und Bupropion (Elontril, Wellbutrin XR – off-label in ADHS). Jeder Wirkstoff hat einen eigenen Mechanismus, ein eigenes Profil und einen eigenen idealen Patienten.

Die vier Optionen ohne Stimulanzien

In Deutschland sind alle vier Hauptgruppen der ADHS-Medikamente ohne Stimulanzien verfügbar – allerdings in unterschiedlichen Zulassungs- und Erstattungsmodellen. Nur Atomoxetin ist in Deutschland mit der ADHS-Indikation zugelassen (bei Kindern und Jugendlichen sowie zur Fortführung im Erwachsenenalter). Guanfacin (Intuniv) ist seit 2015 in der EU für ADHS zugelassen. Clonidin und Bupropion werden in ADHS off-label eingesetzt – ihre offiziellen Zulassungen in Deutschland betreffen andere Indikationen (Bluthochdruck bei Clonidin; Depression und Raucherentwöhnung bei Bupropion).

Atomoxetin (Strattera, Generika)

Guanfacin (Intuniv)

Clonidin (in Deutschland vor allem Catapresan)

Bupropion (Elontril, Wellbutrin XR)

Wann Nicht-Stimulanzien bevorzugt werden

Stimulans + Nicht-Stimulans kombinieren

Gängige Praxis bei Erwachsenen, die mit einer Monotherapie keine vollständige Symptomkontrolle erreichen. Die häufigsten Kombinationen:

Der langsamere Wirkbeginn – die Realität

Stimulanzien wirken akut – den Effekt spürst du innerhalb von Stunden nach der ersten Dosis. Nicht-Stimulanzien bauen ihren Effekt über Wochen auf. Das verlangt Geduld in der Anfangsphase:

Der langsamere Start bedeutet, dass die Dosisfindung länger dauert. Dafür aber: kein Rebound, keine Schwankungen zwischen Wirkspitze und Wirktief, ein gleichmäßigeres Erleben von Tag zu Tag. Viele Erwachsene sagen, sie „merken nicht, dass sie ein Medikament nehmen" – es fehlen die für Stimulanzien typischen Signale (gesteigerte Konzentration eine Stunde nach der Dosis, Abfall am Nachmittag). Subjektiv weniger spürbar, objektiv wirksam.

Nebenwirkungen im Vergleich

Sedierung

Guanfacin und Clonidin lösen oft Sedierung aus, besonders bei den Anfangsdosen. Manchmal ist das nützlich – wenn Schlafprobleme Teil des klinischen Bildes sind, hilft eine Abenddosis. Atomoxetin und Bupropion sind in der Regel nicht sedierend.

Angst

Bupropion kann Angst verstärken – für Menschen mit ADHS und Angst schließt das diesen Wirkstoff oft aus. Atomoxetin wirkt manchmal auf die Stimmung. Guanfacin senkt in der Regel die Angst – das ist einer der Gründe, warum es bei ADHS mit begleitender Angst oft erste Wahl ist. Die Auswahl auf Basis des Ausgangsniveaus der Angst hat große klinische Bedeutung.

Schlaf

Atomoxetin kann den Schlaf unterschiedlich beeinflussen – bei manchen verbessert, bei manchen verschlechtert es ihn. Bupropion verschlechtert den Schlaf häufig (deshalb wird es nicht abends gegeben). Guanfacin und Clonidin verbessern den Schlaf oft. Der Einnahmezeitpunkt ist entscheidend und wird individuell mit der behandelnden Praxis abgestimmt.

Herz-Kreislauf

Guanfacin und Clonidin senken den Blutdruck – nützlich bei Bluthochdruck, aber Vorsicht bei niedrigem Ausgangsblutdruck. Bupropion kann den Blutdruck erhöhen. Atomoxetin kann die Herzfrequenz erhöhen. Alle erfordern bei Erwachsenen mit kardialer Vorgeschichte eine gewisse Überwachung – vor dem Beginn ordnet die Fachärztin oder der Facharzt meist ein EKG und eine Blutdruckmessung an.

Wie Behandelnde auswählen

Erstattung und Kosten in Deutschland

Die Kosten- und Erstattungsfrage ist einer der häufigsten Gründe, warum Erwachsene in Deutschland ein bestimmtes Medikament wählen – nicht immer das, das klinisch erste Wahl wäre. Der aktuelle Stand (prüf bei jedem Rezept die Fachinformation, da sich die Lage ändern kann):

Eine Off-Label-Verordnung ist in Deutschland möglich, erfordert aber eine ärztliche Begründung; die GKV übernimmt die Kosten nicht automatisch. Aktuelle Erstattungs- und Zulassungsangaben findest du beim Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) und in den Fachinformationen der Hersteller.

Wer Nicht-Stimulanzien in Deutschland verordnet

Die Einstellung auf ein ADHS-Medikament gehört in die Hand einer Fachärztin oder eines Facharztes für Psychiatrie und Psychotherapie – eine hausärztliche Praxis leitet die Therapie in der Regel nicht selbst ein. Für einen Facharzttermin brauchst du in der GKV meist keine Überweisung, doch die Wartezeiten für Erwachsene sind in vielen Regionen lang. Viele Menschen lassen sich deshalb privat als Selbstzahler diagnostizieren und einstellen. Atomoxetin, Guanfacin, Clonidin und Bupropion unterliegen nicht dem Betäubungsmittelgesetz – die Rezepte lassen sich in der Apotheke ohne zusätzliche Formalitäten einlösen, anders als bei den stimulierenden Wirkstoffen (Methylphenidat, Lisdexamfetamin), die ein BtM-Rezept brauchen.

Was, wenn nichts wirkt?

Der klassische Weg bei Erwachsenen in Deutschland ist: Methylphenidat (Medikinet, Concerta) → Lisdexamfetamin (Elvanse) → Atomoxetin → Guanfacin. Wenn weder ein Medikament der ersten noch der zweiten Linie gewirkt hat, lohnt sich meist ein genauerer Blick: Ist die ADHS-Diagnose vollständig (steckt nicht auch Autismus, RSD oder eine andere Begleitung dahinter)? Waren die Dosen ausreichend? Verschleiern begleitende Bedingungen (Angst, Depression, Schlaf) das Bild? Eine fachärztliche Zweitmeinung – oft in einer auf ADHS im Erwachsenenalter spezialisierten Ambulanz – bringt häufig den Durchbruch.

Häufige Fragen

Welche ADHS-Medikamente ohne Stimulanzien gibt es?

Vier Hauptoptionen: Atomoxetin (Strattera und Generika), Guanfacin (Intuniv), Clonidin (in Deutschland vor allem als Catapresan — in ADHS off-label) und Bupropion (Elontril, Wellbutrin XR — off-label in ADHS, zugelassen bei Depression und Raucherentwöhnung). Jeder Wirkstoff greift in ein anderes Botenstoffsystem ein und hat ein eigenes Profil. Insgesamt ist der Effekt meist kleiner als bei Stimulanzien, dafür fällt keiner unter das Betäubungsmittelgesetz, das Missbrauchspotenzial ist geringer, und sie sind nützlich für Erwachsene, die Stimulanzien nicht nehmen können oder schlecht vertragen.

Wer braucht ein Medikament ohne Stimulanzien?

Erwachsene, bei denen Stimulanzien nicht wirken oder nicht infrage kommen. Gründe: eine Suchtgeschichte, die Stimulanzien riskant macht, kardiale Bedenken, eine Verstärkung von Angst unter Stimulanzien, nicht tolerierbare Nebenwirkungen, ein reizempfindliches Nervensystem, die Ergänzung eines Stimulans für eine vollständigere Abdeckung über den Tag sowie begleitende Bedingungen, bei denen ein Medikament ohne Stimulans einen doppelten Nutzen hat (Guanfacin + Tics, Bupropion + Depression).

Sind Nicht-Stimulanzien schwächer als Stimulanzien?

Im Durchschnitt sind die Effektstärken kleiner. Stimulanzien haben eine Effektstärke von rund 1,0 (groß); Medikamente ohne Stimulanzien liegen bei etwa 0,5 bis 0,7 (moderat). Aber „kleiner“ heißt nicht „unwirksam“. Viele Erwachsene sprechen gut auf ein Nicht-Stimulans an. Und der kleinere Effekt kommt mit eigenen Vorteilen: eine stabile 24-Stunden-Abdeckung, kein Rebound-Effekt, kein Status als kontrollierte Substanz und oft ein ergänzendes Nebenwirkungsprofil.

Wie wirken Nicht-Stimulanzien anders?

Atomoxetin: hemmt die Wiederaufnahme von Noradrenalin. Der Wirkspiegel baut sich langsam auf (Wochen). 24-Stunden-Abdeckung. Guanfacin und Clonidin: Alpha-2-adrenerge Agonisten. Sie greifen anders in die noradrenerge Signalübertragung ein und helfen oft bei emotionaler Regulation und Schlaf. Bupropion: hemmt die Wiederaufnahme von Noradrenalin und Dopamin — mechanistisch ist es unter den Nicht-Stimulanzien den Stimulanzien am nächsten. Unterschiedliche Mechanismen erzeugen unterschiedliche klinische Effekte.

Wie lange dauert es, bis Nicht-Stimulanzien wirken?

Atomoxetin: 4 bis 8 Wochen bis zum vollen Effekt. Geduld ist nötig. Guanfacin: Wochen bis zum vollen Effekt, der Wirkbeginn ist eher allmählich. Bupropion: meist 2 bis 4 Wochen. Anders als Stimulanzien, die akut wirken (Effekt innerhalb von Stunden). Der langsamere Start bedeutet einen längeren Prozess der Dosisfindung, dafür aber keinen Rebound und keine Schwankungen zwischen Wirkspitze und Wirktief.

Kann ich ein Stimulans und ein Nicht-Stimulans zusammen nehmen?

Ja, das ist gängige Praxis. Besonders häufig ist die Kombination aus Guanfacin und einem Stimulans — Guanfacin adressiert RSD und emotionale Regulation, das Stimulans die Aufmerksamkeit. Atomoxetin plus Stimulans ist seltener, kommt aber vor. Bupropion plus Stimulans ist möglich, erfordert jedoch eine kardiale Überwachung. Die Kombinationstherapie hat die Möglichkeiten für Erwachsene erweitert, die mit einer Monotherapie nicht den vollen Nutzen haben.

Und die Nebenwirkungen?

Je nach Medikament unterschiedlich. Atomoxetin: Übelkeit, Schlafveränderungen, manchmal Stimmungseffekte, selten Auswirkungen auf die Leber. Guanfacin: Sedierung, Blutdruckabfall, Schwindel, Müdigkeit. Clonidin: ähnlich wie Guanfacin. Bupropion: Angst, Schlaflosigkeit, Mundtrockenheit, eine herabgesetzte Krampfschwelle (bei manchen Erwachsenen kontraindiziert — etwa bei Epilepsie, Essstörungen). Insgesamt gut verträglich, aber die passende Einstellung braucht Ausprobieren.

Sind Nicht-Stimulanzien in der Schwangerschaft sicher?

Für Atomoxetin gibt es nur begrenzte Daten zur Schwangerschaft. Bupropion hat ein etwas besseres Schwangerschaftsprofil als andere Antidepressiva. Guanfacin und Clonidin haben spezifische Überlegungen für die Schwangerschaft (Blutdruckwirkung). Für konkrete Entscheidungen zu einem bestimmten Medikament in der Schwangerschaft sprich mit deiner Psychiaterin oder deinem Psychiater und deiner gynäkologischen Praxis und sieh dir unseren Ratgeber zu ADHS-Medikamenten in der Schwangerschaft (auf Englisch) an. Solche Entscheidungen sind immer individuell.

Nur zur Information – keine medizinische oder diagnostische Beratung. Entscheidungen über ADHS-Medikamente triffst du ausschließlich mit deiner behandelnden Fachärztin oder deinem Facharzt. Zulassung, Verfügbarkeit der Präparate und Off-Label-Anwendungen ändern sich mit der Zeit – aktuelle Angaben findest du beim Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) und in den Fachinformationen der Hersteller.