1. Die Belege für die Verbindung
Die Verbindung zwischen Hypermobilität und ADHS hat sich im letzten Jahrzehnt stetig verdichtet und lässt sich nicht mehr bestreiten. Die wichtigsten Befunde:
- Mehrere Studien finden eine ADHS-Häufigkeit von rund 30–50 % bei Erwachsenen mit Hypermobilitätsspektrumstörung oder hypermobiler Form des Ehlers-Danlos-Syndroms – gegenüber etwa 5 % in der erwachsenen Allgemeinbevölkerung.
- Auch die umgekehrte Richtung gilt: Menschen mit ADHS haben erhöhte Raten an Gelenkhypermobilität gemessen am Beighton-Score.
- Auch die Verbindung zwischen Autismus und Hypermobilität ist dokumentiert, mit erhöhten Raten in beide Richtungen.
- Familienstudien legen nahe, dass sowohl der Bindegewebsunterschied als auch ADHS genetische Anteile haben und in Familien gehäuft auftreten – oft gemeinsam.
Der Mechanismus ist noch nicht vollständig verstanden. Mehrere Theorien haben plausible Unterstützung, keine ist endgültig belegt. Aber das klinische gemeinsame Auftreten ist real und lohnt sich zu kennen.
2. Was Hypermobilität wirklich ist
Hypermobilität ist ein Unterschied im Bindegewebe, bei dem das Kollagen in Gelenken, Sehnen, Bändern und anderen Geweben flexibler ist als üblich. Das sichtbare Merkmal ist die Gelenkhypermobilität – Gelenke, die sich weiter beugen lassen als normal, umgangssprachlich „überbeweglich“ oder „doppelgelenkig“ genannt. Doch der zugrunde liegende Bindegewebsunterschied betrifft weit mehr als nur die Gelenke.
Das Hypermobilitätsspektrum:
- Asymptomatische Hypermobilität: Lockerere Gelenke als der Durchschnitt, keine problematischen Anzeichen. Viele Turnerinnen, Tänzer und Menschen, die Yoga machen, gehören hierher. Keine Störung.
- Hypermobilitätsspektrumstörung (HSD): Gelenkhypermobilität plus Anzeichen (Gelenkschmerzen, häufige Verstauchungen, Ausrenkungen, Erschöpfung, manchmal systemische Merkmale).
- Hypermobile Form des Ehlers-Danlos-Syndroms (hEDS): Mehr systemische Merkmale – Haut, Darm, Herz-Kreislauf, autonomes System. Erfüllt bestimmte diagnostische Kriterien.
- Andere Ehlers-Danlos-Untertypen: Genetisch eigenständige Bindegewebserkrankungen mit Hypermobilität als einem Merkmal unter mehreren. Seltener.
Das klinische Fazit: Wenn du gelenkig, schmerzgeplagt und müde bist, mit Brain Fog und autonomen Anzeichen, ist deine Hypermobilität womöglich mehr als kosmetisch und eine Abklärung wert.
3. Warum Gehirn und Gelenke ein Substrat teilen könnten
Die führenden Theorien, warum ADHS und Hypermobilität gemeinsam auftreten:
- Gemeinsames Kollagen-Substrat. Kollagen ist ein Strukturprotein, das im ganzen Körper vorkommt, auch im Gehirn. Bindegewebsunterschiede können auch die Gehirnstruktur und die Signalübertragung der Neurotransmitter beeinflussen. Diese Theorie ist plausibel, aber nicht endgültig belegt.
- Dysregulation des autonomen Nervensystems. Hypermobilität ist mit autonomer Dysfunktion verbunden (einschließlich POTS). Das autonome System reguliert Erregung und Aufmerksamkeit, und eine dysregulierte autonome Funktion kann Aufmerksamkeitsanzeichen hervorrufen.
- Unterschiede in Propriozeption und Interozeption. Hypermobile Erwachsene haben oft eine abgeschwächte Propriozeption (Sinn für den Körper im Raum) und eine veränderte Interozeption (Sinn für innere Körpersignale). Beide überschneiden sich mit den Unterschieden in der Reizverarbeitung, die man bei ADHS und Autismus sieht.
- Chronischer Schmerz und Erschöpfung. Hypermobilität erzeugt oft chronische Schmerzen und Erschöpfung, die unmittelbar Aufmerksamkeit, Arbeitsgedächtnis und Exekutivfunktionen beeinträchtigen – dieselben Dinge, die ADHS beeinträchtigt.
- Gemeinsames genetisches Substrat. Beide Zustände haben genetische Anteile; manche Gene könnten zu beiden beitragen.
Wahrscheinlich umfasst die Antwort mehrere dieser Faktoren, die sich aufschichten, statt eines einzelnen Mechanismus. Die klinische Folgerung: Die Komorbidität ist kein Zufall, und die Anzeichen beeinflussen sich auf komplexe Weise gegenseitig.
4. Propriozeption – der fehlende Sinn
Propriozeption ist der Sinn dafür, wo sich dein Körper im Raum befindet – das unbewusste Gewahrsein der Gelenkstellung, der Gliedmaßenposition, der Muskelspannung. Sie ist der Grund, warum du mit geschlossenen Augen deine Nase berühren oder wissen kannst, wo dein Fuß ist, ohne hinzusehen.
Hypermobile Erwachsene haben oft eine abgeschwächte Propriozeption. Die lockeren Gelenke liefern nicht dieselbe propriozeptive Rückmeldung wie straffe Gelenke, und das Ergebnis ist ein Körper, der sich weniger zuverlässig kartiert anfühlt. Praktische Folgen:
- Ungeschicklichkeit und häufige kleine Verletzungen
- Schwierigkeiten, neue körperliche Fähigkeiten zu erlernen
- Erschöpfung, weil das Gehirn die Körperposition bewusst nachverfolgen muss
- Angst vor Bewegung (du vertraust nicht darauf, wo dein Körper ist)
- Krafttraining dauert länger, weil das propriozeptive Lernen langsamer ist
Auch Erwachsene mit ADHS haben propriozeptive Unterschiede (mal abgeschwächt, mal suchen sie starken propriozeptiven Input über Zappeln, Wippen oder Druck). Die Überschneidung ist ein Teil des Puzzles.
5. POTS und die autonome Überschneidung
Das posturale orthostatische Tachykardiesyndrom (POTS) ist eine Dysfunktion des autonomen Nervensystems, bei der das Aufstehen einen ungewöhnlich schnellen Herzschlag auslöst (>30 Schläge/Minute Anstieg innerhalb von 10 Minuten nach dem Aufstehen), dazu Schwindel, Brain Fog und manchmal Ohnmacht.
POTS ist bei hypermobilen Erwachsenen deutlich häufiger – manche Studien legen nahe, dass 30–60 % der Erwachsenen mit hEDS POTS haben. POTS tritt außerdem erhöht gemeinsam mit ADHS auf.
Die dreifache Überschneidung ist wichtig, weil:
- Brain Fog und Erschöpfung durch POTS identisch aussehen wie Brain Fog und Erschöpfung durch ADHS
- Schwindel beim Aufstehen als Angst fehlgedeutet werden kann
- die Behandlung von POTS (Flüssigkeit, Salz, Kompression, manchmal Medikamente) die Kognition deutlich verbessern kann
- manche POTS-Medikamente (vor allem Guanfacin) auch ADHS behandeln
- manche ADHS-Medikamente (Stimulanzien) POTS verschlechtern können, wenn sie nicht sorgfältig angepasst werden
Wenn du hypermobil bist und Brain Fog hast, ist es sinnvoll, deine Hausärztin auf einen Stehtest (NASA-Lean-Test) oder eine Kipptisch-Untersuchung anzusprechen, um POTS zu prüfen. Die Diagnose kann das Behandlungsbild deutlich verändern.
6. MCAS und das Trias-Bild
Beim Mastzellaktivierungssyndrom (MCAS) verhalten sich Mastzellen abnorm und erzeugen allergieartige Anzeichen (Nesselsucht, Hautrötung, Magen-Darm-Beschwerden, Brain Fog, Erschöpfung), oft ohne erkennbare Auslöser. MCAS bündelt sich bei manchen Erwachsenen mit Hypermobilität und POTS – die „Trias“ aus hEDS, POTS und MCAS wird in der klinischen Literatur zunehmend anerkannt.
Die Trias ist kein einheitliches diagnostisches Syndrom mit forschungsstarken Belegen, aber die klinische Überschneidung ist real. Erwachsene mit der Trias haben oft erheblichen Brain Fog und Erschöpfung, die sich mit ADHS verstärken, falls ADHS ebenfalls vorliegt. MCAS zu erkennen und zu behandeln kann die kognitive Funktion bei Erwachsenen, die es haben, deutlich verbessern.
7. Chronische Erschöpfung, die als ME/CFS etikettiert wird
Ein häufiges Muster: Ein Erwachsener mit nicht erkannter Hypermobilität stellt sich mit chronischer Erschöpfung, Zustandsverschlechterung nach Belastung, Brain Fog, Schlafproblemen und Schmerz vor. Das Bild passt zur myalgischen Enzephalomyelitis / zum chronischen Erschöpfungssyndrom (ME/CFS) oder zur Fibromyalgie. Das Etikett wird vergeben. Nach der zugrunde liegenden Hypermobilität wird nicht gesucht.
Manche hypermobilen Erwachsenen haben tatsächlich ein eigenständiges ME/CFS oder eine Fibromyalgie. Aber viele haben hypermobilitätsbedingte Anzeichen, die das ME/CFS-Etikett bekamen, weil die Hypermobilität nicht in Betracht gezogen wurde. Die diagnostische Unterscheidung ist wichtig: Das Hypermobilitätsmanagement (an hypermobile Körper angepasste Physiotherapie, Pacing, autonome Unterstützung, manchmal Medikamente gegen POTS) ist ein konkreterer Behandlungsweg als die oft vage ME/CFS-Behandlungslandschaft.
Wenn du eine ME/CFS- oder Fibromyalgie-Diagnose trägst und schon einmal „gelenkig“ genannt wurdest oder Hypermobilität in der Familie liegt oder du ungeklärte Gelenkschmerzen hast, ist ein Beighton-Score bei deiner Hausärztin oder in der Rheumatologie ein kostengünstiger Check, der das Behandlungsbild deutlich verändern kann.
8. Brain Fog – mehrere Quellen
Brain Fog bei hypermobilen Erwachsenen mit ADHS hat oft mehrere Quellen und lohnt sich zu entwirren:
- POTS-Brain-Fog– schlimmer im Stehen, bessert sich im Liegen, hängt mit der Hirndurchblutung zusammen. Spricht auf Flüssigkeit, Salz, Kompression und manchmal Medikamente an.
- Erschöpfungs-Brain-Fog– anhaltender kognitiver Nebel durch aufsummierte Unterregeneration, Schmerz, schlechten Schlaf. Spricht auf Pacing und Schlafarbeit an.
- ADHS-Aufmerksamkeitsschwierigkeiten– spezifische Muster aus Ablenkbarkeit, Hyperfokus, Problemen mit dem Arbeitsgedächtnis. Spricht auf ADHS-Medikamente und ADHS-spezifische Strategien an.
- Schmerzbedingte kognitive Beeinträchtigung – chronischer Schmerz beeinträchtigt messbar Arbeitsgedächtnis und Aufmerksamkeit. Spricht auf Schmerzbehandlung an.
- MCAS-Brain-Fog– wenn MCAS im Spiel ist, können Mastzell-Botenstoffe kognitive Anzeichen erzeugen. Spricht auf MCAS-Behandlung an.
Herauszufinden, welche Quellen bei dir beitragen, kann Zeit kosten, aber es lohnt sich. Jede Quelle hat ihren eigenen Behandlungsweg; eine zu behandeln, ohne die anderen zu erkennen, lässt erhebliche Besserung ungenutzt.
9. Sich auf beides abklären lassen
Für hypermobile Erwachsene, die sich wegen ADHS fragen:
- derselbe Abklärungsprozess für ADHS im Erwachsenenalter wie bei allen anderen (fachärztliche Abklärung mit Entwicklungsanamnese) — über die Hausärztin per Überweisung an eine Fachärztin für Psychiatrie/Psychotherapie
- sei deutlich über den Hypermobilitäts-Kontext, besonders über chronischen Schmerz oder Erschöpfung, die Aufmerksamkeitsanzeichen nachahmen könnten
- die Komorbiditätsrate von 30–50 % bedeutet, dass eine Abklärung sinnvoll ist, wenn du eines der ADHS-typischen Muster hast
Für Erwachsene mit ADHS, die sich wegen Hypermobilität fragen:
- Beurteilung über den Beighton-Score bei der Hausärztin oder in der Rheumatologie (körperliche Untersuchung von 5 Minuten)
- bei positivem und symptomatischem Befund Überweisung an eine behandelnde Person, die mit Hypermobilitätsspektrumstörungen vertraut ist
- begleitende Abklärung auf POTS (Stehtest oder Kipptisch), wenn du Anzeichen hast, die mit dem Stehen zusammenhängen
- erwarte nicht, dass jede behandelnde Person das Bild kennt – auf Hypermobilität spezialisierte Fachleute sind nach wie vor relativ knapp
10. ADHS-Medikamente in hypermobilen Körpern
Hypermobilität ist keine Gegenanzeige für ADHS-Medikamente, aber ein paar Überlegungen:
- Stimulanzien können POTS verschlechtern, falls POTS vorliegt. Der erhöhte Herzschlag durch Stimulanzien addiert sich zur posturalen Tachykardie. Es ist sinnvoll, zuerst die POTS-Behandlung anzugehen, wenn POTS nicht eingestellt ist.
- Niedriger starten, langsamer auftitrieren. Hypermobile Erwachsene reagieren generell manchmal empfindlicher auf Nebenwirkungen.
- Herzfrequenz und Blutdruck überwachen während der Auftitration. Eine Herz-Basisuntersuchung vor dem Beginn von Stimulanzien ist bei hypermobilen Erwachsenen mit autonomen Anzeichen sinnvoll.
- Guanfacin(in Deutschland als Intuniv erhältlich) behandelt sowohl ADHS als auch POTS – ein nützliches einzelnes Medikament für Erwachsene mit beidem. Atomoxetin (Strattera) ist eine weitere Nicht-Stimulanzien-Option, die POTS nicht verschlechtert.
11. Pacing – die schützende Fähigkeit
Die einzelne nützlichste Fähigkeit für Erwachsene mit der Hypermobilitäts-ADHS-Überschneidung ist Pacing – die Praxis, innerhalb deines Energiebudgets zu arbeiten, statt durchzupushen und dann einzubrechen.
ADHS macht Pacing schwer. Erwachsene mit ADHS neigen dazu, sich zu verausgaben im Hyperfokus, durch die Erschöpfung zu pushen und sich zu übernehmen. Hypermobile Erwachsene mit ADHS zahlen für diese Muster einen höheren Preis, weil die Erholung nach dem Einbruch größer ist.
Praktisches Pacing für hypermobile Erwachsene mit ADHS:
- Verfolge deine Energie und deinen Schmerz über den Tag (der Neurodiverge-Pro-Tracker ist genau dafür gebaut)
- Baue aktive Ruhe ein, bevor du einbrichst, nicht danach
- Begrenze aufeinanderfolgende energiereiche Tage auf 2 am Stück
- Lehne soziale oder berufliche Verpflichtungen ab, die über dein Budget hinausgehen, selbst wenn du dich im Moment der Anfrage gut fühlst
- Akzeptiere, dass Pacing bedeutet, weniger zu tun, als du an deinen besten Tagen könntest
12. An Hypermobilität angepasste Physiotherapie
Hypermobile Körper brauchen Krafttraining, um die Bindegewebslaxität auszugleichen – Muskeln müssen die Stabilisierungsarbeit übernehmen, die straffe Bänder sonst leisten würden. Aber generische Trainingsprogramme können hypermobilen Erwachsenen schaden:
- übermäßiger Bewegungsumfang (hypermobile Gelenke überstrecken ohnehin schon)
- schwere Gewichte mit schlechter Ausführung
- aggressives Dehnen (hypermobile Körper brauchen kein Dehnen; sie brauchen Stabilisierung)
- zu schnelle progressive Belastung (hypermobile Körper brauchen eine langsamere Steigerung)
Suche dir eine Physiotherapeutin oder einen Krafttrainer, der sich speziell mit Hypermobilität auskennt – idealerweise hEDS-vertraut. Das Programm sieht anders aus als generisches Krafttraining: mehr Fokus auf Propriozeption, mehr Kontrolle, langsamere Steigerung, gezieltere Gelenkstabilisierung.
13. Warum hypermobile Frauen kleingeredet werden
Hypermobile Frauen wurden im medizinischen Umfeld historisch kleingeredet. Das Muster:
- chronischer Schmerz wird als „Angst“ oder „nicht so schlimm, wie du denkst“ abgetan
- Erschöpfung wird mit „alle jungen Frauen sind müde“ abgewiegelt
- POTS wird mit „du musst einfach mehr trinken“ abgetan
- Gelenkschmerzen werden als „normale Wehwehchen“ abgetan
- Brain Fog wird als Depression gedeutet
- oft jahrelanges Hören von „das ist nur in deinem Kopf“, bevor die Hypermobilität erkannt wird
Eine ADHS-Diagnose zum Bild hinzuzufügen, schließt oft das vollständige Verständnis auf – die Schwierigkeiten mit den Exekutivfunktionen und die emotionale Reaktivität, die als „ängstliche Persönlichkeit“ gerahmt wurden, waren ADHS, und die Erschöpfung und der Schmerz, die als „ängstliche körperliche Anzeichen“ gerahmt wurden, waren hypermobilitätsbedingt. Beide Teile sind wichtig.
14. Auch die Autismus-Verbindung
Auch autistische Erwachsene haben erhöhte Hypermobilitätsraten. Die Überschneidung teilt womöglich dasselbe Substrat (Kollagen, autonom, propriozeptiv). AuDHD-Erwachsene (autistisch + ADHS) zeigen oft Ausprägungen mit dreifacher Überschneidung aus Hypermobilität, POTS und Unterschieden in der Reizverarbeitung.
Wenn du hypermobil bist und irgendwelche neurodivergenten Merkmale hast, ist eine umfassende Abklärung sinnvoll. Die überlappenden Zustände werden oft übersehen, wenn man sie nur Fachgebiet für Fachgebiet betrachtet. Ein ND-bejahender Blick auf Hypermobilität und ein hypermobilitätsbewusster Blick auf die ND-Abklärung treffen die Wahrheit tendenziell genauer.
15. Häufige Fragen
Hängen ADHS und Hypermobilität wirklich zusammen?
Ja, und die Belege haben sich im letzten Jahrzehnt deutlich verdichtet. Studien zeigen durchgängig, dass Erwachsene mit Hypermobilitätsspektrumstörung (HSD) und hypermobiler Form des Ehlers-Danlos-Syndroms (hEDS) deutlich erhöhte ADHS-Raten haben als die Allgemeinbevölkerung — die meisten Studien finden eine ADHS-Häufigkeit von rund 30–50 % in hypermobilen Gruppen gegenüber etwa 5 % in der erwachsenen Allgemeinbevölkerung. Auch umgekehrt gilt: Menschen mit ADHS weisen erhöhte Hypermobilitätsraten auf. Der Mechanismus ist noch nicht vollständig verstanden, aber die Verbindung lässt sich nicht mehr bestreiten.
Was ist eine Hypermobilitätsspektrumstörung?
Ein Unterschied im Bindegewebe, bei dem das Kollagen in Gelenken, Sehnen, Bändern und anderen Geweben flexibler ist als üblich. Das sichtbare Merkmal ist die Gelenkhypermobilität (Gelenke, die sich weiter beugen lassen als normal — umgangssprachlich „überbeweglich“ oder „doppelgelenkig“), doch der zugrunde liegende Bindegewebsunterschied betrifft weit mehr als nur die Gelenke. Haut, Darm, Blutgefäße, autonomes Nervensystem und Propriozeption können alle betroffen sein. Hypermobilität bewegt sich auf einem Spektrum: von „lockerer als der Durchschnitt, aber nicht problematisch“ über die Hypermobilitätsspektrumstörung (HSD) bis zur hypermobilen Form des Ehlers-Danlos-Syndroms (hEDS), die mehr systemische Merkmale mit sich bringt.
Warum könnten ADHS und Hypermobilität gemeinsam auftreten?
Es gibt mehrere Theorien, keine ist vollständig bewiesen. Eine Hypothese sind gemeinsame Kollagen-Gene, die sowohl das Bindegewebe als auch die Gehirnentwicklung beeinflussen — Kollagen ist ein Strukturprotein, das im ganzen Körper vorkommt, auch im Gehirn. Eine Dysfunktion des autonomen Nervensystems (häufig bei Hypermobilität) überschneidet sich mit den dysregulierten Erregungsmustern, die man bei ADHS sieht. Die Propriozeption (der Sinn dafür, wo sich der Körper im Raum befindet) ist bei hypermobilen Erwachsenen oft abgeschwächt, und auch ADHS geht mit propriozeptiven Unterschieden einher. Chronische Schmerzen und Erschöpfung durch Hypermobilität können Aufmerksamkeitsanzeichen nachahmen oder verstärken. Die wahrscheinlichste Erklärung ist ein Zusammenspiel mehrerer dieser Faktoren statt eines einzelnen Mechanismus.
Ich bin hypermobil — sollte ich mich auf ADHS abklären lassen?
Wenn du hypermobil bist UND eines der ADHS-typischen Muster hast (anhaltende Aufmerksamkeitsschwierigkeiten, Probleme mit den Exekutivfunktionen, emotionale Dysregulation, Zeitblindheit, Impulsivität, RSD), dann ja — eine Abklärung ist sinnvoll. Die Komorbiditätsrate von 30–50 % in hypermobilen Gruppen bedeutet, dass dein Risiko deutlich erhöht ist und dieselben Anzeichen teilweise ADHS sein könnten statt vollständig hypermobilitätsbedingter Erschöpfung. Eine ADHS-Behandlung kann die Lebensqualität auch bei bestehender Hypermobilität deutlich verbessern, besonders bei den exekutiven Anteilen.
Ich habe ADHS — sollte ich mich auf Hypermobilität abklären lassen?
Wenn du ADHS hast UND eines der typischen Hypermobilitätsmuster (Gelenke, die sich weiter beugen als der Durchschnitt, häufige Gelenkschmerzen oder Ausrenkungen, weiche oder dehnbare Haut, leichte Blutergüsse, chronische Erschöpfung, Schwindel beim Aufstehen, Magen-Darm-Probleme), dann ja — eine Beurteilung über den Beighton-Score bei deiner Hausärztin oder in der Rheumatologie ist sinnvoll. Hypermobilität bleibt oft jahrzehntelang unerkannt, weil die Gelenkbeweglichkeit in der Kindheit normalisiert wird („sie ist einfach gelenkig“) und die systemischen Merkmale auf verschiedene Fachgebiete verteilt sind. Der Beighton-Score ist eine einfache körperliche Untersuchung mit 9 Punkten, die etwa 5 Minuten dauert; er ist auch dann ein nützlicher Such-Check, wenn keine formale hEDS-Diagnose angestrebt wird.
Verursacht Hypermobilität ADHS-Anzeichen oder sind sie getrennt?
Wahrscheinlich beides. Hypermobilität kann Anzeichen hervorrufen, die wie ADHS aussehen (chronische Erschöpfung durch schwache Propriozeption, Brain Fog durch POTS, Aufmerksamkeitsschwierigkeiten durch Dauerschmerz) — die Behandlung der Hypermobilität kann diese verbessern. Aber hypermobile Erwachsene haben zugleich eine höhere Rate an tatsächlichem neuroentwicklungsbedingtem ADHS. Die klinische Aufgabe ist, herauszufinden, welche Anzeichen vermutlich hypermobilitätsbedingt sind (und auf das Hypermobilitätsmanagement ansprechen) und welche ein eigenständiges ADHS sind (und auf ADHS-spezifische Behandlung ansprechen). Oft liegt beides vor und beides muss angegangen werden.
Was ist POTS und wie hängt es damit zusammen?
Das posturale orthostatische Tachykardiesyndrom — eine Dysfunktion des autonomen Nervensystems, bei der das Aufstehen einen ungewöhnlich schnellen Herzschlag, Schwindel, Brain Fog, Erschöpfung und manchmal Ohnmacht auslöst. POTS ist in hypermobilen Gruppen deutlich häufiger (die Schätzungen schwanken stark, aber 30–60 % der Erwachsenen mit hEDS könnten POTS haben). POTS tritt ebenfalls erhöht gemeinsam mit ADHS auf. Die dreifache Überschneidung — Hypermobilität + POTS + ADHS — ist gut dokumentiert und lohnt sich zu kennen, weil sich die Anzeichen aufschaukeln (der Brain Fog von POTS plus der Brain Fog von ADHS plus die Erschöpfung durch die Gelenkprobleme ergeben eine erhebliche funktionelle Belastung). Idealerweise behandelt man alle drei.
Welche Rolle spielt MCAS in diesem Bild?
Das Mastzellaktivierungssyndrom (MCAS) bündelt sich bei manchen Erwachsenen ebenfalls mit Hypermobilität und ADHS — die „Trias“ aus hEDS, POTS und MCAS wird zunehmend anerkannt. Bei MCAS verhalten sich Mastzellen abnorm und erzeugen allergieartige Anzeichen (Nesselsucht, Hautrötung, Magen-Darm-Beschwerden, Brain Fog, Erschöpfung), oft ohne erkennbare Auslöser. Der Brain Fog und die Erschöpfung durch MCAS können die ADHS-Ausprägung verstärken. Wenn du hypermobil bist und zusätzlich ungeklärte allergieartige Anzeichen hast, lohnt sich eine MCAS-Abklärung bei einer Immunologin, die mit dem Syndrom vertraut ist. Für die Trias als einheitliches Syndrom fehlen forschungsstarke Belege, aber die klinische Überschneidung ist real.
Wirken ADHS-Medikamente bei hypermobilen Erwachsenen?
Grundsätzlich ja, aber mit Einschränkungen. Stimulanzien können POTS bei hypermobilen Erwachsenen verschlechtern, die es haben (der erhöhte Herzschlag durch Stimulanzien addiert sich zur posturalen Tachykardie). Hypermobile Erwachsene reagieren generell manchmal empfindlicher auf Nebenwirkungen. Sinnvolles Vorgehen: niedriger als die übliche Anfangsdosis starten, langsam auftitrieren, Herzfrequenz und Blutdruck überwachen und eine behandelnde Person hinzuziehen, die das Hypermobilitäts-/POTS-Bild kennt. Viele hypermobile Erwachsene mit ADHS kommen mit Stimulanzien gut zurecht; manche fahren besser mit Nicht-Stimulanzien (Atomoxetin, Guanfacin — wobei Guanfacin den zusätzlichen Vorteil hat, in manchen Fällen auch zur Behandlung von POTS eingesetzt zu werden).
Warum landen so viele hypermobile Erwachsene mit ME/CFS- oder Fibromyalgie-Etiketten?
Die aufsummierte Erschöpfung, der Schmerz und der Brain Fog einer nicht erkannten Hypermobilität (mit oder ohne POTS) können wie ME/CFS (myalgische Enzephalomyelitis / chronisches Erschöpfungssyndrom) oder Fibromyalgie aussehen. Manche hypermobilen Erwachsenen haben tatsächlich ME/CFS als eigenständigen Zustand; andere haben hypermobilitätsbedingte Anzeichen, die das ME/CFS-Etikett bekamen, weil die Hypermobilität nicht in Betracht gezogen wurde. Die diagnostische Neueinordnung ist wichtig, weil das Hypermobilitätsmanagement (Physiotherapie, Pacing, autonome Unterstützung, manchmal Medikamente gegen POTS) ein klarerer Behandlungsweg ist als die oft vage ME/CFS-Behandlungslandschaft. Viele Erwachsene erleben deutliche Erleichterung, sobald die Hypermobilität erkannt wird.
Ist Hypermobilität auch bei autistischen Erwachsenen häufiger?
Ja, die Verbindung zwischen Autismus und Hypermobilität ist ebenfalls dokumentiert. Autistische Erwachsene haben erhöhte Hypermobilitätsraten im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung, und hypermobile Gruppen haben erhöhte Autismus-Raten. Der Mechanismus überschneidet sich womöglich mit der ADHS-Verbindung (gemeinsames Kollagen-, autonomes und propriozeptives Substrat). AuDHD-Erwachsene (autistisch + ADHS) zeigen oft Ausprägungen mit dreifacher Überschneidung aus Hypermobilität, POTS und Unterschieden in der Reizverarbeitung. Die Quintessenz: Wenn du hypermobil bist und irgendwelche neurodivergenten Merkmale hast, ist eine umfassende Abklärung sinnvoll — die überlappenden Zustände werden oft übersehen, wenn man sie nur Fachgebiet für Fachgebiet betrachtet.
Was hilft, wenn ich sowohl ADHS als auch Hypermobilität habe?
Die Grundlagen, die am meisten helfen: regelmäßige Physiotherapie oder Krafttraining, das für hypermobile Körper angepasst ist (Gelenke brauchen muskuläre Unterstützung, um die Bindegewebslaxität auszugleichen), gute Schlafhygiene (chronisch schlechter Schlaf verschlimmert alles), Flüssigkeit und Salz bei POTS, falls relevant, Pacing (nicht durch die Erschöpfung pushen — Pacing verhindert größere Einbrüche), ADHS-Medikamente für die ADHS-spezifischen Anteile sowie Anpassungen am Arbeitsplatz für die Exekutivfunktionen und die körperliche Erschöpfung. Ideal ist die Zusammenarbeit mit behandelnden Personen, die beide Zustände verstehen; sie zu finden, ist nicht immer leicht. Der Neurodiverge-Pro-Coach und der Tracker können bei der täglichen Pacing- und Exekutivfunktions-Arbeit helfen.