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Beziehungen · 15 Minuten Lesezeit · Aktualisiert 16. Oktober 2026

ADHS und Sexualität bei Frauen und Männern

ADHS kann die Sexualität beeinflussen, aber nicht bei allen gleich. Studien finden bei Erwachsenen mit ADHS im Schnitt etwas mehr Verlangen, zugleich weniger Zufriedenheit und häufiger sexuelle Funktionsstörungen, etwa beim Orgasmus oder als vorzeitiger Samenerguss. Die Forschung ist allerdings klein, und eine deutsche Befragung fand bei den Funktionsstörungen keinen Unterschied. Dazu kommt, dass ADHS-Medikamente die Lust dämpfen können. Hier liest du, was belegt ist, was nicht und wo du in Deutschland Hilfe bekommst.

Kurz beantwortet

  • Lust: Einige Studien finden bei ADHS mehr sexuelles Verlangen, andere nicht. Ob „zu viel Lust“ bei ADHS häufiger ist, ist nicht geklärt.
  • Probleme: In einer niederländischen ADHS-Ambulanz hatten 39 % der Männer und 43 % der Frauen Anzeichen einer sexuellen Funktionsstörung. Vorher erkannt war das fast nie.
  • Medikamente: Weniger Lust steht bei Methylphenidat, Elvanse und Atomoxetin als „häufige“ Nebenwirkung in der Packungsbeilage (bis zu 1 von 10). Eine Erektion über 2 Stunden ist ein Notfall.
  • Hilfe: Sexuelle Funktionsstörungen können mit einer Psychotherapie auf Kassenkosten behandelt werden. Für die Sprechstunde brauchst du keine Überweisung.

Diese Seite richtet sich an Erwachsene mit ADHS und an ihre Partnerinnen und Partner. Sie ist sachlich und nicht explizit. Geschrieben von neurodivergenten Erwachsenen.

1. Wie wirkt sich ADHS auf die Sexualität aus?

Kurz gesagt: Es gibt Hinweise auf Unterschiede, aber kein festes Muster. Eine systematische Übersicht aus Genf hat 2020 alle damals verfügbaren Studien ausgewertet. Erwachsene mit ADHS berichteten darin im Schnitt mehr sexuelles Verlangen und häufigere Selbstbefriedigung. Gleichzeitig waren sie mit ihrem Sexleben weniger zufrieden und hatten öfter Funktionsstörungen. Die Autorinnen und Autoren betonen aber selbst: Es gibt nur wenige Studien, oft mit kleinen Gruppen.

Eine zweite Übersicht von 2026 kommt zu einem ähnlichen Bild. Sie hat 13 Studien ausgewertet und spricht von einem wahrscheinlichen Zusammenhang in beide Richtungen: Funktionsstörungen sind bei ADHS häufiger, und ADHS ist bei Menschen mit Funktionsstörungen häufiger. Mehrere Studien fanden allerdings keinen Unterschied. Die Daten ließen sich nicht zu einer Gesamtzahl zusammenfassen.

Was eine deutsche Befragung zeigt

Die einzige größere deutsche Studie stammt aus Mainz, Homburg und Hamburg. 206 Erwachsene füllten 2022 einen Online-Fragebogen aus, 139 davon mit ADHS-Diagnose. Ergebnis: Bei sexuellen Funktionsstörungen und riskantem Sexualverhalten gab es keinen Unterschied zur Gruppe ohne ADHS. Die Teilnehmenden mit ADHS hatten aber höhere Werte für hypersexuelles Verhalten. Dazu zählt auch, Sex zum Umgang mit Stress oder schlechten Gefühlen zu nutzen. Über dem Grenzwert für Hypersexualität lagen trotzdem nicht signifikant mehr Menschen (24,5 % gegenüber 14,9 %).

Die Stichprobe war klein. Die Teilnehmenden mit ADHS kamen teils aus der Mainzer Uniklinik, teils aus ADHS-Internetforen. Welche Medikamente die Teilnehmenden nahmen, wurde nicht erfasst. Die Forschenden empfehlen trotzdem klar, Sexualität in der ADHS-Behandlung routinemäßig anzusprechen.

Warum so selten darüber gesprochen wird

In einer niederländischen ADHS-Ambulanz füllten 136 Erwachsene zwei Screening-Fragebögen aus. 39 % der Männer und 43 % der Frauen hatten Anzeichen einer sexuellen Funktionsstörung. Nur ein einziger Patient hatte vorher eine entsprechende Diagnose. Die Studie zeigt also vor allem eine Lücke: In der Praxis fragt kaum jemand nach. Du darfst das Thema deshalb selbst ansprechen.

Und das „Dopamin-Gehirn“?

Oft liest man, das ADHS-Gehirn suche beim Sex nach Dopamin. Das ist eine Vermutung, kein Befund. Die deutsche S3-Leitlinie hält fest, dass sich bisher keine spezifischen Besonderheiten im Gehirn zeigen ließen, die ADHS erklären. Was über Botenstoffe bekannt ist, erklärt unser Ratgeber zu ADHS und Dopamin.

2. ADHS und Sexualität bei Frauen

Bei Frauen mit ADHS ist vor allem der Orgasmus untersucht. Eine vorregistrierte Online-Studie von 2025 befragte 815 Frauen. Eine ADHS-Diagnose war keine Voraussetzung, gemessen wurden die Symptome. Je stärker die Unaufmerksamkeit, desto seltener kamen die Frauen verlässlich zum Orgasmus.

Eine Fall-Kontroll-Studie aus der Dominikanischen Republik fand 2024 einen ähnlichen Zusammenhang. Unter 221 Frauen war ADHS deutlich mit einer Orgasmusstörung verbunden (Odds Ratio 4,91). In einer Übersicht lag der höchste in einer einzelnen ADHS-Studie gemessene Anteil von Frauen mit Orgasmusstörung bei 67,7 %. Das ist ein Spitzenwert, kein Durchschnitt.

Die deutsche Befragung fand bei Frauen mit ADHS einen engen Zusammenhang zwischen Sexualität und emotionaler Dysregulation, Impulsivität und oppositionellen Symptomen. Frauen mit ADHS berichten außerdem häufiger über Reizempfindlichkeit: In einer niederländischen Studie waren es 43 % der Frauen und 22 % der Männer. Für Nähe und Sex wurde das nicht eigens gemessen. Es kann aber erklären, warum manche Berührung angenehm ist und andere sofort zu viel wird.

Bei Frauen kommen Zyklus und Lebensphase dazu. Manche ADHS-Medikamente nennen in der Packungsbeilage auch Regelschmerzen oder Zyklusstörungen (siehe Abschnitt 5). Alles Weitere zu Diagnose, Hormonen und Alltag steht in unserem Ratgeber ADHS bei Frauen.

3. ADHS und Sexualität bei Männern

Bei Männern geht es in der Forschung vor allem um zwei Themen: den vorzeitigen Samenerguss und Erektionsprobleme. In einzelnen Studien hatten bis zu 39 % der Männer mit ADHS einen vorzeitigen Samenerguss. Umgekehrt hatten in Studien mit Männern mit vorzeitigem Samenerguss bis zu rund 42 % ADHS, in den Vergleichsgruppen 3,7 bis 5 %. Auch hier gilt: Das sind Höchstwerte aus einzelnen Studien.

In der in Deutschland gültigen ICD-10-GM haben beide Probleme eigene Codes, wenn keine körperliche Ursache dahintersteckt: F52.4 „Ejaculatio praecox“ und F52.2 „Versagen genitaler Reaktionen“ (beim Mann die Erektionsstörung). Das heißt: Sie lassen sich ärztlich einordnen und behandeln.

Erektionsprobleme können auch eine Nebenwirkung sein. In gepoolten Studien zu Atomoxetin berichteten erwachsene Männer häufiger von Erektionsstörungen als unter Placebo (8,0 % gegenüber 1,9 %). Die Auswertung stammt vom Hersteller. In der deutschen Befragung lagen Männer mit ADHS häufiger über dem Grenzwert für Hypersexualität als Frauen mit ADHS (45,5 % gegenüber 14,6 %). Gegenüber Männern ohne ADHS (28,6 %) war der Unterschied nicht signifikant, auch weil nur 21 Männer ohne ADHS teilnahmen. Mehr zu ADHS im Alltag von Männern findest du unter ADHS bei Männern.

4. Sex in der Partnerschaft: wenn die Lust nicht passt

Viele Fragen zu ADHS und Sexualität kommen von Paaren. Oft lautet sie: Warum hat mein Partner oder meine Partnerin mit ADHS kaum noch Lust? Oder umgekehrt: Warum will ich viel öfter als mein Gegenüber? Eine Studie, die den Verlauf der Lust in langen ADHS-Beziehungen gemessen hat, gibt es bisher nicht. Feste Zeiträume wie „nach einem Jahr lässt es nach“ sind deshalb erfunden.

Was sich prüfen lässt, sind die üblichen Gründe für weniger Lust:

Was helfen kann: Sprecht über Sex in einem ruhigen Moment, nicht direkt nach einem Nein. Sagt konkret, was euch gefällt und was zu viel ist. Wenn spontane Nähe im Alltag untergeht, darf man sich bewusst Zeit füreinander einplanen. Das ist keine Pflicht, sondern ein Angebot. Wie ADHS sonst in Beziehungen wirkt, etwa bei Streit und Absprachen, erklärt unser Ratgeber ADHS in Beziehungen.

5. ADHS-Medikamente und Libido: was in den Packungsbeilagen steht

ADHS-Medikamente können die Lust, die Erektion und den Orgasmus beeinflussen. Wie oft, steht in der Packungsbeilage. „Häufig“ heißt dort: bei bis zu 1 von 10 Behandelten. „Gelegentlich“ heißt bis zu 1 von 100, „selten“ bis zu 1 von 1.000. Die meisten merken also nichts. Die Tabelle fasst die deutschen Packungsbeilagen und Fachinformationen zusammen.

Sexuelle Nebenwirkungen laut deutschen Packungsbeilagen (Stand der Beilagen: siehe Quellen)
Wirkstoff (Beispiele)LustErektion, Orgasmus, Zyklus
Methylphenidat (Medikinet adult, Medikinet retard, Ritalin Adult)verringerter Geschlechtstrieb: häufigErektionsstörung und Dauererektionen: Häufigkeit nicht bekannt
Methylphenidat (Concerta)verminderter sexueller Antrieb: häufigErektion bekommen oder halten fällt schwer: häufig; Dauererektionen: Häufigkeit nicht bekannt
Lisdexamfetamin (Elvanse)Veränderungen des Geschlechtstriebs: häufig; bei Erwachsenen verminderte Libido: häufigErektionsprobleme: häufig (bei Erwachsenen laut Fachinformation häufig)
Atomoxetin (Erwachsene)vermindertes sexuelles Interesse: häufigErektionsschwierigkeiten, verzögerter Orgasmus, Regelschmerzen: häufig; Orgasmusprobleme, Ejakulationsversagen, unregelmäßige Regel: gelegentlich; verlängerte und schmerzhafte Erektionen: selten
Guanfacin (Intuniv, nur für 6 bis 17 Jahre zugelassen)–Erektionsstörung: Häufigkeit nicht bekannt
Clonidin (nur gegen Bluthochdruck zugelassen, nicht für ADHS)Abnahme der Libido: Häufigkeit nicht bekanntErektionsstörung: häufig

Studien zeigen, dass die Wirkung in beide Richtungen gehen kann. Eine Übersicht über 14 Studien zu Methylphenidat fand bei manchen Menschen weniger Lust und Probleme beim Samenerguss, bei anderen eine bessere sexuelle Funktion. Eine große US-Auswertung von Krankenakten Jugendlicher verband Stimulanzien mit mehr Libido, bei Jungen aber auch mit mehr Erektionsstörungen. Nicht-Stimulanzien zeigten dort weniger sexuelle Nebenwirkungen. Beide Arbeiten können keine Ursache beweisen.

Bupropion ist in Deutschland nur gegen Depressionen zugelassen, nicht für ADHS. Dass es sexuelle Nebenwirkungen lindert, ist nur schwach belegt. Ein Cochrane-Review nennt es am ehesten für Frauen mit sexuellen Problemen durch Antidepressiva. Für ADHS-Medikamente wurde das nicht untersucht.

Was du tun kannst: Wenn ein Medikament dein Sexleben verändert, sprich mit der Ärztin oder dem Arzt, die es verschreiben. Setze nichts eigenmächtig ab und ändere nichts selbst. Die Leitlinie empfiehlt sogar, bei Atomoxetin regelmäßig nach sexuellen Nebenwirkungen zu fragen. Nebenwirkungen kannst du außerdem dem Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) melden. Eine Übersicht über Wirkstoffe, Zulassung und Kosten findest du im Ratgeber ADHS-Medikamente bei Erwachsenen.

6. Viel Lust oder Kontrollverlust?

Eine hohe Libido ist keine Krankheit. Die WHO beschreibt in der neuen ICD-11 die „zwanghafte sexuelle Verhaltensstörung“ (6C72) als Impulskontrollstörung. Entscheidend ist, dass jemand starke sexuelle Impulse über längere Zeit, etwa sechs Monate oder mehr, immer wieder nicht steuern kann. Dazu muss deutliches Leiden oder eine Beeinträchtigung im Alltag kommen. Scham, die nur aus moralischen Bewertungen entsteht, reicht nicht. Die ICD-11 gilt in Deutschland noch nicht. In der gültigen ICD-10-GM gibt es den Code F52.7 „Gesteigertes sexuelles Verlangen“.

Ob Hypersexualität bei ADHS häufiger ist, ist offen. Eine Übersicht fand dafür keine klaren Daten. Umgekehrt haben Menschen, die wegen Hypersexualität behandelt werden, oft ADHS: In einer Metaanalyse waren es 22,6 %. In einer Befragung von 14.043 Erwachsenen aus der Allgemeinbevölkerung hingen ADHS-Symptome bei Männern und Frauen mäßig stark mit hypersexuellem Verhalten zusammen. Wenn du dein sexuelles Verhalten als nicht mehr steuerbar erlebst, lies weiter im Ratgeber ADHS und Hypersexualität.

7. Verhütung und Geschlechtskrankheiten

ADHS kann auch die sexuelle Gesundheit betreffen. In einer französischen Studie mit 13.085 Studierenden hatten 5,3 % viele ADHS-Symptome. Sie hatten früher ersten Sex, häufiger mehrere Partner, benutzten seltener konsequent Kondome und hatten öfter eine Geschlechtskrankheit. Studentinnen mit vielen Symptomen verhüteten seltener. Die Daten beruhen auf Selbstauskünften und zeigen keine Ursache.

In Taiwan hatten Jugendliche und junge Erwachsene mit ADHS ein gut dreifach höheres Risiko für Geschlechtskrankheiten. Wer ADHS-Medikamente nahm, hatte ein niedrigeres Risiko, allerdings nur bei Männern. In Dänemark wurden Mädchen mit ADHS im Alter von 12 bis 16 Jahren rund 3,6-mal so oft Mutter, Jungen 2,3-mal so oft Vater. Die Autorinnen und Autoren empfehlen gezielte Sexualaufklärung und Verhütungsberatung. Auch die deutsche S3-Leitlinie nennt riskantes Sexualverhalten als Risiko, das ab dem Jugendalter mitbedacht werden soll.

Praktisch heißt das: Eine Verhütung ohne tägliche Einnahme kann entlasten. Das besprichst du am besten in der gynäkologischen Praxis. Tests auf Geschlechtskrankheiten und wer dafür zuständig ist, erklärt das Portal LIEBESLEBEN des Bundesinstituts für Öffentliche Gesundheit. In der Packungsbeilage von Ritalin Adult steht außerdem: Wer sexuell aktiv ist, soll vorher mit der Ärztin oder dem Arzt über Verhütung sprechen. Was bei Kinderwunsch und Schwangerschaft gilt, steht im Ratgeber ADHS-Medikamente in der Schwangerschaft.

8. Grenzen und Sicherheit

Eine Metaanalyse von 14 Studien zeigt: Menschen mit ADHS sind häufiger an Gewalt in Partnerschaften und an sexueller Gewalt beteiligt, als Opfer und als Täter. Warum, ist unklar. Eine weitere Übersicht zu Autismus und ADHS fand unter anderem mehr Erfahrungen, Opfer zu werden, bei Frauen ausgeprägter. Das ist keine Schuldzuweisung. Es ist ein Grund, über Grenzen, Zustimmung und Warnzeichen früh und offen zu sprechen.

9. Gefühle, Reize und Konzentration beim Sex

Laut S3-Leitlinie sind starke Gefühlsschwankungen bei Erwachsenen mit ADHS häufig. Ein Nein zu Sex kann sich dann wie eine große Zurückweisung anfühlen, auch wenn es nur „heute nicht“ bedeutet. Eine eigene Diagnose ist das nicht. Hilfreich ist, das Muster zu kennen und dem anderen zu sagen, wie ein Nein bei dir ankommt. Hintergründe stehen im Ratgeber zur emotionalen Dysregulation bei ADHS.

Manche Menschen mit ADHS beschreiben außerdem, dass ihre Gedanken beim Sex abschweifen. Eine Studie dazu kennen wir nicht. Es kann trotzdem helfen, das ehrlich anzusprechen, damit der andere es nicht als Desinteresse deutet. Manche finden es leichter, wenn Störungen wie Handy, Licht oder Geräusche wegfallen. Wer bei Berührung, Geruch oder Lärm schnell überreizt ist, kann vorher sagen, was angenehm ist und was nicht.

10. Hilfe in Deutschland: wer wofür zuständig ist

Sexuelle Probleme bei ADHS lassen sich angehen. Der erste Schritt ist oft einfach: das Thema in der Praxis ansprechen, in der deine ADHS behandelt wird. Je nach Problem kommen weitere Stellen infrage.

Wenn du noch keine Diagnose hast und dich in vielem auf dieser Seite wiederfindest, kann ein erster Selbsttest Orientierung geben. Unser ADHS-Test für Erwachsene ist kostenlos, aber kein validiertes Instrument und keine Diagnose.

11. Häufige Fragen

Wie wirkt sich ADHS auf die Sexualität aus?

Das ist bei jedem Menschen anders. In Studien berichten Erwachsene mit ADHS im Schnitt etwas mehr sexuelles Verlangen, aber auch weniger Zufriedenheit und häufiger sexuelle Funktionsstörungen, etwa Orgasmusprobleme oder einen vorzeitigen Samenerguss. Die Forschung dazu ist klein, und nicht alle Studien finden Unterschiede. Dazu kommen mögliche Nebenwirkungen von ADHS-Medikamenten. Wenn dich etwas belastet, sprich es in der Praxis an.

Haben Menschen mit ADHS mehr Lust auf Sex?

Manche ja, viele nicht. Eine systematische Übersicht fand bei ADHS im Schnitt mehr sexuelles Verlangen und häufigere Selbstbefriedigung. In einer deutschen Online-Befragung hatten Erwachsene mit ADHS höhere Werte für hypersexuelles Verhalten, aber nicht mehr Menschen lagen über dem Grenzwert. Eine hohe Libido ist außerdem keine Störung.

Wie zeigt sich ADHS in der Sexualität von Frauen?

Am besten untersucht ist der Orgasmus. In einer Befragung von 815 Frauen hing eine stärkere Unaufmerksamkeit mit selteneren Orgasmen zusammen. In einer niederländischen ADHS-Ambulanz hatten 43 % der Frauen Anzeichen einer sexuellen Funktionsstörung. Frauen mit ADHS berichten auch häufiger als Männer mit ADHS über Reizempfindlichkeit, was Nähe beeinflussen kann. Mehr zu ADHS bei Frauen allgemein findest du in unserem eigenen Ratgeber.

Wie zeigt sich ADHS in der Sexualität von Männern?

In der niederländischen ADHS-Ambulanz hatten 39 % der Männer Anzeichen einer sexuellen Funktionsstörung. Häufig genannt wird ein vorzeitiger Samenerguss: In einzelnen Studien betraf er bis zu 39 % der Männer mit ADHS. Erektionsprobleme können auch eine Nebenwirkung von ADHS-Medikamenten sein. Beides lässt sich ärztlich abklären und behandeln.

Können ADHS-Medikamente die Libido senken?

Ja. Laut Packungsbeilagen ist weniger Lust auf Sex bei Methylphenidat (zum Beispiel Medikinet, Ritalin, Concerta), Lisdexamfetamin (Elvanse) und Atomoxetin eine „häufige“ Nebenwirkung, also bei bis zu 1 von 10 Behandelten. Bei Concerta, Elvanse (Erwachsene) und Atomoxetin (Erwachsene) gehören auch Erektionsprobleme dazu. Die meisten merken also nichts davon. Ändere nichts auf eigene Faust, sondern sprich mit deiner Ärztin oder deinem Arzt. Eine Erektion, die länger als 2 Stunden anhält, ist ein Notfall.

Was tun, wenn mein Partner mit ADHS kaum Lust auf Sex hat?

Sprecht in einem ruhigen Moment darüber, nicht direkt nach einer Zurückweisung. Mögliche Gründe sind Nebenwirkungen von Medikamenten, Stress, Schlafmangel, eine Depression oder Konflikte in der Beziehung. Ob ein Medikament beteiligt ist, klärt die verschreibende Praxis. Hält die Unlust an und belastet sie euch, kann eine Psychotherapie oder eine Sexual- und Paarberatung helfen.

Wie empfinden Menschen mit ADHS Liebe?

So verschieden wie alle anderen Menschen auch. Was sich sagen lässt: Laut der deutschen Leitlinie sind starke Gefühlsschwankungen bei Erwachsenen mit ADHS aber häufig. Verliebtheit, Ärger oder Kränkung können sich deshalb sehr intensiv anfühlen. Dazu kommen Alltagsthemen wie Vergesslichkeit oder Unpünktlichkeit, die der andere Mensch falsch deuten kann. Darüber offen zu sprechen hilft beiden.

Sind Männer mit ADHS beziehungsfähig?

Ja. ADHS allein macht niemanden beziehungsunfähig, Männer so wenig wie Frauen. Reibungspunkte können zum Beispiel Streit um Alltagsaufgaben oder heftige Gefühle bei Konflikten sein. Eine Behandlung, Wissen über ADHS auf beiden Seiten und klare Absprachen können viel entlasten.

Ist eine hohe Libido bei ADHS schon Hypersexualität?

Nein. Viel Lust allein ist keine Störung. In der neuen ICD-11 der WHO, die in Deutschland noch nicht gilt, zählt erst ein Kontrollverlust: Jemand kann sexuelle Impulse über längere Zeit (etwa sechs Monate oder mehr) nicht steuern und leidet deutlich darunter oder ist im Alltag beeinträchtigt. Scham, die nur aus moralischen Bewertungen kommt, reicht dafür nicht. In der hier gültigen ICD-10-GM heißt der Code F52.7 „Gesteigertes sexuelles Verlangen“.

Zahlt die Krankenkasse eine Sexualtherapie?

Teilweise. Sexuelle Funktionsstörungen gehören laut Psychotherapie-Richtlinie zu den Krankheiten, die mit einer Psychotherapie auf Kosten der gesetzlichen Krankenkasse behandelt werden können. Für die psychotherapeutische Sprechstunde brauchst du keine Überweisung. Eine reine Sexual- oder Paarberatung zahlt die gesetzliche Kasse dagegen nicht. Beratung gibt es zum Beispiel bei pro familia.

Quellen und Stand

Wir haben jede Zahl auf dieser Seite an der jeweiligen Quelle geprüft. Bei Fachartikeln haben wir die Zusammenfassung gelesen, bei Hertz u. a. 2022 auch den Volltext. Packungsbeilagen, Fachinformationen, Leitlinie, ICD und Richtlinie haben wir im Original gelesen.

Packungsbeilagen und Fachinformationen

  1. Gebrauchsinformation Ritalin Adult, überarbeitet September 2025 – verringerter Geschlechtstrieb (häufig), Erektionsstörung und Dauererektionen (nicht bekannt), Warnhinweis Dauererektion über 2 Stunden, Verhütung. patienteninfo-service.de
  2. Gebrauchsinformation Medikinet adult, überarbeitet September 2025. patienteninfo-service.de
  3. Gebrauchsinformation Medikinet retard, überarbeitet Dezember 2025. patienteninfo-service.de
  4. Gebrauchsinformation Concerta 18 mg, überarbeitet August 2025. patienteninfo-service.de
  5. Gebrauchsinformation Elvanse, überarbeitet Oktober 2026. patienteninfo-service.de
  6. Fachinformation Elvanse, Stand Oktober 2026, Abschnitt 4.8 (Libido vermindert und erektile Dysfunktion bei Erwachsenen: häufig). takeda-produkte.de (PDF)
  7. Gebrauchsinformation Atomoxetin PUREN, überarbeitet September 2024 (Spalte Erwachsene). patienteninfo-service.de
  8. Gebrauchsinformation Intuniv, überarbeitet Januar 2023 – Anwendung bei 6 bis 17 Jahren. patienteninfo-service.de
  9. Fachinformation Catapresan (Clonidin) – Anwendungsgebiet Bluthochdruck; erektile Dysfunktion häufig, Abnahme der Libido nicht bekannt. fachinfo.de (PDF)
  10. Gebrauchsinformation Elontril 150 mg (Bupropion), überarbeitet Juli 2026 – Anwendung bei Depressionen. patienteninfo-service.de

Leitlinie, Klassifikation und Versorgung in Deutschland

  1. DGKJP, DGPPN, DGSPJ (2017): S3-Leitlinie ADHS im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter, AWMF 028-045 (Gültigkeit abgelaufen, in Überarbeitung) – Empfehlung 1.4.6.10 (Atomoxetin: nach sexuellen Nebenwirkungen fragen), Kap. 2.1.8 (riskantes Sexualverhalten, emotionale Dysregulation), Kap. 2.10 (keine spezifischen Hirnbefunde). Gelesen als Archivkopie, weil der AWMF-Server am 16.10.2026 eine Bot-Prüfung zeigte. register.awmf.org
  2. BfArM (2025): ICD-10-GM Version 2026, Block F50–F59 (F52.2, F52.4, F52.7), Stand 12.09.2025. klassifikationen.bfarm.de
  3. WHO (2024): Clinical descriptions and diagnostic requirements for ICD-11 mental, behavioural and neurodevelopmental disorders – 6C72 Compulsive sexual behaviour disorder. iris.who.int
  4. G-BA: Psychotherapie-Richtlinie, zuletzt geändert 19.03.2026, in Kraft 17.06.2026 – § 27 Abs. 1 Nr. 7, § 1 Abs. 5, § 27 Abs. 3 Nr. 3. g-ba.de
  5. 116117 – Psychotherapie: keine Überweisung nötig, Terminvermittlung. 116117.de
  6. pro familia – Sexual- und Partnerschaftsberatung; Beratungsformen. profamilia.de, profamilia.de/beratung
  7. LIEBESLEBEN – Initiative des Bundesinstituts für Öffentliche Gesundheit. liebesleben.de
  8. Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ (116 016). hilfetelefon.de; Hilfetelefon „Gewalt an Männern“. maennerhilfetelefon.de; TelefonSeelsorge. telefonseelsorge.de

Studien

  1. Soldati L, Bianchi-Demicheli F, Schockaert P u. a. (2020): Sexual Function, Sexual Dysfunctions, and ADHD: A Systematic Literature Review. J Sex Med 17:1653–1664. doi:10.1016/j.jsxm.2020.03.019
  2. Verney P, Faugère M, Achour V u. a. (2026): Sexual dysfunction and attention-deficit/hyperactivity disorder: A systematic review of bidirectional associations. Encephale (online vorab) – 13 Studien; 67,7 %; 39 %; ~42 %; 3,7–5 %. doi:10.1016/j.encep.2026.02.021
  3. Hertz PG, Turner D, Barra S u. a. (2022): Sexuality in Adults With ADHD: Results of an Online Survey. Front Psychiatry 13:868278 – 206 Teilnehmende (139 mit, 67 ohne ADHS; die Zusammenfassung nennt fälschlich 76); 24,5 % / 14,9 %; Männer 45,5 % / 28,6 %; Frauen 14,6 %. doi:10.3389/fpsyt.2022.868278
  4. Bijlenga D, Vroege JA, Stammen AJM u. a. (2018): Prevalence of sexual dysfunctions and other sexual disorders in adults with ADHD compared to the general population. Atten Defic Hyperact Disord 10:87–96 – 136 Patientinnen und Patienten; 39 % / 43 %. doi:10.1007/s12402-017-0237-6
  5. Jensen-Fogt T, Pedersen CL (2025): Exploring ADHD Symptomatology in Relation to Women’s Orgasmic Consistency. J Sex Res – 815 Frauen. doi:10.1080/00224499.2025.2489771
  6. Alarcon-Rodriguez R, García-Álvarez R, Fadul-Calderon R u. a. (2024): The relationship between female orgasmic disorder, ADHD, and depression in Dominican women. J Sex Med – 221 Frauen; OR 4,91. doi:10.1093/jsxmed/qdae048
  7. Bijlenga D, Tjon-Ka-Jie JYM, Schuijers F, Kooij JJS (2017): Atypical sensory profiles as core features of adult ADHD, irrespective of autistic symptoms. Eur Psychiatry 43:51–57 – 43 % / 22 %. doi:10.1016/j.eurpsy.2017.02.481
  8. Camporeale A, Day KA, Ruff D u. a. (2013): Profile of sexual and genitourinary treatment-emergent adverse events associated with atomoxetine treatment: a pooled analysis. Drug Saf 36:663–671 – 8,0 % / 1,9 %; Erstautor bei Eli Lilly. doi:10.1007/s40264-013-0074-2
  9. Bieś R, Szewczyk Z, Warchala A u. a. (2025): The Impact of Methylphenidate on Sexual Functions: A Systematic Review of Benefits and Risks. Pharmaceuticals 18:718 – 14 Studien. doi:10.3390/ph18050718
  10. Hale EW, Igoe TJ, Bernat OR u. a. (2025): From hyper- to hypo-: ADHD medications & sexual dysfunction. J Sex Med 22:701–710. doi:10.1093/jsxmed/qdaf054
  11. Taylor MJ, Rudkin L, Bullemor-Day P u. a. (2013): Strategies for managing sexual dysfunction induced by antidepressant medication. Cochrane Database Syst Rev CD003382. doi:10.1002/14651858.CD003382.pub3
  12. Soldati L, Bianchi-Demicheli F, Schockaert P u. a. (2021): Association of ADHD and hypersexuality and paraphilias. Psychiatry Res 295:113638. doi:10.1016/j.psychres.2020.113638
  13. Korchia T, Boyer L, Deneuville M u. a. (2022): ADHD prevalence in patients with hypersexuality and paraphilic disorders: a systematic review and meta-analysis. Eur Arch Psychiatry Clin Neurosci 272:1413–1420 – 22,6 %. doi:10.1007/s00406-022-01421-9
  14. Bőthe B, Koós M, Tóth-Király I u. a. (2019): Investigating the Associations of Adult ADHD Symptoms, Hypersexuality, and Problematic Pornography Use Among Men and Women on a Largescale, Non-Clinical Sample. J Sex Med 16:489–499. doi:10.1016/j.jsxm.2019.01.312
  15. Offranc C, Galesne C, Macalli M u. a. (2025): ADHD symptoms and risky sexual behaviours in university students: the i-Share study. BMJ Ment Health 28:e302024 – 13.085 Studierende; 5,3 %. doi:10.1136/bmjment-2025-302024
  16. Chen MH, Hsu JW, Huang KL u. a. (2018): Sexually Transmitted Infection Among Adolescents and Young Adults With ADHD: A Nationwide Longitudinal Study. J Am Acad Child Adolesc Psychiatry 57:48–53 – HR 3,36. doi:10.1016/j.jaac.2017.09.438
  17. Østergaard SD, Dalsgaard S, Faraone SV u. a. (2017): Teenage Parenthood and Birth Rates for Individuals With and Without ADHD: A Nationwide Cohort Study. J Am Acad Child Adolesc Psychiatry 56:578–584 – IRR 3,62 / 2,30. doi:10.1016/j.jaac.2017.05.003
  18. Arrondo G, Osorio A, Magallón S u. a. (2023): ADHD as a risk factor for being involved in intimate partner violence and sexual violence: a systematic review and meta-analysis. Psychol Med 53:7883–7892 – 14 Studien. doi:10.1017/S0033291723001976
  19. Young S, Cocallis K (2023): A Systematic Review of the Relationship Between Neurodiversity and Psychosexual Functioning in Individuals with ASD or ADHD. Neuropsychiatr Dis Treat 19:1379–1395. doi:10.2147/NDT.S319980

Stand: 16. Oktober 2026

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